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Bildungsbenachteiligung in der Bundesrepublik Deutschland

Die Benachteiligung von Jugendlichen durch die Lage auf dem Arbeitsmarkt; · Schulische Überforderung und Leistungsmisserfolg; · Außerschulische Überforderung und …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Kernbegriff und Hauptbefund
  2. 2. Soziale Herkunft, Region und Geschlecht
  3. 3. Benachteiligung im Bildungsweg
  4. 4. Folgen für Leben und Gesellschaft
  5. 5. Kritik, internationale Stimmen und Maßnahmen

Kernbegriff und Hauptbefund

Bildungsbenachteiligung in der Bundesrepublik Deutschland bezeichnet die bildungsspezifische Benachteiligung von Gruppen, die über geringe kulturelle, soziale oder finanzielle Ressourcen verfügen. Der Begriff meint keine vorsätzliche Diskriminierung, sondern beschreibt statistisch, dass bestimmte Gruppen bei Bildungschancen und Bildungserfolgen schlechter abschneiden. Weil Bildung in Deutschland Sache der Bundesländer ist, gibt es regionale Unterschiede im Bildungssystem.

Seit der ersten PISA-Studie 2001 wird das Thema stark öffentlich diskutiert. 2017 stellte das Bundesministerium für Bildung und Forschung fest, dass in kaum einem anderen Industriestaat die sozioökonomische Herkunft so stark über Schulerfolg und Bildungschancen entscheide wie in Deutschland. Studien sehen besonders Kinder aus niedrigen sozialen Schichten benachteiligt. Früher galt die Formel „Katholische Arbeitertochter vom Land“ als Beispiel mehrfacher Benachteiligung; heute wird häufiger auf den „Türkischen Jugendlichen aus dem Problemviertel“ oder den „Migrantensohn“ verwiesen. Geblieben ist als zentrales Merkmal die Herkunft aus niedrigen sozialen Schichten.

Umstritten ist, wie stark ein Migrationshintergrund selbst wirkt. Hartmut Esser betonte 2016, Kinder aus Migrantenfamilien hätten in Bildungseinrichtungen besondere Hürden, vor allem wegen des oft geringen sozialen Status der Familien. Zugleich nannte er es „eine Mär“, dass Kinder mit Migrationshintergrund in Deutschland systematisch benachteiligt würden: Bei gleichen Leistungen gebe es bei Noten kaum Unterschiede, Empfehlungen seien teils sogar großzügiger als bei Kindern Einheimischer.

Soziale Herkunft, Region und Geschlecht

Soziale Herkunft wirkt sich stark auf Bildungswege aus. Kinder aus Familien der oberen Dienstklasse besuchen nach den genannten Studien 6,06-mal so häufig ein Gymnasium wie Kinder aus Facharbeiterfamilien; Kinder aus der unteren Dienstklasse 3,64-mal so häufig. In Städten mit mehr als 300.000 Einwohnern sind die Unterschiede besonders groß: Dort liegen die Chancen der oberen Dienstklasse gegenüber Facharbeiterkindern beim Gymnasialbesuch beim 14,36-Fachen, die der unteren Dienstklasse beim 7,57-Fachen.

Regionale Unterschiede sind deutlich. In Westdeutschland sind die Gymnasialchancen für Kinder der oberen Dienstklasse 7,26-mal größer als für Facharbeiterkinder, in Ostdeutschland 3,89-mal. Für Kinder der unteren Dienstklasse betragen die Werte 4,20 in Westdeutschland und 2,78 in Ostdeutschland. Die Erklärung, dies liege nur an Zuwanderung, wurde laut Artikel nicht bestätigt; bei Jugendlichen ohne Migrationshintergrund fällt das Ost-West-Gefälle sogar steiler aus. In Brandenburg verlassen nach einer Angabe 44 % der Ausländerkinder die Schule mit dem Abitur.

Auch Geschlecht wird diskutiert. Seit den PISA-Studien wird öfter von einer „Jungenkrise“ gesprochen: Mädchen haben beim Lesen Vorteile, Jungen in Mathematik. Einige Studien und Medienberichte sehen Jungen bei Noten benachteiligt, weil Mädchen gewissenhafter, angepasster oder aktiver im Unterricht seien. Andere Forschende widersprechen, weil Schulnoten mehr erfassen als standardisierte Tests. Eine GEW-Studie kommt zu dem Schluss, Jungen seien als Gruppe nicht gegenüber Mädchen benachteiligt; problematisch seien eher bestimmte Männlichkeitsbilder, die mit schulischen Anforderungen kollidieren.

