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Arbeiterkinder

Mit der Industrialisierung in Europa und den USA nahm die Kinderarbeit extrem gesundheitsgefährdende Ausmaße an. Zum Teil mussten die Kinder bis zu 90 …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und heutige Einordnung
  2. 2. Industrialisierung: Arbeit, Gesundheit und Schule
  3. 3. Zwischenkriegszeit, Jugendorganisationen und Nationalsozialismus
  4. 4. Bildung in DDR und Bundesrepublik
  5. 5. Fortbestehende Bildungs- und Gesundheitsungleichheit
  6. 6. Soziale Herkunft, Migration und Jugendkulturen

Begriff und heutige Einordnung

Arbeiterkinder sind im engen Wortsinn Kinder von Arbeitern. Gemeint sind meist Kinder und Jugendliche aus einer sozialen Schicht mit geringerem Einkommen, geringerem Ansehen und schlechteren Bildungschancen. Der Begriff ist biographisch wichtig, weil das Umfeld der ersten Lebensjahre prägt. Pierre Bourdieu beschreibt dies mit dem Habitus: Er entsteht durch die soziale Schicht und trägt zugleich dazu bei, Klassenlagen wieder hervorzubringen.

Heute ist der Begriff weniger eindeutig. Außerhalb marxistischer Klassentheorie gibt es keine einheitliche Definition von „Arbeiter“; dazu können auch qualifizierte und gut bezahlte Facharbeiter zählen. Armut, geringes Sozialprestige und Benachteiligung betreffen außerdem etwa Arbeitslose, Alleinerziehende, Migranten sowie kranke und behinderte Menschen. „Arbeiterkinder“ wird dennoch teilweise für Kinder aus Familien mit wenig finanziellem, sozialem und kulturellem Kapital und vorwiegend körperlicher Arbeit verwendet.

Für Bildungsstudien ist „Menschen mit niedriger sozialer Herkunft“ genauer. Die HIS- und DSW-Sozialerhebungen bilden diese Herkunft über Beruf, Einkommen, Entscheidungsautonomie und Bildungsabschluss der Eltern ab. Zur niedrigen Herkunftsgruppe zählen unter anderem Facharbeiter, unselbständige Handwerker, ungelernte oder angelernte Arbeiter, ausführende Angestellte sowie Beamte des einfachen und mittleren Dienstes. Sie umfasst 49 % der 19- bis 24-Jährigen in Deutschland.

Industrialisierung: Arbeit, Gesundheit und Schule

In der frühen Industrialisierung waren Arbeiterkinder besonders stark von Armut, Krankheit, Vernachlässigung und fehlender Bildung betroffen. Friedrich Engels berichtete für etwa 1840, die Lebenserwartung der unteren Schichten in Liverpool habe nur 15 Jahre betragen. In Manchester starben nach seiner Darstellung mehr als 57 % der Arbeiterkinder vor dem fünften Lebensjahr, gegenüber 20 % in höheren Schichten. Schlechte Wohnverhältnisse, fehlende medizinische Versorgung, Unfälle und die Erwerbsarbeit beider Eltern verschärften die Lage.

Kinderarbeit sicherte häufig das Überleben der Familien, war aber gesundheitsschädlich und verringerte die Bildungschancen. Teilweise arbeiteten Kinder bis zu 90 Stunden pro Woche. 1788 waren zwei Drittel der Beschäftigten in neuen wasserbetriebenen Textilfabriken Englands und Schottlands Kinder. Das englische Gesetz von 1802 sah noch einen 15-Stunden-Tag vor; erst 1833 wurde die Arbeitszeit von Kindern und Jugendlichen begrenzt. In den USA war zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein Drittel der Fabrikarbeiter 7 bis 12 Jahre alt.

In Preußen verbot das Regulativ vom 9. März 1839 Fabrikarbeit unter neun Jahren. Dennoch arbeiteten 1858 noch 12.500 Kinder zwischen 8 und 14 Jahren in preußischen Fabriken. Später entstand die Gewerbeaufsicht; das Verbot wurde bis zum 12. Lebensjahr erweitert. Für Zwölf- bis Vierzehnjährige blieb jedoch ein zwölfstündiger Arbeitstag erlaubt. Arbeitsschutz und allgemeine Schulpflicht sollten Kinderarbeit schließlich zurückdrängen.

