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Biblizismus
Der Ausdruck Biblizismus bezeichnet eine Bibelauslegung im rein wörtlichen Sinn ohne Berücksichtigung historisch-kritischer Forschungsergebnisse.
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Definition und Bedeutung
Biblizismus bezeichnet eine Auslegung der Bibel im rein wörtlichen Sinn, die Ergebnisse der historisch-kritischen Forschung nicht berücksichtigt. Der Begriff wird vor allem innerhalb der protestantischen Theologie verwendet. Er entstand Mitte des 19. Jahrhunderts als kritische Bezeichnung für den Bibelgebrauch der Erweckungsbewegung, besonders für den Umgang mit der Bibel als einem durch Bibelgesellschaften verbreiteten Buch.
Biblizistische Ansätze wollen sich konsequent an der Bibel orientieren. Dabei gelten grundsätzlich der gesamte Bibeltext und alle seine Aussagen als zuverlässig. Die Aussagen werden nicht nur in Glaubensfragen, sondern auch als historische oder naturwissenschaftliche Angaben wörtlich verstanden und als nicht anzweifelbar behandelt. Als häufige Folge eines solchen Schriftverständnisses wird der Junge-Erde-Kreationismus genannt.
Theologische Einordnung
Im 19. Jahrhundert war „Biblizismus“ zunächst keine eindeutig festgelegte Bezeichnung. August Tholuck prägte im Deutschen die Begriffe Biblizismus und Biblizität. An der Universität Tübingen wurde Biblizismus in den späten 1850er Jahren als Fremdbezeichnung für Johann Tobias Beck und seine Schule verwendet; diese bezeichnete sich selbst als Biblischer Realismus. Martin Kähler gebrauchte den Begriff teilweise auch für sich selbst, unterschied seinen an der Bibel orientierten Ansatz aber ausdrücklich von Becks Ablehnung kirchlicher Dogmatik.
Karl Barth kritisierte den „sogenannten Biblizismus“ am Beispiel des reformierten Pfarrers Gottfried Menken († 1831). Menkens Absicht, allein die Bibel zu studieren, ließ nach Barths Urteil Kirche und Bekenntnis bedeutungslos werden. Barth hielt dagegen das Dogma für ein Korrektiv, also für eine Möglichkeit, ein rein individuelles und unmittelbares Bibelverständnis zu überprüfen. Zugleich wurde auch Barths eigener Bibelgebrauch als Biblizismus kritisiert. Im Vorwort zur zweiten Auflage seines Römerbriefkommentars erklärte er, sein angeblicher Biblizismus bestehe lediglich in dem „Vorurteil“, die Bibel sei ein gutes Buch und ihre Gedanken müssten mindestens ebenso ernst genommen werden wie die eigenen.
Nach Gisa Bauer ist die Ablehnung der historisch-kritischen Bibelauslegung an Universitäten eine „evangelikale Grundkonstante“. Die Konferenz Bibeltreuer Ausbildungsstätten fordert laut ihrer Satzung einen „ehrfürchtigen und vertrauensvollen“ Umgang mit der Bibel. Friedhelm Jung unterscheidet innerhalb des Evangelikalismus einen strengen Biblizismus beziehungsweise Fundamentalismus, wie er sich an den drei Chicago-Erklärungen orientiert, und einen gemäßigten Biblizismus beziehungsweise eine historisch-biblische Methode. Für die zweite Richtung steht beispielsweise die exegetische Arbeit Gerhard Maiers.
Formen und Grundannahmen
Gerhard Gloege unterscheidet drei Typen:
- Beim theoretisch-doktrinären Biblizismus gilt die Bibel als Kodex göttlicher Lehre.
- Der praktisch-programmatische Biblizismus versteht sie als Sammlung von Vorschriften für die private und gemeinschaftliche Lebensführung.
- Der heilsgeschichtliche Biblizismus betrachtet sie als Kompendium, also als zusammenfassende Darstellung von Gottes Handeln in der Menschheitsgeschichte.
Der moderne Biblizismus beruft sich auf das reformatorische Sola-scriptura-Prinzip. Dieses besagt, dass Lehren abzulehnen sind, die sich nicht aus der Bibel begründen lassen. Nach der Darstellung des Artikels geht der Biblizismus darüber hinaus: Er unterscheidet nicht, ob eine Aussage in der Bibel überhaupt nicht vorkommt oder ob sie dem Gesamtzusammenhang der Bibel widerspricht. Zudem nimmt er den gesamten Text wörtlich und behandelt alle biblischen Aussagen als gleichwertig. Sie werden unmittelbar auf das Privatleben der Christen und auf die Lehre der Kirche in der jeweiligen Gegenwart angewendet.
Probleme und unterschiedliche Bewertungen
Die wörtliche, gleichwertige und unmittelbare Anwendung sämtlicher Bibelaussagen stößt auf Probleme und Widersprüche. Nach Gloege führt sie deshalb zu einem verdeckten Eklektizismus: Obwohl der Anspruch besteht, alles gleichermaßen zu berücksichtigen, müssen in der tatsächlichen Anwendung Aussagen ausgewählt und unterschiedlich behandelt werden. Gloege sieht den Biblizismus durch die Dialektische Theologie und die historisch-kritische Bibelwissenschaft als „erledigt“ an. Für Dogmatik und Ethik sei der Begriff seiner Ansicht nach nur zur Bezeichnung eines Irrwegs brauchbar.
Erdmann Schott beurteilt bereits die Verwendung der Bezeichnung kritischer. Wegen der „Unsicherheit des Sprachgebrauchs“ hält er es für fragwürdig, bestimmte theologische Richtungen als Biblizismus zu kennzeichnen, und rät davon ab, den Begriff zu verwenden. Der Ausdruck kann somit sowohl eine bestimmte Methode der Bibelauslegung beschreiben als auch als kritisches und nicht eindeutig abgegrenztes Etikett dienen.
Biblizismus als konkrete Lesepraxis
Mary M. Juzwick untersuchte den Umgang amerikanischer Evangelikaler mit der Bibel. Sie stellte mehrere typische Merkmale des Biblizismus als Lesepraxis fest. Die Wahrheit der Bibel wird grundsätzlich nicht infrage gestellt. Leserinnen und Leser sind bereit, Texte immer wieder neu zu rekontextualisieren, also sie in neue Zusammenhänge zu stellen. Bei der Lektüre suchen sie nach Anwendungen für das praktische Leben; zugleich vermittelt das Bibellesen ihnen Rollenbilder als Mann oder Frau.
Als wertvoll gilt außerdem das Aufspüren von Verbindungen zwischen verschiedenen Bibelstellen, selbst wenn daraus kein unmittelbarer praktischer Nutzen entsteht. Besondere Aufmerksamkeit richtet sich darauf, biblische Aussagen miteinander in Beziehung zu setzen, die einander scheinbar widersprechen. Damit zeigt sich Biblizismus nicht nur als theoretische Lehre über die Bibel, sondern auch als eine konkrete Art des Lesens, Verknüpfens und Anwendens ihrer Texte.