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Über den Begriff der Geschichte
Über den Begriff der Geschichte sind geschichtsphilosophische Thesen von Walter Benjamin aus dem Jahr 1940, in welchen er unter dem Eindruck des Aufstiegs …
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Gegenstand und Grundgedanke
Über den Begriff der Geschichte ist ein 1940 entstandener geschichtsphilosophischer Text von Walter Benjamin. Er entstand unter dem Eindruck des Aufstiegs des Faschismus und des Hitler-Stalin-Paktes. Benjamin kritisiert darin besonders die historisierende Geschichtsauffassung der Sozialdemokratie und untersucht, wie historischer Materialismus und Messianismus verbunden werden können.
Benjamin deutet die bisherige Geschichte als eine „unbegriffene Aufhäufung von Katastrophen“. Demgegenüber steht die messianische Hoffnung auf Erlösung. Die Gegenwart ist für ihn ein entscheidender, möglicherweise erlösender Augenblick: Sie kann in einer bestimmten Vergangenheit deren Bedeutung für das Jetzt erkennen. Geschichte ist daher keine neutrale, stetige Entwicklung und kein bloßes Aufeinanderfolgen von Ursachen und Wirkungen. Sie muss aus der Perspektive der Gegenwart kritisch rekonstruiert werden.
Der verdichtete, aphoristische Text besteht aus 18 Thesen und einem zweiteiligen Anhang. Sein berühmtestes Bild ist der „Engel der Geschichte“: Er blickt auf die Vergangenheit als einzige Katastrophe zurück, möchte die Verwüstungen heilen und wird zugleich von einem Sturm in die Zukunft geweht. Dieser Sturm heißt „Fortschritt“.
Entstehung und Veröffentlichung
Die 18 Thesen entstanden in den Wintermonaten 1939/1940, nachdem Benjamin aus dem französischen Internierungslager Vernuche in Varennes-Vauzelles entlassen worden war. Dort war er als Deutscher bei Kriegsbeginn inhaftiert worden. Inhaltlich stehen die Thesen im Zusammenhang mit dem Passagen-Werk und zwei Essays über Charles Baudelaire. Viele der darin enthaltenen Gedanken hatte Benjamin nach eigener Aussage „an die zwanzig Jahre“ bei sich verwahrt.
Nachdem Benjamin nach Marseille geflohen war, übergab er das deutschsprachige Manuskript Hannah Arendt. Zusätzlich fertigte er eine unvollendete französischsprachige Fassung an. Benjamin starb im September 1940 auf der Flucht im spanischen Grenzort Portbou; es wird vermutet, dass er wegen seiner als aussichtslos empfundenen Lage Suizid beging.
Hannah Arendt übergab das Manuskript in New York dem emigrierten Frankfurter Institut für Sozialforschung. Dieses veröffentlichte den Text 1942 im Gedenkband Walter Benjamin zum Gedächtnis als Hektographie in geringer Auflage, zunächst unter dem Titel Geschichtsphilosophische Reflexionen. Eine abweichende französische Version erschien 1946 in Temps Modernes. 1950 wurden die Thesen in Die neue Rundschau abgedruckt und dadurch einer größeren Öffentlichkeit zugänglich.
Die 18 Thesen und ihre zentralen Begriffe
• In These I vergleicht Benjamin den historischen Materialismus mit dem Schachtürken, einem im 18. Jahrhundert vorgeführten angeblichen Automaten, der durch einen verborgenen buckligen Zwerg gesteuert wurde. Der historische Materialismus könne erfolgreich sein, wenn er die Theologie in seinen Dienst nehme.
• These II spricht von einer „schwachen messianischen Kraft“, die jedem gegenwärtigen Geschlecht im Verhältnis zu den vergangenen Geschlechtern gegeben sei. Zwischen den vergangenen Geschlechtern und der Gegenwart bestehe eine „geheime Verabredung“; die Gegenwart sei „auf der Erde erwartet worden“.
• In These III ist „nichts, was sich jemals ereignet hat, für die Geschichte verloren zu geben“. Erst eine erlöste Menschheit könne jeden vergangenen Moment zitieren.
• These IV betont, dass „feine und spirituelle“ Kräfte wie Zuversicht, Mut, Humor, List und Unentwegtheit nicht einfach den Siegern des Klassenkampfes zufallen. Sie wirken aus der „Ferne der Zeit“ und stellen die Siege der Herrschenden bereits infrage.
• Nach These V ist ein wahres Bild der Vergangenheit nur dann von Bestand, wenn die Gegenwart erkennt, dass sie selbst darin gemeint ist. Wahrheit wartet also nicht unabhängig von der Gegenwart auf ihre Entdeckung.
• These VI fordert eine Geschichtsschreibung, die an den Augenblick der Gefahr erinnert. Gefährdet sind sowohl die Tradition als auch ihre Empfänger, weil sie zu Werkzeugen der herrschenden Klasse werden können. Überlieferung muss dem Konformismus immer wieder abgewonnen werden.
