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Alterität
Alterität. Artikel · Diskussion ... In der Geschichtswissenschaft dient der Begriff der Alterität zur Charakterisierung der Fremdartigkeit des Historischen.
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Grundidee der Alterität
Alterität bezeichnet in Philosophie sowie Geistes- und Kulturwissenschaften das Gegenüber, das nicht zur eigenen Identität gehört, diese aber zugleich mitbestimmt. Gemeint ist das Wechselverhältnis verschiedener Identitäten und der Einfluss der sozialen Umwelt auf ein Individuum. Der Begriff macht bewusst, dass Menschen und Kulturen unterschiedliche Lebenswelten und Weltanschauungen haben.
Alterität wird oft mit Fremdheit oder Andersartigkeit verbunden. Sie kann das Opake, Unzugängliche, nicht Einholbare und Unverfügbare meinen: Das Andere ist nicht etwas, das ein Mensch selbst erzeugt, sondern etwas, das ihm begegnet und ihn berührt. Zugleich wird Alterität durch individuelle Erfahrungen und die eigene Selbstverortung konstruiert.
Die oder der Andere ist durch die unmittelbare Beziehung eine Bedingung persönlicher Identität und indirekt Teil von ihr. Menschen bestätigen, prüfen und bestimmen ihre Identität im Austausch, Vergleich, in Reflexion und Abgrenzung gegenüber Anderem. Alterität verknüpft daher Differenz und Identität und setzt eine Theorie des Subjekts beziehungsweise des Bewusstseins voraus. Das Bewusstsein seiner selbst setzt das Bewusstsein eines Anderen voraus. Bei kollektiven Gruppen können Abgrenzung und Ausgrenzung identitätsbildend sein. Alterität kann auf Vielfalt und Reichtum anderer Kulturen verweisen, aber auch Distanzen sichtbar machen, aus denen Vorurteile, Diskriminierung und Abwertung entstehen können.
Anwendung in Kultur und Gesellschaft
In der Kulturanthropologie ist das Andere oder Fremde ein grundlegender Untersuchungsgegenstand. Der Begriff Alterität wird verwendet, um Hegemonien, also dominante Machtstellungen, und hierarchische Machtverhältnisse zu analysieren. Beispiele sind Teilhabe und Distanz in multiethnischen Gesellschaften sowie kulturelle und sprachliche Fremdbilder. Im Mittelpunkt stehen soziale Wahrnehmung und die Konstruktion von Differenzen.
Alterität untersucht Gegensätze wie Ich und Du, Wir und Ihr, Eigenes und Fremdes, Selbst- und Fremdwahrnehmung sowie Nähe und Entferntheit. Der Begriff wird unter anderem im Feminismus seit Simone de Beauvoirs „Das andere Geschlecht“, im Poststrukturalismus, im Postkolonialismus bei Edward Said, in der interkulturellen Philosophie und in den Subaltern Studies bei Gayatri Spivak genutzt. Dort sollen Differenzen sichtbar gemacht und Identitäten dekonstruiert, also kritisch hinterfragt, werden.
Wichtige Arbeitsfelder sind Sprache, Literatur, Kunst, religiöse Vorstellungen und Praktiken, Geschichtsbilder, Sitten, Bräuche, Konventionen und normierte Verhaltensweisen. In Sozialphilosophie und Sozialpsychologie geht es um Vorstellungswelten, Mentalitäten, Bilder und Symbole in ihrem sozialen und politischen Zusammenhang. Die Geschichtswissenschaft beschreibt mit Alterität die Fremdartigkeit des Historischen. In der Germanistischen Mediävistik kennzeichnet der Begriff die Distanz zwischen heutigen Interpretinnen und Interpreten und Autorinnen und Autoren der mittelalterlichen Welt. Auch beim Übersetzen ist Alterität wichtig: Intensive Beschäftigung kann Fremdheit in größere Vertrautheit überführen und Unterschiede dadurch genauer erkennbar machen. Im Unterschied zu Fremdheit beschreibt Alterität hier eher objektive Differenzen.
Vom selbstgenügsamen Subjekt zur Anerkennung
Die Überlegungen zur Bedeutung des Anderen für die Selbstbestimmung richten sich gegen eine seit René Descartes einsetzende solipsistische Subjektphilosophie. Solipsistisch bedeutet hier: Die Welt wird allein aus der eigenen Vernunft betrachtet. Mit der schrittweisen Auflösung des theozentrischen Weltbildes der Aufklärung tritt an die Stelle Gottes das sich selbst bestimmende Subjekt. Der Andere erscheint dann lediglich als Erkenntnisobjekt; das Subjekt gilt als Ursprung von Vernunft, naturwissenschaftlichem Wissen und rationalem Handeln.