Benachteiligung im Bildungsweg

Benachteiligung beginnt schon vor der Schule. 1999 besuchten rund 80 % der 3- bis 6-jährigen Kinder verheirateter Eltern mit mindestens 3800 € Monatseinkommen einen Kindergarten, aber nur 64 % der Kinder aus Haushalten mit etwa 500 bis 900 €. Eltern mussten in Deutschland 2003 im Durchschnitt 27,9 % der Kindergartenkosten selbst tragen; im OECD-Durchschnitt waren es 18 %.

Auch bei Einschulung und Grundschule spielt Armut eine Rolle. Nach einer AWO-Studie wurden sozial unauffällige nicht-arme Kinder zu 91 % regulär mit etwa sechs Jahren eingeschult, sozial unauffällige arme Kinder nur zu 78 %. Bei sozial auffälligen Kindern lagen die Werte bei 70 % beziehungsweise 53 %. TIMSS 2007 zeigte außerdem starke Zusammenhänge zwischen Buchbesitz der Familie und Kompetenzen in Mathematik und Naturwissenschaften.

Der Übergang nach der Grundschule ist ein zentraler Punkt. LAU, IGLU, PISA und weitere Studien weisen darauf hin, dass Kinder niedriger sozialer Herkunft bei gleicher Kompetenz seltener eine Gymnasialempfehlung erhalten. In IGLU 2006 wurden Kinder aus der oberen Dienstklasse im Schnitt bereits mit 537 Punkten Lesekompetenz von Lehrkräften fürs Gymnasium empfohlen, Kinder von un- und angelernten Arbeitern erst mit 614 Punkten. 2016 war bei gleichen kognitiven Fähigkeiten und gleicher Lesekompetenz die Wahrscheinlichkeit für Kinder aus oberen Dienstleistungsklassen 3,37-mal so groß wie für Kinder aus der Working Class, eine Gymnasialempfehlung zu erhalten.

In der Sekundarstufe I kritisieren Studien die frühe Sortierung in Schulformen. Hauptschulen können sich stark unterscheiden: Neben normalen und leistungsstarken Hauptschulen werden 16 % als Problemschulen beschrieben, mit vielen Wiederholern, Kindern aus Migrantenfamilien, Eltern ohne abgeschlossene Berufsausbildung und Familien mit Arbeitslosigkeit. PISA 2003 zeigt außerdem, dass Akademikerkinder an allen Schulformen mehr Kompetenzen erwerben als Arbeiterkinder. Als Risikogruppe gelten Jugendliche unter Kompetenzniveau 2 in Mathematik; in Deutschland betrifft das 27,1 % der Jugendlichen.

Beim Übergang in Ausbildung und Studium setzen sich Unterschiede fort. Das „Übergangssystem“ umfasst Angebote unterhalb einer qualifizierenden Berufsausbildung, die keinen anerkannten Ausbildungsabschluss vermitteln, sondern Kompetenzen verbessern oder Schulabschlüsse nachholen sollen. Im dualen System sank die Beteiligung von Unternehmen an Berufsausbildung von 25 % im Jahr 2011 auf 20 % im Jahr 2016. In der gymnasialen Oberstufe und beim Studium zeigt der „Bildungstrichter“ starke soziale Selektion: Von 100 Kindern der höchsten Herkunftsgruppe erreichten etwa 85 die gymnasiale Oberstufe und 81 nahmen ein Studium auf; von 100 Kindern der niedrigsten Herkunftsgruppe erreichten 36 die Oberstufe und 11 begannen ein Studium. 2004 lag die Hochschulzugangsberechtigung in Deutschland bei 38,8 %, im OECD-Durchschnitt bei 67,7 %. Finanzielle Gründe halten Studienberechtigte aus nicht-akademischen Familien häufiger vom Studium ab.

Folgen für Leben und Gesellschaft

Bildungsbenachteiligung hat Folgen für Einzelne und für die Gesellschaft. Genannt werden die Verschwendung von Humankapital, ineffiziente Schulleistungen und Akademikermangel, etwa Ärzte- oder Fachkräftemangel. Außerdem beeinflusst Bildung Gesundheit, Einkommen, Erwerbschancen und gesellschaftliche Teilhabe.

