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Universalismus (Religionswissenschaft)

Der Universalismus charakterisiert Religionen, die ihre Glaubensangebote und Heilsversprechen beziehungsweise ihre Gebote an alle Menschen adressieren.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee
  2. 2. Konzepte und Weltreligionen
  3. 3. Judentum, Christentum und Unitarischer Universalismus
  4. 4. Islamischer Universalismus
  5. 5. Gott, Kosmos und persönlicher Glaube
  6. 6. Politik, Pluralismus und Liberalismus

Grundidee

Religiöser Universalismus bezeichnet Religionen oder religiöse Vorstellungen, die ihre Glaubensangebote, Heilsversprechen oder Gebote an alle Menschen richten. Gemeint sind alle Menschen unabhängig von ethnischer Zugehörigkeit, politischer Ordnung oder territorialen Grenzen. Dieses Ideal wird auch religiöser Kosmopolitismus genannt.

Zum religiösen Universalismus werden außerdem die kosmische Religion und persönliche Glaubenserfahrungen gezählt. Ein wichtiger Gedanke ist, dass alles Seiende deutliche Spuren Gottes an sich trägt. Davon zu unterscheiden ist die natürliche Theologie: Sie versucht, aus menschlicher Vernunft und aus der Betrachtung der Schöpfung, also der Natur, Erkenntnis über Gott zu gewinnen. Sie erhebt aber nicht den Anspruch, selbst eine Religion zu sein, sondern will den Weltzusammenhang mit wissenschaftlicher Methodik geistig durchdringen.

Konzepte und Weltreligionen

Im religiösen Universalismus verlieren nationale und soziale Schranken ihre Bedeutung. Das Konzept grenzt sich klar von Nationalreligionen ab und wird mit dem Begriff Weltreligion verbunden. Vor allem Buddhismus, Christentum und Islam werden in diesem Sinn genannt. Ihr universalistischer Charakter soll unter anderem durch Missionsarbeit durchgesetzt werden.

Ein weiteres Ziel kann sein, Gegensätze zwischen Konfessionen zu überwinden oder verschiedene Religionen miteinander zu verschmelzen. Im Sinn eines positiven Pragmatismus wird dafür der Ausdruck „Religions-Esperanto“ verwendet. Der religiöse Universalismus geht damit deutlich über die Idee der Ökumene hinaus, also über die Zusammenarbeit und Annäherung christlicher Kirchen.

In der modernen Rezeption wird Paulus als Begründer eines ethischen Universalismus gesehen. Er wird als „Anwalt einer globalen, auch den Kosmos einbeziehenden Theologie“ beschrieben, ohne dabei den Vorrang Israels zu leugnen.

Judentum, Christentum und Unitarischer Universalismus

Im jüdischen religiösen Universalismus ist der Gott des Alten Testaments und des Judentums nicht nur der Gott eines bestimmten Stammes, sondern der Gott der gesamten Menschheit. Die Vorstellung einer inneren Verwandtschaft aller Menschen, die universale Geltung der Ethik und menschliches Fühlen schließen religiösen Partikularismus aus. Partikularismus meint hier die Beschränkung religiöser Bedeutung auf eine bestimmte Gruppe. Daraus ergibt sich eine objektive, gerechte und liebevolle Haltung gegenüber sogenannten Heiden. Dieses menschliche Empfinden gilt als Wurzel des religiösen Universalismus der jüdischen Religion. Zugleich wird betont, dass das Judentum in seiner realen Ausprägung keine Universalreligion, sondern eine der großen Volksreligionen ist, weil es untrennbar mit der ethnisch-religiösen Gruppe der Juden verbunden ist.

Beim christlichen Universalismus wird besonders in der katholischen Kirche die These eines christlichen Absolutheitsanspruchs vertreten. Danach könne das Christentum, wenn es von der Bindung an ein Volk gelöst werde und einen christlichen Universalismus einleite, beispielsweise ein vereintes Europa ermöglichen. In einem weiteren Sinn bezeichnet christlicher Universalismus die Lehre der Allaussöhnung. Diese stützt sich auf das Neue Testament und meint, dass Gott in Zukunft das All mit sich aussöhnen wird.

Aus Gedanken des christlichen Universalismus im Sinn der Allversöhnung, auch Apokatastasis genannt, entstand ab dem 18. Jahrhundert in Nordamerika die Universalist Church of America. Sie schloss sich im 20. Jahrhundert mit den Unitariern zur Unitarian Universalist Association zusammen. Die heutige Unitarian Universalist Association hat sich jedoch von ihren christlichen Wurzeln gelöst.

Islamischer Universalismus

Für den Islam beschreibt der Artikel kein einheitliches Verständnis von Universalität. Schon bei der Begriffsverwendung, etwa wenn statt Universalität von Übergeschichtlichkeit gesprochen wird, wird der Versuch schwierig, einen klaren islamischen Universalismus herauszuarbeiten.

