Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Boris Vian

Boris Vian (* 10. März 1920 in Ville-d'Avray; † 23. Juni 1959 in Paris) war ein französischer Schriftsteller, Jazztrompeter, Chansonnier, Schauspieler, …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Boris Vian im Überblick
  2. 2. Leben und künstlerische Entwicklung
  3. 3. Literarisches Werk und Theater
  4. 4. Jazz, Chansons und Film
  5. 5. Nachwirkung und Adaptionen

Boris Vian im Überblick

Boris Vian (* 10. März 1920 in Ville-d’Avray; † 23. Juni 1959 in Paris) war ein vielseitiger französischer Künstler der Nachkriegszeit. Er arbeitete als Schriftsteller, Jazztrompeter, Chansonnier, Schauspieler, Übersetzer und Musikkritiker. Außerdem gehörte er dem Collège de ’Pataphysique an und leitete zuletzt als künstlerischer Direktor die Jazzplattenabteilung von Philips. Sein Werk verbindet surrealistische und groteske Elemente, Sprachspiele, Gesellschaftskritik und Pazifismus. Heute gilt er als Kultautor, bedeutender Vertreter des Existenzialismus und einer der interessantesten Künstler der französischen Nachkriegszeit.

Besonders bekannt sind der Roman L’Écume des jours (Der Schaum der Tage), das unter dem Pseudonym Vernon Sullivan veröffentlichte Skandalbuch J’irai cracher sur vos tombes (Ich werde auf eure Gräber spucken) und das pazifistische Chanson Le déserteur (Der Deserteur). Zu Lebzeiten blieben viele seiner ernsthaften literarischen Arbeiten erfolglos; erst nach seinem Tod wurden mehrere davon zu Klassikern.

Leben und künstlerische Entwicklung

Vian wuchs als jüngerer Sohn einer zunächst wohlhabenden Familie im Pariser Vorort Ville-d’Avray auf. Während der Weltwirtschaftskrise Anfang der 1930er Jahre verlor sein Vater einen großen Teil seines Vermögens. Als Jugendlicher erkrankte Vian an Typhus und behielt eine dauerhafte Schädigung des Herzmuskels. Nach dem Besuch des Lycée Hoche und des Lycée Condorcet bestand er 1939 die Aufnahmeprüfung für die École Centrale Paris und begann ein Ingenieurstudium.

Nach dem deutschen Einmarsch 1940 floh die Familie vorübergehend an die Atlantikküste. Dort lernte Vian Michelle Léglise kennen, die er 1941 heiratete und mit der er zwei Kinder bekam. 1942 erwarb er sein Ingenieurdiplom und trat eine Stelle bei der französischen Normungsbehörde Association française de normalisation an. Die Arbeit machte ihn mit Bürokratie vertraut, ließ ihm aber Zeit für erste literarische Projekte wie Vercoquin et le Plancton und die Gedichtsammlung Cent sonnets. 1944 wurde sein Vater von Einbrechern ermordet.

Nach der Befreiung von Paris fand Vian Zugang zu Intellektuellenkreisen und gehörte zeitweise zum Umfeld Jean-Paul Sartres. 1947 gab er seine feste Anstellung auf. Er schrieb für Zeitschriften, darunter die ironische Chronique du menteur in Les Temps modernes, übersetzte amerikanische Literatur, arbeitete als Jazzkritiker und spielte abends Trompete in Saint-Germain-des-Prés. Unter anderem übertrug er Bücher von Raymond Chandler und A. E. van Vogt ins Französische. Ab 1951 verfasste er auch Hörfunktexte; 1958 arbeitete er mit Darius Milhaud an der Oper Fiesta.

Die erste Ehe wurde 1952 geschieden. 1954 heiratete Vian Ursula Kübler, die Tochter des Schweizer Schriftstellers Arnold Kübler. Nach einem akuten Lungenödem musste er 1956 einen Kuraufenthalt in Saint-Tropez verbringen; 1958 erlitt er einen weiteren Zusammenbruch. Am 23. Juni 1959 starb er während einer Voraufführung der Verfilmung von J’irai cracher sur vos tombes. Die Verfilmung unter der Regie von Michel Gast wich gegen Vians Willen von seinem Drehbuch ab.

