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Sentimentalität

Sentimentalität (von französisch le sentiment = „Gefühl“, „Stimmung“) ist eine Gemütsverfassung, die durch Rührung gekennzeichnet ist.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundbegriff und Wirkung
  2. 2. Literarische Entwicklung
  3. 3. Weitere Literaturformen
  4. 4. Malerei
  5. 5. Popularkultur und Kitsch
  6. 6. Sentimentale Liebe

Grundbegriff und Wirkung

Sentimentalität ist eine Gemütsverfassung, die durch Rührung geprägt ist. Sie nimmt einen äußeren Anlass als Vorwand, steigert sich dann aber in sich selbst hinein. Gemeint ist ein Schwelgen in meist wohligen, sehnsüchtigen, romantischen und leidenschaftlichen Gefühlen, manchmal auch in Melancholie. Sie ist eine Form emotionaler Selbststimulation ohne Handlungsantrieb: Gefühle werden stark erlebt, führen aber nicht unbedingt zu klarem Denken oder Handeln.

Dieser Mechanismus kann dazu beitragen, Belastungen passiv zu ertragen, sich zu trösten oder Konflikte zu übergehen, statt sie wirklich zu durchdenken oder zu lösen. Die „Sentimentalisierung des Selbst“ bedeutet, dass das leidende Ich selbst zum Mittelpunkt und zum Objekt der Aufmerksamkeit wird. Das schädigt andere nicht direkt, kann aber eigene Tätigkeiten blockieren, die fremdes Leiden mindern könnten. Außerdem kann sich die Stimmung durch Gefühlsansteckung negativ auf andere Menschen auswirken.

Erich Fromm beschreibt Sentimentalität als „Gefühl unter der Voraussetzung völliger Distanziertheit. [...] Man fühlt zwar, aber man ist nicht wirklich und konkret auf etwas in der Realität bezogen.“ Eine besondere Form ist die Melancholie: eine dunkle, grüblerische Seelenstimmung, die sich oft um Tod und Jenseits dreht und zugleich als lustvoll empfunden werden kann.

Literarische Entwicklung

In der Literatur meint Sentimentalität eine Vorliebe für überschwängliche Gefühle, oft verbunden mit stark moralisch gefärbtem Denken. Sie entwickelt sich im Zeitalter der Empfindsamkeit und steht im Zusammenhang mit dem Aufstieg der bürgerlichen Familie sowie mit Kritik am cartesianischen Rationalismus. Der Sozialhistoriker Otto Brunner führt ihre Entstehung, im Anschluss an Max Wieser, auf eine gesellschaftliche Trennung zurück: Das frühere „Ganze Haus“ oder der erweiterte Haushalt zerfiel in männlich bestimmte rationale Betriebsformen einerseits und weiblich dominierte, gefühlsbetonte Familienbeziehungen andererseits.

Der Begriff „sentimental“ wurde in England um die Mitte des 18. Jahrhunderts geprägt. Zunächst konnte er moralische Tugend bezeichnen. Der sentimentale Roman entstand ebenfalls um diese Zeit in England. Ein Hauptvertreter war Samuel Richardson mit dem Briefroman „Clarissa, or the History of a Young Lady“ von 1748, der auch in Deutschland verbreitet war. Laurence Sternes „A sentimental Journey through France and Italy“ von 1768 verband sinnliche Erfahrungen mit der „Anteilnahme des Herzens“ und trug zur Erschließung neuer Bereiche des Seelenlebens bei. Als französischer Vorläufer gilt Abbé Prévosts „Manon Lescaut“ von 1731.

Schon Henry Fielding parodierte in den 1740er Jahren Richardsons Tugendromane, die er für moralisch heuchlerisch hielt. In den 1770er Jahren wurde „sentimental“ im Englischen zunehmend abgewertet und im Sinn von falschem Mitleid oder unechtem Gefühl gebraucht. Goethe verwendete den Begriff im Zusammenhang der deutschen Empfindsamkeit noch positiv. Für Schiller steht „sentimentalische“ Dichtung im Gegensatz zur „naiven“ Dichtung: Der sentimentalische Dichter gibt nicht nur „trockene Wahrheit“ wieder, sondern reflektiert den Eindruck, den die Gegenstände auf ihn machen. Friedrich Schlegel nahm das sentimentale Gefühl in seine Definition des Romantischen auf.

