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Anne Applebaum
Anne Elizabeth Applebaum (* 25. Juli 1964 in Washington, D.C.) ist eine US-amerikanisch-polnische Journalistin, Kolumnistin und Historikerin.
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Person und Ausbildung
Anne Elizabeth Applebaum (* 25. Juli 1964 in Washington, D.C.) ist eine US-amerikanisch-polnische Journalistin, Kolumnistin und Historikerin. Bekannt wurde sie vor allem durch Arbeiten zur jüngeren Geschichte Osteuropas sowie zu autoritären politischen Systemen.
Sie stammt aus einer US-amerikanischen jüdischen Familie des Reformjudentums. Seit 1992 ist sie mit dem polnischen Politiker Radosław Sikorski verheiratet; das Paar hat zwei Söhne. Applebaum lebt seit 2006 in Polen und besitzt seit 2013 neben der US-amerikanischen auch die polnische Staatsangehörigkeit. Sie erklärte 2022, sie fühle sich in politischen Fragen wie dem Ukrainekonflikt als Europäerin.
Nach dem Schulabschluss 1982 studierte sie Geschichte und Literatur an der Yale University und schloss 1986 summa cum laude ab. Mit einem Marshall-Stipendium studierte sie anschließend Internationale Beziehungen an der London School of Economics und erhielt dort 1987 ihren Master-Abschluss.
Journalistische und akademische Arbeit
Applebaum begann 1988 als Korrespondentin des Economist in Warschau. Von 2002 bis 2006 gehörte sie dem Redaktionsausschuss der Washington Post an und schreibt weiterhin Meinungsbeiträge („Op-Eds“) für diese Zeitung. Sie veröffentlichte außerdem unter anderem in The New York Review of Books, The Wall Street Journal, The New York Times, Financial Times, The Guardian, Die Welt und Gazeta Wyborcza.
Ende 2019 wechselte sie von der Washington Post als Kolumnistin zu The Atlantic, wo sie als „staff writer“ arbeitet. Sie lehrte an zahlreichen Hochschulen in den USA, Großbritannien, Deutschland, Maastricht und Zürich. 2012–2013 hatte sie den Phillipe-Roman-Lehrstuhl für Geschichte und Internationale Beziehungen an der London School of Economics inne. Dort ist sie weiter Professor „of Practice“; zugleich ist sie „senior fellow“ an der School of Advanced International Studies der Johns Hopkins University.
Sie war 2008 Fellow an der American Academy in Berlin und leitete in London eine Abteilung des Legatum Institute, eines Thinktanks für politische sowie Sozial- und Wirtschaftspolitik. Applebaum gehört dem Vorstand des National Endowment for Democracy an, ist Kuratorin der Ukrainian History Global Initiative und Mitglied des Beirats des Center for European Policy Analysis.
Zentrale Veröffentlichungen
In Der Gulag (2003; englisch Gulag: A History) unternimmt Applebaum eine Gesamtdarstellung des sowjetischen Lagersystems. Für dieses Werk erhielt sie 2003 den Duff Cooper Prize und 2004 den Pulitzer-Preis.
Iron Curtain – The Crushing of Eastern Europe 1944–1956 (2012) behandelt die Durchsetzung sowjetischer Herrschaft im östlichen Mitteleuropa. Die Studie konzentriert sich auf Polen, Ungarn und die Sowjetische Besatzungszone, die spätere DDR.
Red Famine (2017; deutsch Roter Hunger) behandelt den Holodomor, die Hungersnot in der sowjetischen Ukraine zu Beginn der 1930er Jahre, mit rund vier Millionen Todesopfern. Applebaum untersucht sowohl die Ereignisse als auch ihre Erinnerung und nutzte Zeitzeugenbefragungen sowie seit der ukrainischen Unabhängigkeit 1991 zugängliche Akten. Ihre Deutung des Holodomor als vom Stalinregime geplanter Völkermord ist umstritten: Franziska Davies, Christopher Gilley und Mark Tauger kritisierten unter anderem die Darstellung, die Quellenauswahl und die Nähe zu ukrainisch-nationalistischen Narrativen. Serhii Plokhy und Taras Kuzio bewerteten das Buch dagegen sehr positiv. Applebaum erhielt dafür 2017 erneut den Duff Cooper Prize, als erste Preisträgerin zum zweiten Mal.
Twilight of Democracy (2020; deutsch Die Verlockung des Autoritären) untersucht die Krise liberaler westlicher Demokratien und den Aufstieg rechtspopulistischer Bewegungen, etwa PiS, Fidesz, Brexit Party und Trumpismus. Autocracy, Inc. (2024; deutsch Die Achse der Autokraten) behandelt autokratische Staaten und ihre internationalen Netzwerke. Außerdem schrieb sie 2011 als Koautorin ein englischsprachiges Kochbuch mit 90 polnischen Gerichten.
Politische Positionen und Auszeichnungen
Applebaum bezeichnet sich als liberal-konservativ. Sie bejaht Marktwirtschaft, Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, NATO und Europäische Union. Rechtsstaatlichkeit bedeutet, dass staatliches Handeln an Gesetze gebunden ist; Gewaltenteilung verteilt staatliche Macht auf verschiedene Institutionen.
Russland unter Wladimir Putin betrachtet sie als raffinierte Diktatur. Gazprom sei nach ihrer Auffassung kein gewöhnliches Privatunternehmen, sondern ein Instrument russischer Außenpolitik. Den russischen Krieg gegen die Ukraine beschreibt sie als Versuch, den Westen einzuschüchtern und zu destabilisieren. Anfang 2023 erklärte sie, ein dauerhafter Frieden sei nur möglich, wenn Russland den Angriff als Fehler begreife; ein vorheriger Waffenstillstand oder Gebietsabtretungen könnten weitere Invasionen ermöglichen. Sie unterstützt Waffenlieferungen an die Ukraine.
Schon vor Donald Trumps Amtsantritt 2016 kritisierte sie dessen autoritäre Sprache und Personenkult sowie Gefahren für Verfassung, Justizsystem und Pressefreiheit. In ihrer Friedenspreisrede im Oktober 2024 beschrieb sie das Ziel der russischen Besetzung der Krim und des Überfalls auf die Ukraine als autoritäre Willkürherrschaft ohne Rechtsstaatlichkeit, Grundrechte, Rechenschaftspflicht und Gewaltenteilung.
Zu ihren Auszeichnungen zählen der Pulitzer-Preis 2004, der Lionel Gelber Prize 2018, der Carl-von-Ossietzky-Preis 2024 und der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2024. Dieser würdigte insbesondere die Verbindung historischer Erkenntnisse mit Gegenwartsbeobachtungen über autokratische Staatssysteme und ihre Netzwerke.