• These VII kritisiert das historisierende Verfahren, das zum Nacherleben einer Epoche die spätere Geschichte vergessen will. Eine solche Einfühlung führe zur Perspektive der Sieger. Kulturgüter seien zugleich Zeugnisse der namenlosen Fronarbeit und damit der Barbarei. Der Materialismus müsse deshalb „die Geschichte gegen den Strich bürsten“.
• These VIII erklärt: „Die Tradition der Unterdrückten belehrt uns darüber, daß der ‚Ausnahmezustand‘, in dem wir leben, die Regel ist.“ Auch der Faschismus müsse in diese Sicht einbezogen werden. Ziel sei die „Herbeiführung des wirklichen Ausnahmezustandes“.
• These IX entwickelt anhand von Paul Klees Skizze Angelus Novus und eines Gedichts von Gershom Scholem das Bild des Engels der Geschichte. Der Engel sieht eine einzige Katastrophe, möchte heilen und wird vom Sturm des Fortschritts in die Zukunft getrieben.
• These X will das „politische Weltkind“ aus den politischen Netzen lösen, die im Kampf gegen den Faschismus versagt und ihre Sache verraten hätten. Sturer Fortschrittsglaube, Vertrauen in die „Massenbasis“ und servile Einordnung in einen unkontrollierbaren Apparat seien drei Seiten derselben Sache.
• These XI wendet sich gegen den sozialdemokratischen Arbeitsbegriff, wie ihn etwa Joseph Dietzgen und das von Marx kritisierte Gothaer Parteiprogramm vertraten. Darin erscheine protestantische Moral säkularisiert wieder; an die Stelle der Ausbeutung des Proletariats trete die Ausbeutung der Natur. Benjamin setzt dies von Vorstellungen des Vormärz und von Charles Fourier ab.
• These XII kritisiert die sozialdemokratische Hoffnung auf die Erlösung zukünftiger Generationen durch die Arbeiterklasse. Benjamin erinnert stattdessen an den Klassenkampf im Namen vergangener Generationen, wie ihn Karl Marx, der Spartakusbund und Auguste Blanqui vertraten.
• These XIII verwirft den Fortschrittsbegriff als unaufhaltsamen und unabschließbaren Fortschritt der Menschheit. Grundlegend falsch sei die Vorstellung einer „homogenen und leeren Zeit“.
• In These XIV ist Geschichte „Gegenstand einer Konstruktion“, deren Ort nicht die homogene und leere Zeit, sondern die von „Jetztzeit“ erfüllte Zeit ist. Jetztzeit bezeichnet eine Gegenwart, in der Vergangenheit unmittelbar politisch und geschichtlich wirksam wird. Benjamin nennt dies einen „Tigersprung ins Vergangene“; Marx habe die Revolution dagegen als dialektischen Sprung „unter dem freien Himmel der Geschichte“ verstanden.
• These XV beschreibt das revolutionäre Bewusstsein, das Kontinuum der Geschichte aufzusprengen. Die Französische Revolution führte einen neuen Kalender ein; auch das Schießen auf die Pariser Turmuhren während der Julirevolution von 1830 wird als Ausdruck dieses Bewusstseins gedeutet.
• These XVI ist die Gegenwart des historischen Materialismus kein bloßer Übergang, sondern Ein- und Stillstand der Zeit. Das historische Kontinuum soll aufgesprengt werden, statt sich der Erzählung des bloßen „Es war einmal“ zu überlassen.
• These XVII unterscheidet den Materialismus von einer historisierenden Universalgeschichte, die Fakten additiv anhäuft. Der Materialist erkennt seinen Gegenstand als Monade, also als geschichtlich verdichtete Einheit, in der eine messianische Stillstellung und eine revolutionäre Chance sichtbar werden können.
• These XVIII fasst die Jetztzeit als Modell messianischer Zeit: Sie bildet eine „ungeheure Zusammenfassung der ganzen Menschheitsgeschichte“.
Anhang und Ausgaben
Anhang A ergänzt, dass historische Kausalitäten allein nicht ausreichen. Geschichte dürfe nicht bloß wie das Beten eines Rosenkranzes als Kette von Ereignissen betrachtet werden. Vielmehr müsse die Gegenwart in ihrem Verhältnis zu einer bestimmten Vergangenheit erfasst werden. Dadurch wird sie als Jetztzeit begreifbar, die Fragmente oder „Splitter“ messianischer Zeit enthält.
Anhang B unterscheidet die jüdische Beziehung zu Vergangenheit und Zukunft von den alten wahrsagenden Religionen. Während diese die Zukunft voraussagen wollten, seien den Juden das Wahrsagen verboten und das Eingedenken geboten. Deshalb empfänden sie die Vergangenheit nicht als homogene oder leere Zeit; zugleich beruhe ihre Zukunft nicht auf einer sekündlichen Erwartung des Messias.
Wichtige Ausgaben erschienen 1942 im Band Walter Benjamin zum Gedächtnis des Instituts für Sozialforschung, 1950 in Die neue Rundschau und 1991 in Band I/2 der Gesammelten Werke. Die Kritische Gesamtausgabe von 2010 enthält alle überlieferten Fassungen, Entwürfe, Varianten, Erläuterungen, Kommentare und Dokumente.