Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Bildungssystem in Thailand
Die zwölfjährige Schulzeit ist aufgeteilt in sechs Grundschuljahre und sechs Jahre in der Sekundarstufe, die wiederum in zwei dreijährige Phasen aufgeteilt wird …
Inhalt6 Abschnitte
Grundstruktur und Schulpflicht
Das Bildungssystem in Thailand ist dreistufig aufgebaut und wird vor allem durch das thailändische Bildungsministerium bereitgestellt. Die Verfassung garantiert 12 Jahre freies Lernen in der Schule; davon sind 9 Jahre Pflichtschule. Die Steuerung öffentlicher und privater Universitäten liegt beim Universitätsministerium.
Die zwölfjährige Schulzeit besteht aus 6 Jahren Grundschule und 6 Jahren Sekundarstufe. Die Sekundarstufe ist in zwei Abschnitte von je 3 Jahren gegliedert. Vor der Grundschule gibt es vielerorts eine Vorschulerziehung im Kindergarten von etwa 2 bis 3 Jahren. Neben staatlichen Schulen bestehen unabhängige, meist kostenpflichtige Schulen sowie berufsbildende Schulen.
Die Schulphasen heißen Prathom 1-3 für Kinder von 6 bis 8 Jahren, Prathom 4-6 für 9- bis 11-Jährige, Matthayom 1-3 für 12- bis 14-Jährige und Matthayom 4-6 für 15- bis 17-Jährige. Die ersten drei Phasen gehören zur Schulpflicht. In Matthayom 4-6 gibt es einen akademischen Zweig und einen berufsbildenden Zweig. Wer den akademischen Zweig wählt, setzt den Bildungsweg gewöhnlich an einer Universität fort; berufsbildende Schulen bereiten auf Arbeit oder weitere Studien vor.
Für den Übergang nach Matthayom 4-6 ist ein erfolgreiches Examen nötig. Nach jeder Phase müssen Schülerinnen und Schüler den nationalen Ausbildungstest NET bestehen. Nach Matthayom 6 können sie am Ordinary National Educational Test (O-NET) und am Advanced National Educational Test (A-NET) teilnehmen.
Schulalltag, Zugang und Unterschiede
Öffentliche Schulen werden von der Regierung unterhalten. Der private Schulsektor umfasst profitorientierte Privatschulen und beitragspflichtige, nicht profitorientierte Schulen, häufig von Wohltätigkeitsorganisationen getragen. Die Erzdiözese Bangkok leitet zum Beispiel 43 größere Grund- und weiterführende Schulen. Dörfer und Gemeinden bieten meist Kindergarten und Grundschule, Städte häufig Schulen bis zum Alter von 14 Jahren sowie getrennte Sekundarschulen für 11- bis 17-Jährige.
Zwischen Stadt und Land bestehen deutliche Unterschiede. Ländliche Schulen sind wegen der finanziellen Lage oft schlechter ausgestattet, und der Ausbildungsstandard ist niedriger. Viele Sekundarschüler nehmen deshalb tägliche Wege von 60 km oder mehr in Kauf, um städtische Schulen zu besuchen. Als großes Problem wird Korruption genannt: Vor allem in ländlichen Gegenden müssen Lehrer ihre Anstellung teils erkaufen, sodass Stellen nicht nach Qualifikation, sondern an Meistbietende vergeben werden.
Das Schuljahr ist in zwei Semester eingeteilt. Für Grund- und Sekundarschulen beginnt es ungefähr am 15. Mai und endet im März des folgenden Jahres. Zwischen den Semestern liegen im September 2 bis 3 Wochen Ferien. Die lange schulfreie Zeit im März, April und Mai fällt in die heiße Jahreszeit und zum Wasserfest Songkran Mitte April, dem thailändischen Neujahrsfest. Schulen beachten öffentliche und buddhistische Feiertage; internationale Schulen schließen gewöhnlich über Weihnachten bis Neujahr.
Schuluniformen sind für alle Schülerinnen und Schüler sowie für die meisten Angestellten und Lehrkräfte vorgeschrieben. Typisch sind weiße Hemden oder Blusen und dunkle Hosen beziehungsweise Röcke; nach Matthayom 4 ändern sich Teile der Kleidung. Auch Kindergartenkinder tragen Uniformen. An Universitäten sind für Studierende landesweit weiße Oberteile und schwarze Hosen oder Röcke üblich. Für Lehrkräfte und Angestellte gelten je nach Einrichtung Uniformen oder büromäßige Kleidung.
Unterricht und Curricula
Das Curriculum der Primarstufe umfasst acht Fächer: Thai, Mathematik, Naturwissenschaften, Sozialkunde, Gesundheit und Sportunterricht, Kunst und Musik, Technologie sowie Fremdsprachen. Seit Herbst 2012 werden im Rahmen der One Child, One Tablet-Politik der Regierung von Yingluck Shinawatra alle Erstklässler an staatlichen Schulen mit Tablet-PCs mit Android-Betriebssystem ausgestattet.
