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Algerisch-französische Beziehungen

Beide Länder verbindet eine lange gemeinsame Geschichte und Algerien war für über 100 Jahre eine französische Kolonie (1830–1962). In Frankreich leben heute …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Überblick
  2. 2. Von frühen Kontakten zur Eroberung
  3. 3. Kolonialherrschaft und Ungleichheit
  4. 4. Unabhängigkeitskrieg und Folgen
  5. 5. Beziehungen, Wirtschaft und Migration seit 1962

Überblick

Die algerisch-französischen Beziehungen sind die Beziehungen zwischen Algerien und Frankreich. Sie sind besonders durch die französische Kolonialherrschaft von 1830 bis 1962 und den Algerienkrieg von 1954 bis 1962 geprägt. Der antikoloniale Widerstand ist ein Gründungsmythos Algeriens; die Erinnerung an Gewalt, Kolonialismus und Unabhängigkeitskrieg belastet die Beziehungen bis heute. Zugleich kooperieren beide Staaten, weil Frankreich weiterhin ein wichtiger Wirtschafts- und Kulturpartner Algeriens ist.

In Frankreich leben etwa sieben Millionen Menschen algerischer Abstammung, darunter arabische Muslime, Berber sowie Pieds-Noirs und ihre Nachfahren. Das Französische ist in Algerien trotz Arabisierung weiterhin in Kultur, Bildung und Medien weit verbreitet.

Von frühen Kontakten zur Eroberung

Der erste Kontakt entstand 1526, als Algerien zum Osmanischen Reich gehörte und Frankreich mit den Osmanen verbündet war. Frankreich erhielt 1547 Handels- und Fischereirechte in Algier; 1561 wurde dort der Handelsposten Bastion de France errichtet. Konflikte entstanden wiederholt, unter anderem durch das Kapern europäischer Handelsschiffe durch Algier und die Versklavung ihrer Besatzungen. Frankreich führte deshalb im 17. Jahrhundert Strafaktionen gegen Algier durch.

1827 forderte Hussein Dey die Begleichung einer Schuld Frankreichs aus dem Jahr 1799. Nach einem Streit mit dem französischen Konsul Pierre Deval brach König Karl X. die diplomatischen Beziehungen ab und ließ 1830 Algerien invasieren. Neben Einflussgewinnen in Nordafrika spielten innenpolitische Gründe eine Rolle: Karl X. wollte seine Herrschaft durch Eroberungen stärken, wurde jedoch kurz darauf in der Julirevolution gestürzt.

Kolonialherrschaft und Ungleichheit

Nach der französischen Landung im Juli 1830 kapitulierte Algier rasch. Frankreich unterwarf zunächst die Küstengebiete und errichtete eine Militärregierung. Der Widerstand der Berberstämme unter Abd el-Kader wurde 1847 nach dessen Gefangennahme gebrochen. 1848 teilte Frankreich Algerien in die drei Départements Algier, Oran und Constantine ein; Algerien wurde damit anders als andere Kolonien als Teil Frankreichs behandelt.

Europäische Siedler aus Frankreich, Spanien, Malta und Italien erhielten besonders gutes Ackerland. Während der „Pazifizierungskampagne“ wandten die Kolonialherren auch die Taktik der verbrannten Erde an und begingen Massaker und Kriegsverbrechen. Zwischen 1830 und 1860 starben nach der Darstellung des Artikels 500.000 bis 1.000.000 Algerier bei einer Gesamtbevölkerung von 3 Millionen, durch Krieg, Massaker, Krankheiten und Hungersnöte. Die Repression nahm genozidale Ausmaße an.

Das Rechtssystem war getrennt: Für Muslime galt Scharia-Recht, während christliche und muslimische Bevölkerung strikt voneinander getrennt waren. Die Siedler stellten knapp ein Zehntel der Bevölkerung, verfügten aber über den größten Wohlstand und politische Vertretung. Im Ersten Weltkrieg kämpften 240.000 Algerier für Frankreich; knapp 100.000 kamen als Arbeitskräfte nach Frankreich. Nach 1945 verschärfte sich die Unzufriedenheit. Beim Aufstand in Sétif am 8. Mai 1945 wurden 84 europäische Siedler getötet, worauf Frankreich beim Massaker von Sétif Tausende Algerier tötete. Die Reform von 1947 schuf zwei Kammern, doch die Stimme eines Europäers zählte siebenmal so viel wie die eines Muslims.

