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Bahai-Lehren

Bahāʾullāh erklärt, der Zweck seiner Religion sei, „das Wohl des Menschengeschlechts zu sichern, seine Einheit zu fördern und den Geist der Liebe und …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundgedanken und Gottesverständnis
  2. 2. Religion und der Mensch
  3. 3. Einheit, Gerechtigkeit und Gleichberechtigung
  4. 4. Wissenschaft, Natur und Zivilisation
  5. 5. Frieden als Ziel der Menschheit
  6. 6. Einzelne, Gemeinschaften und Institutionen

Grundgedanken und Gottesverständnis

Die Bahai-Lehren sind die auf den Schriften Bahāʾullāhs und seiner autorisierten Nachfolger beruhenden Glaubensinhalte und Prinzipien der Bahai-Religion. Ihr Zweck besteht laut Bahāʾullāh darin, „das Wohl des Menschengeschlechts zu sichern, seine Einheit zu fördern und den Geist der Liebe und Verbundenheit unter den Menschen zu pflegen“. Zentrale Themen sind die Einheit Gottes, die Einheit der Religionen und der Menschheit, die geistige Würde des Menschen, die Harmonie von Religion und Wissenschaft, die Gleichberechtigung von Frauen und Männern sowie die Bedeutung der Gerechtigkeit. Diese Grundsätze sollen eine harmonische und friedliche Gesellschaft ermöglichen.

Gott wird als allwissender, allliebender und barmherziger Schöpfer des Universums beschrieben. Die gesamte Schöpfung gilt als Ausdruck göttlicher Eigenschaften. Das wahre Wesen Gottes bleibt dem menschlichen Verständnis jedoch immer entzogen, weil ein erschaffenes Wesen seinen Schöpfer nicht vollständig begreifen kann. Namen wie „der Allliebende“, „der Allmächtige“ oder „der Allwissende“ dienen daher dem Lobpreis Gottes, nicht der Beschreibung seines eigentlichen Wesens.

Das Wissen über Gott und seinen Willen wird durch die „Manifestationen Gottes“ vermittelt. Zu ihnen zählen Abraham, Moses, Zarathustra, Krishna, Siddhartha Gautama, Jesus Christus, Mohammed, der Bāb und Bahāʾullāh. Sie gelten nicht als gewöhnliche Menschen, sondern als göttliche Lehrer, die das Licht und Wissen Gottes entsprechend der Aufnahmefähigkeit der Menschen vollkommen widerspiegeln. Ihr gemeinsames Ziel ist es, die Seelen und Charaktere der Menschen zu erziehen und zum gesellschaftlichen Fortschritt beizutragen.

Die verschiedenen Offenbarungen können sich besonders bei sozialen Regeln und Praktiken unterscheiden, besitzen aber einen gemeinsamen Kern. Diese Vorstellung wird als fortschreitende Offenbarung bezeichnet: Gott begleitet die Menschheit durch verschiedene geistige, moralische und soziale Entwicklungsstufen. Die Lehren jeder Manifestation bilden die Grundlage einer neuen Kultur oder Zivilisation. Nach Bahai-Auffassung steht die Menschheit heute an der Schwelle zur kollektiven Reife, die sich in der Verwirklichung der Einheit der gesamten Menschheit in ihrer Vielfalt zeigen soll.

Religion und der Mensch

Religion gilt in den Bahai-Schriften als entscheidendes Mittel zur Entfaltung der Gesellschaft und zur Herstellung von Ordnung. Die Manifestationen Gottes sollen bisher ungenutzte Fähigkeiten der Menschheit wecken und Eigenschaften wie Aufrichtigkeit, Freundlichkeit, Mitgefühl, Großzügigkeit, Gerechtigkeit, Heldenmut und Dienstbarkeit fördern. Wahre Religion wirkt als einigende Kraft. Wenn Religion zu Hass, Abneigung und Spaltung führt, widerspricht dies ihrem eigentlichen Zweck. Die Religionen besitzen nach Bahai-Auffassung einen gemeinsamen Kern, werden aber entsprechend den Bedürfnissen und Fähigkeiten der jeweiligen Zeit unterschiedlich ausgedrückt. Diese Einheit der Religionen soll Versöhnung ermöglichen.