Ab Matthayom 4 können Schülerinnen und Schüler ein oder zwei Wahlfächer belegen. Besonders beliebt sind Naturwissenschaften und Mathematik. Daneben werden weitere Fremdsprachen und eine Vertiefung der Sozialkunde angeboten.
Die Unterrichtskultur wird im Artikel als stark vom Lehrervortrag geprägt beschrieben. In vielen Schulen sei es Schülerinnen und Schülern, die etwas nicht verstanden haben, nicht gestattet, dazu Fragen zu stellen; dies gelte in der thailändischen Kultur als unhöflich und könne negative Folgen haben.
Berufsausbildung und Hochschulen
Die berufliche Bildung wird von der Kommission für Berufsunterricht geleitet. Sie betreut derzeit 404 Berufsschulen und -kollegs, davon 21 in Bangkok. Etwa eine Million Schülerinnen und Schüler besuchen berufsbildende Schulen, die nach dem deutschen Vorbild der dualen Ausbildung ausgerichtet sind. Die technische und berufliche Ausbildung beginnt ab Matthayom 4, wenn die Schüler in den beruflichen oder akademischen Zweig eingeteilt werden. Etwa 60 % lernen im akademischen Zweig und 40 % im beruflichen Zweig; die Regierung versucht, ein Gleichgewicht zu erreichen.
Die Berufsausbildung hat drei Ebenen: das Zeugnis der Berufsausbildung (Bo Wo Cho) während der höheren Sekundarstufe, das technische Diplom (Bo Wo So) nach der Schulausbildung und das höhere Diplom, das zur Hochschulreife führt und dem deutschen Zweiten Bildungsweg entspricht. Seit 1995 gibt es im Berufsbildungssektor duale Ausbildung nach deutschem Modell: Die Lernenden erwerben theoretische Grundlagen und sammeln praktische Erfahrungen in Privatbetrieben.
Die öffentlichen und privaten Universitäten stehen unter Aufsicht des Universitätsministeriums. Zwischen etwa 2001 und 2006 stieg die Zahl der Universitäten stark, weil die Regierung unter Thaksin Shinawatra viele öffentliche Institute in Universitäten umbenannte; dieser Schritt war nicht unumstritten. Als besonders ausgezeichnet nennt der Artikel Chulalongkorn-Universität, Universität Chiang Mai und Mahidol-Universität. In mehr als der Hälfte der Provinzen gibt es Rajabhat-Universitäten, die traditionell der Lehrerausbildung dienten.
Das zentrale Universitätszulassungssystem CUAS besteht zu 50 % aus den Ergebnissen der O-NET- und A-NET-Tests; die andere Hälfte ergibt sich aus dem Notendurchschnitt von Matthayom 4. Seit 2001 gab es viele Änderungen, aber keine allgemein akzeptierte Lösung. 2009 wurde ein General Aptitude Test in Englisch mit Lesen, Schreiben, analytischem Denken, Problemlösen und englischer Sprache eingeführt. Gegenwärtig im Stand von 2009 wählen Universitäten etwa 70 % der Schüler direkt aus, während 30 % über das nationale Zugangssystem verteilt werden.
Das Universitätssystem orientiert sich am US-amerikanischen Modell. Es gibt Bachelor-, Master- und Postgraduate-Programme. Die meisten Bachelorstudiengänge dauern 4 Jahre, Pharmazie und Architektur 5 Jahre, Zahnmedizin, Medizin und Tierheilkunde 6 Jahre. Masterstudiengänge dauern 1 oder 2 Jahre und enden mit Abschlussarbeit oder Schlussexamen. Danach ist ein 2- bis 5-jähriges Promotionsprogramm mit Kursen, Forschung und Dissertation möglich.
Internationale Schulen, Lehrkräfte und Organisation
Internationale Schulen sind nach thailändischer Definition Ausbildungseinrichtungen, die nach einem internationalen Curriculum oder einem selbstorganisierten Curriculum außerhalb des Bildungsministeriums arbeiten. Im Unterricht wird eine Fremdsprache genutzt, und Schülerinnen und Schüler werden unabhängig von Herkunft und Nationalität zugelassen, solange sie nicht gegen Ethik und Stabilität Thailands eingestellt sind. Das Curriculum muss vom Bildungsministerium geprüft und anerkannt werden. Thai-Sprache und thailändische Kultur sind für jede Lernstufe und jeden Schüler Pflicht. Vorgeschrieben werden außerdem Lage der Schule, Größe des Areals, Schülerzahl passend zu den Klassenräumen und sanitäre Einrichtungen. Verwaltung und Schulleitung müssen thailändische Staatsangehörige sein.
