Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Barmherziger Samariter
Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter zählt zu den bekanntesten Erzählungen Jesu im Neuen Testament. Das Gleichnis wird im Evangelium des Lukas (Lk 10 …
Inhalt6 Abschnitte
Kern und Erzählform
Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter gehört zu den bekanntesten Erzählungen Jesu im Neuen Testament. Es steht im Evangelium nach Lukas (Lk 10,29–37) und gilt als Appell zur tätigen Nächstenliebe: Hilfe zeigt sich nicht nur in einer Haltung, sondern in konkretem Handeln für einen Menschen in Not.
In der Exegese, also der wissenschaftlichen Auslegung biblischer Texte, wird die Erzählung nicht immer als Gleichnis im engeren Sinn verstanden, sondern oft als Beispielerzählung. Eine Beispielerzählung zeigt eine besondere, nicht alltägliche Begebenheit und lädt die Hörenden ein, sich mit der Situation zu identifizieren und ihren Sinn an einem konkreten praktischen Fall zu verstehen. Sie gilt als Sonderform der Parabel. Anders als bei manchen Parabeln ist hier die gemeinte Sache selbst direkt im Bild enthalten: Es geht um praktizierte Nächstenliebe.
Die Handlung
Ein Schriftgelehrter fragt Jesus, was er tun müsse, um das ewige Leben zu erwerben. Jesus verweist ihn auf die Tora, also die jüdische Weisung. Der Schriftgelehrte antwortet mit zwei zentralen Geboten: der Liebe zu Gott und der Liebe zum Nächsten. Er verbindet dabei das Schma Jisrael mit dem Gebot aus Lev 19,18: „Liebe deinen Nächsten, wie du dich selbst liebst.“ Bei Lukas lautet die Zusammenfassung: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken, und: Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst.“
Jesus bestätigt diese Antwort und fordert ihn auf, entsprechend zu handeln. Darauf fragt der Schriftgelehrte: Wer ist mein Nächster? Als Antwort erzählt Jesus von einem Mann, der auf dem Weg von Jerusalem nach Jericho von Räubern überfallen, ausgeplündert und schwer verletzt zurückgelassen wird.
Zuerst kommt ein Priester vorbei. Er sieht den Verletzten, geht aber weiter. Danach kommt ein Levit, also ein Angehöriger einer Gruppe mit Aufgaben im religiösen Dienst. Auch er sieht den Mann und geht weiter. Schließlich kommt ein Samaritaner. Er sieht den Verletzten, hat Mitleid, versorgt seine Wunden, setzt ihn auf sein Reittier und bringt ihn in eine Herberge. Am nächsten Morgen gibt er dem Wirt zwei Denare und beauftragt ihn mit der Pflege. Zugleich verspricht er, bei seiner Rückkehr weitere Kosten zu erstatten.
Jesus fragt anschließend, wer von den dreien dem Überfallenen der Nächste gewesen sei. Der Schriftgelehrte antwortet, es sei der gewesen, der barmherzig an ihm gehandelt habe. Jesus fordert ihn auf, ebenso zu handeln.
Aufbau und Auslegung
Die Erzählung gehört zum lukanischen Sondergut, also zu Stoffen, die nur im Lukasevangelium überliefert sind. Ihr Aufbau entspricht der Midrasch-Einleitung des pharisäischen Judentums. Midrasch meint eine traditionelle jüdische Auslegung religiöser Texte. Die Struktur besteht aus einer einleitenden Frage zu einem Schrifttext, einem weiteren Schriftbezug, der Auslegung durch eine Beispielerzählung und einer Schlussbemerkung mit Aufforderung zum Tun.
Die Geschichte spielt an einem realen Ort: auf dem etwa 27 km langen Weg von Jerusalem nach Jericho. Dieser Weg führte von Jerusalem im Gebirge hinab nach Jericho im Jordantal und überwand mehr als eintausend Höhenmeter. Er war ein Teilstück eines wichtigen Handelsweges zwischen Afrika und Asien, aber durch seine Ödnis und Beschwerlichkeit auch gefährlich. Das machte ihn für Händler schwierig und für Räuber günstig.
Für den Priester und den Leviten spielen mögliche Reinheitsvorschriften eine Rolle. Nach der Tora durfte sich ein Priester nicht an der Leiche eines Stammesgenossen verunreinigen, außer bei nächsten Verwandten. Wenn der Verletzte tot gewesen wäre, hätte eine Berührung für den Priester eine Entweihung bedeutet. Für den Leviten hätte die Berührung eines Toten nach Num 19,11 sieben Tage rituelle Unreinheit, Tame, bedeutet. Er hätte dann am Ziel seines Weges keine rituellen Handlungen vornehmen dürfen.
Trotzdem liegt der Schwerpunkt der Erzählung nicht einfach auf Kritik am Tempelpersonal. Auch wird nicht gesagt, ob der Verletzte Jude war; der Handelsweg war international. Entscheidend ist, dass Liebe zu Gott in der Liebe zum Menschen konkret wird. Die Frage nach dem „Nächsten“ wird dabei umgedreht: Nicht zuerst wird bestimmt, wer als Hilfsbedürftiger mein Nächster ist. Vielmehr wird der Helfende dem Bedürftigen zum Nächsten.
