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Bärenkult

Als Bärenkult (oder Bärenfest bzw. Bärenzeremonie) bezeichnet man religiöse Rituale, in denen Bären eine besondere Verehrung zukommt.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Verbreitung
  2. 2. Bären in Mythologie und Erzählungen
  3. 3. Das Bärenfest der Ainu
  4. 4. Die Theorie eines uralten Bärenkults
  5. 5. Anerkennung als Kulturerbe

Grundidee und Verbreitung

Als Bärenkult, Bärenfest oder Bärenzeremonie bezeichnet man religiöse Rituale, in denen Bären besonders verehrt werden. Solche Rituale wurden oder werden vor allem in schamanistisch geprägten Kulturräumen ausgeübt: in Sibirien und Paläo-Sibirien, über Korea bis zu den Ainu, außerdem im nordamerikanischen Kulturareal der Subarktis. Auch bei den nordeuropäischen Samen, besonders bei den Skoltsamen nordöstlich des Inarisees, haben sich trotz jahrhundertelanger Zwangschristianisierung Teile eines früheren Bärenkultes erhalten.

In den genannten ethnischen Religionen wird häufig angenommen, dass der Mensch vom Bären abstamme. Der „Herr der Tiere“, also die wichtigste Gottheit animistischer Wildbeuter, wohnt demnach tief in der Taiga und hat Bärengestalt. Animismus bedeutet hier, dass Naturwesen, Tiere oder Orte als beseelt oder göttlich verstanden werden. Zum Bärenkult gehören rituelle Handlungen bei der Bärenjagd, beim Bärenschmaus und bei der Behandlung der Überreste des Tieres. Dazu kommen besondere Lieder, Darbietungen oder Spiele. Besonders bekannt ist das Bärenfest iyomante der Ainu auf Hokkaidō in Japan.

Der Begriff wird außerdem für eine religionswissenschaftliche Theorie des 20. Jahrhunderts verwendet. Nach dieser Theorie hätten schon Frühmenschen, also heute ausgestorbene Arten der Gattung Homo, Jagdmagie und einen Bärenkult praktiziert. Diese Deutung wurde unter anderem mit Mircea Eliade und Joseph Campbell verbunden, gilt aber in ihrer starken Form heute als widerlegt.

Bären in Mythologie und Erzählungen

Bären hatten für Menschen schon lange eine besondere Wirkung. Sie sind große, beeindruckende und für Jäger oder Menschen in Höhlen auch gefährliche Säugetiere. Wenn sie sich aufrichten, wirken sie menschenähnlich. Außerdem bewohnen oder besetzen sie Höhlen und treten einzeln oder in kleinen Familienverbänden auf. Deshalb spielen sie besonders in der Mythologie jagender Völker eine wichtige Rolle. Auch moderne Beispiele wie die Diskussion um den Abschuss des Bären Bruno in Bayern im Juni 2006 oder um das Überleben des Eisbärjungen Knut in Berlin Anfang 2007 zeigen, dass Bären bis heute starke Gefühle auslösen.

Auf der kretischen Halbinsel Akrotiri gibt es eine Grotte, die wegen eines bärenförmigen Stalagmiten mit der Bärin verbunden wird. Sie ist der Panagia Arkoudiotissa, der „Heiligen Jungfrau von der Bärenhöhle“, geweiht und wird auch Arkoudospilios genannt. Hinweise sprechen für eine kultische Nutzung schon in neolithischer und minoischer Zeit. In der Antike wurde dort Artemis verehrt; links vom Höhleneingang befindet sich eine Kapelle aus dem 16. Jahrhundert, in der sich Elemente eines älteren Kultes erhalten haben.

In der griechischen Mythologie ist der Bär ein Attribut mehrerer Gottheiten, besonders der Artemis, der Göttin der Jagd. Das Artemis-Heiligtum von Brauronia, dem heutigen Vraona bei Athen, soll der Überlieferung nach errichtet worden sein, um die Tötung eines Bären zu sühnen, der ein Kind gefressen hatte. Vom 6. Jahrhundert an bis in die hellenistische Epoche fanden dort alle fünf Jahre im Frühling Feierlichkeiten zu Ehren der Artemis statt, an deren Ende eine Bärin geopfert wurde. Junge Mädchen, die im Heiligtum erzogen wurden, nannte man Arktoi, also „(kleine) Bärinnen“.

Weitere griechische Mythen verbinden Menschen eng mit Bären. Atalante soll von einer Bärin aufgezogen worden sein, nachdem ihr Vater Jasos, König von Arkadien, sie auf dem Berg Parthenion aussetzen ließ. Auch Paris, der Sohn des Priamos und der Hekabe, soll zunächst von einer Bärin versorgt worden sein, nachdem er auf dem Berg Ida zurückgelassen wurde. Andere Erzählungen berichten sogar von Verbindungen zwischen Bär und Mensch: Aus der Vereinigung Polyphontes mit einem Bären gingen Agrios und Oreios hervor; der Jäger Kephalos soll mit einer Bärin den Arkeisios gezeugt haben, zu dessen Nachfahren Odysseus zählte.

