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Der Baum der Erkenntnis
Der Baum der Erkenntnis (span. El árbol del conocimiento) ist der Titel einer 1984 publizierten und bisher nur in der Übersetzung von Kurt Ludewig auf …
Inhalt5 Abschnitte
Grundidee: Leben, Erkenntnis und Beobachtung
Der Baum der Erkenntnis ist eine 1984 veröffentlichte Untersuchung von Humberto R. Maturana und Francisco J. Varela. Sie erläutern darin ihre biologische Theorie der Kognition, also des Erkennens, mithilfe der Autopoiese. Ihr Grundsatz lautet: „Jedes Tun ist Erkennen, und jedes Erkennen ist Tun.“
Die Autoren beschreiben die Entwicklung des Lebens als fortlaufende Interaktion zwischen Lebewesen und ihrem Milieu, also ihrer Umgebung mit eigener struktureller Dynamik. Ein Lebewesen wird dabei nicht einfach von außen geformt: Seine eigene Struktur bestimmt, wie es sich verändern kann; Einwirkungen von außen lösen Veränderungen nur aus. Entwicklung bedeutet daher nach Maturana und Varela keinen zielgerichteten Fortschritt oder eine Selbstoptimierung, sondern fortwährende phylogenetische Selektion bei dauernden Strukturkoppelungen.
Erkenntnis ist stets an einen Beobachter gebunden. „Alles Gesagte ist von jemandem gesagt.“ Die Autoren nennen das subjektgebundene Entwerfen eines Bildes der Realität „Ontieren“. Die Welt, die Menschen wahrnehmen, ist demnach nicht einfach „die Welt“, sondern „eine Welt, die wir mit anderen hervorbringen“. Das „Erkennen des Erkennens“ soll deshalb zur Wachsamkeit gegenüber der Versuchung führen, sich seiner Erkenntnis absolut sicher zu sein.
Natürliches Driften und Autopoiese
Das Leben entwickelt sich nach Maturana und Varela ohne Entwurf und ohne lenkende Kraft. Beim „natürlichen Driften“ werden vielfältige Möglichkeiten geprüft; jeder Einzelfall entsteht aus Zufallsvariationen. Die Geschichte des Sterns bildet dabei den Rahmen: Auf molekulare Homogenität folgen chemische Transformationen und eine Vielfalt molekularer Substanzen, etwa Kohlenstoffketten. So werden Lebewesen und immer komplexere Formen aus harmonisch verbundenen Teilen möglich.
Wiederkehrende Grundprinzipien sind beispielsweise die Reproduktion durch Zellteilung und die Tatsache, dass jeder Beginn eines Lebenszyklus auf eine Zelle zurückgeht. Entscheidend sind außerdem die Erhaltung der Autopoiese und die Anpassung an das Driften des Milieus. Die zirkuläre Penrose-Treppe steht hierbei für Rückkoppelungen: Vorgänge wirken auf ihre eigenen Voraussetzungen zurück. Dieses Prinzip gilt nach den Autoren auch für Erkenntnis und Kommunikation und soll extreme Vorstellungen einer vollständigen Ich- oder Weltdominanz ausgleichen.
Selbsterschaffung und strukturelle Koppelung
Autopoiese bedeutet „sich selbst schaffende“ Organisation und bezeichnet für Maturana und Varela ein Kennzeichen alles Lebendigen. Eine Zelle ist ein Beispiel: Ihr Stoffwechsel erzeugt Bestandteile, die wieder in das Netz von Transformationen eingebaut werden, das diese Bestandteile hervorgebracht hat. Zugleich bildet die Zelle eine Membran als Rand, durch den sie als Einheit entsteht. Die Membran reguliert den Stoffdurchfluss nach außen und innen und wirkt damit selbst am Erhalt der Zelle mit.
Eine Zelle interagiert nur mit Substanzen, die zu ihrer Organisation und Struktur passen, zum Beispiel mit Natrium- und Calcium-Ionen. Veränderungen werden deshalb durch die eigene Struktur der Zelle bestimmt. Die Zelle ist autonom, lebt also nach ihren eigenen Gesetzen, ist aber nicht selbstversorgend: Sie benötigt lebensnotwendige Zulieferungen. Da auch diese nach ähnlichen Prinzipien organisiert sind, entsteht im Überlebensprozess ein Ausgleich beziehungsweise Zusammenarbeit oder Symbiose.
