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Architektur der Renaissance

Die Architektur der Renaissance ist die Architektur des Zeitraums zwischen dem frühen 15. und späten 16. Jahrhundert in verschiedenen Regionen Europas, …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff, Zeitraum und Entwicklung
  2. 2. Gestaltungsprinzipien und Bauteile
  3. 3. Entstehungsbedingungen und Architekturtheorie
  4. 4. Bedeutende Architekten und Werke in Italien
  5. 5. Ausbreitung in Europa und Nachwirkung

Begriff, Zeitraum und Entwicklung

Die Architektur der Renaissance bezeichnet die europäische Baukunst vom frühen 15. bis zum späten 16. Jahrhundert. Sie entstand zuerst in Florenz und strebte bewusst danach, Elemente der römischen Antike wiederzubeleben und weiterzuentwickeln. Die griechische Architektur war den damaligen Architekturtheoretikern dagegen kaum bekannt oder wurde von ihnen nicht berücksichtigt. Stilgeschichtlich folgte die Renaissance auf die Gotik und ging später in die Barockarchitektur über. Ihre wichtigsten Grundideen waren Symmetrie, klar bestimmte Proportionen und eine geordnete Gliederung aller Bauteile.

In Italien unterscheidet man drei Phasen: die Frührenaissance oder das Quattrocento, etwa 1400–1500, die Hochrenaissance, etwa 1500–1525, und den Manierismus, etwa 1520–1600. Für Architekturhistoriker umfasst die eigentliche Renaissance vor allem die Zeit von 1420 bis ungefähr 1525; außerhalb Italiens entwickelten sich spätere Ausprägungen.

Im Quattrocento wurden die klassischen Säulenordnungen und grundlegenden Gestaltungsregeln erarbeitet. Räume erhielten geometrisch bestimmte Verhältnisse von Länge, Breite und Höhe und wurden durch Pilaster oder Lisenen rhythmisch gegliedert. In der Hochrenaissance wandten Architekten diese Regeln sicherer und oft reicher geschmückt an. Bramantes Tempietto von 1503 orientiert sich beispielsweise streng an antiken Rundtempeln. Im Manierismus wurde die harmonische Ordnung bewusst freier und wirkungsvoller behandelt. Michelangelos Kolossalordnung, bei der Pilaster oder Säulen mehrere Geschosse umfassen, ist dafür kennzeichnend. Der Übergang zum Barock verlief in Italien fließend; Giulio Romanos Palazzo del Te in Mantua nimmt bereits barocke Gestaltungsmittel vorweg.

Gestaltungsprinzipien und Bauteile

Renaissancearchitekten übernahmen antike Formen, passten sie aber an neue Aufgaben an. Kirchen als Versammlungsräume, große Handelsstädte und neuzeitliche Paläste hatten keine direkten römischen Vorbilder. Die antiken Ordnungen wurden daher untersucht, rekonstruiert und für veränderte Nutzungen eingesetzt.

Grundrisse waren meist rechtwinklig und symmetrisch. Ihre Proportionen wurden aus einem Modul, also einem wiederkehrenden Grundmaß, abgeleitet. Bei Kirchen konnte etwa die Tiefe eines Seitenschiffs als Modul dienen. Neu war die Forderung, Grundriss und Fassade aufeinander zu beziehen. Alberti verwirklichte dies in Sant’Andrea in Mantua; im Profanbau erreichten Palladios Villenentwürfe im 16. Jahrhundert einen Höhepunkt.

Fassaden wurden um eine senkrechte Mittelachse symmetrisch aufgebaut. Kirchenfassaden besaßen Ziergiebel, Pilaster, Bögen und Gebälke und lenkten den Blick zur Mitte. Als erste echte Renaissancefassade gilt die Fassade der Kathedrale von Pienza von 1459–1462. Dreigeschossige Stadtpaläste hatten häufig ein rustiziertes Erdgeschoss, darüber das besonders aufwendig gestaltete Piano nobile, also das repräsentative Hauptgeschoss, und ein niedrigeres Mezzaningeschoss für Bedienstete. Ein frühes, oft nachgeahmtes Beispiel ist Albertis Palazzo Rucellai von 1446–1451.

