Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Vedanta
Vedanta (Sanskrit, m., वेदान्त ; IAST: vedānta) ist neben dem Samkhya eine der heute populärsten Richtungen der indischen Philosophie und heißt …
Inhalt5 Abschnitte
Gegenstand und Grundlagen
Vedanta ist neben dem Samkhya eine der heute populärsten Richtungen der indischen Philosophie und eines der sechs Darshanas, also der philosophischen Systeme des Hinduismus. Der Name bedeutet wörtlich „Ende des Veda“ und bezeichnet ursprünglich die Upanishaden, die am Ende des vedischen Schrifttums stehen. Die wichtigsten Grundlage-Texte des Vedanta sind die Brahma-Sutras, die Upanishaden und die Bhagavad Gita.
Im Zentrum stehen die Begriffe Atman und Brahman. Atman bezeichnet das innerste Sein beziehungsweise die individuelle Seele des Menschen; Brahman ist die Weltseele oder das eine letzte Sein. In den Mahavakyas, den „großen Aussagen“, werden beide vielfach als identisch dargestellt: „Diese Seele (Atman) ist Brahman“, „Das bist du“ (Tat Tvam Asi) und „Ich bin Brahman“. Brahmans Natur wird mit satya („Wahrheit“), jnana („Erkenntnis“), ananta („Unendlichkeit“) oder ananda („Glückseligkeit“) beschrieben.
Die zentrale philosophische Frage lautet, wie sich die individuellen Seelen, die jivatman, zum paramatman, also zu Brahman, verhalten und wie die vielfältige Welt zum einen letzten Sein steht. Die Upanishaden betonen zwar häufig die Einheit, enthalten aber auch Ansätze, nach denen die Welt eine eigene, von Brahman getrennte Wirklichkeit besitzt. Aus unterschiedlichen Antworten auf diese Frage entstanden die verschiedenen Vedanta-Systeme.
Traditionell galten das Studium der Veden und die Befolgung vedischer Rituale als Voraussetzung für das höhere Wissen des Vedanta. Die vorbereitende Reinigung war ursprünglich Schülern höherer Kasten vorbehalten. Heute werden vedische Rituale dabei häufig durch Elemente des Bhakti-Yoga, des Weges der Hingabe, ersetzt. Die heutige Bedeutung des Vedanta, besonders des Advaita-Vedanta, wurde teilweise durch europäische Deutungen indischer Schriften seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert geprägt. Seit dem 19. Jahrhundert wurden diese Deutungen in religiösen Reformbewegungen und der indischen Unabhängigkeitsbewegung neu interpretiert.
Advaita-Vedanta
Advaita-Vedanta bedeutet „Vedanta der Nichtzweiheit“ oder „Nicht-Dualität“. Es ist ein monistisches System, das die Welt auf ein einziges Prinzip, Brahman, zurückführt. Sein bekanntester Gelehrter war Shankara (ca. 788–820 n. Chr.). Die entscheidende Lehre ist die Wesensidentität von Atman, der individuellen Seele, und Brahman, der Weltseele.
Nach Advaita entsteht die gewöhnliche Erfahrung von Getrenntheit durch avidya, also Unwissenheit, und maya, also Illusion. Wer diese überwindet, erkennt die Einheit von Atman und Brahman, befreit das Selbst vom Nicht-Selbst und erlangt Moksha, die Erlösung.
Shankara entwickelte besonders den Begriff eines Brahman ohne Form und Attribute, nirguna. Sat („reines Sein“), cit („reines Bewusstsein“) und ananda („reine Glückseligkeit“) gelten dabei nicht als Eigenschaften, die Brahman zusätzlich besitzt, sondern als Bestandteile seines Wesens. Shankara erkannte den Wert mystischer Erfahrungen und der Bhakti-Frömmigkeit an. Die Erkenntnis der Einheit von Atman und Brahman könne jedoch nur durch das Studium heiliger Texte erlangt werden; deshalb stand die Erlösung nach dieser Darstellung nur der Brahmanen-Kaste offen. Shankara wandte sich außerdem scharf gegen den Buddhismus, weil dieser den Offenbarungscharakter der Veden ablehnt und damit als Nastika gilt.
Vertreter des modernen Neo-Advaita stellen besonders das nichtduale Ziel des Advaita in den Mittelpunkt und versuchen, es durch Erfahrungen zu vermitteln.
Vishishtadvaita und Achintya Bhedabheda
Vishishtadvaita-Vedanta bedeutet „qualifizierter Nicht-Dualismus“. Nach dieser Lehre existiert Gott als Einziges, doch bleibt die Pluralität der Welt als reale Erscheinungsform Gottes erhalten. Die Welt ist daher nicht, wie im Advaita-Vedanta Shankaras, bloße Illusion. Der bedeutendste Vertreter war Ramanuja (1017–1137 n. Chr.), der Brahman mit Vishnu-Narayana identifizierte.
