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Hermeneutischer Zirkel

Die hermeneutische Methode · Vorstadium: Herausbildung eines Vorverständnisses, Meisterung der Sprache, Vorstellung über äußere Bedingungen eines Textes · Der …

Inhalt3 Abschnitte
  1. 1. Grundidee des hermeneutischen Zirkels
  2. 2. Ablauf der hermeneutischen Methode
  3. 3. Einordnung und postmoderne Kritik

Grundidee des hermeneutischen Zirkels

Der hermeneutische Zirkel beschreibt die schwierige Situation, in der ein Autor oder Produzent und ein Rezipient, also ein lesender, betrachtender oder deutender Mensch, einander verstehen sollen. Er betrifft besonders Texte geschichtlichen oder psychologischen Inhalts sowie Kunstwerke. Verstehen heißt dabei, den Sinn kultureller Äußerungen wie Darstellungen, Kunstwerken oder Texten zu erfassen.

Jede Interpretation hängt von Vorbedingungen des Interpreten ab: Vorwissen und Vorannahmen, Werturteilen und Begriffsschemata. Diese stimmen normalerweise nicht vollständig mit den Voraussetzungen der Produzenten überein. Deshalb müssen sich die beiden „Verstehenshorizonte“ schrittweise annähern. Dieser Prozess ist fortschreitend, aber niemals abgeschlossen.

Das Bild des Zirkels macht deutlich: Es gibt keinen objektiven, sicheren Ausgangspunkt und keinen geradlinigen Weg zum Sinn eines Textes oder Kunstwerks. Wer verstehen will, befindet sich bereits in einer verstehenden Annäherungsbewegung. Wenn die Person nicht nur „im eigenen Kreise dreht“, kann sie sich dem Verstehensziel höchstens spiralartig nähern, ohne je ein vollständiges Verständnis des Gegenstands zu erreichen.

Friedrich Ast (1778–1841) stellte die These vom hermeneutischen Zirkel als Voraussetzung der hermeneutischen Methode wohl erstmals auf und veröffentlichte sie 1808. Sein Grundproblem lautet: Einzelne Werke von Autoren, bezeichnet als a, b, c usw., lassen sich nur durch den allgemeinen „Geist des Alterthums“ A verstehen; zugleich scheint A nur durch diese einzelnen Werke erkennbar zu sein. Ast erklärt den Zirkel dadurch, dass A und die Einzelwerke nicht als bloße Gegensätze gedacht werden sollen. A durchdringe die Einzelwerke bereits; diese seien individuelle Darstellungen des Einen A. Daher müsse man nicht die ganze unendliche Reihe von Einzelheiten durchlaufen, um ihre Einheit zu finden.

Ablauf der hermeneutischen Methode

In der Erkenntnistheorie wurde besonders Martin Heideggers Ansatz in Sein und Zeit bedeutsam. Er will den hermeneutischen Zirkel „ontologisch“, also vom Sein her, begründen. Sein Ausgangspunkt ist eine ursprüngliche Grundevidenz der Wahrheit: Weil der Mensch „immer schon“ in der Wahrheit seines Seins stehe, könne er die Frage nach der Wahrheit und nach dem Sinn seines Menschseins überhaupt stellen und weiterentwickeln. Für ein Individuum sei daher jede eigene Aussage ein hermeneutischer Zirkel: Es habe Wahrheit und die „Erkenntnis“ der Wahrheit bereits inne. Hans-Georg Gadamer entwickelte diese Auffassung in seiner Hermeneutik weiter.

Die Grundlage der Interpretation ist die Ergriffenheit des Lesers. Gebrauchstexte sind deshalb von der hermeneutischen Methode ausgeschlossen. Emil Staiger fasste dies in den Satz: „Dass wir begreifen, was uns ergreift.“ Gemeint ist: Emotionales soll rational erklärt werden; Faszination führt zur Analyse.

Der Verstehensprozess beginnt mit der Bildung von Vorurteilen. „Vorurteile“ bedeuten hier nicht unbedingt falsche Urteile, sondern Vorwegnahmen oder Vorannahmen: Man bildet Vermutungen über den Sinn eines Textes oder Textabschnitts. Danach arbeitet man den Text aus. Dabei kann sich das ursprüngliche Vorwissen verändern und weiterentwickeln. Voraussetzung dafür ist die Bereitschaft, eigene Vorurteile zu revidieren; bei Gadamer heißt dies Offenheit oder Empfänglichkeit.

Der Prozess lässt sich in ein Vorstadium und drei Stadien gliedern:

  • Im Vorstadium entstehen Vorverständnis, Sprachbeherrschung und Vorstellungen über die äußeren Bedingungen eines Textes.
  • Im hermeneutischen Entwurf, dem ersten Stadium, kommt es zur Horizontverschmelzung zwischen Verstehenshorizont und Bedeutungshorizont.
  • In der hermeneutischen Erfahrung, dem zweiten Stadium, wird das Vorverständnis erweitert und korrigiert.
  • Im verbesserten Entwurf, dem dritten Stadium, entsteht ein tieferes Verständnis; das Vorverständnis reift.

Mit dem überarbeiteten Vorverständnis beginnt der Prozess erneut. Die Stadien können im Prinzip endlos wiederholt werden.

Einordnung und postmoderne Kritik

Der hermeneutische Zirkel wird häufig als Methode sui generis, also als besondere eigenständige Methode, der Geisteswissenschaften verstanden. Damit sollen sich die Geisteswissenschaften von den Naturwissenschaften unterscheiden. Wolfgang Stegmüller widersprach jedoch in drei Punkten: Das Bild beschreibe erstens keinen eigentlichen Zirkel, sondern eine „hermeneutische Spirale“; zweitens sei es keine Methode; drittens sei es kein Unterscheidungsmerkmal zwischen geisteswissenschaftlicher und naturwissenschaftlicher Erkenntnis.

Für postmoderne Philosophen ist der hermeneutische Zirkel besonders problematisch. Sie gehen davon aus, dass Menschen die Welt nur durch die Worte erkennen können, mit denen sie sie beschreiben. Wenn Menschen eine bestimmte Interpretation eines Textes oder Ausdrucks festlegen wollen, begründen sie diese wiederum mit anderen Interpretationen. Bedeutung bleibt daher nicht endgültig festlegbar: Alle Bedeutungssysteme sind unabgeschlossene Systeme von Zeichen, die auf Zeichen verweisen. Kein Begriff kann somit eine letztgültige, eindeutige Bedeutung haben.

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