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Arete

In der antiken Philosophie war Arete als „Tugend“ ein zentraler Begriff der Tugendethik. Die unterschiedlichen philosophischen Schulrichtungen stimmten fast …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Was bedeutet Arete?
  2. 2. Arete im Alltag: Helden, Bauern, Herrscher, Wohltäter
  3. 3. Sophisten und die Frage: Ist Arete lehrbar?
  4. 4. Sokrates und Platon
  5. 5. Antisthenes, Aristoteles, Epikur, Stoa und Neuplatonismus
  6. 6. Arete im Christentum

Was bedeutet Arete?

Arete (altgriechisch ἀρετή aretḗ) ist ein Begriff der antiken griechischen Sprache. Er bezeichnet allgemein die Vortrefflichkeit einer Person oder die hervorragende Qualität und den hohen Wert einer Sache. Bei Personen ist Tüchtigkeit gemeint, besonders im militärischen Sinn (Tapferkeit, Heldentum), oft mit der Vorstellung verbunden, dass der Tüchtige auch erfolgreich sei. Anfangs war Arete ein exklusives Ideal des Adels; später übernahmen breitere Schichten, vor allem die bildungsorientierte städtische Oberschicht, den Begriff. Dadurch wandelte sich die Bedeutung: Staatsbürgerliche Qualitäten und politische Führungsfähigkeit traten in den Vordergrund. In der antiken Philosophie war Arete als „Tugend“ ein zentraler Begriff der Tugendethik. Fast alle Schulrichtungen waren sich einig, dass eine gelungene Lebensführung und der zugehörige Gemütszustand Eudaimonie (gewöhnlich ungenau mit „Glück“ oder „Glückseligkeit“ übersetzt; kein Gefühl, sondern gute, gelungene Lebensführung) den Besitz der Arete voraussetzt – manche meinten sogar, die Eudaimonie bestehe in der Arete. Die Herkunft des Wortes ist unklar: Früher leitete man es vom Verb areskein („gefallen“) ab, nach heutigem Forschungsstand gehört es zu areíōn, dem Komparativ von agathós („gut“), das in der archaischen Zeit vor allem die Kampftüchtigkeit des Mannes bezeichnete.

Arete im Alltag: Helden, Bauern, Herrscher, Wohltäter

Im allgemeinen Sprachgebrauch bezeichnet Arete die Tüchtigkeit einer Person bei ihren Aufgaben oder die Tauglichkeit einer Sache (auch eines Tieres oder Körperteils) für ihren Zweck – ein Messer, ein Auge oder ein Pferd kann Arete haben. Vorbild ist das homerische Heldenideal: eine Verbindung geistiger, charakterlicher und körperlicher Qualitäten, die zu überragenden Leistungen und Ruhm befähigt. Im Deutschen wird Arete dann am besten mit „Gutsein“ (hohes Maß an Tauglichkeit) übersetzt; die Übersetzung „Tugend“ ist missverständlich, da keine moralische Tugendhaftigkeit gemeint ist – erst die Philosophie fasst Arete konsequent moralisch auf. Bei Homer haben nur Vornehme Arete; für Hesiod gibt es auch eine Arete der fleißigen Bauern, bei der Erfolg (Reichtum, Ansehen) untrennbar dazugehört. Der Spartaner Tyrtaios preist die kriegerische Arete mit Todesbereitschaft; im Corpus Theognideum und bei ihm zählt das Aushalten in der Schlachtreihe des Bürgerheers, nicht mehr der Einzelkampf. Dort werden Gerechtigkeit, Tapferkeit, Götterverehrung, Besonnenheit und Lebensklugheit betont, während Nichtadligen Arete-Mangel unterstellt wird. Bei Pindar zeigt sich Arete im sportlichen Wettkampf (als Veranlagung und als Erlernbares); für Simonides von Keos sind Arete und Erfolg untrennbar. Herrschaft wurde legitimiert, indem der Herrscher ein hohes Maß an Arete bewies – man hielt sie für erblich und führte Genealogien auf mythische Heroen zurück. Im Hellenismus war Arete mit bürgerlichen Tugenden verbunden: Leistungen fürs Gemeinwohl, private Finanzierung öffentlicher Bauten, politische und diplomatische Verdienste, geehrt in Ehrendekreten und Inschriften. Eine kultische Verehrung als Gottheit gab es (anders als bei der römischen Virtus) nicht, wohl aber künstlerische Personifikationen.

Sophisten und die Frage: Ist Arete lehrbar?

In der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts v. Chr. entstand in griechischen Städten, vor allem Athen, ein starkes Bildungsstreben der Oberschicht. Wanderlehrer, die gegen Entgalt unterrichteten und „Sophisten“ genannt wurden, vermittelten praktisch orientiertes Wissen für eine erfolgreiche Teilnahme am staatlichen Leben und am Rechtswesen. Ihre Arete war nicht mehr aristokratisches Ideal, sondern jedem hinreichend Lernfähigen versprochen und verbal vermittelbar: Wissen und Qualifikation, die Erfolg und sozialen Rang sichern sollten – die Schüler wollten vor allem politische Durchsetzungsfähigkeit erwerben. Die Behauptung, Arete sei lehrbar, stieß auf Widerspruch. Die Gegenposition: Arete sei Veranlagungssache oder nur durch eigene Bemühung erreichbar. Argumente dafür: Es gibt keine qualifizierten Arete-Lehrer (anders als in der Medizin); große Männer wie Perikles und Themistokles konnten ihre Söhne nicht erfolgreich machen; viele Sophistenschüler blieben erfolglos, während manche ohne Ausbildung Arete zeigten.