Auch mehrzellige Lebewesen, die Metazeller, sind autopoietische Systeme zweiter Ordnung. Ihr Nervensystem ermöglicht eine rekursive strukturelle Koppelung mit dem Milieu. Das Milieu bestimmt die Einheit nicht direkt, sondern löst Strukturveränderungen aus. Das Lebewesen reagiert durch Auswahl und integrierende Verarbeitung und beeinflusst dadurch wiederum sein Milieu. Veränderungen verlaufen somit wechselseitig und rekursiv.
Nervensystem, Sprache und Gesellschaft
Mit dem Nervensystem entsteht ein interneuronales Netzwerk, das motorische und sensorische Zellen verbindet und dessen Zentrum das Gehirn ist. Es steht mit Beweglichkeit und sensomotorischer Koordination in Verbindung, etwa bei Nahrungssuche, Flucht und Fortpflanzung. Maturana und Varela sehen darin die Voraussetzung für Denken, Bewusstsein und Erkenntnis.
Sie vergleichen zwei gegensätzliche Weltbild-Interpretationen. Die solipsistische Perspektive versteht die Welt als Vorstellung aus der Perspektive des Ich-Bewusstseins; Begriffe erhalten ihre Bedeutung allein durch die Bewusstseinszustände des denkenden Subjekts. Der Repräsentationismus nimmt dagegen an, das Nervensystem bilde Gegenstände und Zusammenhänge der Außenwelt in Gehirnmodulen ab, speichere und verarbeite sie. Das Milieu bestimme dann zielgerichtet das Verhalten.
Maturana und Varela bewerten beide Auffassungen als Extreme. Die solipsistische Sicht könne zu kognitiver Einsamkeit und einer von der Alltagswelt abgetrennten Philosophie führen. Der Repräsentationismus arbeite dagegen mit einem linearen Ursache-Folge-Modell wie „Umwelt → Lebewesen“. Nach ihrer Auffassung sind biologische und soziale Prozesse vielmehr vernetzte Rückkoppelungen: Das Nervensystem arbeitet strukturdeterminiert; das Milieu löst Verhalten aus, bestimmt es aber nicht.
Soziale Wirbeltiere entwickeln Gesellschaftssysteme als Koppelung dritter Ordnung. Sprache entsteht nicht als einheitlicher Entwurf im Gehirn, sondern durch die Koordination von Handlungen im sozialen Kontext. Dieses „Reich der Sprache“ gehört zum Milieu. Das gemeinsame „In-der-Sprache-Sein“ wird als Bewusstsein, Geist und Ich erfahren. Damit verbinden die Autoren Erkenntnis mit gemeinschaftlichem Handeln.
Ethik und wissenschaftliche Einordnung
Die Ethik der Autoren setzt bei Phylogenese, Ontogenese und sozialen Strukturen an. Ausgangspunkt ist der Akt der Liebe bei der Paarung sowie die Abhängigkeit von Gruppenmitgliedern für Überleben, Nachkommenschaft und deren Fortbestand. Deshalb hat die Gemeinschaft Vorrang. Menschen seien zur Akzeptanz anderer und zur Zusammenarbeit verpflichtet, um ihre Welt gemeinsam zu erkennen und in ihr leben zu können. Empfohlen werden Mittelwege zwischen unterschiedlich begründbaren Perspektiven. Dafür seien Reflexion, die Erkenntnis des eigenen Nicht-Wissens und ein den gesamten Körper einbeziehendes Erkennen nötig.
Die Theorie wird dem Konstruktivismus zugeordnet. Als dessen Wurzeln nennt der Artikel die Kybernetik Heinz von Foersters, die Entwicklungs- und Sprachpsychologie Ernst von Glasersfelds sowie die biologische Theorie der Kognition und lebender Systeme von Maturana und Varela. Wissenschaftliche Aussagen gelten dabei nicht als bessere Abbildungen „der“ Realität, sondern als Ergebnisse einer Methode: Beobachtung eines erklärungsbedürftigen Phänomens, Entwicklung einer Hypothese als deterministisches System, Erzeugung eines vorhergesagten Zustands oder Prozesses und Beobachtung des vorhergesagten Phänomens.
Beobachtung wird dabei selbst als konstruktiver Prozess verstanden. Wissenschaft ist somit eine besondere Form des Problemlösens. Die „Viabilität“ einer Lösung hängt nicht von einer nicht feststellbaren Übereinstimmung mit „der“ Wirklichkeit ab, sondern davon, ob sie Handeln ermöglicht und ob sie vereinbarten Kriterien für „gute“ Lösungen entspricht. Die Theorie wirkte laut Artikel unter anderem in Kommunikationswissenschaft, Psychotherapie, Soziologie, Empirischer Literaturwissenschaft und Kunsttheorie weiter.