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Neusprech
Neusprech (englisch Newspeak) heißt die sprachpolitisch umgestaltete Sprache in George Orwells dystopischem Roman 1984. Durch Sprachplanung sollen …
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Begriff und Funktion
Neusprech (englisch Newspeak) ist die sprachpolitisch umgestaltete Sprache in George Orwells dystopischem Roman 1984. Der totalitäre Staat Ozeanien entwickelt sie, um die Ideologie „Engsoz“ (Englischer Sozialismus; englisch Ingsoc) im Unterbewusstsein zu verankern. Neusprech beruht auf dem bisher gesprochenen „Altsprech“, wird aber staatlich standardisiert, reguliert und kontrolliert. Grammatik und Wortschatz werden vereinfacht und begrenzt; Form, Zusammensetzung und Bedeutung der Wörter sind vorgeschrieben.
Diese Sprachplanung soll nicht nur die Kommunikation, sondern auch das Denken kontrollieren. Indem Wörter und Bedeutungen verschwinden, sollen entsprechende Gedanken und persönliche Meinungen nicht mehr ausdrückbar und schließlich psychologisch unmöglich werden. Abweichungen gelten etwa als „Gedankenverbrechen“. So will die Partei verhindern, dass Menschen überhaupt an Kritik oder Aufstand denken können. Der Roman zeigt damit den totalitären Anspruch, nicht nur äußeres Verhalten durch Gesetze zu beherrschen, sondern Identität, freien Willen und Bewusstsein zu formen.
Im übertragenen Sinn bezeichnet „Neusprech“ heute bewusst veränderte Sprache, die Tatsachen, Verantwortung oder Absichten verschleiert und Ziele oder Ideologien ihrer Anwender verdeckt.
Aufbau, Wortbildung und Sprechweise
Der Wortschatz ist in drei Bereiche gegliedert: Das A-Vokabular umfasst die politikfreie Alltagssprache, das B-Vokabular die politische Sprache und das C-Vokabular die Fachausdrücke der Arbeitswelt.
Die Grammatik folgt zwei Grundprinzipien. Erstens können Wörter leicht verschiedene sprachliche Funktionen übernehmen, etwa als Substantiv, Verb oder Adjektiv. Zweitens werden Flexionsformen vereinheitlicht; Ausnahmen und Unregelmäßigkeiten verschwinden. Aus wenigen Wortwurzeln entstehen nach festen Regeln viele Ableitungen, sodass andere Wörter beseitigt werden können. „Denk“ steht beispielsweise sowohl für „Denken“ als auch für „Gedanke“.
Antonyme, also eigenständige Wörter mit entgegengesetzter Bedeutung, sollen verschwinden. Gegensätze werden mit dem Präfix „un-“ gebildet. Dabei bleibt häufig das negativ wirkende Grundwort erhalten: Aus „kalt“ wird „unkalt“ statt „warm“. Bei Wertungen entsteht beispielsweise „ungut“. Vor einem Verb kann „un-“ ein Verbot ausdrücken: „Unproceed“ bedeutet „Mach nicht weiter!“. „Plus-“ und „Doppelplus-“ ersetzen Steigerungsformen und verstärkende Ausdrücke.
Wichtige Suffixe sind „-ful“ zur Bildung von Adjektiven („speedful“ statt „rapid“), „-ed“ für Vergangenheitsformen und Partizipien sowie „-wise“ zur Bildung von Adverbien („speedwise“ statt „quickly“). Mehrdeutigkeiten und feine Bedeutungsunterschiede sollen beseitigt werden. An die Stelle komplizierter Vorstellungen treten einfache Gegensätze wie Lust und Schmerz, Glück und Trauer oder „goodthink“ und „crimethink“.
Auch die Intonation wird kontrolliert. Kurze, ähnlich gebildete Wörter sollen schnell, monoton und abgehackt wie ein Staccato gesprochen werden. Dieses pausenlose „automatische“ Sprechen soll kritisches Nachdenken unterdrücken. Abweichungen von der üblichen Sprechweise können zugleich verdächtig wirken. Ein Parteimitglied soll politische und ethische Urteile so unbewusst und mechanisch äußern, wie ein Maschinengewehr Kugeln abfeuert.