Die fünf übernommenen Säulenordnungen waren die toskanische, dorische, ionische, korinthische und komposite Ordnung. Säulen trugen Arkaden oder Architrave; Pilaster und Lisenen konnten rein dekorativ sein. Bögen waren halbkreisförmig oder, besonders im Manierismus, aus Kreissegmenten zu ovalen Formen zusammengesetzt. Renaissancegewölbe besaßen keine Rippen und beruhten meist auf Halbkugeln oder Kugelsegmenten über quadratischem Grundriss. Alberti führte mit Sant’Andrea das Tonnengewölbe wieder in das architektonische Formenrepertoire ein.

Kuppeln wurden nach dem Erfolg von Brunelleschis Florentiner Domkuppel und Bramantes Petersdom-Entwurf zu einem wichtigen Element des Kirchenbaus. Palladio verwendete mit der Villa Rotonda erstmals eine Kuppel in einem Profanbau. Dächer waren meist mit 20–35° relativ flach geneigt; nördlich der Alpen verlangten höhere Schneelasten steilere Dächer. Innen verdeckten flache, häufig bemalte Decken oder Gewölbe die Dachkonstruktion.

Türen und Fenster erhielten waagerechte Stürze, Bögen sowie dreieckige oder halbrunde Giebel. Das Palladiofenster oder die Serliana kombiniert drei Öffnungen: Die mittlere wird von einem Bogen überspannt, die seitlichen schließen waagerecht. Außenwände waren verputzt oder mit Naturstein, oft Marmor, verkleidet; Gebäudeecken wurden durch Bossenwerk betont. Helle Innenwände wurden plastisch oder durch gemalte Architektur gegliedert, repräsentative Räume mit Fresken ausgestattet. Gesimse, Friese und weitere Einzelheiten folgten einem präzisen, aus dem Studium römischer Bauten entwickelten Regelkanon.

Entstehungsbedingungen und Architekturtheorie

Florenz und das Italien des 15. Jahrhunderts gelten als Wiege der Renaissance. Anders als der allmähliche Übergang von der Romanik zur Gotik wurde die Hinwendung zur Antike bewusst durch einzelne Architekten vorangetrieben. Begünstigt wurde sie durch erhaltene römische Bauwerke, Fortschritte in Wissenschaft und Bildung sowie italienische Traditionen klarer, geometrisch bestimmbarer Formen. Die Gotik setzte sich in Italien weniger stark durch; eine große Ausnahme ist der überwiegend von deutschen Baumeistern errichtete Mailänder Dom.

Italien war in konkurrierende Stadtstaaten geteilt. Florenz, Venedig und Neapel förderten die neue Kunst, um Macht und Ansehen zu gewinnen. Handel und Bankenwesen schufen den nötigen Wohlstand. Die Medici wurden Bankiers vieler europäischer Fürsten- und Königshäuser und prägten Florenz als informelle politische Macht und als Mäzene. Auch Familien wie die Gonzaga, Sforza, Farnese, Malatesta und Este unterstützten Künstler und Architekten.

Nach der Rückkehr des Papstes aus Avignon 1377 und der Stärkung des Papsttums durch das Konzil von Konstanz 1417 setzte in Rom ein großer Bauaufschwung ein. Er reichte vom Bau der Sixtinischen Kapelle in der Mitte des 15. Jahrhunderts bis zum Neubau des Petersdoms, dessen Grundstein um 1503 gelegt wurde und der ungefähr 120 Jahre später vollendet war. In Florenz dienten Kirchenbauten zugleich dem Bürgerstolz. Handwerksgilden, Stadtregierung und Stadtteile beteiligten sich etwa an der Vollendung des Doms.

Buchdruck, wiederentdeckte antike Texte, Handel und politische Kontakte förderten den Humanismus und die Architekturtheorie. Albertis um 1450 entstandenes De re aedificatoria beruhte auf Vitruvs 1415 wiederentdecktem De architectura und wurde 1485 als erstes Architekturbuch gedruckt. Es folgten Serlios Regole generali d’architettura von 1537, Vignolas Regola delle cinque ordini d’architettura von 1562 und Palladios I quattro libri dell’architettura von 1570. Vignola beschrieb die Säulenordnung als anpassbares System relativer Verhältnisse zwischen Kapitell, Säule, Fuß, Höhe und Durchmesser. Solche Bücher verbreiteten die Renaissancelehre unter Architekten, Mäzenen und Bauherren in ganz Europa.