Die Identität des Menschen ist nach den Bahai-Schriften seine „vernunftbegabte Seele“, die nicht zur materiellen Welt gehört. Der Körper wird mit einem Spiegel verglichen, der durch die Seele erleuchtet und gestärkt wird. Die Fähigkeiten der Seele bilden die Grundlage menschlicher Wissenschaften, Künste, Institutionen und Unternehmungen. Nach dem Tod des Körpers bleibt die Seele bestehen, entwickelt sich weiter und erreicht schließlich die Gegenwart Gottes. Der Tod wird deshalb als Übergang in einen anderen Daseinszustand verstanden. Die physische Welt dient der Entwicklung geistiger Eigenschaften und Fähigkeiten, die nach dem Tod benötigt werden.

Der Sinn des menschlichen Lebens besteht darin, Gott anzuerkennen, nach Erkenntnis und Gottesnähe zu streben und göttliche Eigenschaften wie Gerechtigkeit, Liebe, Großzügigkeit und Wahrhaftigkeit widerzuspiegeln. Der Mensch wird als „Bergwerk reich an Edelsteinen von unschätzbarem Wert“ beschrieben. Bildung und Erziehung sollen diese Fähigkeiten hervorbringen. Der Mensch besitzt sowohl eine niedere, materielle als auch eine höhere, geistige Natur. Liebe und Wissen fördern die Entwicklung, während Selbstgerechtigkeit und Stolz sie behindern.

Zum geistigen Leben gehören sowohl das „Sein“ als auch das „Tun“: Einerseits sollen Menschen die göttlichen Lehren verstehen und geistige Eigenschaften entwickeln, andererseits sollen sie ihren Mitmenschen dienen. Großzügiges Geben von Zeit, Energie, Wissen und materiellen Mitteln gilt als Ausdruck der Liebe zu Gott. Gebet, Meditation, Fasten, Pilgerreise und Arbeit können Formen der Andacht sein, wenn sie in diesem Geist ausgeübt werden. Sie sollen sowohl die persönliche Entwicklung als auch das Zusammenleben stärken.

Einheit, Gerechtigkeit und Gleichberechtigung

Der „Dreh- und Angelpunkt“ der Bahai-Lehre ist die Einheit der gesamten Menschheit. Alle Menschen gehören zu einer einzigen Menschheitsfamilie. Die Gesellschaft wird mit einem menschlichen Körper verglichen, dessen verschiedene Zellen zusammenwirken. Ebenso sollen die unterschiedlichen Teile der Gesellschaft ihre gegenseitige Abhängigkeit erkennen und ihr eigenes Wohl im Wohl der gesamten Menschheit sehen.

Die Einheit schließt die Anerkennung von Vielfalt ein. Die Menschheit wird mit den verschiedenfarbigen und unterschiedlich geformten Blumen eines Gartens verglichen. Daraus folgt die Forderung, ethnische, religiöse und geschlechtsspezifische Vorurteile abzubauen und den Wert sowie die Würde jedes Menschen anzuerkennen. Der Bund Bahāʾullāhs, eine klare schriftliche Regelung der Nachfolge des Religionsstifters, soll die Einheit der Bahai-Gemeinde bewahren und relevante Abspaltungen verhindern.

Gerechtigkeit ist auf persönlicher Ebene eine Fähigkeit der Seele. Sie ermöglicht, mit eigenen Augen zu sehen, zwischen Wahrheit und Lüge zu unterscheiden und selbstständig nach Wahrheit zu suchen, statt blind Traditionen oder fremden Meinungen zu folgen. Auf gesellschaftlicher Ebene ist Gerechtigkeit der Maßstab für individuelles Verhalten und kollektive Anstrengungen. Bahāʾullāh formuliert: „Der Zweck der Gerechtigkeit ist das Zustandekommen von Einheit unter den Menschen.“ Gerechte soziale, politische und wirtschaftliche Strukturen müssen Menschen ermöglichen, ihre edlen Ziele zu verfolgen.

