Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Angelus Novus
Angelus Novus ist eine von Paul Klee 1920 geschaffene aquarellierte Zeichnung aus Tusche und Ölkreide auf bräunlichem Papier. Das Blatt hat die Maße 31,8 …
Inhalt4 Abschnitte
Werk und Bedeutung
Angelus Novus ist eine 1920 von Paul Klee geschaffene aquarellierte Zeichnung aus Tusche und Ölkreide auf bräunlichem Papier. Sie misst 31,8 × 24,2 Zentimeter und befindet sich seit 1989 im Israel-Museum in Jerusalem. Berühmt wurde das Werk besonders durch den Philosophen und Kulturkritiker Walter Benjamin, der es mit Überlegungen zu Geschichte, Fortschritt und Katastrophe verband.
Das Bild gehört zu Klees Motivgruppe von ungefähr fünfzig Engel-Werken aus den Jahren 1915 bis 1940. Klee bezeichnete diese Wesen als Geschöpfe im „Vorzimmer der Engelschaft“. Der Titel kann als „Junger Engel“ verstanden werden: ein Engel, der erst noch werden muss. Benjamin verstand Angelus Novus als „Neuer Engel“ im Sinn der jüdischen Engellehre, nach der bestimmte Engel in jedem Augenblick neu entstehen und sofort wieder vergehen.
Darstellung des Engels
Die Figur wirkt schwebend und ist wie eine knappe, stenogrammartige Zeichenschrift gestaltet. Ihr Kopf ist im Verhältnis zum Körper sehr groß. Die Arme sind nach oben gestreckt, die erhobenen Finger deuten nur leicht Flügel an. Die Beine sind rudimentär; ihre drei Zehen erinnern an Vogelfüße.
Das Gesicht besitzt weit geöffnete Augen, eine deutliche Nase und einen offenen Mund mit sichtbaren Zähnen. Auffällig sind außerdem große Ohren, Kehle oder Hals sowie Haare, die wie unbeschriftete Schriftrollen aussehen und „wie vom Sturm her“ zerzaust wirken. Der Blick geht aus dem Bildraum heraus und am Betrachter vorbei.
Braun- und Goldgelbtöne bestimmen die Zeichnung auf gebräuntem Papier. Der Grund wirkt fleckig, die Ecken sind dunkler; dadurch erscheint die Figur in einem angedeuteten Oval zu stehen oder daraus zu entschweben. Das Blatt ist unten rechts signiert und datiert.
Besitz- und Fluchtgeschichte
Angelus Novus wurde im Mai/Juni 1920 in einer großen Paul-Klee-Werkschau der Galerie Hans Goltz in München gezeigt. Walter Benjamin kaufte das Bild im Mai oder Anfang Juni 1921 für 1000 Papiermark. Zunächst bewahrte es sein Freund Gershom Scholem auf; im November 1921 wurde es nach Berlin geschickt.
Als Benjamin im September 1933 vor den Nationalsozialisten nach Paris ins Exil ging, blieb das Bild zunächst zurück, Freunde brachten es ihm 1935 nach. Bei seiner Flucht aus Paris vor dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht 1940 musste es erneut zurückbleiben. Der Schriftsteller Georges Bataille versteckte es zusammen mit weiterem Nachlass in der Bibliothèque nationale de France. Benjamin beging am 26. September 1940 in Portbou Suizid.
Gegen Kriegsende kam die Zeichnung mit weiteren Unterlagen zu Theodor W. Adorno nach New York. Adorno gab sie später entsprechend Benjamins Testament von 1932 an Gershom Scholem weiter. Nach Scholems Tod gelangte sie als Geschenk mehrerer Schenkender an das Israel-Museum. Wegen ihres fragilen Zustands war sie 2013 in Essen nur als Kopie ausgestellt; von Mai bis Mitte Juli 2025 wurde das Original für eine Sonderausstellung an das Bode-Museum in Berlin ausgeliehen.
Benjamins Engel der Geschichte und spätere Bezüge
Benjamin beschäftigte sich früh mit Klee und bezog Angelus Novus wiederholt auf Kabbala, Angelologie und Dämonologie. Er nannte die Gestalt einen „neu-erschaffenen Kabbalabeschützer“. 1921 plante er außerdem eine Zeitschrift mit dem Titel Angelus Novus, die jedoch nicht erschien. Das Bild erscheint auch in seinem Essay über Karl Kraus von 1931 und in den autobiographischen Reflexionen Agesilaus Santander von 1933.
Besonders wichtig ist Benjamins Text Über den Begriff der Geschichte von 1940. In These IX wird der Engel zum „Engel der Geschichte“. Er blickt zurück auf die Vergangenheit. Wo Menschen eine Folge von Ereignissen sehen, sieht er „eine einzige Katastrophe“, die Trümmer auf Trümmer häuft. Er möchte die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Ein Sturm vom Paradies verfängt sich jedoch in seinen Flügeln und treibt ihn unaufhaltsam rückwärts in die Zukunft. Diesen Sturm nennt Benjamin das, „was wir den Fortschritt nennen“.
Der Gedanke wurde vielfach in Kunst und Medien aufgegriffen. Direkt auf Benjamin bezieht sich HAP Grieshabers Publikationsreihe Engel der Geschichte mit 23 Ausgaben von 1964 bis 1981. Auch Wim Wenders’ Film Der Himmel über Berlin (1987), Laurie Andersons Song The Dream Before auf Strange Angels (1989), Egill Ólafssons Album Angelus Novus (2001), John Wolf Brennans Komposition N-gl sowie Werke von Toshio Hosokawa und Aboozar Amini nehmen auf Klees Bild oder Benjamins Deutung Bezug.