Auch außerhalb der griechischen Welt erscheint der Bär in Mythen. In der keltischen Mythologie ist er das Attribut der Göttin Artio; eine 1832 in Muri bei Bern gefundene Votivfigur aus dem 2. Jahrhundert zeigt die Göttin mit einem Bären. In Lateinamerika gibt es den Mythos von Juan Oso, dem Sohn eines Bären und einer von ihm entführten Frau, sowie den Tanz der Bären, ukuku, bei den Quechua in Cusco.

Das Bärenfest der Ainu

Der bekannteste Bärenkult stammt von den Ainu, den Ureinwohnern der heute zu Japan gehörenden Insel Hokkaidō. Er ist nicht der einzige Bärenkult, aber der mit Abstand berühmteste.

In der Ainu-Sprache heißt der Bär kamuy. Dasselbe Wort bedeutet auch „Gott“. Im animistischen Glaubenssystem der Ainu nehmen die Götter, ebenfalls kamuy genannt, meist tierische Gestalt an, um die Welt und die Menschen zu besuchen. Der Bär ist deshalb nicht nur ein Tier, sondern ein göttlicher Besucher oder Gesandter.

Bei diesem Kult werden junge Bären gefangen und bis zu einem Alter von etwa zwei Jahren als Kamuy-Gesandte großgezogen. Danach werden sie beim Bärenfest, das iyomante oder iomante heißt, „zurückgeschickt“. Damit ist gemeint, dass sie getötet und rituell verehrt werden. Das Ritual verbindet also Aufzucht, Tötung und religiöse Verehrung des Tieres.

Seit den 1970er Jahren wurden Kultur und Religion der Ainu weltweit bekannter. Das hängt mit einem neu erwachenden Selbstbewusstsein der Ainu und ihrem über die UNO geführten Ringen um Anerkennung zusammen. Dieses Ringen richtete sich gegen die zuvor vorherrschende Assimilierungspolitik Japans, also gegen den politischen Druck, die eigene Kultur zugunsten der Mehrheitskultur aufzugeben.

Die Theorie eines uralten Bärenkults

Im 20. Jahrhundert entstand in der Religionswissenschaft die These, schon Frühmenschen hätten einen weit verbreiteten Bärenkult gepflegt. Ausgangspunkt waren mehrere Beobachtungen: Man diskutierte, ob Frühmenschen bereits entwickelte geistige Fähigkeiten besaßen; ethnologische Berichte beschrieben Bärenfeste wie das der Ainu; außerdem fand man in mehreren Höhlen Bärenschädel und Bärenknochen, die scheinbar ausgerichtet waren und aus der Altsteinzeit oder sogar aus noch früherer Zeit stammen sollten. Mircea Eliade deutete dies als Hinweis darauf, dass der frühe Mensch als Jäger einen weltweit verbreiteten Bärenkult gekannt habe. Joseph Campbell vertrat eine ähnliche Vorstellung noch in jüngerer Zeit, und die These erscheint bis heute in populärwissenschaftlicher Literatur.

Genauere Forschungen widersprechen dieser Deutung jedoch. Die angebliche Ausrichtung der keilförmigen Bärenschädel lässt sich besser durch Wassereinwirkung in Höhlen erklären als durch menschliche Handlungen. Sie war also vermutlich eher zufällig und nur scheinbar. Auch die Häufung von Höhlenbärenskeletten ist kein besonderer Beleg für Kult. Höhlenbären zogen sich zum Ruhen in Höhlen zurück und starben dort häufig auch.

Auch ethnologische Vergleiche sprechen gegen die These eines allgemein verbreiteten Bärenkultes schon beim archaischen Homo sapiens oder noch früher. In heutigen oder jüngeren Glaubenswelten von Wildbeutern spielen Bären zwar oft eine wichtige Rolle, aber sie stehen nicht allein. Auch andere Tiere, etwa bevorzugte Jagdbeute, werden verehrt. Für die frühe und mittlere Altsteinzeit sind vergleichbare Ritualplätze zu anderen Tieren aber nicht belegt.

Ein weiterer Einwand betrifft die Art der Rituale. Bekannte Bärenkulte sind sehr komplex: Sie umfassen viele Beteiligte, Opferhandlungen und präparierte Stätten. Die mutmaßlichen Fundorte eines Bärenkultes bei Homo erectus enthalten dagegen keine menschlichen Artefakte. Aus wissenschaftlicher Sicht gilt die These eines verbreiteten Bärenkultes vor dem Mittelpaläolithikum deshalb heute als widerlegt. Interessant bleibt sie vor allem wissenschaftsgeschichtlich, weil sie zeigt, wie Funde und zeitgenössische Vorstellungen über Wildbeuter die Theoriebildung über frühe Menschen beeinflussten.

Anerkennung als Kulturerbe

Bärenfeste sind nicht nur Gegenstand religiöser und wissenschaftlicher Deutung, sondern auch Teil lebendiger Kulturtraditionen. Bärenfeste in fünf Dörfern in den Pyrenäen in Frankreich und Andorra wurden 2022 von der UNESCO in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen. Immaterielles Kulturerbe meint kulturelle Praktiken, Bräuche und Ausdrucksformen, die nicht vor allem aus Gebäuden oder Gegenständen bestehen, sondern durch gemeinsames Handeln, Wissen und Weitergabe lebendig bleiben.

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