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Afghanische Musik

Afghanische Musik umfasst die Musik und Musikinstrumente des Mitte des 18. Jahrhunderts gegründeten Nationalstaates und die musikalischen Entwicklungen in …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Überblick und kulturelle Grundlagen
  2. 2. Klassische und religiöse Musik
  3. 3. Volksmusik, Feste und Instrumente
  4. 4. Populäre Musik und Mehrstimmigkeit
  5. 5. Unterdrückung, Exil und Gegenwart

Überblick und kulturelle Grundlagen

Afghanische Musik bezeichnet sowohl die Musik und Instrumente des Mitte des 18. Jahrhunderts gegründeten Nationalstaates als auch die älteren musikalischen Entwicklungen auf dem Gebiet des heutigen Afghanistan. Sie ist durch die sprachliche, ethno-kulturelle, religiöse und konfessionelle Vielfalt des Landes geprägt.

Sie ist eng mit dem iranischen Kulturkreis verbunden. Seit dem Aufkommen des Islams entwickelte sich Musik in Chorasan, dem östlichen Iran, eigenständig und verbreitete sich mit persischer Kultur nach Zentralasien und Nordindien. Zu den überlieferten Formen zählen Ghazal und persische Kasside. Auch Kabul war unter den hinduistisch-buddhistischen Kabulshahan beziehungsweise Hindushahi sowie später unter den persischsprachigen Moguln ein wichtiges Zentrum für Musik, Tanz, Gesang und Dichtung.

Neben persisch beeinflusster höfischer Musik gehören die zahlreichen regionalen Stile des Vielvölkerstaates dazu. Viele griechisch-baktrische, orientalische und indo-iranische Instrumente werden seit Jahrhunderten in diesem Gebiet verwendet, auch wenn sie nicht alle innerhalb der heutigen Grenzen Afghanistans entstanden sind.

Klassische und religiöse Musik

Die klassische Musik im Kabuli-Stil umfasst instrumentale und vokale Ragas, Tarana und Ghazals. Ein Raga ist ein melodisches Grundmodell der klassischen Musik. Die afghanische klassische Musik zeigt historische Verbindungen zur nordindischen und zentralasiatischen Musik; im 20. Jahrhundert bestanden enge Kontakte afghanischer Ustads, also Meister, zu indischen Musikmeistern.

Zentralasiatische Ragas, auch in den östlichen Provinzen Irans, haben meist einen schnelleren Rhythmus als indische Ragas. Sie werden häufig von Tabla, Zerbaghali, Dayra oder Dhol begleitet; dies sind Schlaginstrumente. Hinzu kommen Langhalslauten und Saiteninstrumente wie Tar, Dutar, Setar, Sarangi und Sitar. Typische klassische Instrumente sind außerdem Sornā, Dilruba, Tanbur und Ghichak. Mohamed Hussein Sarahang gilt als bedeutender Interpret dieser Richtung.

Das Kabuler Altstadtviertel Charabat bedeutet „Schenke“, „Taverne“ und „Meditationszentrum“. Es war ein Künstler- und Musikerviertel mit Musikwerkstätten. Nach der im Artikel dargestellten Auffassung trug Charabat dazu bei, Volksmusik zu professionalisieren und typische Instrumente wiederaufzubauen. Professionelle Musiker wurden auch Sâzenda genannt; das Wort kann sowohl einen Menschen bezeichnen, der von Musik lebt, als auch „Macher“, „Konstrukteur“ oder „konstruktiv“ bedeuten.

Religiöse Musik umfasst Instrumentaldarbietungen, aber auch unbegleitete Koranrezitation. Sufis praktizieren das ekstatische Zikr-Ritual. Lieder heißen Naa´d; schiitische Einzelpersonen und Gruppen singen unter anderem Mursia, Manqasat, Nowheh und Rowzeh. Die Chishti-Sufis von Kabul verwenden als Ausnahme Rubab, Tabla und Harmonium; diese Musik heißt Ghezâ-ye Roh, „Nahrung der Seele“.

Volksmusik, Feste und Instrumente

Volksmusik wird ohne Noten überliefert und ist überwiegend einstimmig, also auf eine Melodiestimme ausgerichtet. Wichtig ist der Rhythmus in Zwei- bis Viertakten. Daher sind Schlaginstrumente wie Dhol oder Saiteninstrumente zentral. Saiten werden nicht nur gezupft, sondern auch geschlagen. Die Melodie kann dem Rhythmus untergeordnet sein; Melodiefolgen werden wiederholt und leicht verändert. Improvisation beim Singen und Spielen ist üblich. Stimmgebung sowie Mimik, Gestik und Körpersprache gehören ebenfalls zur Aufführung.

Bei Hochzeiten, Geburten oder Initiationen, besonders in Dörfern, begleiten Sornā, Ghichak, Dhol, Zerbaghali sowie Flöten wie Tula und Nay die Feste. Beispielsweise spielen Musiker, wenn Hochzeitsgäste die Braut vom Elternhaus zum Haus des Mannes begleiten. Buz bazi war eine nordafghanische Alleinunterhaltung in Teehäusern: Ein Dambura-Spieler bewegte dabei eine ziegenförmige Marionette.