Das preußische Generallandschulreglement des 18. Jahrhunderts war eine Vorstufe der Schulpflicht. Im 19. Jahrhundert entstanden Volksschulen als vorgesehener Bildungsweg für Arbeiterkinder. Schulgeld, frühes Ausscheiden zugunsten des Familienunterhalts und die Trennung von höheren Schulen begrenzten den Aufstieg. Der Schulbesuch in Preußen stieg von 50 % um 1800 auf 100 % um 1900; um 1900 besuchten Angehörige unterer Schichten im Durchschnitt sieben Jahre die Schule. Das dreigliedrige Schulsystem und die Halbtagsschule erschwerten den Zugang, während Facharbeiterausbildungen und die duale Ausbildung Arbeiterkindern teilweise neue Möglichkeiten boten.

Zwischenkriegszeit, Jugendorganisationen und Nationalsozialismus

Nach dem Ersten Weltkrieg wandelten Massenproduktion, Massenkonsum, Sozialstaat und ein bürgerlicherer Lebensstil der Arbeiterfamilien die Gesellschaft. Viele Arbeiterfamilien lebten jedoch in engen, ungesunden Mietskasernen; Arbeitersiedlungen und Werksiedlungen sollten Wohnraum schaffen und Beschäftigte zugleich an Betriebe binden. 1918 wurde das Schulgeld für Volksschulen abgeschafft, für Gymnasien wurde in der Bundesrepublik aber noch bis in die 1950er Jahre Schulgeld erhoben.

Arbeiterjugendorganisationen verbanden Bildung, Freizeit und politische Interessen. In Österreich entstanden die Kinderfreunde 1908 und die Roten Falken 1925. In Deutschland wurde am 10. Oktober 1904 in Berlin eine erste Arbeiterjugendorganisation gegründet; später folgten Sozialistische Arbeiterjugend (SAJ) und Kinderfreunde Deutschlands. Die Falken diskutierten Kinder- und Jugendrechte sowie alternative Erziehung und veranstalteten 1927 in Seekamp die erste Kinderrepublik mit mehreren tausend Kindern. Die Naturfreundejugend entstand 1926 und verband Naturerfahrung mit Zielen der Arbeiterbewegung. Die Christliche Arbeiterjugend wurde 1925 von Joseph Cardijn in Brüssel gegründet; ihre Methode lautet „sehen – urteilen – handeln“.

Im Nationalsozialismus sollten Adolf-Hitler-Schulen und Nationalpolitische Erziehungsanstalten Arbeiter- und Kleinbürgerkinder fördern, um eine neue Elite zu bilden. Diese Auswahl richtete sich aber nach rassischen und politischen Kriterien. Es gab etwa 35 Nationalpolitische Erziehungsanstalten, die bis 1941 etwa 6.000 Schüler besucht haben sollen. Die Öffnung der Hochschulen blieb gering: 1938 waren Arbeiterkinder 2 % der Studierenden und 9 % der Abiturienten; Langemarckstipendiaten für Arbeiter- und Bauernsöhne stellten 1939 nur 0,14 % der Studenten.

Bildung in DDR und Bundesrepublik

Die DDR ersetzte nach 1945 das dreigliedrige Schulsystem durch eine achtjährige polytechnische Schule. Für den mittleren Abschluss waren zwei weitere Jahre vorgesehen; der Weg zur Erweiterten Oberschule und zum Abitur hing neben Leistungen auch von sozialer Herkunft, Geschlechterquote, politischer Einstellung und FDJ-Engagement ab. Arbeiterkinder wurden bevorzugt. Arbeiter-und-Bauern-Fakultäten bestanden von 1949 bis 1963 und sollten Arbeiterkinder zum Abitur führen.

In den 1950er Jahren waren Arbeiterkinder an DDR-Hochschulen zunächst ihrem Bevölkerungsanteil entsprechend vertreten. Ihr Anteil sank aber von 53 % 1958 über 30 % 1967 auf 10 % 1988. Gleichzeitig stieg der Anteil Studierender mit akademischem Elternhaus von 14 % 1958 auf 30 % 1967 und 78 % 1988. Als Gründe nennt der Artikel die Auflösung der Arbeiter-und-Bauern-Fakultäten und ein Zulassungsverfahren, das sich stärker am Bedarf bestimmter Studienrichtungen orientierte. Obwohl bis zum Ende der DDR 60 % der Studienplätze für Arbeiterkinder vorbehalten waren, nahm ihr tatsächlicher Anteil weiter ab. Der Arbeiterbegriff wurde zudem zunehmend weit gefasst.

In der Bundesrepublik empfahl die Zook-Kommission nach 1945 eine Einheitsschule, weil die frühe Aufteilung im dreigliedrigen System Standesdenken und Untertanenmentalität fördere. Die Empfehlung wurde kaum umgesetzt; 1955 beschlossen die Kultusminister die Beibehaltung des Systems. Arbeiterkinder besuchten meist die Volksschule und begannen mit 14 Jahren eine Ausbildung oder Hilfsarbeit. 1955/56 stellte die untere Unterschicht 38,6 % der Bevölkerung, aber nur 0,4 % der Studentenschaft.