Lehrkräfte werden entweder an Universitäten, kontrolliert durch das Ministerium für Universitätsangelegenheiten, oder an Lehrerkollegs, gesteuert durch die Abteilung für Lehrerausbildung im Bildungsministerium, ausgebildet. Die Programme sind heute meist schülerzentriert. Viele Universitäten unterhalten Demonstrationsschulen mit Primar- und Sekundarstufe, an denen Universitätsangehörige oder Ausbildungslehrer unterrichten.
Die Bildungsinfrastruktur reicht grundsätzlich bis in alle Ebenen des Landes: Praktisch alle Dörfer haben eine Grundschule, die meisten Gemeinden Schulen für Klassen 1-9 und alle Landkreise Schulen bis Matthayom 1-6. Viele Landkreise haben auch Berufsschulen für Schüler ab 15 Jahren. Da öffentliche Schulen nicht ausreichen, sind Privatschulen ein wichtiger Teil der Infrastruktur. Einige teure internationale Privatschulen bieten sehr gute Ausbildung; manche preiswerte private Schulen werden laut Artikel vor allem aus Profitgründen betrieben und unterscheiden sich kaum von öffentlichen Schulen. In ländlichen Schulen kommt es wegen familiärer Pflichten oder Feldarbeit häufig zu Fehlzeiten; manche schließen während Reis-Pflanzung und Reis-Ernte.
Die Verwaltung ist komplex, weil mehrere Ministerien und Ämter Zuständigkeiten für Ausbildung und Richtlinien haben. Seit 1980 ist die Primarstufe des allgemeinen Schulwesens nicht mehr beim Innenministerium, sondern beim Bildungsministerium angesiedelt. Das Budget wird im Artikel mit etwa 27 % des Bruttosozialprodukts angegeben; der größte Teil stammt aus dem Staatshaushalt, zusätzlich tragen Provinzen, lokale Behörden sowie internationale Organisationen durch Anleihen und technische Unterstützung bei.
Historische Entwicklung
Thailand, früher Siam, war nie direkte Kolonie einer europäischen Macht. Seit dem späten 19. Jahrhundert entwickelte sich ein langer Modernisierungs- und Öffnungsprozess, der auch das Bildungswesen veränderte. Die Geschichte des Bildungssystems wird in vier Perioden eingeteilt: Vormodernisierung vor etwa 1870, erste Modernisierungsphase 1870-1932, zweite Modernisierungsphase 1932-1978 und dritte Modernisierungsphase seit 1978.
Vor der Modernisierung trugen Familie, Tempel und königlicher Palast die Bildung. Familien vermittelten informelle Bildung, besonders Landwirtschaft und soziale Regeln. Tempel unterrichteten Jungen in Buddhismus und Sprache. Der Palast bildete junge Regierungsbeamte und Soldaten aus. Mädchen wurden überwiegend in der Familie auf Hausarbeit, soziale Kompetenzen und berufliches Wissen vorbereitet. Unter König Narai dem Großen entstand mit dem chindamani von Phra Horathibodi ein frühes Lehrbuch der thailändischen Sprache und Schrift. Nach etwa 1860 wuchs unter König Mongkut der Kontakt zum Ausland, und westliche Sprachen wurden wichtiger.
In der ersten Modernisierungsphase sah König Chulalongkorn Bildung als Mittel zur nationalen Sicherheit und Modernisierung. 1871 öffnete die erste Schule im Königspalast. Zwischen 1898 und 1921 gab es vier Reformen des siamesischen Schulsystems. König Vajiravudh führte 1921 die Schulpflicht ein. In dieser Zeit entstand ein formales, säkulares Curriculum außerhalb der Tempel; 1916/17 wurde mit der Chulalongkorn-Universität die erste Universität des Landes gegründet.
Nach 1932 wurde Siam beziehungsweise Thailand eine konstitutionelle Monarchie. Die neue Regierung strebte eine Vereinheitlichung der Ausbildung an und bewahrte Werte wie Loyalität gegenüber Nation, Gesellschaft, Familie und sich selbst. Der erste nationale Entwicklungsplan für Bildung von 1951 versuchte, die Bildungsziele des Landes zusammenzuführen. Zwischen 1954 und 1977 wurde das Curriculum immer umfangreicher und schwerer zu bewältigen; dennoch prägten Herzensbildung, Gesundheit, Geistesbildung und Berufsausbildung die Bildungspläne.
1977 beschloss die Nationale Versammlung einen neuen Bildungsentwurf. Das System wurde auf 6-3-3 umgestellt: 6 Jahre Grundschule, 3 Jahre untere und 3 Jahre obere Sekundarstufe. Seit 2001 entwickelte das Bildungsministerium neue landesweite Curricula mit schülerzentriertem Unterricht. Verbesserungen zwischen 2001 und 2006 betrafen Computer in Schulen und Fremdsprachenunterricht. Versuche zur Dezentralisierung und zu einem transparenten Universitätszulassungsverfahren scheiterten laut Artikel unter anderem an politischen Interessen, universitären Eigeninteressen, Verwaltungsfehlern und ungeeigneten Curricula.