Samaritaner und Provokation
Die Wahl eines Samaritaners als Helfer ist entscheidend. Samaritaner wurden von damaligen Juden einerseits als religiöse Verwandte betrachtet, andererseits auch als Feinde angesehen und stark verachtet. In der damaligen Vorstellung meinte „der Nächste“ häufig den Volksgenossen; das Volk galt als Solidargemeinschaft. Zugleich forderte die Schrift auch Liebe zu Fremden, weil Israel selbst in Ägypten die Existenz eines Fremdlings erlebt hatte.
In der Tradition des halachischen Midrasch hätte die Frage des Schriftgelehrten schnell beantwortet werden können: Nächste seien alle Israeliten und alle Vollproselyten, also Menschen, die vollständig zum Judentum übergetreten waren. Samaritaner konnten aus dieser Sicht schwer als Nächste gelten. Der Artikel erwähnt dazu, dass Samaritaner kurz zuvor, in den Jahren 6 und 9 n. Chr., den Tempelplatz in Jerusalem während des Pascha-Festes durch Ausstreuen menschlicher Gebeine verunreinigt hatten.
Gerade deshalb wirkt der Samaritaner in der Erzählung überraschend und provozierend. Er zeigt Mitgefühl und eine durchgehende Fürsorge: Er versorgt die Wunden, organisiert den Transport, bringt den Verletzten in eine Herberge, leistet Vorkasse und kündigt seine Rückkehr an. Seine Barmherzigkeit besteht also aus einer Reihe konkreter Handlungen.
Allegorie und Nachwirkung
Schon in der frühen Christenheit wurde das Gleichnis allegorisch gedeutet. Allegorie bedeutet, dass einzelne Elemente der Geschichte symbolisch auf andere Bedeutungen bezogen werden. Der unter die Räuber Gefallene wurde als Mensch schlechthin, Adam, verstanden. Jerusalem galt als Paradies, Jericho als Welt, die Räuber als feindliche dämonische Mächte. Der Priester stand für das Gesetz, der Levit für die Propheten und der Samariter für Christus. Die Wunden wurden als Ungehorsam gedeutet, das Reittier als Leib des Herrn, die Herberge als Kirche, der Wirt als Haupt der Kirche und die Rückkehr des Samariters als Wiedererscheinen Christi.
Die Wirkungsgeschichte der Erzählung ist groß. Wegen ihrer Dramatik verließ sie bald ihren frühchristlich-innerjüdischen Zusammenhang. Nächstenliebe wurde durch sie zu einer universellen Tugend; „Nächstenliebe“ und „Samariterdienst“ wurden sprichwörtlich miteinander verbunden. Beispiele für diese Nachwirkung sind die 1857 gegründeten australischen Sisters of the Good Samaritan, der 1888 gegründete deutsche Arbeiter-Samariter-Bund und die Samariter Schweiz. Im englischsprachigen Raum spielt Samaritan’s Purse auf die Geldbörse des Samariters aus Lk 10,35 an. Das „Good Samaritan Law“ regelt im angelsächsischen Rechtsbereich das Recht des Hilfeleistenden. Beim Vatikan ist die Gute-Samariter-Medaille die höchste Medaille für Arbeit im Gesundheitswesen.
Kunst und Musik
Der barmherzige Samariter ist ein sehr beliebtes Motiv in der religiösen Kunst. Dargestellt wurde die Erzählung unter anderem im Codex purpureus Rossanensis aus dem 6. Jahrhundert und im Evangeliar Heinrichs des Löwen aus dem 12. Jahrhundert. Weitere Darstellungen stammen unter anderem von Jost Ammann, Rembrandt van Rijn, Luca Giordano, George Frederic Watts, Gustave Doré, Gustave Moreau, Vincent van Gogh (1890), Maurice Denis (1898), Aimé-Nicolas Morot und Paula Modersohn-Becker. Eine Statue von François Sicard steht im Jardin des Tuileries in Paris. In der Kathedrale von Chartres zeigt das dritte rechte Fenster des Hauptschiffs das Gleichnis.
Auch in der Musik wurde der Stoff aufgegriffen. Johann Nepomuk David schrieb 1958 eine Evangelienmotette für vierstimmigen gemischten Chor a cappella mit dem Titel „Der barmherzige Samariter“. Benjamin Britten schuf 1963 die „Cantata misericordium“ op. 69 für Solisten, Chor und Kammerorchester. Das Lied „Samarithan“ von Candlemass auf dem Album „Nightfall“ überträgt die Problematik auf die heutige Zeit. Bob Dylan lässt den barmherzigen Samariter in seinem Songepos „Desolation Row“ von 1965 auftreten und verbindet dort gescheiterte Nächstenliebe mit Rassenunruhen, die 1920 im Heimatort seines Vaters stattfanden.