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Bruno S. Frey
Bruno S. Frey (* 4. Mai 1941 in Basel) ist ein Schweizer Wirtschaftswissenschaftler. Er gilt als einer der Pioniere der Ökonomischen Theorie der Politik und …
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Person und beruflicher Weg
Bruno S. Frey (* 4. Mai 1941 in Basel) ist ein Schweizer Wirtschaftswissenschaftler. Er gilt als Pionier der Ökonomischen Theorie der Politik, der ökonomischen Glücksforschung und als führender Forscher der Kulturökonomik. Sein Grundansatz besteht darin, wirtschaftswissenschaftliche Methoden auch auf Politik, Kunst, Geschichte, Terrorismus, Krieg und Familie anzuwenden und dabei psychologische sowie soziologische Einflüsse auf menschliches Verhalten einzubeziehen.
Frey schloss 1964 sein Studium der Nationalökonomie an den Universitäten Basel und Cambridge mit dem Licentiatus rerum politicarum ab, promovierte 1965 und habilitierte sich 1969 in Basel. Er war unter anderem Professor an den Universitäten Konstanz und Zürich sowie von 2010 bis 2013 Distinguished Professor of Behavioural Science an der Warwick Business School. Seit August 2015 ist er Permanent Visiting Professor für Politische Ökonomie an der Universität Basel und Mitgründer des dortigen Center for Research in Economics and Well-Being (CREW).
Er ist Forschungsdirektor des von ihm mitgegründeten CREMA in Zürich und seit 1969 Mitherausgeber der Fachzeitschrift Kyklos. Seine Veröffentlichungen erschienen nicht nur in ökonomischen, sondern auch in Zeitschriften anderer Fachgebiete. Laut dem genannten research-Ranking liegt er weltweit auf Platz 16 in Economics and Finance und auf Platz 3 in Political Science; die Wirtschaftswoche führte ihn am 14. Dezember 2023 auf Platz 1 ihres Rankings zum wissenschaftlichen Lebenswerk von Ökonomen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Politische Ökonomie und Demokratie
In der politischen Ökonomie untersucht Frey, wie politische Institutionen und wirtschaftliche Entscheidungen zusammenhängen. Zu seinen frühen Themen gehören empirische Modelle von Wirtschaft und Politik, besonders politisch-ökonomische Konjunkturzyklen.
Für Demokratie und Föderalismus betont er die direkte Demokratie. Gemeinsam mit Reiner Eichenberger entwickelte er FOCJ (Functional Overlapping Competing Jurisdiction): eine funktional ausgerichtete Form des Föderalismus. Direkte Demokratie und Föderalismus gelten den Autoren als wichtige Institutionen der Zukunft.
Frey schlägt außerdem eine flexible Entscheidungsregel als Alternative zur einfachen Mehrheitsregel vor. Eine unterlegene Position soll nicht vollständig ausgeschlossen werden, sondern entsprechend ihrem Stimmenanteil in die Lösung eingehen. Beispiel: Stimmen bei einer Abstimmung über die Senkung des Wahlalters von 18 auf 16 Jahren 65 % dagegen und 35 % dafür, könnten Jugendliche unter 18 Jahren statt keines Stimmrechts ein Stimmgewicht von 35 % einer vollen Stimme erhalten.
Weitere Vorschläge betreffen abgestufte Stimmgewichte: Einwanderer könnten nach zwei Jahren 20 %, nach fünf Jahren 50 % und später 100 % des Stimmgewichts erhalten. Im Ausland lebende Staatsbürger könnten ein abnehmendes Gewicht erhalten, Pendler je 50 % am Wohnort und im Land der Anstellung. Bei verfassungsrechtlichen Grundsatzentscheidungen befürwortet Frey ein überproportionales Gewicht älterer Wähler, weil sie seiner Annahme nach weniger von Eigeninteressen geleitet entscheiden. Bei knapp gescheiterten Abstimmungen soll die Opposition rasch einen Kompromissvorschlag erarbeiten. Ergänzend schlägt er Losverfahren vor, etwa für Referenden oder einen Teil der Parlamentsmitglieder.
Zum Terrorismus vertritt Frey die Auffassung, Terroristen sollten durch Diskussion und ernsthafte Berücksichtigung ihrer Anliegen möglichst in die zivile Gesellschaft zurückgebracht werden. Auch Dezentralisierung von Wirtschaft und Politik sei wirksam; Abschreckung sei im Umgang mit Terroristen selten sinnvoll.
Anreize, Organisationen und Glück
Ein Kerngebiet ist die Verhaltensökonomik, also die Erweiterung wirtschaftlicher Modelle durch psychologische und soziale Faktoren. Frey beschreibt Verdrängungseffekte: Höhere Geldzahlungen können die intrinsische Motivation, also die Tätigkeit aus eigenem Interesse oder innerem Antrieb, schwächen. Daher muss ein finanzieller Anreiz nicht zwingend zu mehr oder intensiverer Arbeit führen.
Als Alternative oder Ergänzung zu Geldanreizen empfiehlt er immaterielle Anreize, besonders Auszeichnungen wie Orden, Medaillen und Ehrungen. Solche Auszeichnungen würden bereits vor allem in profitorientierten Unternehmen eingesetzt.
Mit Alois Stutzer gehörte Frey zu den frühen Forschern, die Glück ökonomisch analysierten. Ihr Ergebnis: Nicht nur demografische und ökonomische Faktoren wie Einkommen oder Arbeitslosigkeit beeinflussen Glück, sondern auch Institutionen wie Demokratie und politische Dezentralisierung.
