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Biko (Lied)
Biko ist ein Anti-Apartheid-Protestlied des britischen Pop-Rock-Musikers Peter Gabriel aus dem Jahr 1980. Gabriel schrieb das Lied als Reaktion auf den …
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Kern und historischer Hintergrund
Biko ist ein Anti-Apartheid-Protestlied des britischen Pop-Rock-Musikers Peter Gabriel. Es erschien zuerst am 30. Mai 1980 auf seinem dritten Studioalbum Peter Gabriel (Melt) und am 18. August 1980 als Single. Die Albumversion dauert 7:22 Minuten, die Singleversion 6:55 Minuten. Als Genres werden Afropop und Worldbeat genannt. Gabriel schrieb das Lied selbst; produziert wurde es von Steve Lillywhite.
Das Lied reagiert auf den Tod von Steve Biko, einem schwarzen südafrikanischen Anti-Apartheid-Aktivisten. Biko starb am 12. September 1977 im Polizeigewahrsam. Er hatte 1968 die South African Students’ Organisation (SASO) und 1972 die Black People’s Convention mitbegründet und war ein wichtiger Vertreter der Black-Consciousness-Bewegung. Diese Bewegung stärkte das politische Selbstbewusstsein schwarzer Südafrikanerinnen und Südafrikaner im Kampf gegen die Apartheid, also die staatlich festgelegte Rassentrennung in Südafrika.
Die südafrikanische Regierung schränkte Biko 1973 stark ein: Er durfte seine Heimatstadt nicht verlassen, sich nicht mit mehr als einer Person treffen, seine Schriften nicht veröffentlichen und nicht öffentlich reden. Im August 1977 wurde er wegen Verstoßes gegen diesen Bann verhaftet. In Port Elizabeth wurde er im „Police-Room 6-1-9“ verhört, geschlagen und schwer am Kopf verletzt. Am 11. September 1977 wurde er nackt und bewusstlos nach Pretoria gebracht und starb dort in der Nacht zum 12. September 1977 im Gefängniskrankenhaus. Da Biko nie wegen eines Verbrechens verurteilt worden war, löste sein Tod internationale Berichte aus und machte ihn zu einem der ersten weltweit bekannten Anti-Apartheid-Aktivisten.
Text und musikalische Gestaltung
Das Lied ist wie eine musikalische Grabrede aufgebaut. Der Text beginnt sachlich, fast wie eine Nachricht: „September ’77/Port Elizabeth, weather fine“. Danach wird das „Polizeizimmer 619“ genannt, also der Ort, an dem Biko misshandelt wurde. Der englische Text enthält die Xhosa-Phrase „Yila Moja“ beziehungsweise „Yehla Moya“, was „Komm Geist“ bedeutet. Sie wurde als Anrufung von Bikos Geist verstanden und als Hinweis darauf, dass sein politischer Einfluss nach seinem Tod weiterlebt.
Im Verlauf des Liedes wird der Ton entschlossener. Die zweite Strophe kritisiert die Gewalt unter der Apartheid. Gabriel singt, er könne nur „in Rot träumen“ („can only dream in red“), weil Bikos Ermordung Wut auslöst. Die dritte Strophe richtet sich als Aufruf an die Zuhörenden: „You can blow out a candle/But you can't blow out a fire/Once the flames begin to catch/The wind will blow it higher“. Damit sagt der Text, dass man eine einzelne Person töten kann, aber nicht die Bewegung, die dadurch stärker wird.
Gabriel verband seine Aufnahme mit südafrikanischen Liedern, die mit Bikos Beerdigung verbunden waren. Die Albumversion beginnt mit Ngomhla sibuyayo („Am Tag unserer Ankunft“) und endet mit Senzeni Na? („Was haben wir getan?“). Die Singleversionen und die deutsche Version enden mit Nkosi Sikelel’ iAfrika („Gott, segne Afrika“), einem Lied, das später Teil der südafrikanischen Nationalhymne wurde.