Literarisches Werk und Theater

1947 wurde Vian durch den Skandal um den 1946 erschienenen kurzen Roman J’irai cracher sur vos tombes schlagartig bekannt. Er gab das Buch als Übersetzung eines angeblich afroamerikanischen Autors namens Vernon Sullivan aus. Tatsächlich hatte er es aufgrund einer Wette als Pastiche geschrieben, also als bewusste Nachahmung eines bestimmten literarischen Stils. Die übertriebene Brutalität und die absichtlichen Ungereimtheiten führten zu einer Anklage und Verurteilung wegen Unmoral. Unter demselben Pseudonym erschienen 1947, 1948 und 1950 drei weitere, nur mäßig erfolgreiche Romane: Les Morts ont tous la même peau, Et on tuera tous les affreux und Elles se rendent pas compte.

Ebenfalls 1946 erschien L’Écume des jours (Der Schaum der Tage), Vians heute bekanntestes Werk. Der Roman ist eine surrealistisch verfremdete, elegisch-tragische Liebesgeschichte und wurde in den 1960er- und 1970er-Jahren zum Kultbuch einer jungen Lesergeneration. Weitere wichtige Romane sind L’Automne à Pékin (Herbst in Peking, 1946), L’Herbe rouge (Das rote Gras, 1950) und L’Arrache-cœur (Der Herzausreißer, 1954). Sie waren zunächst erfolglos, vermutlich weil ihnen ein klassischer Handlungsverlauf fehlt und sie stark mit Wortspielen arbeiten. Anfang der 1950er Jahre gab Vian das Romanschreiben auf.

Vian schrieb insgesamt etwa 400 Gedichte. Um 1950 behandelten viele davon Partnerschaftsprobleme; andere reagierten auf die politische Krise der Vierten Republik und die französischen Kolonialkriege. Sammlungen erschienen unter anderem als Cantilènes en gelée (Kantilenen in Aspik, 1949) und Je voudrais pas crever (Ich möchte nicht krepieren, 1953).

Auch seine frühen Theaterstücke blieben weitgehend erfolglos. Équarrissage pour tous (Abdeckerei für alle, 1947; Uraufführung 1950) ist eine groteske Tragödie, die auf den beginnenden Kalten Krieg reagiert und vor einem dritten Weltkrieg warnt. Le Goûter des généraux (Das Gabelfrühstück der Generäle, 1950; Uraufführung 1951) kritisiert die aus Vians Sicht irrationalen und lächerlichen Gründe für Frankreichs Kolonialkriege, besonders den Indochinakrieg von 1946 bis 1954. Mehr Beachtung fand Les Bâtisseurs d’Empire (Die Reichserbauer, 1957; Uraufführung postum 1959), ein scheinbar absurdes, tatsächlich politisches Stück über die Rückwirkungen des Ende 1954 begonnenen Algerienkriegs auf Frankreich.

Jazz, Chansons und Film

Schon während der deutschen Besatzungszeit spielte Vian im Pariser Nachtklub Tabou Jazz. Sein Instrument war eine kleine Taschentrompete, die er in Gedichten „trompinette“ nannte. Er gehörte zur Jazzband von Claude Abadie und trat später mit Hubert Fol und Claude Luter auf. Obwohl sein Arzt ihm 1948 das Trompetespielen verbot, hielt er sich zunächst nicht daran. Als Jazzkenner war er in Paris Verbindungsmann für US-amerikanische Musiker wie Duke Ellington und Miles Davis. Für Jazz Hot, Paris Jazz und weitere französische und US-amerikanische Publikationen schrieb er zahlreiche Artikel. Serge Gainsbourg erklärte später, Vians Auftritte hätten ihn zum Komponieren angeregt.

Vian verfasste und sang Chansons; seine Lieder wurden auch von Künstlern wie Juliette Gréco, Nana Mouskouri, Yves Montand, Magali Noël, Esther Ofarim und Henri Salvador aufgenommen. Den größten Skandalerfolg erzielte er 1954 mit Le déserteur. In diesem pazifistischen Lied rief er angesichts der französischen Niederlage bei Điện Biên Phủ und der Teilmobilisierung für den Algerienkrieg zur Fahnenflucht auf. Nationalisten und Justiz reagierten empört. Von 1955 an durfte das Lied nicht im Radio gesendet werden; das Verbot wurde 1962 aufgehoben.

Als Schauspieler war Vian unter anderem 1959 in Roger Vadims Literaturverfilmung Les Liaisons dangereuses (Gefährliche Liebschaften) zu sehen. Außerdem arbeitete er bei Filmprojekten mit Michèle Arnaud und Raymond Queneau zusammen.

