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Bordun
Bordun (von französisch bourdon [buʁˈdõ], italienisch bordone, so viel wie „Brummbass“) steht für: einen meist tiefen Halteton zur Begleitung einer Melodie.
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Grundidee und Klangwirkung
Ein Bordun ist ein meist tiefer Halteton, der eine Melodie begleitet. Er ist eine sehr alte und einfache Form der Mehrstimmigkeit, weil neben der Melodie ein gleichbleibender Ton oder eine gleichbleibende Tonkombination erklingt. Das Wort kann außerdem verkürzt für eine Bordunpfeife bei einer Sackpfeife, eine Bordunsaite bei einer Drehleier oder einem Lauteninstrument, ein Orgelregister oder eine große Kirchenglocke stehen.
Musikalisch wird als Bordun häufig der Grundton der jeweiligen Tonart verwendet. Ebenfalls häufig ist die reine Quinte zum Grundton. Erklingen Grundton und Quinte zusammen, spricht man von einer Bordunquinte. Ein Beispiel ist die Marktsackpfeife mit den Borduntönen A+e⁰ und einer Melodie auf dem Grundton A. Eine Variante ist die Unterquarte zum Grundton, also die um eine Oktave nach unten verlegte reine Quinte; ein Beispiel ist das Hümmelchen mit den Borduntönen c⁰+f⁰ und einer Melodie auf dem Grundton F.
Auch andere Borduntöne sind möglich: große und kleine Terz, meist zusammen mit Grundton und Quinte; kleine Septime, meist allein, zum Beispiel bei der Great Highland Bagpipe mit A+a⁰+a⁰ und einer Melodie auf H-äolisch; oder große None, meist zusammen mit der Quinte, etwa bei der Marktsackpfeife mit A+e⁰ und einer Melodie auf Grundton D. Typisch ist, dass zwischen Melodietönen und Bordun ein ständiger Wechsel von dissonanten Reibungen und konsonantem Wohlklang entsteht. Dadurch bekommt Bordunmusik eine eigene harmonische Farbe.
Instrumente mit Bordun
Borduninstrumente lassen sich danach einteilen, wie stark ihre Bauart oder Spielweise auf den Bordun ausgerichtet ist. Manche Instrumente können ihrer Bauart nach ausschließlich bordunierend gespielt werden. Dazu gehören Sackpfeifen mit Bordunpfeife. Die irischen Uilleann Pipes besitzen neben den „Drones“ auch „Regulators“, mit denen die harmonische Grundierung während des Spiels verändert werden kann. Auch Doppelflöten wie Dwojanka, Dvojačka und Doneli können eine grifflochlose Bordunpfeife besitzen.
Andere Instrumente sind zwar für ständiges Spiel mit Bordun eingerichtet, der Bordun lässt sich aber ausnahmsweise abschalten. Beispiele sind manche Drehleiern und Doppelblasinstrumente. Bei einer weiteren Gruppe ist vor allem die Spielweise entscheidend: Diese Instrumente werden bevorzugt, aber nicht ausschließlich bordunierend verwendet. Dazu gehören Tambourin de Béarn, Nyckelharpa, auf einen Melodieton gestimmte Trommeln, Bordunzithern wie Hummel, Scheitholt und Scherrzither sowie manche Orgelpfeifen, etwa beim Portativ. Bordunpfeifen werden auch „Brummer“ genannt.
Bei einigen Instrumenten ist an der Form kaum zu erkennen, dass sie häufig oder überwiegend mit Bordun gespielt werden. Das gilt für Lauteninstrumente wie Saz, Tambura und Sitar. Die indische Tanpura wird als Borduninstrument ausschließlich mit leer gezupften Saiten gespielt, obwohl ihre Saiten grundsätzlich für Melodiebildung verkürzt werden könnten. In erweitertem Sinn beruhen auch Obertongesang, Untertongesang, Didgeridoo und Maultrommel auf Bordunen, weil über einem unveränderten Grundton die Melodie in Obertönen erzeugt wird. Beim fünfsaitigen Banjo wird die hohe Chanterelle meist bordunähnlich verwendet.
Instrumente mit Bordun sind in ihrer Stimmung auf den Bordun ausgerichtet. Beim Zusammenspiel mit starr intonierten Instrumenten kann es deshalb zu Intonationsproblemen kommen, besonders wenn sich die Musik vom tonalen Zentrum entfernt. Häufig sind reine oder mitteltönige Stimmungen ohne geschlossenen Quintenzirkel oder ungleich temperierte Stimmungen wie Kirnberger II.
Verbreitung und Beispiele
Die musikalische Praxis des Borduns ist weltweit verbreitet. In Europa findet sie sich in vielen Traditionen, unter anderem von Norddeutschland bis Tirol, in der Bretagne und in Zentralfrankreich, in Schottland, Skandinavien, Nordwestspanien, Süditalien, Böhmen, Ungarn, Bulgarien und in den meisten anderen osteuropäischen Ländern.
Europäische Bordunmusik bewegt sich meist in Tonarten mit gleichem tonalen Zentrum, also bei Wechseln in gleichnamige Tonarten und Modi. Sie kann auch in Tonarten und Modi stehen, bei denen der Bordun die Quinte des tonalen Zentrums ist. Weitergehende Modulationen führen zu starken Dissonanzen mit dem unveränderten Bordunton. Als europäische Melodien, die sich für Bordunbegleitung eignen, nennt der Artikel „So treiben wir den Winter aus“ im dorischen Modus und den Marsch „Scotland the Brave“ im mixolydischen Modus.