Musikalisch beruht Biko auf einem sparsamen Zweiton-Beat, der stark von afrikanischen Rhythmen beeinflusst ist. Gabriel bezeichnete den auf einer brasilianischen Surdo-Trommel gespielten Rhythmus als „Rückgrat des Stücks“. Dazu kommen vokale Perkussion, verzerrte E-Gitarre und ein mit Synthesizer erzeugter Dudelsack-Sound. Der Musikwissenschaftler Michael Drewett deutete den Beat kritisch als „pseudo-afrikanisch“, weil Gabriel einen afrikanisch wirkenden Klang schuf, ohne ihn genau nachzuahmen. Der Dudelsackklang wurde als schwermütig, beerdigend und militaristisch beschrieben. Am Ende steigert sich das Lied zu einem Chor aus Männerstimmen, begleitet von Dudelsäcken und Trommeln.
Aufnahme, Veröffentlichung und Versionen
Bei der Aufnahme sang Peter Gabriel und spielte Piano; außerdem wird ihm ein Schlagzeugmuster zugeschrieben. David Rhodes spielte E-Gitarre, Jerry Marotta Schlagzeug, Phil Collins Surdo, Larry Fast Synthesizer und Synthesizer-Dudelsack, Dave Ferguson Schreie. Ein 2016 erschienener Listener’s Companion nennt die Rollen teilweise anders: Phil Collins als Schlagzeuger des Songs, Larry Fast am Synthesizer und Jerry Marotta an der kleinen Trommel.
Biko wurde 1980 als Single veröffentlicht. Gabriel spendete die Einnahmen aus beiden Singleversionen an das Black Consciousness Movement in Südafrika; insgesamt kamen mehr als 50.000 Pfund zusammen. Die 7″-Single enthielt auf der B-Seite Gabriels Version des Ndebele-Volksliedes Shosholoza. Die 12″-Version enthielt zusätzlich Jetzt kommt die Flut, eine deutsche Gesangsversion seines Stücks Here Comes the Flood von 1977.
Auf dem Album Peter Gabriel (Melt) ist Biko mit etwa siebeneinhalb Minuten das längste Stück. Später erschien es auch auf den Kompilationsalben Shaking the Tree: Sixteen Golden Greats von 1990, Hit von 2003 und Flotsam and Jetsam von 2019. Am 29. Januar 2025 wurde außerdem Biko (Wellow School Version), eine alternative Version vom 11. Juni 1980 mit 5:33 Minuten Länge, unter Bandcamp Exclusives veröffentlicht.
Eine deutschsprachige Fassung erschien am 2. Juni 1980 auf Ein deutsches Album. Wie bei den anderen Liedern dieser deutschen Albumversion sang Gabriel den Text selbst. Horst Königstein übersetzte ihn ins Deutsche, und Gabriel arbeitete sorgfältig mit ihm zusammen, damit der deutsche Text nicht nur den Inhalt, sondern auch die Bildsprache und Musikalität des Originals bewahrte.
Video, Livefassungen und Coverversionen
Das Musikvideo von Lol Creme verbindet Gabriels Gesang mit Ausschnitten aus Richard Attenboroughs Spielfilm Cry Freedom. In dem Film spielt Denzel Washington Steve Biko und Kevin Kline Donald Woods. Gabriels Gesang im Video entspricht der Live-Version, die im Juli 1987 im Blossom Music Center in Cuyahoga Falls, Ohio, aufgenommen wurde. Obwohl Biko nicht Teil des Film-Soundtracks war, wurde es zur Werbung für den Film verwendet.
Gabriel spielte Biko mehrfach live in politisch bedeutsamen Zusammenhängen. Am 16. Juli 1982 sang er es beim ersten WOMAD-Festival in Somerset. 1988 trat er mit dem Lied beim Tribute-Konzert zum 70. Geburtstag von Nelson Mandela im Wembley-Stadion in London auf. Bei Live-Darbietungen sagte Gabriel am Ende häufig zum Publikum: „I’ve done what I can, the rest is up to you.“ Oft war Biko das letzte Lied eines Konzerts; die Bandmitglieder verließen während der abschließenden Schlagzeug-Coda nach und nach die Bühne. Am 29. November 2003 sang Gabriel Biko erstmals in Südafrika, beim 46664-AIDS-Musikfestival der Nelson-Mandela-Stiftung in Kapstadt, begleitet vom Soweto Gospel Choir.