Andere Denkansätze fanden sich bereits im 19. Jahrhundert. Hegel behandelte Herrschaft und Knechtschaft sowie die wechselseitige Beziehung von Selbstbewusstsein und Anerkennung. Karl Marx stellte Bourgeoisie und Proletariat gegenüber, Nietzsche Herren- und Sklavenmoral. Johann Gottlieb Fichte betonte, dass kein freies Wesen zum Bewusstsein seiner selbst komme, ohne zugleich andere Wesen seinesgleichen bewusst zu erfassen. Freie Wesen stehen demnach in einer Wechselwirkung durch Intelligenz und Freiheit; Anerkennung und die Behandlung als freie Wesen müssen gegenseitig sein.
Dialog und Mitmenschlichkeit
Seit der Wende zum 20. Jahrhundert betonten besonders jüdisch geprägte Denker Andersheit und Fremdheit als wesentlichen Teil der eigenen Subjektivität. Alterität ist in diesem Verständnis ein Subjekt-Subjekt-Verhältnis: Der Andere spricht uns an, schaut uns an, und wir können uns dieser Instanz nicht entziehen, sondern müssen antworten.
Hermann Cohen zufolge kann die Begegnung mit dem Du erst zum sittlichen Bewusstsein des Ich führen. Der Andere wird besonders durch die Beachtung seines Leidens vom bloßen „Er“ zum „Du“. Leiden ist für Moral nicht gleichgültig; Humanität verlangt die Beachtung des Leidens anderer und des eigenen Leidens. Cohen fasste dies 1917 in der Forderung zusammen, den Anderen zu lieben; Menschenliebe, Sympathie und Humanität seien ein höchstes Ideal von Kultur und Unterricht.
Georg Simmel untersuchte 1908 den Fremden innerhalb einer Gruppe. Gruppen ordnen Menschen etwa als Stadt-, Land- oder Rassefremde ein und reduzieren sie damit unabhängig von individuellen Eigenschaften auf die „fremde Herkunft“. Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit erzeugt Nähe oder Ferne. Die Beziehung kann etwa die eines unbefangenen neutralen Richters oder eines machtlosen Rebellen sein. Leo Baeck verstand 1913 Ich und Anderen als untrennbare sittliche Einheit: Ehrfurcht vor dem Mitmenschen gehört zur Ehrfurcht vor dem Menschlichen in sich selbst.
Martin Buber und Franz Rosenzweig entwickelten eine existenzialistisch geprägte Dialogphilosophie. Für Buber entsteht die Identität in der Begegnung: „Der Mensch wird am Du zum Ich.“ Die Ich-Du-Beziehung ist unmittelbar; zwischen Ich und Du stehen keine Begrifflichkeit, kein Vorwissen und keine Phantasie. Im nichtsprachlichen Dialog entstehen Verantwortung und Liebe. Werden Menschen dagegen verdinglicht, also wie Objekte behandelt, kann diese Beziehung nicht bestehen. Hermann Levin Goldschmidt entwickelte anschließend das Konzept der Dialogik.
Intersubjektivität und der Fremde
Die Phänomenologie untersucht, wie Dinge und andere Menschen im Bewusstsein erscheinen. Edmund Husserl entwickelte eine Philosophie der Intersubjektivität, also der Beziehung zwischen mehreren Subjekten. Bewusstsein ist für ihn immer auf etwas gerichtet; diese Gerichtetheit heißt Intentionalität. Wenn ich einen anderen Menschen wahrnehme, erkenne ich dessen Leib und unterstelle ihm in einer „Paarungsassoziation“ ein eigenes weltkonstituierendes Subjekt. Der Andere ist damit zugleich ähnlich und nicht einfach eine Spiegelung des eigenen Ich.
Die Vorstellung des Anderen ist für Husserl ein „Mitgegenwärtig-Machen“, eine Appräsentation. Der Andere bleibt jedoch „original unzugänglich“: Zum Seelenleben eines anderen Menschen besteht kein direkter Zugang. Seine Erfahrungen können nicht gewusst, sondern nur durch Analogie und Einfühlung erschlossen werden. Die Koexistenz des eigenen und fremden Ego ermöglicht eine Menschengemeinschaft, deren Mitglieder gegenseitige Erfahrungen teilen. Intersubjektivität entsteht durch Kommunikation und das Wissen um diese Gemeinschaft.