Zu den wichtigen Instrumenten zählen die Rubab als ältestes typisches Instrument Afghanistans, die Tabla als indisches Kesseltrommelpaar, das Harmonium mit durchschlagenden Zungen und die Zerbaghali, eine amphorenartige Tontrommel mit Fellbespannung. Weitere Instrumente sind Dambura, Dayra, Dhol, Tar, Dutar, Setar, Sarangi, Ghichak, Sarinda, Sarod, Sitar, Dilruba, Tanbur, Rebab, Surnay, Nay, Daf, Santur und Tschang. Die Dutar ist eine zweisaitige Langhalslaute; Setar bedeutet zwar „Instrument mit drei Saiten“, kann aber vier, fünf oder sechs Saiten haben. Tüidük ist eine Rohrflöte der Turkmenen in Nordafghanistan, Tulak eine regional verbreitete Block- oder Querflöte und Waji eine Harfe der Nuristani.

Populäre Musik und Mehrstimmigkeit

Kabul gilt traditionell als kulturelles Zentrum; die Lieder sind dort hauptsächlich persischsprachig. Der Afghanische Rundfunk wurde 1925 gegründet, 1929 zerstört und 1940 wiederhergestellt. Mit dem Rundfunk erreichte populäre Musik das ganze Land. Moderne Volksmusik gewann in den 1950er Jahren durch die Radioverbreitung an Bedeutung; Orchester verbanden heimische, indische und europäische Instrumente.

Die 1970er Jahre gelten allgemein als „Goldenes Zeitalter der Musik“ in Afghanistan. Popmusik war seit den 1950er Jahren entstanden und wurde bis Ende der 1970er Jahre sehr populär. „Amateur-Sänger“ brachen mit Regeln der traditionellen Musik und brachten neue Ansätze in Folklore und Musik ein. Ahmad Zahir wird als der berühmteste dieser Sänger bezeichnet. Ab den frühen 1970er Jahren entstanden auch Musikbands mit Gitarren und Schlagzeug, die etwa auf Hochzeiten modernerer Kabulianer spielten.

Seit den 1950er Jahren versuchten Komponisten, mehrstimmige Musik zu schaffen, also Musik mit mehreren gleichzeitig erklingenden Stimmen oder Melodielinien. Ein 30-köpfiges Orchester wurde an der Ausbildungsschule von Radio Kabul ausgebildet. Auslandsstipendien zum Erlernen der Notenmusik waren dafür wichtig. Schulen wie die Habiba-High School, die Amani-Oberrealschule und das Esteqlal-Lycée förderten zudem den Umgang mit europäischen Instrumenten wie Klavier, Geige, Gitarre, Trompete, Akkordeon und Mandoline.

Sängerinnen wurden ab 1951 im Radio ausgestrahlt; zu den ersten zählen Mermon Parwin und Asada. Nachdem der Schleierzwang 1959 abgeschafft worden war, konnten Frauen auch auf Bühnen auftreten. Mahwash erhielt 1977 mit „O Bacha“ einen Hit und war die erste afghanische Sängerin mit dem Titel Ustad. Gedichte in Paschtu und besonders auf Persisch lieferten häufig die Liedtexte.

Unterdrückung, Exil und Gegenwart

Seit den 1980er Jahren wurde Musik zunehmend unterdrückt, und Aufzeichnungen gingen trotz des reichen musikalischen Erbes stark zurück. In den 1990er Jahren verboten die Taliban in Städten instrumentale Musik und öffentliches Musizieren vollständig. Erlaubt blieb lediglich der paschtunische Nationaltanz Atan. Anhänger des Sufi-Dichters Rahman Baba sangen freitags Naa´d und Qawali und spielten unter anderem Tabla und Rubab. Trotz Festnahmen und der Zerstörung von Instrumenten konnten einige Musiker Instrumente retten.

Viele Musikerinnen und Musiker gingen ins Exil, vor allem nach Pakistan und Iran, teilweise auch nach Europa und in die USA. Dort hielten sie unterschiedliche Musikformen Afghanistans aufrecht. Die jüngere Exilgeneration verband europäische Instrumente und das Lernen nach Noten mit afghanischer Musik; manche Lieder warben für Toleranz und Zusammengehörigkeit. Hip-Hop ist bei Jugendlichen in Afghanistan und im Exil beliebt und wird auf Englisch, Paschtu oder Persisch gesungen.

Nach dem Fall der Taliban bemühten sich staatliche und private Fernsehsender laut Artikel um eine ausgewogene Darstellung sprachlicher, ethnischer, religiöser, konfessioneller und musikalischer Vielfalt. Viele Sängerinnen und Sänger nehmen Lieder in beiden Amtssprachen in ihr Repertoire auf; manche singen in drei oder vier Sprachen, überwiegend jedoch auf Persisch.

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