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Maya (Philosophie)
Maya (Sanskrit माया māyā „Illusion, Zauberei“) ist ein Begriff der indischen Philosophie. Sie gilt als unergründliche Schöpferkraft des absoluten …
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Kernbegriff und Bedeutung
Maya ist ein Grundbegriff der indischen Philosophie. Sie bezeichnet die unergründliche Schöpferkraft des absoluten Brahman und zugleich die gesamte Erscheinungswelt. Das Konzept umfasst daher alle Dualitäten sowie sowohl das positive Wissen (vidya) als auch die negative Unwissenheit (avidya) des Menschen.
In den Ausführungen Shankaras wird Maya vor allem im negativen Sinn verstanden: als universelle Täuschung und als Macht der Verblendung. In der Vedanta-Philosophie steht deshalb meist der negative Aspekt im Vordergrund. Maya erklärt, warum der Mensch die eigentliche Einheit und Wahrheit des Brahman nicht erkennt, sondern sich selbst und die Welt als voneinander getrennte, vielfältige Wirklichkeit erlebt.
Verhüllung der Wahrheit
Vedanta unterscheidet zwei negative Kräfte der Maya: die verhüllende Kraft und die projizierende Kraft. Die verhüllende Kraft verbirgt die Wahrheit wie ein Schleier. Nach Shankara hängt sie mit tamas zusammen, der Eigenschaft der Trägheit innerhalb der drei Gunas, also der grundlegenden Eigenschaften der Weltenergie.
Unwissenheit bedeutet im Vedanta die Unkenntnis der wahren Natur des Menschen und der eigentlichen Natur der Welt. Das eine Absolute, Brahman, wird durch die vielfältige Erscheinungswelt verhüllt. Obwohl der Mensch nach dieser Lehre göttlicher Natur ist, versteht er sich als sterbliches Geschöpf in einer Welt aus wechselnden Namen und Formen, die durch Zeit, Raum und Kausalität bestimmt ist.
Ramakrishna vergleicht den verhüllenden Schleier mit Egoismus, der wie eine Wolke die Sonne verdeckt. Die unsterbliche Seele, der Atman, wird demnach durch die Identifikation mit Körper, Gedanken und Gefühlen verdeckt. Dadurch entsteht der Eindruck, das Ich sei der Handelnde. Die Bhagavadgita erklärt in Vers 3.27, dass zwar alle Handlungen durch die Erscheinungsformen der Natur beziehungsweise durch die Kraft der Maya vollzogen werden, der durch Selbstgefühl verwirrte Mensch jedoch denkt: „Ich bin der Täter“.
Dieses Ich ist aus Sicht des Vedanta substantiell nicht auffindbar. Erst die aus der Identifikation mit ihm entstehende Sonder-Existenz lässt die Vorstellung vieler voneinander getrennter Existenzen entstehen. Deshalb wird das Ich mit der illusionären Natur Mayas gleichgesetzt. Das Schleierbild beschreibt außerdem die wechselhaften Erfahrungen spirituell Suchender: Aufgehobene Stimmung und das Gefühl der Gegenwart Gottes können von Phasen geistiger „Trockenheit“ abgelöst werden, als wäre der Schleier vor Brahman nur kurz gelüftet worden.
Projektion und Erscheinungswelt
Die projizierende Kraft lässt dem Menschen die Wahrheit als eine andere Wirklichkeit erscheinen. Nach Shankara entspringt sie rajas, der Eigenschaft leidenschaftlicher Aktivität. Die klassische Metapher dafür ist die Schlange, die in der Dunkelheit für ein Seil gehalten wird. Wegen seiner Unwissenheit und mangelnder Unterscheidungskraft verwechselt der Mensch beides. Hält er das Seil für eine Schlange und greift danach, gerät er in Gefahr. Entsprechend schafft es Bindung, das Unwirkliche für wirklich zu halten.
Die hinduistischen Philosophien bewerten den Wirklichkeitsgehalt der Erscheinungswelt unterschiedlich. Sankhya, Yoga und Nyaya weisen der Welt eine objektive Wirklichkeit zu. Shankara, der Vertreter des Advaita-Vedanta, spricht ihr dagegen keine wirkliche Substanz zu. Die Beurteilung hängt außerdem vom jeweiligen Standpunkt ab: Vom absoluten Standpunkt aus wird die Welt als identisch mit Brahman angesehen. Im Zustand der Unwissenheit hält Ramana Maharshi es dennoch für notwendig, von Maya als Täuschung zu sprechen, weil diese Vorstellung die gewohnheitsmäßige Identifikation mit der Erscheinungswelt auflösen soll.
Das Verhältnis des Relativen zum Absoluten beziehungsweise des Endlichen zum Unendlichen wird im Vedanta durch die Vorstellung der „Überdeckung“ erklärt. Wie die vermeintliche Schlange das Seil überlagert, so überlagert die vielgestaltige Welt Brahman. Ein weiteres Bild ist das Kino: Brahman entspricht der stets gleichen Leinwand hinter allem, während der darauf projizierte Film die sich ständig wandelnde Erscheinungswelt der Maya darstellt.