Psychosoziale Folgen betreffen die psychische Gesundheit, psychosomatische Folgen die Wechselwirkung von Körper und Psyche. Jugendliche an Hauptschulen blickten in der Shell-Jugendstudie 2006 seltener optimistisch in die Zukunft als Gymnasiasten: 38 % gegenüber 57 %. Geringe Bildung hängt laut Artikel außerdem mit höheren Risiken zusammen, etwa bei minderjähriger Schwangerschaft. Hauptschülerinnen hätten eine fünfmal so hohe Wahrscheinlichkeit, minderjährig schwanger zu werden, wie Gymnasiastinnen; die Studie könne das Ausmaß überschätzen, der Zusammenhang sei aber deutlich.

Bildung beeinflusst auch Arbeitsmarktchancen. Nach OECD-Daten von 2006 lag die Arbeitslosigkeit in Deutschland bei Menschen ohne Sekundarstufe-II-Abschluss bei 20,5 %, bei Menschen mit Sekundarstufe-II-Abschluss bei 11,2 % und bei Hochschulabschluss bei 5,5 %. Destatis kam 2008 zu ähnlichen Ergebnissen: Bei niedrigem Bildungsniveau lag die Arbeitslosigkeit in Deutschland bei 17,7 %, im EU-Durchschnitt bei 9,2 %. Der Einkommensvorteil für Akademiker stieg laut OECD zwischen 1998 und 2003 von 30 % auf 53 %.

Auch Karrieren und sozialer Aufstieg bleiben ungleich verteilt. In Michael Hartmanns Elite-Studie waren in den Chefetagen großer Konzerne nur 0,5 % Arbeiterkinder zu finden. Kinder von Bildungsaufsteigern erreichen seltener die Hochschulreife als Kinder traditioneller Akademiker und schließen ein begonnenes Studium seltener erfolgreich ab: 72 % gegenüber 84 %. Eine KFN-Studie von 2008 sah die Hauptschule zudem als Verstärkungsfaktor von Jugendgewalt, weil sich dort familiär und sozial stark belastete Jugendliche konzentrierten.

Kritik, internationale Stimmen und Maßnahmen

Nationale und internationale Organisationen kritisieren Bildungsbenachteiligung in Deutschland. Die OECD bemängelt unter anderem geringe Bildungsinvestitionen im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt, zu wenig Förderung im Primarbereich und die frühe Aufteilung der Kinder mit etwa zehn Jahren. Sie empfiehlt mehr frühkindliche Betreuung, Bildung und Erziehung, bessere Qualität in Kindergärten, spätere Selektion und mehr Durchlässigkeit zwischen Bildungsgängen. UNICEF kritisierte die frühe Sortierung ebenfalls; Bildungsminister der Europäischen Union sahen in früher Trennung negative Auswirkungen besonders auf benachteiligte Schüler. Die Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen schickte 2006 den Sonderberichterstatter Vernor Muñoz, der mangelnde Chancengleichheit, kostenpflichtige Kindergartenplätze und die frühe Einstufung kritisierte.

Es gibt auch Kritik an Studien und Thesen zur Bildungsbenachteiligung. Einige Kritiker bemängeln bei PISA methodische Fragen, etwa den Umgang mit fehlenden Werten und die Verwendung „plausibler Werte“. Die OECD wies diese Zweifel als wissenschaftlich unbegründet zurück. Andere, darunter Josef Kraus vom Deutschen Lehrerverband, bestreiten eine Bildungsbenachteiligung im deutschen Schulsystem und warnen vor einer Fixierung auf Abitur und Studium. Auch Vertreter der Hauptschule betonen deren Wert für praktische Begabungen und das Handwerk.

Als Maßnahmen werden verschiedene Ansätze genannt: Organisationen wie ArbeiterKind.de, Rock Your Life und Teach First Deutschland engagieren sich gegen Bildungsbenachteiligung. Ralf Dahrendorf forderte eine Mindestquote für Studierende aus bildungsfernen Schichten. In einigen Kommunen gibt es kostenloses Schulfrühstück, Bildungspatenschaften und Angebote wie das EU-Schulobstprogramm. Pädagogisch wichtig sind laut Studien unterstützender Unterricht, leistungsheterogene Gruppenarbeit und regelmäßiger fachspezifischer Förderunterricht. Während der COVID-19-Pandemie verschärften sich Sorgen um benachteiligte Jugendliche; ein Berliner Gericht erkannte 2020 zwar Vorteile durch eigenes Zimmer und elektronische Ausstattung an, sah diese aber nicht als pandemiebedingt und verwies auf den Gesetzgeber.

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