Die Bahai-Lehren fordern, beim Aufbau einer gerechteren Ordnung gewaltfrei und konstruktiv vorzugehen. Mittel und Zweck sollen übereinstimmen: Dauerhafte Einheit kann nicht durch Streit, unlautere Mittel oder die Annahme eines unvermeidbaren Interessenkonflikts zwischen allen Menschen entstehen.

Frauen und Männer besitzen nach den Bahai-Lehren die gleiche Würde und den gleichen Wert. Die Seele kennt kein Geschlecht, keine Rasse, ethnische Zugehörigkeit oder Klasse. Biologische Unterschiede gelten als komplementär, rechtfertigen aber keine unterschiedliche geistige oder menschliche Wertigkeit. Die Menschheit wird mit einem Vogel verglichen, dessen zwei Flügel Frauen und Männer sind: Nur wenn beide gleichmäßig entwickelt sind, kann der Vogel fliegen. Die Entwicklung beider Geschlechter ist deshalb für das Glück der Menschheit notwendig. Erforderlichenfalls sollen Mädchen in der Bildung bevorzugt werden, da Mütter häufig die ersten Erzieherinnen ihrer Kinder sind.

Wissenschaft, Natur und Zivilisation

Wissenschaft und Religion gelten als zwei notwendige und sich ergänzende Systeme des Wissens und der Praxis. Wissenschaft erschließt die physische Welt und ihre Gesetze; Religion bietet moralische Führung und spirituelle Einsicht. Sie werden mit den beiden Flügeln eines Vogels verglichen. Religion ohne Wissenschaft könne zu Aberglauben und Fanatismus führen, Wissenschaft ohne Religion zu Materialismus. Eine Religion, die der Wissenschaft widerspricht, gilt in den Bahai-Lehren als Unwissenheit. Der Zugang zu Wissen ist ein Recht jedes Menschen, und alle sollen entsprechend ihren Fähigkeiten an seiner Erarbeitung, Anwendung und Verbreitung mitwirken.

Die Natur wird als Spiegelbild göttlicher Eigenschaften und als Ausdruck des göttlichen Willens verstanden. Sie ist nicht nur Quelle von Nahrung und Reichtum, sondern dem Menschen anvertraut. Daraus folgt ein tiefer Respekt vor der Umwelt und ein verantwortungsvoller, maßvoller Umgang mit ihren Ressourcen. Die Natur besitzt einen Wert, der über wirtschaftliche Interessen hinausgeht. Nachhaltiges Umweltmanagement ist deshalb keine freiwillige Verpflichtung, die beliebig gegen andere Interessen abgewogen werden kann. Die Klimaerwärmung wird als Beispiel dafür genannt, dass Lösungen weltweite Zusammenarbeit, Bildung und die Vermittlung entsprechender Werte erfordern.

Der Fortschritt der Zivilisation wird als Entwicklung zur kollektiven Reife der Menschheit verstanden. Die heutige Menschheit befinde sich in einer Übergangszeit, die mit der Pubertät verglichen wird. Alte Vorstellungen und Verhaltensweisen sollen durch solche ersetzt werden, die der Einheit der Menschheit entsprechen. Der Wandel erstreckt sich über mehrere Generationen und ist von Krisen begleitet. Die entstehende globale Zivilisation soll sowohl materiell als auch geistig große Fortschritte ermöglichen.

Materielle Mittel sind für den Fortschritt notwendig, aber die Anhäufung von Reichtum bei Einzelnen gilt nicht als erstrebenswert. Wahrer Wohlstand bedeutet, materielle Ressourcen für hohe Ziele zu verwenden. Geistigkeit ist dabei keine bloße Sammlung von Ritualen, sondern soll alle Lebensbereiche durchdringen, die Gesellschaft verbessern und die Einheit der Gemeinschaft stärken. Materielle und geistige Entwicklung, Wissenschaft und Religion sowie Glaube und Vernunft sollen sich ergänzen.