Bedeutende Architekten und Werke in Italien

Filippo Brunelleschi (1377–1446) gilt als zentraler Begründer der Renaissancearchitektur. Er entwickelte die Zentralperspektive weiter und leitete aus römischen Bauten einfache mathematische Proportionen ab. Für ihn war der Halbkreisbogen genau doppelt so breit wie hoch. Ab 1420 errichtete er die Kuppel des Florentiner Doms als zweischaliges, durch Rippen verbundenes achteckiges Klostergewölbe. Das Fischgrätmuster der Vermauerung erleichterte die Gerüstarbeiten; 1435 wurde die acht Meter breite Öffnung mit einer Laterne geschlossen. Das um 1419 entworfene Ospedale degli Innocenti gilt als erstes Renaissancebauwerk. In San Lorenzo und Santo Spirito bestimmte die Seitenschiffbreite als Modul die horizontalen und vertikalen Maße.

Michelozzo entwarf 1444 den Palazzo Medici Riccardi. Seine unterschiedlich ausgeprägte Rustika und das mehr als 2,50 Meter auskragende Dachgesims wurden prägend. Leon Battista Alberti verband praktische Entwürfe mit einflussreicher Theorie. In Sant’Andrea in Mantua übertrug er das Motiv des römischen Triumphbogens auf Fassade und Innenraum und formulierte einen grundlegenden Typ der Renaissancekirche. Für Santa Maria Novella verwendete er Schnecken beziehungsweise Voluten, um die niedrigeren Seitenschiffe mit dem höheren Mittelteil zu verbinden. Am Palazzo Rucellai gliederte er drei Geschosse durch Gesimse und Pilaster.

In der Hochrenaissance verband Donato Bramante (1444–1514) antike Vorbilder mit neuen Bauaufgaben. Sein nur knapp fünf Meter breiter Tempietto in Rom gilt als Vollendung der Renaissance. Sein Siegerentwurf für den Petersdom führte 1506 zur Grundsteinlegung, wurde aber von seinen Nachfolgern mehrfach verändert. Antonio da Sangallo der Jüngere entwarf den ausgewogenen Palazzo Farnese; Michelangelo ergänzte später das oberste Geschoss und das kräftige Dachgesims. Raffaels Palazzo Pandolfini nahm die abwechselnd dreieckigen und halbrunden Fenstergiebel des Palazzo Farnese vorweg.

Im Manierismus experimentierten Baldassare Peruzzi und Giulio Romano mit Raum, Perspektive und klassischen Regeln. Peruzzis Palazzo Massimo alle Colonne folgt einer gekrümmten Straße. Romanos Palazzo del Te nutzt skulpturale und illusionistische Effekte und weist auf den Barock voraus.

Michelangelo gestaltete im Vestibül der Laurenziana eine dominierende dreiläufige Treppe, bei der Architektur und Bildhauerei ineinander übergehen. Auf dem römischen Kapitol verband er schief zueinander stehende Gebäude durch ein trapezförmiges Platzkonzept, eine Kolossalordnung und den gegenüber dem Konservatorenpalast angeordneten Palazzo Nuovo. Ab Dezember 1546 vereinfachte er den Petersdom-Entwurf, verstärkte Bramantes Pfeiler und plante eine zweischalige, gerippte Kuppel. Giacomo della Porta vollendete sie in veränderter Form und schuf mit der Fassade von Il Gesù einen wichtigen Übergang zum Barock.

Andrea Palladio (1508–1580) gilt als einflussreichster Renaissancearchitekt. Seine Villa Capra, La Rotonda, besitzt einen kreisrunden Zentralraum, vier kreuzförmig angeordnete Flure und vier Tempelvorbauten mit jeweils sechs Säulen. Seine Bauten und seine Vier Bücher zur Architektur wurden zur Grundlage des Palladianismus.

