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Alternative Fakten
Alternative Fakten (englisch alternative facts) ist eine Formulierung von Kellyanne Conway, Beraterin des seinerzeitigen US-Präsidenten Donald Trump von …
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Begriff und Auslöser
„Alternative Fakten“ (englisch alternative facts) bezeichnet eine Formulierung der Trump-Beraterin Kellyanne Conway. Sie verwendete sie im Januar 2017 in der US-Politiksendung Meet the Press, um falsche Angaben des Pressesprechers Sean Spicer zur Größe des Publikums bei Donald Trumps Amtseinführung zu rechtfertigen. Conway war von 2017 bis August 2020 Beraterin des damaligen US-Präsidenten Donald Trump. In Deutschland und Österreich wurde „alternative Fakten“ zum Unwort des Jahres 2017 gewählt.
Der Ausdruck wurde zu einem Beispiel für den Streit darüber, ob überprüfbare Tatsachen durch bloße unterschiedliche Darstellungen ersetzt werden können. Kritiker bewerteten ihn daher als Umschreibung für Unwahrheiten; andere versuchten, zwischen falschen Behauptungen und unterschiedlichen Deutungen von Daten zu unterscheiden.
Streit um die Amtseinführung
Am 21. Januar 2017 hielt Sean Spicer seine erste Pressekonferenz als Pressesprecher des Weißen Hauses. Er warf den Medien vor, die Besucherzahl bei Trumps Amtseinführung absichtlich kleinzureden, und behauptete, es seien mehr Menschen als jemals zuvor dabei gewesen. Die verfügbaren Daten widersprachen dieser Aussage: Luftaufnahmen zeigten ein deutlich kleineres Publikum als bei Barack Obamas Amtseinführung 2009. Die Washington Metro verzeichnete am Tag von Trumps Amtseinführung um 11:00 Uhr 193.000 Fahrgäste; 2009 waren es 513.000 gewesen.
Spicer erklärte außerdem, erstmals verwendete weiße Bodenbeläge hätten die Menge kleiner erscheinen lassen. Dieselben Bodenbeläge waren jedoch schon bei Obamas zweiter Amtseinführung 2013 eingesetzt worden. Fragen der Presse ließ Spicer nicht zu.
Im anschließenden Interview fragte Moderator Chuck Todd Conway wiederholt, weshalb Spicer widerlegbar falsche Behauptungen vorgetragen habe. Conway kritisierte zunächst eine ihrer Ansicht nach einseitige Medienberichterstattung. Als Todd fragte, warum der Präsident den Sprecher zu einer Unwahrheit aufgefordert habe, antwortete sie: „Sean Spicer, unser Pressesprecher, hat dazu alternative Fakten dargestellt.“ Todd erwiderte, alternative Fakten seien unwahre Aussagen. Conway hielt dagegen, Menschenmengen ließen sich nicht sicher quantifizieren, und warf Todd vor, eher zu kommentieren als zu informieren.
Deutungen, Kritik und Rechtfertigungen
Journalisten und andere Beobachter bezeichneten Conways Aussage häufig als Lüge oder verglichen sie mit George Orwells Roman 1984. Jill Abramson nannte sie „Orwellsches Neusprech“. Dan Rather schrieb, Fakten und Wahrheit seien nicht parteiisch, sondern ein Grundstein der Demokratie. Die New York Times veröffentlichte am 23. Januar einen Faktencheck mit Fotos der Publikumsmengen von 2009 und 2017; CNN bot eine hochauflösende 360°-Panorama-Darstellung an. Medien verglichen den Ausdruck besonders mit Neusprech und Doppeldenk, also den in 1984 dargestellten Methoden zur sprachlichen und gedanklichen Manipulation.
Conways Darstellung wurde auch als Gaslighting interpretiert. Damit ist eine Form psychischer Gewalt oder des Missbrauchs gemeint, bei der Menschen gezielt desorientiert und manipuliert werden, sodass ihr Selbstbewusstsein allmählich geschwächt oder zerstört wird.
Die Politikwissenschaftler Nancy L. Rosenblum und Russell Muirhead sehen alternative Fakten als Angriff auf die Demokratie. Öffentliche politische Beratung setze gemeinsam verstandenes Wissen voraus. Behörden, Universitäten, Forschungszentren, Experten und verantwortungsbewusste Medien arbeiteten daran, dieses Wissen zu erzeugen, zu prüfen und zu verbessern. Alternative Fakten untergrüben nach ihrer Ansicht solches gemeinsam überprüfbares Wissen, schadeten der persönlichen Orientierung und der Demokratie und könnten durch dauernde Wiederholung einen Besitzanspruch auf die Realität durchsetzen.
