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Argentinische Militärdiktatur (1976–1983)
Erster demokratisch gewählter Präsident wurde danach Raúl Alfonsín, der eine gründliche Aufarbeitung der Verbrechen während der Diktatur begann. Dabei …
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Was war die argentinische Militärdiktatur?
Von 24. März 1976 bis 10. Dezember 1983 wurde Argentinien von einer Militärjunta regiert, die aus den drei Oberbefehlshabern von Heer, Luftwaffe und Marine bestand. Erster Junta-Chef und Präsident war General Jorge Rafael Videla; die Zusammensetzung der Junta wechselte später mehrfach. Das Regime nannte sich selbst euphemistisch „Prozess der Nationalen Reorganización Nacional“ (Proceso) – ein Name, der wegen der zehntausendfachen Menschenrechtsverletzungen als verharmlosend gilt und meist in Anführungszeichen gesetzt wird.
Vor und im ersten Jahr der Herrschaft gab es bürgerkriegsähnliche Zustände mit Staatsterror und Gegenterror linker Guerillaorganisationen (Montoneros und ERP). Eine tiefe Wirtschaftskrise und der verlorene Falklandkrieg kosteten den Militärs den gesellschaftlichen Rückhalt. Nach der Demokratisierung wurde Raúl Alfonsín Präsident und begann die Aufarbeitung; mehrere Junta-Mitglieder wurden wegen Verschwindenlassen, Folter und Ermordung von Oppositionellen zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt, Videla erst im Juli 2012.
Die Zahl der Todesopfer wird oft mit 30.000 angegeben, ist jedoch umstritten. Bis 2011 waren rund 13.000 Verschwundene namentlich dokumentiert.
Vorgeschichte und Beginn der Herrschaft
Argentinien war Ende der 1960er-Jahre in eine gesellschaftliche und politische Krise geraten. Unter den Militärdiktaturen von Juan Carlos Onganía (1966–1970) und Roberto Levingston (1970–1971) spalteten sich Staatsmacht und Arbeiterbewegung, die teils den Montoneros, teils dem im Exil lebenden Juan Perón oder dem Sozialismus nahestand. Es kam zu Aufständen, der heftigste war der Cordobazo (1969) mit 14–34 Toten, 200–400 Verletzten und 2000 Verhaftungen.
1973 kehrte Juan Perón an die Macht zurück, was kurz stabilisierte. Nach seinem Tod im Juli 1974 übernahm seine Frau Isabel Perón die Präsidentschaft. Unter ihr verschlechterte sich die Wirtschaft (hohe Inflation, negatives Wachstum 1975/1976), und die regierungsnahe Todesschwadron Alianza Anticomunista Argentina (Triple A) verübte seit Ende 1973 Staatsterror gegen Linke. Mehrere Korruptionsskandale schwächten die Regierung zusätzlich.
Beim Putsch am 24. März 1976 wurde Isabel Perón ohne Widerstand abgesetzt. Die Junta löste noch am selben Tag den Kongress auf, entließ die oberste Gerichtsbarkeit und suspendierte alle politischen Parteien. Anfangs hatte das Regime Zuspruch in der Bevölkerung, da es kurzzeitig zur wirtschaftlichen Stabilisierung kam. General Luciano Benjamín Menéndez kündigte großangelegte Säuberungen an: „Wir werden 50.000 Menschen töten müssen. 25.000 Subversive, 20.000 Sympathisanten und wir werden 5.000 Fehler machen.“
Der „Schmutzige Krieg“: Geheimgefängnisse, Todesflüge, Kindsraub
Das Regime bekämpfte die vermeintliche „Subversion“ mit äußerster Härte. Es gab landesweit etwa 340 geheime Haftanstalten, in denen meist willkürlich Festgenommene ohne Prozess monate- oder jahrelang festgehalten, systematisch gefoltert und meist ermordet wurden. Das größte Geheimgefängnis war die Marine-Technikschule ESMA in Buenos Aires, wo etwa 5.000 Menschen gefoltert und ermordet wurden. Regierungsgegner wurden betäubt und gefesselt aus Flugzeugen lebend in den Río de la Plata geworfen (sogenannte „Todesflüge“). Die Regierung duldet oder unterstützte zudem Todesschwadronen wie die Triple A, die Einwanderer, Juden, Muslime und Studenten terrorisierten.
Kindsraub und Zwangsadoptionen: In den Geheimgefängnissen geborene Kinder ermordeter Gefangener wurden an meist kinderlose Offiziers- oder Unternehmerfamilien gegeben, teils gegen Bezahlung. Die Organisation Großmütter der Plaza de Mayo schätzt etwa 500 geraubte Kinder; in mindestens 128 Fällen wurden sie bis 2018 zurückgegeben. Entdeckte Kinder gründeten 1999 die Organisation HIJOS.
Widerstand war lebensgefährlich. Bedeutendste Protestbewegung waren die Madres de Plaza de Mayo, Mütter von Verschwundenen, die ab 1977 jeden Donnerstag stillschweigend Runden um den Platz vor dem Regierungsgebäude in Buenos Aires drehten. Auch die Presse wurde zensiert, Bücher verboten, viele Künstler gingen ins Exil.
International kooperierte das Regime in der Operation Condor mit rechten Diktaturen der Nachbarländer und jagte grenzüberschreitend Linke. Die Opfer wurden als Desaparecidos (Verschwundene) bezeichnet. Die USA unter Außenminister Henry Kissinger signalisierten 1976 Zustimmung zum harten Vorgehen, was die Junta als Freibrief verstand. Der deutschen Regierung unter Helmut Schmidt und Hans-Dietrich Genscher wurde vorgeworfen, bei den etwa 100 entführten Deutschen (z. B. Elisabeth Käsemann, 1977 ermordet) zugunsten der Wirtschaftsbeziehungen zu wenig zur Rettung unternommen zu haben.