Schulgeld an Gymnasien bestand bis 1962, Studiengebühren bis 1970. Bildungsreformen, erleichterter Gymnasialzugang und das 1971 eingeführte Bundesausbildungsförderungsgesetz erhöhten den Anteil der Arbeiterkinder an Hochschulen von 6 % 1963 auf 18 % 1982. Heimkinder, oft Kinder alleinerziehender junger Mütter aus der Arbeiterklasse, waren bis 1970 in erheblichem Umfang erzieherischem Missbrauch ausgesetzt; laut Ulrich Herrmann hatten die Folgen für viele schwere Traumata.

Fortbestehende Bildungs- und Gesundheitsungleichheit

Das Grundgesetz verbietet Benachteiligung aufgrund der Herkunft, wozu auch soziale Herkunft zählt. Bildungsstudien beschreiben dennoch eine starke Bildungsbenachteiligung bei niedriger sozialer Herkunft. Sie nahm bis in die 1980er Jahre ab und seit 1990 wieder zu. PISA verwendet dafür den ESCS-Index, der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Status zusammenfasst; auch die DSW-Sozialerhebung arbeitet mit mehreren Herkunftsgruppen.

Nach Jutta Allmendinger und anderen überwanden 2004 nur 28 % der Arbeiterkinder nach der 10. Klasse die Schwelle zu weiterführenden Schulen, aber 73 % der Beamtenkinder. 6 % der Arbeiterkinder erreichten Universitäten, gegenüber 49 % der Beamtenkinder. Umstritten ist, ob verbleibende Zugangsschwellen oder eine gezielte positive Diskriminierung erklärt beziehungsweise nötig macht, damit mehr Menschen aus dieser Gruppe qualifizierte Abschlüsse erreichen.

Auch gesundheitlich ist niedrige soziale Herkunft belastend. Kinder aus Arbeiterfamilien haben laut Artikel ein doppelt so hohes Risiko für Depressionen wie Kinder aus Mittelschichtfamilien. Kinder mit niedrigem Status sind häufiger von Essstörungen, psychischen Erkrankungen wie Hyperaktivität und – bei Mädchen – früher Schwangerschaft betroffen. Die Schulbildung ist dabei ein wesentlicher Faktor.

Soziale Herkunft, Migration und Jugendkulturen

Bourdieu bezeichnete den Habitus der beherrschten Klasse als Notwendigkeitshabitus: Das Leben wird aus dem Blickwinkel der Notwendigkeit beurteilt. Michael Vester gliederte die westdeutsche Arbeiterklasse 1991, die 22 % der Bevölkerung ausmachte, in ein neues Arbeitnehmermilieu (5 %, modernisiert), ein traditionsloses Arbeitnehmermilieu (12 %, teilmodernisiert) und ein traditionelles Arbeitnehmermilieu (5 %, traditionell). Der Begriff Arbeiterkind ist daher weniger präzise als früher, verweist aber weiterhin auf soziale Herkunft und ungleiche Bildungschancen.

Migrantenkinder werden im Artikel teilweise als Arbeiterkinder im weiteren Sinn behandelt. Von 1954 bis 1973 warb die Bundesrepublik gezielt Arbeitskräfte im Ausland an; 1973 lebten bereits 4 Millionen sogenannte Gastarbeiter in Deutschland. Der Artikel beschreibt institutionalisierte Diskriminierung von Migrantenkindern im Bildungswesen und nennt, dass türkische Migrantentöchter häufiger ein Studium beginnen als türkische Migrantensöhne.

Arbeiterkinder prägten verschiedene Jugendkulturen. Rockmusik konnte ein Wir-Gefühl gegen höhere soziale Schichten ausdrücken; bei britischen Musikern eröffnete sie teils Aufstiegsmöglichkeiten. Mods grenzten sich in den frühen 1960er Jahren mit teurer Kleidung von der Arbeiterherkunft ab. Aus Rude-Boy- und Mod-Szene entstanden in britischen Arbeitervierteln Skinheads, die traditionelle Arbeiterkultur betonen wollten. Punk hatte starke Wurzeln in westeuropäischen Arbeitervierteln. Hip-Hop entstand in städtischen Unterschichten der USA; in Deutschland entwickelten seit den 1980er Jahren türkische Arbeiterkinder türkischen Hip-Hop.

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