Maurice Merleau-Ponty sieht Intersubjektivität als Voraussetzung des Subjekts. Über den eigenen Leib wird der Zugang zum Anderen möglich; fremder und eigener Leib bilden zwei Seiten eines Phänomens. Ein Gespräch ist ein gemeinsames Tun, dessen Schöpfer keiner der Beteiligten allein ist. Jean Paul Sartre knüpfte in „Das Sein und das Nichts“ von 1943 an die Auffassung an, dass Selbstbewusstsein den Anderen voraussetzt. Er unterscheidet das „An-sich“, das ontologisch Gegebene ohne Bewusstsein und Intentionalität, vom „Für-sich“ als konstitutiver Struktur des Bewusstseins. Gegen Husserl betonte Sartre: Man begegnet dem Anderen, man konstituiert ihn nicht.
Bernhard Waldenfels nennt den Anderen durchgehend den Fremden. Das Fremde ist ein „Stachel“ im Eigenen: Es ist Erfahrung und begründet Erfahrung zugleich, weil es Erwartungen übersteigt und sich dem Zugriff entzieht. Er unterscheidet alltägliche beziehungsweise relative Fremdheit, die sich vorläufig aneignen lässt, von radikaler Fremdheit. Diese bedeutet, dass das Selbst in gewisser Weise außer sich selbst ist und jede Ordnung vom Außerordentlichen umgeben bleibt.
Ethische Verantwortung und Befreiung
Emmanuel Lévinas begründet eine Philosophie der asymmetrischen Intersubjektivität. Asymmetrisch bedeutet: Die Beziehung ist nicht zuerst ein Verhältnis gleichartiger Gegenseitigkeit, sondern der Andere stellt einen Anspruch an mich. Sein „Antlitz“ ist nicht als Bündel sichtbarer Eigenschaften oder als Objekt zu erfassen. Es überschreitet jedes Bild und jede Vorstellung, die ich mir vom Anderen mache. Wer etwa Nase, Augen oder Augenfarbe nur beschreibt, kann den Anderen wie ein Objekt behandeln; die soziale Beziehung zum Antlitz lässt sich nicht auf Wahrnehmung reduzieren.
Für Lévinas ist Verantwortung kein nachträgliches Merkmal eines bereits selbstständigen Subjekts. Subjektivität ist ursprünglich ein „Für-einen-Anderen“. Das Subjekt beginnt nicht bei sich selbst, sondern antwortet auf einen Anspruch, der ihm schon vorausgeht und seine Eigeninitiative begrenzt. Das Bewusstsein ist daher nicht die Mitte allen Erscheinens, sondern wird durch den nicht auf sich selbst zurückführbaren Anspruch des Anderen infrage gestellt. Paul Ricœur hebt in seiner Auseinandersetzung mit Lévinas die besondere ethische Bedeutung der Sprache hervor.
Enrique Dussel, einer der Begründer der Philosophie der Befreiung, kritisiert den Eurozentrismus der modernen Philosophie. Die europäische Expansion der Neuzeit sei dem „ego cogito“ faktisch als „ich erobere“ vorausgegangen. In solchen Denkweisen werde der Andere – etwa Indio, Afrikaner, Asiate oder Frau – zur Idee oder zum Objekt eines konstituierenden Ichs und damit verdinglicht und entfremdet.
Dussel übernimmt Lévinas’ Gedanke, dass der Andere als Anruf die ursprüngliche Quelle jedes möglichen Diskurses ist. Der Andere ist primär: Menschen kommen im Schoß der Mutter zur Welt, werden zunächst von anderen ernährt und suchen Dauer im „von Angesicht zu Angesicht“. Die ökonomische Beziehung zur Natur ist demgegenüber ein Umweg. In seiner biblischen Deutung ist das Nein zum Anderen die einzige mögliche Sünde, beispielhaft in Kains Tötung Abels oder im Verhalten von Priester und Levit im Gleichnis vom guten Samariter. Seit dem 15. Jahrhundert nehme dieses Nein konkret die Form der Zurückweisung von Indios, Afrikanern, Asiaten, Arbeitern, Landarbeitern, Außenseitern und Frauen an; ebenso zeige es sich in patriarchalischer Familie und herrschaftlicher Erziehung.