Weitere Literaturformen

Im Viktorianischen Zeitalter wurde eine sentimentale Häuslichkeit gepflegt, wie sie sich etwa in William Thackerays „Vanity Fair“ von 1847/48 zeigt. Diese Häuslichkeit wird als Versuch verstanden, innere Gefühle eng mit moralischem Handeln zu verbinden. Besonders romantische Liebesbeziehungen und Heiraten sollten aus der Sphäre des kapitalistischen Marktes herausgehalten werden. Rührung konnte dabei verdecken, dass Heirat auch als Form gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Austauschs verstanden werden konnte.

In der US-Literatur steht Harriet Beecher Stowes „Uncle Tom's Cabin“ von 1852 beispielhaft für eine sentimentale Tradition, in der körperliches und seelisches Leiden anderer Menschen in den Vordergrund tritt. Im 20. Jahrhundert bot sentimentale New-Age-Literatur vor allem Selbsthilfe bei eigenem psychischem Leiden an.

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wurde Sentimentalität noch stärker abgewertet. Josef Kohler identifizierte sie mit unwahren oder vorgespiegelten Gefühlen und sah sie als „pathologische Folge dürftiger Tatenlosigkeit und des Unvermögens [...], sich in der Welt und ihrem Reichtum zurechtzufinden“. Die Skandinavistin Sophie Wennerscheid weist außerdem auf eine enge Verbindung von Sentimentalität und Grausamkeit in moderner Literatur hin, zum Beispiel bei Knut Hamsun, Hans Henny Jahnn oder Karen Blixen.

Malerei

In der späten Aufklärung erfasste eine Welle der Empfindsamkeit Europa und wirkte auch auf die Malerei. Statt Heldenfiguren rückte der Alltag einfacher Menschen in den Vordergrund. Teilweise wurde auch Armut verklärend dargestellt. Als Beispiel nennt der Artikel Jean-Baptiste Greuzes sentimentale Malerzählungen.

Nach den Revolutions- und Napoleonischen Kriegen setzte seit 1815 erneut eine Flucht in die kleinbürgerlich-familiäre Idylle ein. In der Malerei zeigte sich das in behaglichen Innenräumen, Alltagstätigkeiten, kindlichem Spiel und unheroischen Personendarstellungen. Diese später als Biedermeier bezeichnete Epoche ist durch einen rührend sentimentalen Ausdruck geprägt. Als Beispiel werden Werke von Carl Spitzweg (1808–1885) genannt.

Popularkultur und Kitsch

In der Popularkultur hat Sentimentalität eine grundlegende Bedeutung für viele Formen von Schlager, Trivialliteratur, Schnulze und Kitsch. Kitsch sentimentalisiert eigene Erlebnisse. Er wird von Konsumenten oder Lesern bewusst gewählt, aber auch durch „massives und bewußtes Marktkalkül“ der Konsumindustrie verbreitet.

Die Trivialliteratur folgt laut Artikel den Mustern des Märchens und entspricht damit ursprünglichen Bedürfnissen. Solche Formen der Unterhaltungskunst fördern eine dauerhafte feelgood- oder feel right-Stimmung und damit Eskapismus, also die Flucht aus der Wirklichkeit in angenehme Ersatzwelten. Eva Illouz sieht insgesamt eine Tendenz zur Emotionalisierung und Sentimentalisierung des Konsums, während das emotionale Subjekt im Alltag zugleich immer ökonomischer handelt.

Sentimentale Liebe

Sentimentale Liebe bezeichnet einen Zustand, in dem Liebe nur in der Phantasie und nicht in einer konkreten Beziehung zu einem anderen Menschen erlebt wird. Der Artikel beschreibt sie als Form der Ersatzbefriedigung, die Konsumenten von Liebesfilmen, Liebesgeschichten in Zeitschriften und Liebesliedern erfahren. Unerfüllte Sehnsüchte nach Liebe, Vereinigung und menschlicher Nähe finden im Konsum solcher Produkte eine Befriedigung.

Nach Josef Kohler artet Sentiment in Sentimentalität aus, wenn der Liebende in Tatenlosigkeit versinkt. Als literarisches Beispiel nennt der Artikel Gustave Flauberts einflussreichen Roman „L’Éducation sentimentale“, der 1869 erschien.

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