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Langes s

Im Gegensatz zu dem seit dem 29. Juni 2017 (rechtschreiblich) gültigen großen „ẞ“ gibt es das „lange ſ“ nur als Kleinbuchstaben. In gebrochenen Schriften ist …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Definition und Bedeutung
  2. 2. Entwicklung und Rückgang
  3. 3. Traditionelle deutsche Regeln
  4. 4. Heutige Verwendung und andere Sprachen
  5. 5. Digitale Darstellung und typische Fehler

Definition und Bedeutung

Das lange s, auch Lang-s oder Schaft-s genannt, ist das Zeichen „ſ“. Es ist keine eigene Buchstabenart, sondern eine grafische, von ihrer Stellung abhängige Variante des Kleinbuchstabens s. Eine solche Variante desselben Graphems heißt Allograph. Kennzeichnend ist der senkrechte Schaft. Ein Großbuchstabe zum langen s gehört nicht zur üblichen Rechtschreibung; anders als das seit dem 29. Juni 2017 gültige große „ẞ“ existiert „ſ“ grundsätzlich nur als Kleinbuchstabe.

Historisch wurden das lange ſ und das runde s nebeneinander verwendet. In deutschen gebrochenen Schriften steht ſ traditionell vor allem am Anfang oder im Inneren einer Silbe, das runde s dagegen am Silbenende. Das lange s ist außerdem der erste Bestandteil der Ligaturen „ſʒ“ beziehungsweise „ſz“ und „ſs“. Ligaturen sind miteinander verbundene Buchstabenzeichen. Diese Verbindungen gelten als Ursprung des Buchstabens ß.

In den heute üblichen Antiqua-Schriften wird ſ normalerweise nicht mehr verwendet. Ein genereller Verzicht ist nach der heutigen deutschen Rechtschreibung zulässig, weil sie keine Vorschriften zur allographischen Darstellung des s macht. Das Zeichen selbst ist daher nicht grundsätzlich orthographisch falsch; entscheidend sind Schriftart und angewandte Satzkonvention.

Entwicklung und Rückgang

Die Entwicklung begann mit der Halbunziale des 5. bis 8. Jahrhunderts. In dieser Übergangsschrift von der Groß- zur Kleinbuchstabenschrift erschienen das zweilinige s und das dreilinige ſ nebeneinander. Die karolingische Minuskel des 9. bis 12. Jahrhunderts passte ihre Buchstaben vollständig an ein Vierliniensystem an. Aus ihr entwickelten sich mittelbar sowohl die gebrochenen Schriften einschließlich der deutschen Kurrentschrift als auch die Antiqua. Einige Schreibschulen verwendeten zunächst ausschließlich das lange s. Das runde s trat jedoch bereits im 9. Jahrhundert wieder am Wortende auf; in der Wortmitte ist es seit dem 12. Jahrhundert belegt.

Auch das von Gottfried Wilhelm Leibniz eingeführte Integralzeichen „∫“ geht auf das lange s im lateinischen Wort „ſumma“ zurück.

Seit dem 18. Jahrhundert verlor die Unterscheidung im internationalen Antiquasatz an Bedeutung. In französischen Texten verschwand ſ zur Zeit der Revolution nahezu schlagartig: Das Jahrbuch Connaissance des temps benutzte es bis zum Erscheinungsjahr 1792, ab 1793 dagegen das runde s.

Deutschsprachige Texte wurden um 1800 zunehmend in Antiqua gesetzt. Im 19. Jahrhundert galt dort grundsätzlich das runde s; „ſs“ konnte jedoch für das im Fraktursatz verwendete ß stehen. So unterschied man etwa Waſſer beziehungsweise Wasser von Fluſs beziehungsweise Fluß. Die Rechtschreibvereinheitlichung von 1901 schrieb auch für Antiqua ein ß-Zeichen vor. Ab 1904 verfügten die meisten Druckereien über entsprechende Lettern. Der Duden erklärte 1915 das lange ſ in lateinischer Schrift für unzulässig; „ſs“ blieb nur als Notbehelf erlaubt, wenn kein ß vorhanden war. Nach dem Normalschrifterlass wurde auch der Duden ab 1942 von Fraktur auf Antiqua umgestellt.

Traditionelle deutsche Regeln

Die Orthographische Konferenz von 1901 legte Regeln für gebrochene Schriften fest. Grundprinzip: Das runde s steht im Silbenauslaut, das lange ſ überall dort, wo diese Bedingung nicht erfüllt ist.

Das runde s wird verwendet:

• am Wortende, etwa „Haus“, „Kosmos“ und „Pils“, aber „Hauſe“, „Häuſer“ und „Pilſener“;

• am Ende eines Wortbestandteils, als Fugen-s und vor einem neuen Teilwort, etwa „Haus-tür“, „Arbeits-amt“, „Wirts-ſtube“ und „Aus-ſicht“;

• vor Wortbildungssuffixen, die mit einem Mitlaut beginnen, etwa „Wachs-tum“, „Häus-lein“, „Mäus-chen“ und „nachweis-bar“;

• allgemein am Silbenende, auch innerhalb eines Wortes, etwa „kos-miſch“, „Dres-den“ und „Os-nabrück“.