Unabhängigkeitskrieg und Folgen

Die Front de Libération nationale (FLN) forderte einen arabisch-islamischen unabhängigen Staat. Mit ihren ersten bewaffneten Operationen im November 1954 begann der Algerienkrieg. Die FLN griff Siedler, lokale Kollaborateure und französische Streitkräfte an; Frankreich bekämpfte die Aufständischen mit großer Härte, Folter und psychologischer Kriegsführung. Viele Zivilisten gerieten zwischen die Fronten. Die Opferzahlen sind umstritten: Französische Schätzungen nannten etwa 500.000 Tote, darunter 400.000 Algerier bei damals knapp 10 Millionen Einwohnern; spätere algerische Regierungen gingen von 1,5 Millionen Toten aus.

1958 trugen Proteste von Pieds-Noirs und anderen Gruppen zum Sturz der Vierten Französischen Republik und zur Rückkehr Charles de Gaulles bei. Obwohl viele Pieds-Noirs seine Worte „Ich habe euch verstanden“ als Unterstützung deuteten, entschied de Gaulle sich für Verhandlungen. Nach einem Referendum über Selbstbestimmung, dem Widerstand der terroristischen Organisation de l’armée secrète (OAS) und einem gescheiterten Putsch unterzeichneten de Gaulle und die FLN am 18. März 1962 das Abkommen von Évian. Ein Unabhängigkeitsreferendum bestätigte die Unabhängigkeit Algeriens.

Der Abzug verlief gewaltsam. Beim Massaker von Oran am 5. Juli 1962 starben zwischen 365 und 1000 Pieds-Noirs. Etwa 1,4 Millionen Pieds-Noirs flohen nach Frankreich. Auch Harkis, muslimische Algerier auf französischer Seite, und ihre Familien wurden zu Zehntausenden von FLN-Guerillas getötet.

Beziehungen, Wirtschaft und Migration seit 1962

Eine vollständige Versöhnung kam nach 1962 nicht zustande. Frankreich begnadigte per Dekret Polizisten und Soldaten, die Kriegsverbrechen begangen hatten, sowie OAS-Terroristen. In Algerien wurde die FLN-Veteranenschaft zur herrschenden Klasse. Frankreich unterstützte Algerien wirtschaftlich und wollte Zugang zu Erdöl und Gas behalten. Algerien verstaatlichte unter Houari Boumedienne jedoch seine Öl- und Gasindustrie. Frankreich testete bis 1967 Kernwaffen und bis 1978 geheim Chemiewaffen in der algerischen Sahara. Die Tests verseuchten Gebiete langfristig und schädigten Menschen; 2010 einigten sich beide Länder auf Entschädigung.

Die französische Erinnerungspolitik änderte sich teilweise: 1992 wurden Militärarchive geöffnet, 1999 erkannte das französische Parlament den Algerienkrieg erstmals als Krieg an. Ein Gesetz von 2005, das an Gymnasien die Vermittlung der „positiven Werte“ des Kolonialismus verlangte, wurde nach heftiger Kritik Anfang 2006 aufgehoben. Neuere diplomatische Krisen betrafen unter anderem Äußerungen Emmanuel Macrons 2017, seinen Besuch in Algerien im August 2022 und die Flucht der Oppositionspolitikerin Amira Bouraoui nach Frankreich Anfang 2023.

Wirtschaftlich betrug der bilaterale Handel 2021 knapp 8 Milliarden Euro. 2020 war Frankreich nach China Algeriens zweitgrößter Lieferant mit 10,6 % der Einfuhren und nach Italien zweitgrößter Abnehmer mit 13,3 % der Ausfuhren. Mehr als 500 französische Unternehmen sind in Algerien tätig.

Die Migration nach Frankreich begann massenhaft im frühen 20. Jahrhundert und nahm während sowie nach dem Algerienkrieg zu. Menschen algerischer Herkunft leben besonders im Großraum Paris, in Marseille und Lyon. Nordafrikanische Gemeinschaften aus Tunesien, Algerien und Marokko sind laut Artikel weiterhin relativ schlecht integriert; Probleme bestehen bei Wohnraum, Bildung und Arbeit sowie durch rassistisch motivierte Zwischenfälle mit der Polizei. 2021 beschloss Frankreich, die Visa für algerische Staatsangehörige drastisch zu reduzieren, weil Algerien bei Abschiebungen aus Frankreich zu wenig kooperiere.

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