Sokrates und Platon

Für Sokrates war Arete ein zentraler Begriff mit sittlichem Inhalt – hier passt die Übersetzung „Tugend“. Ein tugendgemäßes Leben ist das höchste Ziel des Menschen. Wichtig: Vieles ist nur aus Platons Dialogen bekannt; das Verhältnis des „platonischen“ zum historischen Sokrates ist ungeklärt. Nach dem platonischen Sokrates soll der Mensch sich um seine Seele kümmern, nicht um Körper und äußere Güter (Besitz, Ansehen, Ehre). In der „Gutheit“ der Seele besteht die Arete. Wer erkennt, was sittlich gut ist, tut es zwangsläufig – Tugend beruht also allein auf Wissen. Wer die Einsicht ganz verinnerlicht hat, kann nicht mehr gegen sein Interesse handeln; äußere Umstände können ihn nicht abbringen. Arete ist grundsätzlich lehrbar und durch eigenes Nachdenken erkennbar, praktisch äußert Sokrates sich aber skeptisch, da das Wesen der Arete unklar sei; gegen Protagoras bestreitet er die Lehrbarkeit nur empirisch. Der historische Sokrates betonte, kein gesichertes Wissen zu besitzen (Kurzformel: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“); er kannte die Arete-Definition nicht. Nachweisbar dürfte die Ansicht sein, dass es keine spezifisch männliche oder weibliche Tugend gibt. — Platon unterscheidet wahre, auf vernünftiger Einsicht beruhende Arete des Philosophen von verbreiteten, nur teilweise richtigen Tugendvorstellungen (aus Gewohnheit, Erziehung, Anlage oder Nutzenkalkulation); diese billigt er teilweise zu, doch ohne Wissen sind es nur Meinungen, keine echte Tugend. Allgemein versteht er Arete als Verwirklichung des eigenen Wesens. Umstritten ist, ob Platon an der völligen Bedeutungslosigkeit äußerer Güter festhielt (in der Politeia räumt er ihre eventuelle Hilfsfunktion ein) und ob frühe Thesen (Unwissenheit als einziger Grund des Unrechts) durch seine Seelenlehre relativiert wurden. — Die vier Grundtugenden (später Kardinaltugenden): Besonnenheit (sōphrosýnē), Tapferkeit (andreía), Gerechtigkeit (dikaiosýnē), Weisheit (sophía/phrónēsis); daneben die Frömmigkeit (hosiótēs). Die Gerechtigkeit ordnet die Gesamtseele und hält die innere Ordnung aufrecht. Weisheit gehört zur Vernunft (logistikón), Tapferkeit zum Muthaften (thymoeidés), Besonnenheit zum Triebhaften (epithymētikón), das wie ein wildes Tier unter der Führung der Vernunft stehen muss. Die Einheit der Tugenden bleibt in den Dialogen ungeklärt: schwache Identität (mit einer Tugend besitzt man die anderen) oder starke Identität (vier Namen einer Tugend). Für echte, philosophisch fundierte Tugenden vertritt Platon zumindest schwache Identität; bei Nichtphilosophen kann Tapferkeit ohne Weisheit vorkommen und ist dann keine eigentliche Tugend. — Aus der Ideenlehre ergibt sich ein direkter Zugang zur Arete: Im Symposion steigt der Mensch stufenweise bis zur Anschauung des Urschönen auf; wer es schaut, „gebärt“ die wahre Arete aus eigenem Geist, statt sich mit Schattenbildern zu begnügen. Tugend (besonders Gerechtigkeit) ist zugleich Voraussetzung des Aufstiegs und Nachahmung Gottes (homoíōsis theṓ kata to dynatón – Angleichung an Gott, soweit möglich). Das Tugendwissen ist Wissen von den Tugend-Ideen und vor allem von der Idee des Guten.

