Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Adverse Selektion
Adverse Selektion. Markt-Bedingungen ... Markt aufgrund von Informationsasymmetrie systematisch zu Ergebnissen kommt, die nicht zwingend Pareto-optimal sind.
Inhalt5 Abschnitte
Begriff und Ursache
Adverse Selektion, auch Negativauslese oder Gegenauslese genannt, bezeichnet in der Neuen Institutionenökonomik einen Marktprozess, bei dem Informationsasymmetrie systematisch zu Ergebnissen führt, die nicht zwingend Pareto-optimal sind. Pareto-optimal bedeutet, dass niemand besser gestellt werden kann, ohne jemand anderen schlechter zu stellen. Im Bereich der Lebensversicherungen heißt adverse Selektion auch Antiselektion.
Die Ursache liegt darin, dass Marktteilnehmer unterschiedlich gut informiert sind. Informationsasymmetrie liegt vor, wenn ein Wirtschaftssubjekt gegenüber einem anderen einen Wissensvorsprung besitzt. In der Prinzipal-Agenten-Theorie hat der Agent, also der Auftragnehmer, gegenüber dem Prinzipal, dem Auftraggeber, oft mehr Wissen. Der Prinzipal kann die Leistung deshalb nur eingeschränkt beurteilen. Zugleich kann gerade dieses Fachwissen ein Grund sein, den Agenten zu beauftragen. Im Alltag hat meist der Verkäufer einen Wissensvorsprung gegenüber dem Käufer, weil er Produktkenntnisse besitzt und den Käufer beraten soll.
Für adverse Selektion ist entscheidend, dass die ungleiche Information bereits vor Vertragsabschluss besteht. Asymmetrische Information nach Vertragsabschluss gehört dagegen zum Problem des moralischen Risikos. Wenn Käufer die Qualität oder das Risiko nicht erkennen können, orientieren sie sich an einem durchschnittlichen erwarteten Wert. Dadurch erhalten hochwertige Güter oder günstige Risiken oft keinen angemessenen Preis beziehungsweise Vertrag; schlechtere Güter oder höhere Risiken bleiben dagegen eher am Markt.
Wie gute Angebote vom Markt verdrängt werden
Bei zwei Gütern unterschiedlicher Qualität kennt nur der Anbieter den Qualitätsunterschied. Der Nachfrager kann die Güter nicht unterscheiden und wählt daher das günstigere. Dieses ist typischerweise das schlechtere Gut, weil dessen Anbieter wegen der geringeren Qualität bereit ist, einen niedrigeren Preis zu verlangen.
Güter hoher Qualität werden dann nicht ausreichend nachgefragt: Der Nachfrager kann ihre bessere Qualität nicht erkennen und ist deshalb nicht bereit, einen höheren Preis zu zahlen. So werden zunehmend nur schlechtere Güter gehandelt. Selbst wenn Käufer für das bessere Gut einen Preis zahlen würden, den dessen Anbieter akzeptieren könnte, kann der Handel wegen der Informationsasymmetrie ausbleiben. Beide Seiten hätten Interesse am Vertrag, doch er kommt nicht zustande.
Gebrauchtwagenmarkt und Versicherung
Das grundlegende Modell entwickelte George A. Akerlof 1970 am Gebrauchtwagenmarkt. Dort werden gute und schlechte Autos angeboten; die schlechten heißen „Lemons“ und entsprechen ungefähr „Montagsautos“. Nur die Verkäufer kennen die tatsächliche Qualität der Wagen. Käufer können gute und schlechte Modelle nicht sicher unterscheiden.
Käufer bilden deshalb einen Erwartungswert für die Qualität, der zwischen guter und schlechter Qualität liegt. Daraus bestimmen sie ihren Reservationspreis, also den Preis, den sie höchstens zahlen möchten. Liegt der Mindestverkaufspreis eines guten Autos – der Reservationspreis des Verkäufers – über diesem Höchstpreis des Käufers, kommt kein Vertrag zustande. Für Verkäufer schlechter Autos ist der Verkauf dagegen attraktiv, wenn ihr Mindestpreis unter dem Höchstpreis des Käufers liegt. Gute Anbieter werden dadurch vom Markt gedrängt; am Ende können nur schlechte Gebrauchtwagen angeboten werden. Akerlof erhielt dafür 2001 gemeinsam mit Michael Spence und Joseph E. Stiglitz den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften.
Auch auf Versicherungsmärkten verfügen Versicherer und Versicherte über unterschiedlich viel Information. Versicherer versuchen, den Informationsnachteil etwa durch detaillierte Auskunftspflichten und unterschiedliche Vertragsmenüs mit Selbstbeteiligungen zu begrenzen. Ein Modell für das Gleichgewicht auf Versicherungsmärkten bei unvollständiger Information entwarfen Michael Rothschild und Joseph E. Stiglitz 1976.
