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Arbeiterwohlfahrt
Die Arbeiterwohlfahrt e. V. (AWO) ist ein dezentral organisierter deutscher Wohlfahrtsverband, der auf persönlichen Mitgliedschaften in seinen Ortsvereinen …
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Aufgabe und Bedeutung
Die Arbeiterwohlfahrt e. V. (AWO Bundesverband e. V.) ist ein dezentral organisierter deutscher Wohlfahrtsverband mit Sitz in Berlin. Sie wurde am 13. Dezember 1919 von Marie Juchacz gegründet und ist ein eingetragener Verein. Als einer der sechs Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege unterstützt sie vor allem sozial schlechter gestellte Menschen. Sie bekennt sich zu den Werten des freiheitlich-demokratischen Sozialismus sowie zu Solidarität, Toleranz, Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit.
Die AWO hilft heute insbesondere Menschen mit Behinderungen und älteren Menschen. Sie betreibt unter anderem Kindergärten, offene Ganztagsschulen, psychiatrische und forensische Kliniken, Einrichtungen für Ferienfreizeit sowie Beratungsstellen für Migranten, Asylbewerber und Menschen in Notlagen. Für 2018 werden 109.323.495 Euro Umsatz genannt. Im Mai 2019 hatte die AWO 317.767 Mitglieder, 73.753 Freiwillige und 230.873 Beschäftigte; einleitend wird sie mit rund 210.000 hauptamtlichen Mitarbeitern als großer Arbeitgeber bezeichnet.
Entwicklung seit der Gründung
Marie Juchacz gründete die AWO zunächst als Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt in der SPD. Das von Reichspräsident Friedrich Ebert überlieferte Motto lautete: „Arbeiterwohlfahrt ist die Selbsthilfe der Arbeiterschaft“. Anfangs sollte die Organisation vor allem die Not der durch den Ersten Weltkrieg Geschädigten lindern. Dazu richtete sie Nähstuben, Suppenküchen, Werkstätten zur Selbsthilfe und Beratungsstellen ein. Später wurde sie zu einer Hilfsorganisation für alle sozial bedürftigen Menschen.
1920 erschienen erste vorläufige Richtlinien. Die Finanzierung beruhte vor allem auf „Arbeitergroschen“, einer Lotterie und Arbeiter-Wohlfahrtsmarken. 1925 wurde die Arbeiterwohlfahrt e. V. beim Amtsgericht Berlin-Mitte eingetragen. 1931 arbeiteten mehr als 130.000 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer in rund 2.500 Ortsausschüssen. Nach der Machtübernahme Adolf Hitlers wurde die AWO gleichgeschaltet werden sollen, dann aufgelöst und verboten; einzelne Mitglieder arbeiteten illegal weiter.
1946 entstand sie in Hannover neu, nun parteipolitisch und konfessionell unabhängig. In der Sowjetischen Besatzungszone und späteren DDR war sie nicht zugelassen; in Ostberlin bestand sie bis zum Mauerbau im August 1961 als gesamtstädtischer Landesverband. 1959 zählte sie bundesweit 300.000 Mitglieder, 5.000 Ortsvereine, 353 Heime, 250 Kindergärten, 4.000 hauptberufliche Mitarbeitende und über 70.000 Helferinnen und Helfer. Ab November 1989 entstanden wieder Verbände im Osten; am 18. Februar 1990 wurde die AWO in Sonneberg erneut gegründet. Am 10. November 1990 schlossen sich die Verbände in ganz Deutschland zusammen. Seitdem ist die AWO bundesweit tätig und Trägerin des DZI-Spenden-Siegels.
Aufbau, Angebote und Partner
Die AWO gliedert sich in 30 Bezirks- und Landesverbände, 397 Kreisverbände und 3.268 Ortsvereine. Persönliche Mitgliedschaften in Ortsvereinen bilden ihre Grundlage. Sie unterhält in allen Bundesländern über 18.000 Einrichtungen und Dienste. Dazu gehören mehr als 2.300 Kindertagesstätten, über 2.100 Heime und Wohngemeinschaften sowie Tagesstätten, ambulante sozialpflegerische Dienste und Beratungsstellen, etwa für ältere Menschen, Arbeitslose, Familien, Schwangere, Menschen mit Behinderungen, Jugendliche und Ausländer.
Zu den Heimen zählen Einrichtungen für ältere Menschen, Menschen mit Behinderungen oder psychischen Erkrankungen, Kinder und Jugendliche, Aussiedler und Ausländer, außerdem Bildungsstätten, Einrichtungen der Gesundheitshilfe und Frauenhäuser. Mehr als 3.500 Selbsthilfe-, Helfer- und andere Gruppen des bürgerschaftlichen Engagements arbeiten etwa in Seniorenarbeit, Jugendhilfe, Familienhilfe und der Unterstützung von Menschen in besonderen Notlagen. Über 800 selbstständige Einrichtungen, Initiativen und Organisationen sind als korporative Mitglieder angeschlossen. Das bedeutet: Vereinigungen mit sozialen Aufgaben können Mitglied werden, damit die AWO ihre Arbeit verbreitert und sozial- sowie fachpolitische Ziele gemeinsam durchsetzt.