Antisthenes, Aristoteles, Epikur, Stoa und Neuplatonismus

Antisthenes, Ausgangspunkt des Kynismus, hielt Arete für lehrbar, aber im Handeln begründet und ohne viel Theorie. Sie ist kein Adelsprivileg – die wahren Adligen sind die Tugendhaften – und für Männer und Frauen dieselbe; als Norm steht sie über den Gesetzen. Arete genügt für die Eudaimonie, doch braucht man zusätzlich die „Kraft eines Sokrates“: Gleichmut, Strapazierfähigkeit, Ausrottung überflüssiger Bedürfnisse, Verzicht auf Anerkennung und Ruhm (ruhmloses Leben ist vorzuziehen). — Aristoteles: Gut ist, wer seiner Bestimmung entspricht, nämlich vernunftgemäß lebt. Es gibt dianoetische (Verstands-)Tugenden – Weisheit (theoretisches Wissen) und Klugheit (Finden der für das gute Lebens geeigneten Handlungen) – und ethische (Charakter-)Tugenden wie Tapferkeit, Besonnenheit, Freigebigkeit, Gerechtigkeit, Großzügigkeit, Hochgesinntheit und Wahrhaftigkeit; diese sind durch Gewöhnung erworbene Haltungen, keine Anlagen. Nach der Mesotes-Lehre findet man die richtige Mitte zwischen Zuviel und Zuwenig (Tapferkeit zwischen Furcht und Tollkühnheit). Eudaimonie liegt nicht im Besitz der Tugend, sondern im dauerhaften tugendhaften Tätigsein, höchstgestuft in der philosophischen Betrachtung, die dem Wirken der Götter am nächsten kommt; die praxisbezogenen Tugenden ermöglichen nur eine Eudaimonie geringeren Rangs. Andererseits braucht man äußere Güter (Freigebigkeit setzt Geld voraus) – ein Markenzeichen der Ethik des Aristoteles und seines Peripatos. Anders als Sokrates und Platon nahm Aristoteles einen Geschlechtsunterschied bei den Grundtugenden an. Nach dem gewaltsamen Tod seines Freundes Hermias von Atarneus verfasste er einen Hymnus auf die personifizierte Areta. — Epikur bewertet Lust als naturgemäßes Ziel allen Handelns; oberste Lust ist völlige Freiheit von Schmerz. Tugenden sind nur Mittel zur Lust (z. B. überwindet Tapferkeit die Furcht als Unlustquelle), also herabgestuft; Haupttugend ist die Klugheit, aus der Tapferkeit, Besonnenheit und Gerechtigkeit folgen. — Die Stoa (Zenon von Kition) übernahm die sokratischen Grundsätze: Arete ist Wissen, lehrbar, macht allein die Eudaimonie aus und führt zwangsläufig zu tugendhaftem Handeln. Nur die Grundtugenden Einsicht (Klugheit), Gerechtigkeit, Besonnenheit und Tapferkeit sind wahre Güter, die Laster wahre Übel; alles Übrige ist ethisch belanglos. Die Tugenden bilden eine unteilbare Einheit, weil Gerechtigkeit, Besonnenheit und Tapferkeit Äußerungsformen der Einsicht sind. Der Weise besitzt Tugend und Eudaimonie unerschütterlich (bei Chrysippos nur eingeschränkt). — Im Hellenismus und in der Kaiserzeit war die Frage „Eudaimonie allein durch Arete oder auch durch äußere Güter?“ das Hauptthema: Mittelplatoniker und Stoiker vertraten die Tugend-genügt-Lehre, Peripatetiker die Äußere-Güter-Lehre; der Mittelplatoniker Attikos polemisierte scharf gegen die peripatetische Position, der Peripatetiker Kritolaos suchte einen Kompromiss (äußere Güter von sehr geringer Bedeutung). — Plotin (Neuplatonismus) unterschied niedere „politische“ Tugenden (die vier Grundtugenden, regeln Verhältnis der Seele zu Körper, Umwelt und sozialem Handeln) und vier analoge höhere Tugenden, die die Seele von Affekten und äußeren Einflüssen befreien, zur Selbstgenügsamkeit und zur Hinwendung zur intelligiblen (geistigen) Welt führen – dort selbst gibt es keine Tugenden, da das Göttliche sie nicht braucht. Porphyrios ordnete vier Klassen: politische, kathartische (reinigende), theoretische, paradigmatische Tugenden. Iamblichos kam auf sieben Klassen (natürliche Tugenden der Tiere, ethische Gewohnheitstugenden, politische, kathartische, theoretische, paradigmatische, theurgische). Hierokles und Damaskios betonten den Wert der politischen Tugenden.

Arete im Christentum

Im Neuen Testament kommt der Begriff Arete nur viermal vor, an zwei Stellen über menschliche Tugend, und nur beiläufig, ohne nähere Erläuterung: Der Apostel Paulus schreibt im Philipperbrief, man solle auf die Tugenden bedacht sein; der Verfasser des zweiten Petrusbriefs (der sich als Petrus ausgibt) ruft auf, im Glauben Tugend und in der Tugend Erkenntnis zu erweisen. Die antiken Kirchenväter übernahmen das philosophische Schema der vier Grundtugenden und schufen damit die Grundlage für dessen breite Rezeption im Mittelalter und die Bedeutung der Kardinaltugenden in neuzeitlichen Ethiklehren. Die mittelalterlichen Tugendvorstellungen beruhten allerdings auf einer Vermischung antiker griechisch-römischer Philosophie mit christlichem Gedankengut, das den Tugendbegriff wesentlich umformte; die antike Arete war nur eine der Wurzeln. Ergänzt werden die vier Kardinaltugenden im Christentum durch die drei Theologischen Tugenden: Glaube, Liebe und Hoffnung.

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