Spicer verteidigte den Begriff am 25. Januar 2017: Medien hätten ihn absichtlich verdreht; auch widersprüchliche Wetterprognosen seien nicht automatisch Lügen. Er räumte ein, einige vorgegebene Informationen seien falsch gewesen, was er bei der Pressekonferenz nicht gewusst habe. Conway erklärte, sie habe alternative oder unvollständige Informationen gemeint. Breitbart News verwies auf angeblich üblichen juristischen Sprachgebrauch, wenn Streitparteien unterschiedliche Sichtweisen auf eine Faktenlage vortrügen; der Guardian fand bei einer Suche in Onlinelexika keinen solchen juristischen Ausdruck. Robert Stoker betonte, verschiedene Indikatoren und Definitionen könnten bei statistischen Fragen, etwa zu Armut oder Arbeitslosigkeit, unterschiedliche Zahlen ergeben. Problematisch sei der Ausdruck, wenn eine rationale Prüfung des Wahrheitsgehalts vermieden werde.
Weitere behauptete Vorfälle und politische Einordnung
Am 2. Februar 2017 rechtfertigte Conway die mit Executive Order 13769 verhängten Einreiseverbote mit einem angeblichen „Bowling-Green-Massaker“. Sie sagte, dieses habe zu einem Einreiseverbot für irakische Staatsbürger unter Barack Obama geführt und sei wegen fehlender Medienberichte kaum bekannt. Tatsächlich waren 2011 in Bowling Green, Kentucky, zwei Iraker festgenommen und wegen des Versuchs angeklagt worden, Waffen und Geld an Al-Qaida im Irak zu senden; es handelte sich um eine Sting-Operation des FBI. Einen Tag später erklärte Conway, sie habe von „Terroristen“ in Bowling Green statt von einem Massaker sprechen wollen. Sie verwendete „Massaker“ jedoch auch in zwei weiteren Interviews.
Am 18. Februar 2017 nannte Trump bei einer Veranstaltung in Melbourne, Florida neben Anschlägen in Brüssel, Nizza und Paris einen angeblichen Vorfall in Schweden am Vortag. Nach einer Nachfrage des schwedischen Außenministeriums erklärte er auf Twitter, er habe sich auf einen Fox-News-Bericht über Einwanderer bezogen. Die schwedische Regierung erklärte, der einzige entsprechende Anschlagsversuch stamme aus dem Jahr 2010 und habe außer dem Attentäter keine Opfer gefordert. Sie widersprach außerdem der Behauptung zunehmender Schusswaffengewalt: Trotz steigender Einwanderung seit den 1990er Jahren sei die Zahl der Gewalttaten gesunken; es gebe keine Indizien für einen durch Zuwanderung verursachten Anstieg der Kriminalitätsrate.
Journalisten stellten außerdem einen Bezug zu Trumps Wirtschaftsbuch The Art of the Deal von 1987 her. Darin wird „wahrheitsgemäße Übertreibung“ als „unschuldige Form der Übertreibung“ und wirksames Marketing bezeichnet. Ghostwriter Tony Schwartz erklärte, er habe den Ausdruck geprägt, und Trump habe ihn gebilligt.
Abgrenzung zu Fake News und „Nebelkerze“
Alternative Fakten und Fake News lassen sich nach dem Artikel nicht immer eindeutig voneinander abgrenzen. Nach Hanna Steinharter weiß der Autor von Fake News von Anfang an, dass er lügt. Wer alternative Fakten äußert, glaube dagegen selbst daran. Alternative Fakten hätten wenigstens einen minimalen Bezug zu einem tatsächlichen Fakt, um den die Person eine eigene Realität aufbaue; sie seien damit Wunschvorstellungen. Als Fake-News-Beispiel nennt der Artikel das Gerücht, im Februar 2017 hätten in Litauen stationierte Bundeswehrsoldaten ein Mädchen vergewaltigt. Matthias Gebauer bewertete dies als aus Russland stammende Kampagne zur Diskreditierung der Bundeswehr; der Verfasser habe gewusst, dass die Meldung vollständig gelogen sei. Conways überhöhte, von ihr offenbar geglaubte Besucherzahl wird nach dieser Unterscheidung als alternative Fakten, nicht als Fake News eingeordnet.
Die Kommunikationswissenschaftlerin Elisabeth Wehling bezeichnete alternative facts als „Nebelkerze“: eine Ablenkung, die öffentliche Aufmerksamkeit auf einen Streit lenke, während im Hintergrund andere Politik betrieben werde. Sie ordnete dies Trumps politischem Framing zu, also einer Strategie, politische Themen durch sprachliche Deutungsrahmen zu beeinflussen. Als Beispiele für möglicherweise verdeckte Themen nannte sie die Reduzierung weltweiter Mittel für Frauengesundheit, die Einschränkung der Gesundheitsversorgung für Amerikaner und die Rücknahme von Obamas Entscheidung gegen die Keystone-Pipeline. Wehling war überzeugt, Trump und Conway seien sich der Falschheit bewusst gewesen; die Besucherzahl wertete sie als „Rauchbombe“, die ablenken und zugleich testen solle, welche Medien die vorgegebenen Ideen und Formulierungen wiederholen oder kritisieren.