Durchsetzung und zentrale Begriffe
Im Jahr 1984, der Handlungszeit des Romans, ist Neusprech noch nicht vollständig entwickelt. Bis 2050, möglicherweise früher, soll Altsprech verschwinden; dafür ist im Roman ein Übergangszeitraum von 66 Jahren vorgesehen. Alle Menschen außer den Proles sollen dann ausschließlich Neusprech verwenden. Ältere Literatur, etwa Werke von Chaucer, Shakespeare, Milton und Byron, wird umgeschrieben. Die neuen Fassungen sollen nicht bloß anders, sondern teilweise das Gegenteil des ursprünglichen Sinns ausdrücken. Die Romanfigur Syme arbeitet an einer neuen Ausgabe des Neusprech-Wörterbuchs. Selbst Parteislogans sollen verschwinden, sobald ihre Begriffe nicht mehr verständlich sind: „Freiheit ist Sklaverei“ wäre unbrauchbar, wenn das politische Konzept der Freiheit abgeschafft ist.
Zentrale Wortbildungen verdeutlichen die Funktionsweise:
• „Doppeldenk“ (älter: „Zwiedenken“, englisch doublethink) ist die Fähigkeit, zwei widersprüchliche Denkweisen gleichzeitig als wahr anzuerkennen.
• „Deldenk“ (älter: „Undenk“ oder „Verbrechdenk“, englisch Crimethink) bezeichnet ein Gedankenverbrechen: Kritik an der Regierungsdoktrin oder bereits das Erwägen anderer Gedanken.
• „Facecrime“ oder Gesichtsverbrechen liegt vor, wenn ein Gesichtsausdruck ein Gedankenverbrechen erkennen lässt.
• „Delstop“ beziehungsweise Verbrechenstop ist das automatische Umlenken des Gedankenstroms, sobald dieser regierungskritische Themen berührt. Ein „Gutdenker“ ist dagegen eine rechtgläubige Person, die ohne Anstrengung keine „unguten“ Gedanken hat.
• „Quaksprech“ (älter: „Entenquak“, englisch duckspeak) bedeutet gedankenloses Sprechen. Bei regierungstreuen Aussagen kann das Lob sein, bei abweichenden Ansichten eine Beschimpfung.
• „Vaporisieren“ bezeichnet die vollständige Auslöschung eines Menschen: körperlich sowie aus Aufzeichnungen und Erinnerungen. Die betroffene „Unperson“ soll aus dem kollektiven und kommunikativen Gedächtnis verschwinden; schon ihre Erwähnung gilt als Gedankenverbrechen. Dies wird mit der stalinistischen Entfernung unerwünschter Personen aus Fotografien und Nachschlagewerken sowie mit der antiken Damnatio memoriae verglichen.
Das Wort „frei“ bezeichnet nur noch das Fehlen eines Hindernisses, etwa „frei von Läusen“, nicht mehr politische Handlungs- und Entscheidungsfreiheit. Die Ministerien tragen widersprüchliche Namen: „Miniwahr“ ist das Ministerium für Wahrheit und betreibt Propaganda; „Minipax“ steht für Frieden und führt Krieg; „Minifülle“ verwaltet Rationierungen; „Minilieb“ ist für Recht und Ordnung zuständig. Die Parteislogans lauten „Krieg ist Frieden“, „Freiheit ist Sklaverei“ und „Unwissenheit ist Stärke“.
Deutung von Orwells Sprachkritik
Orwells Entwurf verarbeitet Beobachtungen totalitärer Propaganda. Durch seine Arbeit in der Propagandaabteilung der BBC kannte er sowjetische und deutsche, besonders aber japanische politische Propaganda. Die Abkürzungen der Ministerien orientieren sich am sowjetischen Sprachgebrauch. Neusprech zeigt, wie politische Begriffe das Denken ausschalten oder gezielt in eine bestimmte Richtung lenken können.
Die Kritik richtet sich jedoch nicht ausschließlich gegen totalitäre Staaten. Orwell trieb auch allgemeine sprachliche Tendenzen seiner Zeit ins Extrem. Neusprech ähnelt als Plansprache dem Basic English von Charles Kay Ogden und I. A. Richards. Orwell hatte Basic English von 1942 bis 1944 zunächst unterstützt, lehnte es aber 1946 in „Politics and the English Language“ ab. Er kritisierte reduzierte Metaphorik, einen prätentiösen Stil, sinnlose Wörter und die mangelnde Klarheit des Denkens. Neusprech kann daher als Satire auf Basic English verstanden werden.