Frieden als Ziel der Menschheit

Frieden ist ein zentrales Ziel der Bahai-Religion und prägt ihre Lehren, Praktiken und institutionellen Strukturen. Jeder Mensch besitzt das Potenzial, an einer friedvollen Gesellschaft mitzuwirken. Universeller Friede gilt als höchstes Ziel der Menschheit und als nächste Stufe ihrer Entwicklung.

Für die Verwirklichung des Friedens nennt der Artikel mehrere miteinander verbundene Voraussetzungen: die Einheit der Menschheit, den Abbau diskriminierender Vorurteile, die Harmonie von Religion und Wissenschaft, die Gleichheit von Frauen und Männern, die unabhängige Suche nach Wahrheit, die Annahme einer Welthilfssprache, die Abschaffung extremer Unterschiede zwischen Reichtum und Armut, weltweiten Zugang zu Bildung und die konsequente Anwendung der Gerechtigkeit.

Im Oktober 1985 veröffentlichte das Universale Haus der Gerechtigkeit, die leitende Körperschaft des Bahai-Glaubens, ein an die gesamte Menschheit gerichtetes Schreiben zum Weltfrieden. Darin wird Weltfrieden als nicht nur möglich, sondern als unvermeidlich beschrieben. Offen bleibt, ob er nach schweren Krisen durch das Festhalten an überholten Verhaltensweisen oder durch einen heutigen konsultativen Willensakt erreicht wird.

Die Friedensvorstellung beruht auf einem Menschenbild, das den Menschen nicht grundsätzlich als egoistisch und aggressiv betrachtet. Stattdessen sollen Liebe, Zusammenarbeit und gegenseitige Unterstützung als konstruktive Kräfte gestärkt werden. Frieden setzt voraus, dass jeder Mensch allen anderen gegenüber gerecht und mitfühlend handelt, unabhängig von kulturellen, sprachlichen, religiösen oder ethnischen Unterschieden. Er verbindet damit die geistige und die materielle Dimension des Lebens.

Einzelne, Gemeinschaften und Institutionen

Die Bahai-Lehren betrachten Einzelne, Gemeinschaften und gesellschaftliche Institutionen als drei wesentliche Akteure des sozialen Wandels. Ihr Verhältnis soll nicht durch Konkurrenz, Herrschaft und Machtkämpfe bestimmt sein, sondern durch harmonisches Zusammenwirken.

Einzelne Menschen besitzen das Potenzial, an der Weiterentwicklung der Zivilisation mitzuwirken und sich dabei selbst weiterzuentwickeln. Gemeinschaften schaffen das Umfeld, in dem Menschen lernen und sich entfalten. Sie stellen Strukturen und Systeme bereit, die die soziale Wirklichkeit prägen. Institutionen ermöglichen die Verwirklichung gemeinsamer Ziele, stärken die Einheit und fördern das Wohl der Gesellschaft. Sie sollen flexibel auf veränderte Bedürfnisse reagieren und stets das Gemeinwohl statt einzelner Partikularinteressen verfolgen.

Macht soll nicht als Instrument der Herrschaft, Überlegenheit, Spaltung oder des Kampfes verstanden werden. Im Mittelpunkt stehen vielmehr die Macht der Einheit, der Liebe, des demütigen Dienens und der reinen Taten. Macht bedeutet in diesem Sinn, Menschen und Fähigkeiten freizusetzen, zu ermutigen, zu führen, zu befähigen und konstruktiv zu kanalisieren. Sie ist eine unbegrenzte Fähigkeit zur Wandlung, die der Menschheit als Ganzem innewohnt.

Die administrative Ordnung der Bahai ist ein System von Institutionen zur Regelung der Angelegenheiten der Bahai-Gemeinde. Ihre Grundsätze und Institutionen wurden von Bahāʾullāh festgelegt. Sie ist untrennbar mit dem Bahai-Glauben verbunden, wird vom Universalen Haus der Gerechtigkeit geleitet und entsprechend den Bedürfnissen der Zeit weiterentwickelt.

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