Ein vereinfachtes Beispiel geht zunächst von risikoneutralen Prinzipalen und Agenten aus. Ein Versicherer V bietet eine Krankenversicherung für zwei gleich große Gruppen an. Gruppe A lebt sehr gesundheitsbewusst und erwartet Gesundheitskosten von 50 Euro pro Jahr. Gruppe B besteht aus starken Rauchern und Übergewichtigen und erwartet 150 Euro Gesundheitskosten pro Jahr. Kann V die Gruppen vorher nicht unterscheiden, bildet er den Durchschnitt und bietet die Versicherung – ohne berücksichtigten Gewinnaufschlag – für 100 Euro an. Für diesen Preis schließen die Gesundheitsbewussten keine Versicherung ab und tragen mögliche Kosten selbst. Dann bleiben nur Personen der Gruppe B versichert; der Tarif ist nicht finanzierbar und müsste auf mindestens 150 Euro steigen. Gruppe A kann sich dann nicht oder nur sehr teuer versichern, obwohl sowohl sie als auch der Versicherer an einem Vertrag interessiert sein können. Verschiedene Tarife privater Krankenversicherungen, etwa mit unterschiedlichen Selbstbeteiligungen, sollen diesem Problem begegnen.
Folgen bei Steuern und sozialen Sicherungssystemen
Adverse Selektion kann auch entstehen, wenn Staaten mit unterschiedlichen Steuersystemen miteinander konkurrieren. In einem Beispiel verlangt Staat A von jedem Bürger eine Kopfsteuer von pauschal 100 Euro. Staat B erhebt eine progressive Einkommensteuer: Die Ärmsten zahlen nichts, die Reichsten 200 Euro. Vor einer Grenzöffnung befinden sich beide Haushalte im Gleichgewicht.
Nach der Grenzöffnung können Bürger ihren Wohnort frei wählen. Personen, die in Staat B mehr als 100 Euro zahlen müssten, ziehen tendenziell nach Staat A. Personen aus Staat A, die in Staat B weniger als 100 Euro zahlen müssten, ziehen tendenziell nach B. Staat B verliert dadurch die bisher höher zahlenden Bürger und kann sein Steuersystem möglicherweise nicht mehr finanzieren.
Ähnliche Argumente betreffen soziale Sicherungsmaßnahmen. Diese werden von einem überdurchschnittlich einzahlenden Teil der Bevölkerung getragen, der die Leistungen aktuell nicht nutzt und möglicherweise kein unmittelbares Interesse daran hat. Ein hohes Niveau sozialer Leistungen kann deren Bezieher anziehen, während die von Nettozahlern zu tragenden Kosten diese Gruppe abschrecken. Nach dieser Theorie zieht ein Staat so systematisch Leistungsbezieher an und verdrängt einen Teil der möglichen Finanzierer.
Die Theorie berücksichtigt jedoch nicht, dass die Höhe der Sozialleistungen nur ein Faktor unter vielen sein kann und nicht allein über einen Wohnortwechsel entscheidet. Hans-Werner Sinn bezeichnete den beschriebenen Prozess als „selection principle“. Im Zusammenhang mit der EU-Osterweiterung 2004 wurde das Problem auch in Deutschland diskutiert; bestimmte Freiheiten für Bürger der Beitrittsländer waren allerdings längere Zeit eingeschränkt.
Möglichkeiten zur Verringerung des Problems
Um ein suboptimales Handelsvolumen zu vermeiden, kann die Informationsasymmetrie verringert werden. Beim Signaling oder Signalling geben informierte Marktteilnehmer glaubhafte Signale über ihre Qualität ab. Anbieter guter Gebrauchtwagen können sich etwa durch ein DEKRA-/TÜV-Gebrauchtwagensiegel von Anbietern schlechter Wagen abgrenzen. Die Anbieter nehmen Kosten für das Signal auf sich; dessen Nutzen muss höher sein als diese Kosten.
Beim Screening, auch Selbstselektion, werden Vertragsmenüs so gestaltet, dass unterschiedliche Anbieter oder Risiken freiwillig verschiedene Verträge wählen. Gute Anbieter können eine Gewährleistung vergleichsweise kostengünstig anbieten, während dies für schlechte Anbieter zu teuer wäre. Die Bereitschaft zur Gewährleistung dient dann als Hinweis auf gute Qualität. Bei Voll- und Teilversicherungen sind Beiträge zur Vollversicherung überproportional teurer als zur Teilversicherung. Gute Risiken mit geringer Schadenswahrscheinlichkeit wählen freiwillig eher die Teilversicherung; schlechte Risiken bevorzugen trotz des höheren Preises die Vollversicherung. Das Versicherungsunternehmen kann dadurch gute von schlechten Risiken filtern.
Signaling und Screening verursachen stets Kosten. Das Ergebnis entspricht deshalb nicht dem Marktgleichgewicht unter vollkommener Information und bleibt wohlfahrtssuboptimal, also ein „second best“. Auch Intermediäre, also Handelsmittler, können Informationsasymmetrien senken. Sie übernehmen mithilfe von Skaleneffekten Kosten der Informationsbeschaffung, des Signaling und des Screening und verteilen diese auf viele Nachfrager. Weil Nachfrager dadurch Kosten sparen können, sind sie bereit, dem Intermediär eine Provision zu zahlen.