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Alasdair MacIntyre
Seine Hauptintention war eine Rehabilitierung der aristotelischen Tugendethik, mit der er sich gegen die kantische Ethik und ihre verschiedenen liberalen und …
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Grundgedanke und Bedeutung
Alasdair Chalmers MacIntyre (* 12. Januar 1929 in Glasgow; † 21. Mai 2025) war ein britisch-US-amerikanischer Philosoph und einer der Hauptvertreter des Kommunitarismus. Diese Richtung betont die Bedeutung konkreter Gemeinschaften und ihrer gemeinsamen Wertvorstellungen. MacIntyre hielt das Aufklärungsprojekt, moralisches Handeln allein rational und allgemein zu begründen, für gescheitert. Deshalb wollte er die aristotelische Tugendethik wiederbeleben. Tugendethik fragt danach, welche charakterlichen Fähigkeiten und Haltungen Menschen für ein gutes Handeln und Leben entwickeln sollen. Damit wandte er sich besonders gegen die kantische Ethik sowie gegen liberale und diskursethische Fortführungen.
Sein wichtigstes Werk ist After Virtue von 1981 (deutsch: Der Verlust der Tugend, 1995). Es machte ihn international bekannt. MacIntyre kritisiert darin sowohl die moderne Moralphilosophie als auch die gesellschaftliche Moral der Gegenwart und plädiert für einen zeitgemäßen ethischen Aristotelismus.
Kritik der modernen Moral
MacIntyre zufolge befindet sich die Sprache der Moral in Unordnung: Völlig gegensätzliche Positionen werden anscheinend jeweils schlüssig begründet. Darin sieht er ein Zeichen für den Verfall moralischer Orientierung. Das Ergebnis sei der ethische Emotivismus. Nach dieser Auffassung sind moralische Urteile letztlich nur Ausdrücke von Gefühlen oder persönlichen Vorlieben. Ein solcher moralischer Relativismus mache nicht weiter begründbare Wertentscheidungen zur Grundlage sozialen Handelns.
Die Entwicklung der modernen Moral beschreibt MacIntyre in drei Phasen:
- In der voraufklärerischen, aristotelischen Phase wurden Praxisnormen innerhalb lebensweltlicher Traditionen und gesellschaftlicher Lebenspraxis gerechtfertigt.
- In der Aufklärung versuchte man, von Geschichte, Lebenswelt und Erfahrung unabhängige, allgemeingültige und zeitlose Begründungen zu schaffen. Diese Projekte seien gescheitert.
- In der Gegenwart kulminiere diese Entwicklung im kulturellen Zynismus: Das Scheitern der Aufklärung werde erkannt, instrumentelle Vernunft triumphi ere, und hinter einer aufklärerischen Maske herrschten Beliebigkeit und Willkür.
Seine Kritik richtet sich vor allem gegen den Formalismus der kantischen Moralphilosophie, aus dem sich nach MacIntyre keine gehaltvolle moralische Position ableiten lasse. Er verbindet ihn mit dem Dezisionismus Kierkegaards und dem Subjektivismus Nietzsches. Einen Ausweg sieht er nur in der Aufgabe des aufklärungsethischen Paradigmas und der Rückgewinnung einer aristotelischen Tugendperspektive.
Gemeinschaft, Tradition und moralisches Handeln
Moralisches Handeln ist für MacIntyre nur innerhalb einer Gemeinschaft möglich. Gemeinschaften werden durch Traditionen geprägt. Traditionen sind keine starren Regeln, sondern entwickeln sich fortlaufend: Zunächst werden bestimmte Überzeugungen, Texte und Aussagen von Autoritäten fraglos übernommen. Konflikte und Krisen können jedoch dazu führen, dass Autoritäten kritisiert und Vorgaben neu formuliert werden.
Wenn eine Tradition Konflikte nicht mehr aus eigenen Mitteln bewältigen kann, entsteht eine „epistemologische Krise“. Sie kann überwunden werden, indem man eine konkurrierende Tradition verstehen lernt. Ohne eine solche Krise können verschiedene Traditionen nebeneinander bestehen. Bei Konflikten zwischen Traditionen gibt es nach MacIntyre keine traditionsunabhängigen Rationalitätskriterien; daher lassen sie sich nicht durch einen allgemein gültigen Maßstab rational entscheiden.
In Dependent Rational Animals. Why Human Beings Need the Virtues von 1999 (deutsch: Die Anerkennung der Abhängigkeit. Über menschliche Tugenden, 2001) erweitert MacIntyre seine aristotelische Orientierung durch Bezüge auf Thomas von Aquin. Menschen sind grundlegend auf andere Mitglieder ihrer Gemeinschaft angewiesen, etwa in Familie und Nachbarschaft. Besonders sichtbar wird dies in Kindheit, Alter, Krankheit und Behinderung. Die Anerkennung dieser Abhängigkeit ist für ihn gerade der Schlüssel dazu, durch Arbeit im moralphilosophischen Sinn ein unabhängiges Subjekt zu werden.
Werdegang und weitere Arbeiten
MacIntyre studierte Griechisch und Latein am Queen Mary College der Universität London und erwarb dort 1949 den Bachelor. An der Universität Manchester erhielt er 1951 den Master in Philosophie, 1961 einen weiteren Master an der Universität Oxford. Nach Lehrtätigkeiten an englischen Universitäten lehrte er ab 1970 in den USA, unter anderem an der Brandeis University, Boston University, Vanderbilt University und von 1988 bis zur Emeritierung 2010 an der University of Notre Dame.
Seine frühen Arbeiten befassten sich unter anderem kritisch mit Marxismus, Christentum und Psychoanalyse. In A Short History of Ethics (1966; deutsch: Geschichte der Ethik im Überblick, 1994) kritisierte er die für die Analytische Philosophie typische unhistorische Betrachtung der Moral. Moralkonzeptionen müssten stattdessen in ihrem historischen und kulturellen Kontext verstanden werden. In Whose Justice? Which Rationality? (1988) übertrug er seine Kritik der Aufklärung auf Gerechtigkeit und praktische Rationalität. Three Rival Versions of Moral Enquiry. Encyclopaedia, Genealogy, and Tradition erschien 1990 und behandelt den Zerfall einer einheitlichen moralischen Tradition in mehrere inkommensurable, also nicht durch einen gemeinsamen Maßstab vergleichbare, moralsprachliche Systeme.