In Ramanujas System sind die Welt und die Seelen zwei untrennbare Wesensarten Gottes. Sie verhalten sich zu ihm wie Körper und Seele: Materie und Seelen bilden den Körper Gottes, während Gott ihr Bewohner und ihre Kontrollinstanz ist. Sie sind ihm untergeordnet und können nicht unabhängig von ihm existieren. Zugleich ist Gott ein persönliches höchstes Wesen. Die göttliche Liebe verbindet ihn mit den individuellen Seelen. Vishishtadvaita wurde deshalb zu einer wichtigen theoretischen Grundlage des Vishnuismus, besonders des Bhakti-Yoga. Als erste Schule konnte sie sich gegen Shankaras Advaita-Vedanta behaupten. Weitere wichtige Vertreter waren Yāmuna und Nathamuni (823–951 n. Chr.).
Achintya Bhedabheda lehrt die gleichzeitige Einheit (abheda) und Verschiedenheit (bheda) der Wahrheit. Begründer war Chaitanya (1486–1533). Die Seelen und die Materie, Prakriti, gelten als Umwandlungen der Energie der höchsten Wahrheit. Krishna ist dabei der „shaktiman“, der Besitzer aller shaktis, also aller Energien. Diese Energien sind als Gottes Energien einerseits mit ihm identisch, andererseits ewig von ihm verschieden. Dieses Verhältnis heißt „bheda-abheda“ und ist „achintya“, also unvorstellbar; es muss nach dieser Lehre aufgrund der Autorität der Schriften akzeptiert werden.
Die absolute Wahrheit ist demnach eine „nichtduale Einheit in Vielfalt“ und wird als Brahman, Paramatma und Bhagavan bezeichnet: Brahman ist die alldurchdringende und eigenschaftslose spirituelle Energie; Paramatma ist die Überseele, die jeden Atman begleitet und in allen Dingen gegenwärtig ist; Bhagavan ist der höchste Herr, der jenseits der manifestierten Prakriti in seinem ewigen Reich Vaikuntha weilt. Diese konzentrierte Lehre wird mit Bhagavatapurana 1.2.11 veranschaulicht.
Shuddhadvaita
Shuddhadvaita bedeutet „reine Nichtdualität“ und wurde von Vallabha (1479–1531), einem Zeitgenossen Chaitanyas, begründet. Vallabha lehnt Shankaras Maya-Lehre ab, nach der Universum und Individualität bloße Illusion seien. Die ganze Welt ist für ihn Gottes Energie und bleibt trotz ihres ständigen Wandels real. Gleichzeitig unterscheidet er, wie andere vishnuitische Philosophen, zwischen Gott, Materie und den individuellen Seelen.
Vallabha erhob das Bhagavatapurana zu einer höchst autoritativen Schrift. Sein systematisches Werk Tattvadipa erläutert diese Lehre: Krishna erschafft die Jivas, also die Seelen, gestaltet das Universum und genießt alles. Der Zweck der Existenz Gottes und der Seelen besteht danach darin, sich gegenseitig zu erfreuen und zu genießen. Radha gilt als verkörperte Liebe Krishnas.
Die Schule Vallabhas ist besonders für die Verehrung Radhas und Krishnas als höchstes göttliches Paar bekannt. Sie bildet heute eine starke religiöse Bewegung, der vor allem in Nordindien Millionen von Anhängern zugeschrieben werden.
Dvaita-Vedanta
Dvaita-Vedanta bedeutet „Vedanta der Zweiheit“ oder „Dualität“ und wurde von Madhva (1199–1278) begründet. Im Gegensatz zum Advaita-Vedanta ist der Atman nach dieser Lehre ewig von Brahman getrennt und nicht mit ihm identisch.
Alle Menschen sind individuelle jivas, von denen jeder einen eigenen Geist besitzt. Gott allein ist das höchste Brahman. Die Gleichsetzung der Gottseele mit den individuellen Seelen würde nach Madhva die absolute Autorität Gottes untergraben. Auch Gottesdienst, puja, und die glaubensvolle Unterwerfung unter ein höheres Wesen, Bhakti-Yoga, wären sinnlos, wenn dieses höhere Wesen mit der eigenen Seele identisch wäre. Daher hängt die Erlösung allein von Gottes Gnade ab.
Das Dvaita-Vedanta wurde von Jayatirtha (1356–1388) und Vyasaraya (1478–1589) weiterentwickelt. Die Anhänger der von Madhva gelehrten Religion sind heute besonders stark im indischen Bundesstaat Karnataka vertreten.