Das Lied wurde von vielen Künstlerinnen und Künstlern gecovert. Zu den genannten Versionen gehören Aufnahmen von Robert Wyatt, Joan Baez, Simple Minds, Manu Dibango und Paul Simon. Wolfgang Niedecken von BAP schuf 1988 eine kölsche Version. Manu Dibango nahm Biko 1994 mit Gästen wie Peter Gabriel, Ladysmith Black Mambazo, Geoffrey Oryema und Alex Brown auf; eine weitere Version entstand mit Gabriel und Sinéad O’Connor. 2021 veröffentlichte Playing for Change zum Black History Month eine Version mit mehr als 25 Musikerinnen und Musikern aus sieben Ländern, darunter Angélique Kidjo, Yo-Yo Ma und Meshell Ndegeocello.
Rezeption und politische Bedeutung
Biko erreichte 1980 Platz 38 der britischen Singlecharts und blieb dort neun Wochen. Eine Liveversion kam 1987 in Großbritannien auf Platz 49. Das Album Peter Gabriel III führte zwei Wochen lang die britischen Charts an und brachte Gabriel seinen ersten Nummer-1-Hit. Kritiker lobten besonders Instrumentierung, Text und Gabriels Gesang. In Südafrika wurde das Lied verboten, weil die Regierung es als „schädlich für die Sicherheit des Staates“ betrachtete. Ein Exemplar der Single wurde vom südafrikanischen Zoll beschlagnahmt und dem Direktorat für Veröffentlichungen vorgelegt; verboten wurden sowohl das Lied als auch das Album.
Viele Kritiken sahen Biko als Höhepunkt des Albums. Sounds nannte den Song „so ehrlich, dass man sogar riskieren könnte, ihn als Wahrheit zu bezeichnen“. AllMusic beschrieb ihn als „atemberaubende Errungenschaft für seine Zeit“. Andere Stimmen waren zurückhaltender: Rolling Stone fand Melodie und Rhythmus „unwiderstehlich“, kritisierte das Lied aber als „Durcheinander“ und Gabriels Aussage als überwiegend sentimental. Wissenschaftliche Deutungen hoben die Wirkung der Xhosa-Textstellen hervor, diskutierten aber auch kritisch, ob das Lied eher den Künstler als Biko selbst in den Mittelpunkt stelle und ob sein allgemein „afrikanischer“ Beat eine vereinfachende Vorstellung von Afrika ausdrücke.
Die politische Wirkung des Liedes war groß. Biko gilt als persönlicher Meilenstein für Gabriel und als ein Ausgangspunkt seines dauerhaften Engagements für Menschenrechte. Das Lied machte Steve Bikos Namen vielen Menschen bekannt, die zuvor nichts von ihm gehört hatten, und trug dazu bei, den Widerstand gegen die Apartheid in der westlichen Popkultur sichtbar zu machen. Es wurde als „das wohl bedeutendste nicht-südafrikanische Anti-Apartheid-Protestlied“ bezeichnet.
Biko stand am Anfang einer breiteren Welle von Anti-Apartheid-Musik in den 1980er Jahren. Zusammen mit Liedern wie Free Nelson Mandela von The Specials und Sun City von Artists United Against Apartheid wurde es als Teil des „Soundtracks für die globale Divestment-Bewegung“ beschrieben. Diese Bewegung wollte Unternehmen zum Rückzug aus Südafrika bewegen, wenn sie dort mit dem Apartheid-System Geschäfte machten. Steven Van Zandt nannte Gabriels Biko als Inspiration für Sun City und Artists United Against Apartheid. Auch Bono von U2 sagte Gabriel, dass U2 durch Biko von den Auswirkungen der Apartheid erfahren habe. Das Lied brachte Gabriel außerdem mit Amnesty International und anderen Menschenrechtsorganisationen enger in Verbindung.