Das Prinzip kann als ethische Handlungsmaxime verstanden werden oder als identitätsstiftendes Schema, wie es in Ummakonzepten sichtbar wird. Umma meint die Gemeinschaft der Muslime. In diesem Verständnis erhält islamische Identität Vorrang vor nationaler Zugehörigkeit. Der Islam wird als universale Botschaft für die gesamte Menschheit verstanden, die alle nationalen Identitäten umfasst.

Zugleich werden politische Deutungen kontrovers dargestellt. Es gibt die Auffassung, islamischer Universalismus sei imperialistisch. Der Historiker Efraim Karsh zieht eine Linie vom Propheten Mohammed über Sultan Saladin und Ayatollah Khomeiny bis Usama Bin Laden und sieht bei ihnen das Bestreben, die Menschheit mit dem Mittel des Jihad zu islamisieren. Diese Sicht wird kritisiert: Karsh verwende den Begriff Imperialismus für alles, was nach einem Reich strebe. Kritiker sagen außerdem, ein islamischer Imperialismus werde es kaum geben, solange in islamischen Ländern keine demokratischen Ordnungen herrschen. Dennoch erscheine der islamische Universalismus im Gegensatz zur Krise des christlichen Glaubens im Abendland vital und auf utopische Weise zukunftsbesessen. Nach Ertugrul Sahin verengen solche herrschafts- und politikbezogenen Rekonstruktionen den Universalismus, weil sie ihn politisch vereinnahmen und wesentliche Aspekte ausblenden.

Gott, Kosmos und persönlicher Glaube

In Einsteins Drei-Stufen-Modell bildet die kosmische Religion die höchste religiöse Entwicklungsstufe. Sie folgt auf Furchtreligion und Moralreligion. Einstein wollte Wissenschaft und Religion wieder zusammenführen.

Das Ideal des religiösen Universalismus wird im Artikel besonders mit Herman Schell verbunden, einem Würzburger Religionsdogmatiker und Philosophen. Schell folgte dem Gottesideal der positiven Aseität. Aseität bedeutet die absolute Unabhängigkeit Gottes: Gott trägt den Grund seiner Existenz in sich selbst. Aus dieser Idealvorstellung entwickelte sich Schells Universalismus.

Für Schell waren die Grundlagen der Religiosität breiter als die Grenzen, die ihm die katholische Kirche vorgab. Er nahm an, dass alles um uns herum deutliche Spuren Gottes trägt. Daraus entwickelte er etwa in der Sakramentenlehre seine Gedanken über den Universalismus des göttlichen Heilswillens. Auch seine Idee, die Taufe auf ihren geistig-mystischen Sinn zurückzuführen und von ihrer äußeren Form zu befreien, beruhte darauf. Grundlegend ist die Überzeugung, dass Gott in allen Religionen gleichermaßen wirksam ist und universell durch die gesamte Natur sowie im Bewusstsein der Menschen wirkt.

Politik, Pluralismus und Liberalismus

Religiöser Universalismus kann sich aus politischer Perspektive mit imperialen Motiven verbinden. Diese Verbindung mit politischem Universalismus ist aber nicht zwingend. Sie entfällt, wenn Religion als überpolitische Instanz verstanden wird.

Religiöser Pluralismus, auch religiöse Pluralität genannt, geht davon aus, dass jede Religion einen Weg zur Erlösung und zur richtigen Beziehung mit dem Göttlichen hat. Dieses Göttliche steht damit allen Menschen offen. Durch Zuwanderung wird die Vielfalt der Religionen zu einer großen politischen Herausforderung. In europäischen Nationalstaaten werden Transformationsprozesse politischer Arrangements religiöser Pluralität als Re-Institutionalisierung der Staatsbürgerschaft gedeutet. Zuwanderung und Globalisierung verändern das Verhältnis von Politik und Religion grundlegend. Dabei geht es einerseits um die religiöse Neutralität des Staates und des öffentlichen Lebens, andererseits um die kollektive Identität des Volkssouveräns. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage nach multikultureller Staatsbürgerschaft und nach Voraussetzungen für Demokratie und Menschenrechte in de-territorialisierten und post-nationalen Herrschaftszusammenhängen.

Religiöser Liberalismus hat viele Facetten und beruht auf der Philosophie der Aufklärung und des Idealismus. Er wird auch liberale Theologie genannt. Religion und Theologie sollen demnach auf Grundlage des Humanismus betrieben werden. Der religiöse Liberalismus strebt größere Unabhängigkeit von Dogmen, kirchlichen Traditionen und festen Glaubensinhalten an. Glaube gilt hier als persönliche Angelegenheit des Menschen. Er kann durch Erfahrungen entstehen, die im Menschen eine tiefe Resonanz auslösen. Religion beginnt dann mit der Erfahrung, einer umfassenden Wirklichkeit oder einem großen Ganzen anzugehören, das den Menschen im Leben trägt.

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