In der Corporate Governance, also den Regeln für Leitung und Kontrolle von Unternehmen, wendet sich Frey gegen leistungsabhängige Entlohnung (Pay for performance) und sieht Vorteile fixer Besoldung. Für Aufsichtsräte schlägt er eine Zufallsauswahl unter Stakeholdern vor, deren Investitionen nicht vertraglich abgesichert sind; dazu zählen Kunden, Arbeitnehmer und die Allgemeinheit. Auch rotierende CEOs und eine fokussierte Zufallsauswahl sollen Probleme bei der Wahl von Führungskräften verringern. Als Folgen nennt der Artikel weniger Hybris, Korruption und Vetternwirtschaft, einen geringeren Matthäus-Effekt, bessere Repräsentativität und den Wegfall von Geschlechterunterschieden bei Wettbewerbsfreude oder -aversion.
Weitere Forschungsfelder und Vorschläge
In der Kunst- und Kulturökonomie untersucht Frey die Organisation von Theatern, Opern und Museen sowie Kunst als Anlage. Investitionen in Kunstwerke lohnten sich finanziell nach seiner Untersuchung weniger als andere Investitionen. Sie würden dennoch getätigt, weil sie zusätzlich eine psychische Rendite erbringen. Nach IDEAS ist Frey weltweit führend in der kulturökonomischen Forschung.
Zum Übertourismus behandelte er in Venedig ist überall. Vom Übertourismus zum Neuen Original (2020) ökonomische Aspekte wie externe Effekte, also Auswirkungen auf Dritte, und Verhaltensanreize sowie institutionelle Rahmenbedingungen.
Zur Flüchtlingspolitik schlugen Frey und Margit Osterloh im April 2016 ein genossenschaftsähnliches Modell vor: Flüchtlinge sollen einen Anteilschein für die Einreise und eine Arbeitsbewilligung erwerben. Anerkannten politischen Asylbewerbern soll die Gebühr zurückerstattet werden. Nach dem Vorschlag würden Schlepper geschwächt, Integration und Rückkehrbereitschaft gefördert sowie ein späterer Verkauf des Anteilscheins ermöglicht.
Frey untersucht zudem die Manipulation wirtschaftlicher Daten. Offizielle BIP-Statistiken werden laut Artikel in vielen Autokratien systematisch manipuliert. Wirtschaftliche Offenheit verringere diese Manipulation, Dezentralisierung erhöhe sie. Politische Offenheit senke sie bei Ländern mit zu niedrig ausgewiesenem BIP, erhöhe sie aber bei Ländern mit zu hoch ausgewiesenem BIP. Für Pressefreiheit und Unabhängigkeit des statistischen Amtes wurden überraschenderweise keine Effekte festgestellt. Nachtlichtintensität gilt zwar als aus dem Weltraum gemessener Indikator wirtschaftlicher Aktivität, kann jedoch indirekt durch politische Entscheidungen, etwa zur Verringerung der Lichtverschmutzung, beeinflusst werden.
Weitere Arbeiten befassen sich mit Anreizen und Druck im wissenschaftlichen Publizieren, besonders dem Einfluss von „Top-Five“-Zeitschriften und Rankings. Beim gefühlten Alter untersucht Frey, ob ein stärkeres Jüngerfühlen einen größeren Möglichkeitsraum eröffnet oder auf Altersdiskriminierung reagieren kann.
Auszeichnungen und Vorwürfe zu Publikationen
Frey erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter Ehrendoktorwürden der Universitäten St. Gallen und Göteborg (1998), der Freien Universität Brüssel (2009), der Universität Paul Cézanne Aix-Marseille III (2010) und der Universität Innsbruck (2011). 2007 erhielt er den Gustav-Stolper-Preis, 2012 den Röpke-Preis für Zivilgesellschaft. Im Handelsblatt-VWL-Ranking 2019 wurde er in der Kategorie „Lebenswerk“ auf Rang 1 platziert. Er publizierte mehr als 350 Zeitschriftenartikel und gehört seit 2009 zur Gruppe der Most Highly Cited Researchers.
Ab Ende April 2011 gab es Vorwürfe, Frey habe bei bestimmten Artikeln Eigenplagiate beziehungsweise „konkurrenzierende Publikationen“ begangen. Als Beispiel nennt der Artikel ähnliche Beiträge zum Untergang der Titanic in vier Fachzeitschriften innerhalb von zwei Jahren. Der Begriff „Eigenplagiat“ ist laut Artikel umstritten, weil man nach wissenschaftlichem Konsens nicht von sich selbst abschreiben könne.
Die Universität Zürich nahm Anfang Juli eine offizielle Untersuchung auf, veröffentlichte jedoch keinen Bericht zum Ergebnis. David H. Autor, Herausgeber des Journal of Economic Perspectives, nannte Freys Publikationsverhalten „ethisch bedenklich und respektlos“ sowie einen Verstoß gegen Richtlinien der American Economic Association. Frey entschuldigte sich schriftlich als „schwerer Fehler auf unserer Seite“, sagte aber gegenüber Medien, er habe „die Übersicht verloren“ und fühle sich nicht besonders schuldig. RePEc setzte ihn und Koautoren auf eine Liste von Autoren mit Eigenplagiaten. Laut einem von Frey geschilderten Komitee von drei Wissenschaftlern wurde sein Verhalten als fehlerhaft, zugleich aber als lässliche Sünde bewertet.