Nachwirkung und Adaptionen

Vians Texte wurden wegen seiner scharfen pazifistischen Kritik an Regierung und Militär während der französischen Kolonialkriege von 1946 bis 1962 häufig zensiert. Seine intensive Arbeit mit Wortspielen erschwert zudem die Übersetzung seiner Romane und Theaterstücke und begrenzte zunächst die Aufnahme seines Werks außerhalb der französischsprachigen Welt.

Nach seinem Tod wurde Le déserteur durch die Antikriegsbewegung gegen den Vietnamkrieg weltweit bekannt und in Dutzende Sprachen übersetzt. Besonders L’Écume des jours zählt heute zu den Klassikern der französischen Nachkriegsliteratur. Laut Le Monde vom 25. Dezember 2007 wurden Vians Bücher weiterhin in einer jährlichen Auflage von mehr als 100.000 Exemplaren gedruckt. Deutsche Romanübersetzungen erschienen 1964 bis 1966 im Karl Rauch Verlag; 2003 legte der Wagenbach-Verlag Neuübersetzungen auf. Seit 1972 verleiht die Académie du Jazz den Prix Boris Vian. Der Autorenkreis Oulipo vollendete später Vians Romanfragment On n’y échappe pas, das 2020 bei Éditions Fayard erschien.

Der Schaum der Tage wurde viermal verfilmt: 1968 von Charles Belmont, 1993 von Michael Groote, 2001 unter dem Titel Kuroe von Gô Rijû und 2013 von Michel Gondry. 2008 erschien außerdem ein Hörbuch. Hörspielbearbeitungen entstanden unter anderem 2002 zu Schaum der Tage, 2003 zu Tote haben alle dieselbe Haut sowie 2004 zu Ich werde auf eure Gräber spucken und Das rote Gras.

Weiterlesen

Paris Paris (deutsch: [paˈʁiːs]; französisch: [paʁi]) ist die Hauptstadt der Französischen Republik und Hauptort der Region Île-de-France. Jazz Der Jazz wird im Hinblick auf seine künstlerische Bedeutung häufig als amerikanisches Pendant zur klassischen europäischen Musik verstanden. Darüber hinaus hat … Weltwirtschaftskrise Die Weltwirtschaftskrise zum Ende der 1920er und im Verlauf der 1930er Jahre begann mit dem New Yorker Börsencrash im Oktober 1929. Baccalauréat Das französische baccalauréat [ba.ka.lo.ʁea] (informelle Kurzform bac oder bachot) entspricht dem deutschen Abitur (allgemeine Hochschulreife) … Kalter Krieg Als Dauer des Kalten Krieges gilt im Allgemeinen die Nachkriegszeit von 1945 bis zum Zerfall der Sowjetunion 1991. Michail Gorbatschow bezeichnet in seinen … Indochinakrieg Der Indochinakrieg (1946 bis 1954), auch als Erster Indochinakrieg oder Französischer Indochinakrieg bezeichnet, war ein Krieg in Französisch-Indochina … Algerienkrieg Dieser Artikel behandelt den Krieg um die Unabhängigkeit Algeriens von Frankreich. Für den Krieg der algerischen Regierung gegen islamistische Gruppen ab 1991 … Pazifismus Pazifisten stehen für eine ethische Grundhaltung, die danach strebt, bewaffnete Konflikte zu vermeiden, zu verhindern und die Bedingungen für dauerhaften … Vietnamkrieg „Vietnamkrieg gegen USA“ oder „Amerikanischer Krieg“) wurde von etwa 1955 bis 1975 in und um Vietnam geführt. Als wichtigste Kriegsparteien standen Nordvietnam … Institut national de l’audiovisuel Sein Auftrag ist es, alle französischen Rundfunk- und Fernsehproduktionen zu sammeln, zu bewahren und öffentlich zugänglich zu machen, in etwa vergleichbar dem … Englische Sprache Die englische Sprache (Eigenbezeichnung: [ˈɪŋɡlɪʃ]) ist eine ursprünglich in England beheimatete germanische Sprache, die zum westgermanischen Zweig gehört. Französische Sprache Vokale · ​/⁠ɑ⁠/​: pâte – / pɑt/ – Teig · ​/⁠ɔ⁠/​: sort – / sɔʁ/ – Schicksal · ​/⁠o⁠/​: sot – / so/ – dumm · ​/⁠u⁠/​: sous – / su/ – unter.