Eine solche Überlagerung zeigt sich auch im Avatar, also in einer göttlichen Inkarnation, beispielsweise in Buddha, Christus oder Krishna. Der Avatar gilt als positive Seite der Maya. Durch Manifestation oder Offenbarung versucht die göttliche Inkarnation, den Menschen aus seiner Unwissenheit zu befreien. Im Kommentar zu Bhagavadgita 4.6 heißt es, das Ungeborene und Unvergängliche gelange durch die Macht der Maya zu empirischem Sein. Maya besitzt hier auch die Fähigkeit, das Unmögliche Wirklichkeit werden zu lassen.
Der widersprüchliche Wirklichkeitsstatus
Maya offenbart beziehungsweise projiziert einerseits die Erscheinungswelt und verhüllt andererseits die letzte Wirklichkeit. Daraus ergibt sich das von Shankara formulierte Paradoxon, Maya sei „weder Sein noch Nichtsein“.
Die Übersetzung von Maya als „Illusion“ im Sinn völligen Nichtseins ist deshalb ungenau. Maya ist erfahrbar, ähnlich wie die Schlange in der Seil-Metapher. Wegen ihrer Relativität kann ihr aber auch kein absolutes Sein zugesprochen werden. Vivekananda beschreibt die Welt als eine Mischung aus Sein und Nichtsein: Sie besitzt kein unbedingtes, unveränderliches, unbewegliches und unendliches Dasein, weil sie durch die fünf Sinne wahrgenommen wird und bei zusätzlichen oder anderen Sinnen anders erscheinen könnte. Nicht-Existenz ist sie jedoch ebenfalls nicht, weil sie vorhanden ist und der Mensch in ihr und durch sie handelt.
Für den in Maya lebenden Menschen entstehen daraus grundlegende Widersprüche. Sivananda veranschaulicht sie so: Der Mensch weiß, dass er sterben wird, denkt aber dennoch, ewig zu leben. Er weiß, dass die Welt voller Leiden ist, erfreut sich aber an vergänglichen Dingen und gibt sie nicht auf. Er weiß, woraus der Körper besteht, und genießt dennoch körperliche Umarmung. Vivekananda bezeichnet das Maya-Konzept des Vedanta daher weder als idealistisch noch als realistisch und auch nicht als umfassende Welterklärung. Es stellt vielmehr fest, dass der Widerspruch die Grundlage des menschlichen Daseins bildet.
Wege zur Überwindung und weitere Bezüge
Maya als universelles Prinzip gilt als anfangs- und endlos. Die persönliche Unwissenheit (avidya) kann nach Vedanta jedoch vollständig überwunden werden. Dazu soll der Mensch die positiven Eigenschaften des Wissens (vidya) entwickeln. Für Shankara steht an erster Stelle die Unterscheidung zwischen Wirklichem und Unwirklichem. Danach folgt der Verzicht auf die Früchte der Handlungen, wodurch die Ichhaftigkeit abgeschwächt werden soll. Vivekananda betont in seiner Rede „Maya und Freiheit“ das intensive Verlangen nach Befreiung. Die Bhagavadgita weist zugleich auf die Schwierigkeit hin, Maya zu überwinden, und betont die Zuflucht zu Gott.
Ein unmittelbarer Weg wird als „praktischer Vedanta“ bezeichnet. Die Überdeckung durch Maya soll dabei wiederum mit Brahman überdeckt werden. Nach Vivekananda muss man Ehepartner und Kinder nicht verlassen, sondern soll Gott in ihnen sehen. Trotz der überwiegend negativen Bewertung Mayas wird keine Tatenlosigkeit gefordert. Der Mensch soll Gutes tun, um selbst glücklich zu werden, und seine Pflichten gelassen erfüllen. Ramakrishna unterscheidet Maya von Daya, der Barmherzigkeit. Dienst am Nächsten soll die Reinheit stärken und dadurch die Bindung an die Welt verringern.
In indischen Schriften erscheint der Begriff bereits im Rigveda, beispielsweise in 6.47.18, sowie im Mahabharata, im Ramayana und in vielen Upanischaden. Dort bedeutet er überwiegend Magie, Zauberkraft und die Offenbarung der Schöpferkraft Brahmans (Shakti). Ramakrishna verstand Maya als Macht der göttlichen Mutter Kali. In diesem Zusammenhang wird Kali auch Mahamaya genannt, eine kosmische Zauberin, die die Welt hervorbringt und dem Menschen nach ihrer Gnade Befreiung gewährt. Im Buddhismus ist Maya außerdem der Name von Buddhas Mutter; dies wird in Digha Nikāya 14.4 erwähnt.