Regional unterschied sich der Terror: In einem Richtungsstreit standen die „duros“ (Harte/Falken) den „blandos“ (Weiche/Tauben) gegenüber. Besonders hart war die Politik in der Provinz Buenos Aires und Córdoba, während die Stadt Buenos Aires einen liberaleren Kurs erlaubte. Hardliner war u. a. Admiral Emilio Massera, Verantwortlicher für die ESMA.
Wirtschaft, WM 1978, Schuldenkrise und Falklandkrieg
1977 galten die Guerillaorganisationen als weitgehend zerschlagen; 1978 erklärte Videla den „Krieg“ für beendet. Für die Fußball-Weltmeisterschaft 1978, die Argentinien gewann, wurden sogar Elendsviertel gewaltsam aufgelöst, um ein „sauberes Argentinien“ zu präsentieren. Der WM-Titel brachte dem Regime kurz Popularität.
Wirtschaftsminister José Alfredo Martínez de Hoz führte ein wirtschaftsliberales Programm ein (restriktive Haushaltspolitik, Zollsenkungen, eingefrorene Reallöhne, Zinserhöhungen). Die Inflation sank von etwa 700 % (1976) über 347,5 % (1977) auf 160,4 % (1978); der Lebensstandard der Lohnempfänger sank 1976–1978 laut Schätzungen um die Hälfte.
Ab 1978 verschlechterte sich die Lage weiter: Die Industrieproduktion sank bis 1983 um über 20 %. Durch die „tablita“ (ein festgelegter Abwertungsrhythmus) begannen Spekulanten, mit Währungsgeschäften große Gewinne zu machen – die sogenannte Plata-Dulce-Spekulationswelle („süßes Geld“). Die Auslandsverschuldung stieg von 7 auf 50 Milliarden US-Dollar, Auslandsguthaben von Argentiniern auf über 30 Mrd. US-Dollar. 1981 gab es zwei Regierungswechsel: Roberto Viola (kurz relative Meinungsfreiheit) wurde durch Leopoldo Galtieri ersetzt.
Unter Galtieri plante das Regime die Invasion der seit 1833 von Großbritannien verwalteten Falklandinseln (Islas Malvinas), die von etwa 2000 Menschen bewohnt wurden. Nach anfänglichen Erfolgen und Popularitätsgewinn konnte Großbritannien die Inseln im Falklandkrieg zurückerobern. Galtieri trat zurück, Nachfolger wurde Reynaldo Bignone. Dieser kündigte freie Wahlen an, die auf 1983 vorgezogen wurden. Kurz zuvor erließ das Regime das „Selbstamnestiegesetz“ zur Annullierung von Entscheidungen aus 1973–1982 – es wurde aber bald vom neuen demokratischen Parlament annulliert. Die Wahlen fanden am 30. Oktober 1983 statt.
Opferzahlen, Nachgeschichte und kulturelle Aufarbeitung
Die genaue Opferzahl ist wegen des geheimen Verschwindenlassens nicht berechenbar. Der CONADEP-Bericht „Nunca Más“ (1984) weist 8.961 Verschwundene nach und verweist auf eine Dunkelziffer; Menschenrechtsorganisationen nennen bis zu 30.000 Opfer, darunter mindestens 1.900 jüdische. Der argentinische Geheimdienst bezifferte 1978 gegenüber Chile die Zahl auf rund 22.000; gegenüber dem Nuntius wurden 15.000 eingeräumt. Security-Aufzeichnungen wurden vor dem Regierungswechsel größtenteils vernichtet. Die Zahl 30.000 wird von Kritikern als zu hoch angesehen (u. a. mit Verweis auf Luis Labraña, 2017); das Herunterspielen der Opfer wird als Negacionismo bezeichnet und erlebt seit der Regierung Macris sowie unter Präsident Javier Milei Aufschwung.
Nachgeschichte: Präsident Alfonsín (ab 10. Dezember 1983) ließ die Juntas anklagen. Im Prozess von 1985 erhielten Videla und Massera lebenslänglich; die dritte Junta (Galtieri) ging straffrei aus. 1986 folgte das Schlussstrichgesetz (Ley de Punto Final), nach Militärauftständen (Carapintada, 1987) das Gesetz über die Gehorsamspflicht (Amnestie für untere Ränge). Präsident Menem schaffte 1994 die Wehrpflicht ab, begnadigte aber die verurteilten Diktatoren. Erst unter Néstor Kirchner wurden 2003 die Amnestiegesetze aufgehoben (2005 vom Obersten Gerichtshof bestätigt) und die Begnadigungen aufgehoben. Videla wurde 2010 erneut zu lebenslanger Haft verurteilt; 2012 erhielt er 50 Jahre wegen Kindesraubs, Bignone 15 Jahre. 2022 wurden 19 Militärs und Sicherheitskräfte, u. a. wegen der Todesflüge, verurteilt.
Kulturelle Aufarbeitung: Literatur (z. B. Rodolfo Walsh, Elsa Osorios „Mein Name ist Luz“, Alicia Kozamehs „Pasos bajo el agua“) und Filme wie „Die Nacht der Tausend Schreie“ (1986), der Oscar-Gewinner „Die offizielle Geschichte“, „In ihren Augen“ (Oscar 2010) sowie „Argentinien, 1985 – Nie wieder“ (2023, Oscar-nominiert) setzen sich mit der Diktatur auseinander. Konservative Kreise werfen manchen Filmen Übertreibung vor; dem wird die nachweisbare Brutalität des Regimes entgegengesetzt.