Das lange ſ steht dagegen:

• im Silbenanlaut und vor einem Vokal innerhalb der Silbe, etwa „ſauſen“, „einſpielen“, „Pſyche“ und „Miſanthrop“;

• in den Verbindungen ſp, ſt und seit 1901 auch ſz, sofern sie nicht durch eine Wortfuge entstehen, etwa „Weſpe“, „faſten“, „Oſzillograph“, „Luſt“ und „du ſtehſt“;

• in Digraphen, also Buchstabenverbindungen für einen Laut, beispielsweise ſch und in Fremdwörtern ſh, sowie bei doppeltem s: „Buſch“, „Flaſh“, „Waſſer“ und „Biſſen“;

• vor l, n oder r, wenn ein e ausgefallen ist, etwa „unſre“, „Pilſner“ und „Wechſler“;

• vor einem Apostroph und auch am durch Trennung entstandenen Zeilenende.

Die Unterscheidung kann Wortbestandteile und Bedeutungen sichtbar machen. „Wachſtube“ bedeutet Wach·stube, „Wachstube“ dagegen Wachs·tube. Ebenso bezeichnet „Kreiſchen“ das Schreien, während „Kreischen“ als Kreis·chen einen kleinen Kreis meint. Ein Nachteil ist die Ähnlichkeit von ſ und f. Das f lässt sich jedoch am waagerechten f-Strich rechts vom Schaft erkennen.

Heutige Verwendung und andere Sprachen

Die aktuelle amtliche Rechtschreibung nennt weder das lange s noch besondere Regeln für gebrochene Schriften. Deshalb ist der vollständige Verzicht regelkonform. Wer in Fraktur oder einer anderen gebrochenen Schrift zwischen ſ und s unterscheidet, folgt meist den überlieferten Regeln, teilweise in einer an die neue Rechtschreibung angepassten Form.

In der Praxis ist die Verwendung uneinheitlich. Viele Menschen kennen die Regeln nicht, und manche Computerschriften oder Programme unterstützen die Unterscheidung nicht automatisch. Daher erscheint Fraktur häufig nur mit rundem s. Umgekehrt enthalten manche Schriften an dessen Stelle ein langes ſ, sodass dieses fälschlich überall auftaucht. Weder die ausschließliche Verwendung von ſ noch beliebige Mischungen entsprechen den traditionellen Regeln. Friedrich Forssman hält ſ in gebrochenen Schriften grundsätzlich für unverzichtbar, lässt aber bei gotischen Schriften, fremdsprachigen Anwendungen oder Verwechslungsgefahr das runde s zu; diese Sonderbehandlung ist umstritten.

Historisch gab es ſ auch in romanischen, englischen, niederländischen, westslawischen und skandinavischen Schriften. Die Regeln unterschieden sich:

• Im Niederländischen orientierte sich die Wahl ähnlich wie im Deutschen an den Wortbestandteilen.

• Im Englischen, Französischen, Italienischen und Spanischen war sie stärker grafisch bestimmt. Häufig stand rundes s am Wortende sowie in bestimmten Umgebungen, etwa vor Apostrophen oder einzelnen Buchstaben; sonst verwendete man ſ. Die im Artikel genannten englischen Regeln sind ausdrücklich als unzureichend belegt und fragwürdig markiert.

• Im Mittellateinischen stand unabhängig von den Wortbestandteilen ſ in der Wortmitte und s am Wortende, etwa „nobiſcum“, aber „properas“.

• Im Finnischen galt ein phonetisches Prinzip: s stand am Silbenende, ſ am Silbenanfang und im Silbeninneren, etwa „Hämeesſä“ und „oſakſi“.

Digitale Darstellung und typische Fehler

Unicode kodiert das lange s als U+017F LATIN SMALL LETTER LONG S „ſ“ im Block „Lateinisch, erweitert-A“. Die Ligatur „ſt“ besitzt den Code U+FB05 LATIN SMALL LIGATURE LONG S T, ist aber nur aus Kompatibilitätsgründen vorhanden und nicht für den aktiven Gebrauch gedacht. ASCII und die Normenfamilie ISO 8859 enthalten ſ nicht.

In HTML kann das Zeichen direkt oder als numerische Entität „ſ“ beziehungsweise „ſ“ geschrieben werden; eine benannte Entität existiert nicht. Fehlt ſ in einem Zeichensatz oder einer Schrift, soll es durch das normale runde s ersetzt werden. Da moderne Systeme und Schriften meist Unicode verwenden, ist eine technische Ersetzung heute kaum noch erforderlich. LaTeX, XeTeX und viele Programme mit Unterstützung für OpenType- oder AAT-Schriften ermöglichen den Schriftsatz mit langem s.

Auf einer E1-Tastatur nach DIN 2137 wird ſ durch die vorgesehene Tastenfolge mit s eingegeben, bei Neo durch Mod3 + ß. Unter Microsoft Windows funktioniert in manchen Programmen linke Alt-Taste plus 383 auf dem Ziffernblock. X11-Systeme können eine eigene Tastenzuordnung verwenden.

Typische Fehler entstehen, wenn Antiqua- und Frakturregeln vermischt werden. Nach traditionellen Regeln wäre in gebrochener Schrift „Gaſſe“ statt „Gasse“ zu setzen. Umgekehrt ist ſ am Wort- oder Silbenende falsch: korrekt sind beispielsweise „Dingslebener“, „ins Remstal“, „Jeſus“ und „das“, nicht „Dingſlebener“, „inſ Remſtal“, „Jeſuſ“ oder „daſ“. Auch die Verwechslung mit f kommt vor, etwa bei einer falschen Wiedergabe von „Jägermeister“ als „Jägermeifter“.

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