Das 1978 gegründete Bundesjugendwerk der AWO ist der eigenständige Kinder- und Jugendverband. Es vertritt Interessen von Kindern und Jugendlichen, organisiert Tagungen, Seminare und Treffen und beteiligt sich an politischen Diskussionen. Die AWO ist außerdem Gründungsmitglied der Aktion Mensch.
Leitung und Auszeichnungen
Die Bundeskonferenz beschloss 2008 ein Präsidiumsmodell: Seit November 2008 gibt es einen hauptamtlichen Vorstand und ein ehrenamtliches Präsidium. Seit 2021 führen Kathrin Sonnenholzner und Michael Groß das Präsidium ehrenamtlich; sie wurden auf der Bundeskonferenz am 18. und 19. Juni 2021 erstmals als Doppelspitze gewählt. Den Vorstand führen Claudia Mandrysch und seit 2024 Dr. Marvin Deversi als Doppelspitze. Wilhelm Schmidt war von 2008 bis 2021 ehrenamtlicher Präsident.
Die Marie-Juchacz-Plakette ist die höchste Auszeichnung der AWO. Sie wird Mitgliedern für besonderes Engagement für den Verein und politischen Einsatz für dessen Belange verliehen. Der Lotte-Lemke-Preis würdigt Institutionen, Organisationen, Vereine, Verbände, deren Vertreter oder Einzelpersonen, die dem Leitbild der AWO entsprechen und soziale oder wohlfahrtspflegerische Projekte nachhaltig fördern. Seit 1999 ehrt der Heinrich-Albertz-Friedenspreis eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens für Engagement für den sozialen Frieden.
Kontroversen und Vorwürfe
2004 begrüßte der damalige Bundesvorsitzende Manfred Ragati Arbeitsgelegenheiten mit Mehraufwandsentschädigung (AGH-MAE) für Langzeitarbeitslose; Wohlfahrtsverbände wollten mindestens 30.000 solcher Stellen schaffen. Kritiker bezeichneten diese als „1-Euro-Jobs“ und empfanden sie als entwürdigend, unsolidarisch und dem Gleichheitsprinzip widersprechend. Zur Leiharbeit erklärte der Bundesverband 2010, systematische Leiharbeit abzulehnen. Im AWO-Bezirk Westliches Westfalen wurden jedoch etwa 300 Beschäftigte in eine hauseigene Zeitarbeitsfirma ausgegliedert. Die AWO begründete dies mit flexiblerem Personaleinsatz; ver.di kritisierte unter anderem schlechtere Tarifbedingungen und die besondere Betroffenheit gering Qualifizierter.
2018 wurde bekannt, dass der Kreisverband Schwerin-Parchim eine Kindertagesstätte auf Mallorca betrieb. Herkunft der Finanzierung und Einnahmen waren zunächst ungeklärt; das Sozialministerium Mecklenburg-Vorpommern erklärte, Landesmittel seien nicht geflossen. Bundesverband und Landesministerin forderten Aufklärung beziehungsweise stellten die sozialpolitische Notwendigkeit infrage.
Seit 2016 berichtete die Presse über Unregelmäßigkeiten beim Landesverband Mecklenburg-Vorpommern. Es gab Ermittlungen gegen frühere Geschäftsführer wegen Untreueverdachts. Der Vorwurf gegen den früheren Landesvorsitzenden Ulf Skodda, vor einem Untersuchungsausschuss die Unwahrheit gesagt zu haben, erwies sich laut Artikel als haltlos; die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren mangels hinreichenden Tatverdachts ein.
In Hessen führten Vorwürfe finanzieller Unregelmäßigkeiten bei den Kreisverbänden Frankfurt und Wiesbaden zu Ermittlungen wegen Verdachts auf Betrug und Untreue. Der Frankfurter Kreisverband verlor für 2014 bis 2017 die Gemeinnützigkeit; der Wiesbadener Kreisverband meldete im November 2020 Insolvenz an. Berichtet wurde auch über auffällige Gehälter, Vergünstigungen und mögliche Interessenkonflikte. Zübeyde Feldmann wurde im Juli 2023 erstinstanzlich wegen eines Minijobs ohne festgestellte Arbeitsleistung zu 110 Tagessätzen von 30 Euro verurteilt. Weitere Verfahren und Vorwürfe werden im Artikel als Verdachtsfälle dargestellt.
2021 wurde eine angestrebte Kündigung der Betriebsratsvorsitzenden der AWO Soziale Dienste Vogtland kritisiert; eine gerichtliche Entscheidung stand noch aus. Im März 2026 stellte die AWO den Leiter und eine Lehrerin einer Siegener Förderschule frei, nachdem Vorwürfe über Misshandlungen, überwiegend an autistischen Kindern, bekannt geworden waren.