Nach Andrei Reznikows Darstellung von Orwells Sprachtheorie besteht ein Zusammenhang zwischen Sprachform und Gesellschaftsform. Beide bewegen sich in einem Kontinuum zwischen den nicht erreichbaren Extremen völliger Freiheit und völliger Knechtschaft. Eine Gesellschaft kann sich in die eine oder andere Richtung entwickeln. Ihre Freiheit lässt sich unter anderem daran messen, ob die sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten und besonders der Wortschatz verarmen oder reicher werden. Orwell sah deshalb nicht nur die Vermeidung ungeeigneter Wörter, sondern auch die Erfindung passenderer Wörter als möglichen Beitrag zu einer freieren Sprache.
Heutiger Gebrauch, Framing und Beispiele
Heute wird „Neusprech“ auf politische, wirtschaftliche und werbliche Sprachformen angewandt, die unangenehme Tatsachen freundlich darstellen, Verantwortung verdecken oder Wahrnehmungen steuern. Martin Haase beschreibt als typische Merkmale Übertreibungen, sonderbare Formulierungen, Passivkonstruktionen ohne klaren Akteur und Wortneubildungen. Wird ein Verantwortlicher beispielsweise „Entscheidungsträger“ genannt, kann nach dieser Kritik das Konzept der Verantwortung verschwinden. Josef Joffe kritisierte 2010 außerdem Euphemismen im Umfeld der Political Correctness. Die Kritik am Neusprech richtet sich allerdings gegen Regierungen, ihre Gegner und unterschiedliche politische Gruppen; sie wird auch mit Populismus in Verbindung gebracht.
Die 2017 von Kellyanne Conway verwendete Floskel „alternative Fakten“ wurde als Neusprech gedeutet, weil sie widerlegbar falsche Behauptungen sprachlich verhüllte. Auch Donald Trumps Sprachstil wurde damit in Verbindung gebracht.
Als „Bankspeak“ werden entsprechende Tendenzen in Weltbankberichten bezeichnet. Dominique Pestre und Franco Moretti stellten fest, dass Verantwortliche ungenannt blieben, Verben durch Substantive ersetzt wurden und Begriffe wie „Armut“ sowie klare Zeitbezüge verschwanden. Anders als bei Orwell schrumpfe der Wortschatz jedoch nicht, sondern werde durch zahlreiche Abkürzungen aufgebläht. So werde „Regierung“ durch das positiv wirkende „governance“ und „Armut“ durch „Nahrungsmittelsicherheit“ ersetzt.
Beim „Marketing-Sprech“ kritisiert Joffe besonders Präsentationen, in denen Gedanken und ihre Beziehungen zerlegt werden. Eine strenge äußere Struktur täusche geordnetes Denken vor, obwohl Kausalitäten und Voraussetzungen verschwänden. „Polit-Sprech“ arbeitet ähnlich mit vorgefertigten Floskeln und Euphemismen. Nach Stephan Hebel und Daniel Baumann können solche Ausdrücke Machtverhältnisse verbergen und zugleich die Vorstellung von Wirklichkeit formen.
Die Kognitionswissenschaft untersucht diesen Einfluss experimentell. „Frames“ sind tief verankerte gedankliche Deutungsrahmen, die durch Sprache aktiviert werden. Nach George Lakoff und Elisabeth Wehling beeinflussen bewusst eingesetzte Metaphern weitgehend unbewusst, wie Menschen politische Sachverhalte einordnen und wie sie handeln. Konzeptuelle Metaphern sind dabei nicht bloß Schmuck, sondern verbinden abstrakte Themen mit Bildern und Erfahrungen aus der Lebenswelt.
Genannte Beispiele für heutige Verschleierung sind „robuster Stabilisierungseinsatz“ statt Krieg, „Sparpaket“ statt eines Gesetzespakets mit Ausgabenkürzungen, „alternativlos“ statt politisch begründeter Ablehnung anderer Möglichkeiten sowie „Kollateralschaden“ für die Inkaufnahme von Tötungen oder Verletzungen unbeteiligter Menschen. „Steueroase“ verbindet Steuervermeidung bildlich mit der Rettung vor einer Wüste. „Militärische Spezialoperation“ oder „Sondereinsatz“ ist die offizielle russische Bezeichnung für den russischen Überfall auf die Ukraine.