Ausbreitung in Europa und Nachwirkung

Innerhalb Italiens verbreitete sich die Renaissance im 15. Jahrhundert über die Höfe von Mantua, Urbino, Ferrara, Mailand, Venedig und Neapel. Außerhalb Italiens erfolgte die Übernahme zeitlich versetzt und in regional unterschiedlichen Formen. Bücher, Pläne und Druckgrafiken waren besonders wichtig, weil viele ausländische Baumeister Italien nicht selbst kannten. Zugleich arbeiteten italienische Architekten im Ausland, während Architekten wie Philibert de l’Orme, Heinrich Schickhardt, Juan Bautista de Toledo und Inigo Jones in Italien studierten.

In Deutschland verband sich die Renaissance häufig mit spätgotischen Formen und flämischem Dekor. Bedeutende Beispiele sind die Fuggerhäuser in Augsburg, die Stadtresidenz Landshut, das Heidelberger Schloss und die Rathäuser von Nürnberg und Augsburg. St. Michael in München von 1583–1597 besitzt ein 20 Meter weites Backstein-Tonnengewölbe und zeigt den Einfluss von Il Gesù. Die protestantische Stadtkirche Göppingen von 1618–1619 hat eine stützenfreie, 20 Meter weit gespannte Flachdecke.

In Frankreich förderten die Kriege in Norditalien die Übernahme des Stils. Bedeutende Schlossbauten sind Montsoreau ab 1453, Chambord ab 1519, Fontainebleau ab 1528 und der Louvre ab 1546. In den Niederlanden wurde das um 1564 vollendete Antwerpener Rathaus zum Vorbild zahlreicher nordeuropäischer Rathäuser. Gotische Bauformen blieben dort erhalten und wurden unter anderem durch größere Fenster und Volutengiebel verändert.

In England entwickelte sich aus dem spätgotischen Tudorstil zunächst die elisabethanische, danach die jakobinische Architektur. Inigo Jones führte unter dem Einfluss Palladios eine strengere klassische Form ein. Das Queen’s House ab 1616 und das Banqueting House ab 1619 wurden zu Vorbildern des englischen Palladianismus und des klassizistischen Barocks. Skandinavische Bauten wie Kronborg und Frederiksborg waren stark flämisch geprägt. In Spanien verband der reich dekorierte Plateresco-Stil klassische Ordnungen mit gotischen und maurischen Elementen; ab Mitte des 16. Jahrhunderts folgte der strenge, fast schmucklose Herrera-Stil, dessen bekanntestes Beispiel der Escorial ist. Portugal entwickelte aus gotischen Bauten mit Renaissanceornamenten zunächst die Manuelinik, etwa am Torre de Belém und am Mosteiro dos Jerónimos.

Polens Renaissance verlief von einer durch italienische Architekten geprägten Phase 1500–1550 über eine stärker manieristische oder flämisch beeinflusste Phase 1550–1600 bis zur jesuitisch geprägten Entwicklung in Richtung Barock 1600–1650. In Ungarn setzte der Einfluss nach der Heirat von Matthias Corvinus und Beatrix von Aragón 1476 früh ein. In Russland verbanden italienische Baumeister Renaissanceformen mit einheimischen Traditionen, unter anderem an der Uspenski-Kathedrale und am Facettenpalast im Moskauer Kreml.

Später wurde die Renaissance mehrfach neu aufgegriffen. Im 18. Jahrhundert verbreitete Richard Boyle in England erneut die Lehren Vitruvs und Palladios; Chiswick House von 1726–1729 deutet Palladios La Rotonda neu. Im 19. Jahrhundert entstanden Neorenaissancebauten wie der Reform Club in London von 1841 und die Pariser Opéra Garnier von 1860–1875. Auch in den USA wirkten Palladios Formen auf Thomas Jeffersons Monticello sowie auf Kapitol und Weißes Haus. In der Postmoderne griffen Architekten Renaissanceformen spielerisch auf, etwa Charles Willard Moore mit der Piazza d’Italia in New Orleans und Oswald Mathias Ungers mit der Galerie der Gegenwart in Hamburg.

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