In der klassischen Musik wird Bordun eher zurückhaltend eingesetzt. Im Vorspiel zu Richard Wagners „Rheingold“ liegt dem gesamten Vorspiel ein Bordun in Es zugrunde. In „Das alte Schloss“ aus Modest Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“ erklingt während des ganzen Stücks ein rhythmisierter Bordun mit vielen Quintklängen, wodurch eine mittelalterliche Atmosphäre entsteht. Ludwig van Beethoven verwendet in der 6. Sinfonie „Pastorale“ Bordunklänge als Hinweis auf Landleben; am Anfang des 5. Satzes, „Hirtengesang“, erklingen zwei Bordunquinten in den Bratschen (c-g) und in den Celli (f-c). Bei Johann Sebastian Bachs Fuge in c-Moll aus dem „Wohltemperierten Klavier“ hat der ausgehaltene Basston in den letzten zweieinhalb Takten eine andere Funktion: Als Orgelpunkt dient er der Schlusssteigerung und der abschließenden Beruhigung.
Bordun außerhalb Europas
Auch in außereuropäischen Kulturen spielt Bordun eine wichtige Rolle. In der klassischen indischen Musik bildet der Bordun als Grundton eines Ragas das musikalische Bezugssystem. Dabei werden jedoch keine harmonischen Intervalle im europäischen Sinn gebildet. Jede klassische indische Musik benötigt einen während des gesamten Stücks unverändert erklingenden Bordunton, auch Liegeton genannt. Gegenüber diesem Ton entwickelt sich die monodisch-modale Melodie der Gesangsstimme oder eines Melodieinstruments. „Monodisch-modal“ bedeutet hier: eine einstimmige Melodielinie, die sich an einem Modus orientiert.
Bei Gesang und Saiteninstrumenten wird der Bordun in Indien meistens von einer Langhalslaute tanpura oder einer shrutibox gespielt. Bei Kegeloboen als Melodieinstrumenten gibt es ein zweites entsprechendes Blasinstrument ohne Grifflöcher als Bordun. Zur nordindischen shehnai gehört eine sur shehnai, zur südindischen nadaswaram traditionell eine ottu.
In Südostasien gibt es verschiedene Bordunformen in traditionellen Volksmusikstilen, nicht in den klassischen Kompositionen, die etwa in Indonesien von einem Gamelan gespielt werden. Einfache Formen sind Eintoninstrumente, die keine Melodieinstrumente begleiten, zum Beispiel Schlitztrommeln, Stampfrohre, Bambusschlaggabeln, Büffelhörner und Schneckenhörner. Häufiger ist ein Bordunton zur Melodie, erzeugt etwa von Lauteninstrumenten wie kutiyapi auf den Philippinen, sape auf Borneo, hasapi auf Sumatra, tarawangsa in Westjava, chapey in Kambodscha und phin in Nordostthailand. Teilweise wechseln sich Melodie und Bordun ab, statt gleichzeitig zu erklingen. Außerdem gibt es Musik, in der mehrere Musiker mit auf einen Ton gestimmten Schlaginstrumenten gemeinsam Melodie und ostinaten Rhythmus erzeugen; ein oder zwei Musiker übernehmen dabei den Bordun.
Bordun als Orgelregister
Im Orgelbau bezeichnet Bordun ein Register, also eine Gruppe von Orgelpfeifen mit bestimmter Klangfarbe und Tonlage. Meist ist damit ein gedecktes Labialregister gemeint, also Pfeifen, deren oberes Ende geschlossen ist und deren Ton durch eine Labialpfeife erzeugt wird. Genannt werden Lagen von 32′, 16′ oder 8′. Im mittelalterlichen Orgelbau bezeichnete Bordun die Basspfeifen des Prinzipals; dies ist erstmals im 13. Jahrhundert belegt.
Im niederländischen Orgelbau ist der Bordun ab 1505 nachweisbar und gehört zu den tiefen Prinzipalregistern. Im französischsprachigen Raum ist dagegen bis heute eine Bauweise als Rohrflöte verbreitet; dort wird auch die nächsthöhere Oktavreihe als Bordun bezeichnet. Durch die Auswanderung niederländischer Orgelbauer in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts verbreitete sich das Register zunächst in Westfalen, Friesland und Lübeck, im 17. Jahrhundert auch im Rheinland und in Dänemark, Ende des 17. Jahrhunderts in Mitteldeutschland und Böhmen sowie ab dem 18. Jahrhundert in Süddeutschland und der Schweiz. Ab dem 19. Jahrhundert kam es auch in Italien und England vor.
Die Bauweise unterschied sich regional: Niederländische Orgelbauer bevorzugten Pfeifen aus Blei oder Orgelmetall. Anderswo setzten sich hölzerne Pfeifen oder eine Aufteilung in hölzerne Basspfeifen und metallene Diskantpfeifen durch. Im 16. und 17. Jahrhundert wurden die Deckel meist zugelötet, weshalb Seitenbärte zum Stimmen nötig waren. Später nutzte man bewegliche Stimmhüte.
Bordun bei Kirchenglocken
Bei Kirchenglocken bezeichnet „Bourdon“ im französischsprachigen Raum die größte Glocke eines großen Geläuts. Ein Beispiel ist der Bourdon Emmanuel an Notre-Dame de Paris. Solche Glocken wiegen meist mehrere Tonnen und können in deutlichem Tonabstand zu den nächsthöheren Glocken stehen.
Nach campanologischer Definition, also nach der Glockenkunde, muss ein Bourdon unterhalb der eingestrichenen Oktave liegen. Je nach Disposition eines Geläuts können deshalb auch mehrere Bourdons nebeneinander vorhanden sein, etwa in der Kathedrale von Sens oder der Kathedrale von Nantes.