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Adventskalender
Ein Adventskalender (in Österreich Adventkalender) gehört seit dem 19. Jahrhundert zum christlichen Brauchtum in der Zeit des Advents. Der Kalender ist in …
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Bedeutung und Grundform
Ein Adventskalender (in Österreich: Adventkalender) ist seit dem 19. Jahrhundert Teil des christlichen Brauchtums im Advent. Er zeigt gewöhnlich die verbleibenden Tage bis Weihnachten an, soll die Wartezeit bis zum Fest der Geburt Jesu Christi verkürzen und die Vorfreude steigern. Ursprünglich stammt die Sitte aus dem lutherischen Deutschland; heute ist sie in christlich geprägten Ländern verbreitet.
Es gibt zwei Zählweisen: Kalender nach dem Kirchenjahr reichen vom ersten Adventssonntag bis Weihnachten oder bis Heilige Drei Könige. Dieser Sonntag kann zwischen dem 27. November und dem 3. Dezember liegen. Kalendarische Adventskalender beginnen dagegen am 1. Dezember und enden am 24. Dezember, dem Heiligen Abend. Besonders Kinder nutzen sie, es gibt aber auch Kalender für Erwachsene. Üblich sind 24 zu öffnende Türen mit Bildern, Sprüchen, Süßigkeiten oder anderen Überraschungen; außerdem werden Kalender selbst gebastelt.
Ursprünge und frühe Entwicklung
Zunächst war der Adventskalender vor allem Zählhilfe und Zeitmesser. Den ersten dokumentierten Adventskalender schuf der evangelische Theologe Johann Hinrich Wichern 1839 im Kinderheim Rauhes Haus in Hamburg. Auf ein Wagenrad stellte er für jeden Tag eine Kerze, für die Adventssonntage jeweils eine dickere. Damit entstanden zugleich Adventskranz und Adventskalender: Der heutige Adventskranz zählt nur die Adventssonntage, der Kalender alle Tage bis Weihnachten.
Ein selbstgebastelter Kalender in einem Privathaushalt stammt vermutlich von 1851. Familien hängten 24 Bilder auf oder malten 24 Kreidestriche an Wand oder Tür, von denen täglich einer entfernt wurde. In katholischen Haushalten legte man bis Heiligabend täglich einen Strohhalm in eine Krippe. Weitere Formen waren Weihnachtsuhren und Adventskerzen mit täglichen Abbrennmarkierungen. Thomas Mann erwähnt für den Advent 1869 in Buddenbrooks einen von einer Kinderfrau angefertigten Abreißkalender.
Gedruckte Kalender und Zeit des Nationalsozialismus
1902 veröffentlichte die Evangelische Buchhandlung Friedrich Trümpler in Hamburg den ersten gedruckten Kalender als Weihnachtsuhr mit den Zahlen 13 bis 24; ab 1922 gab es Uhren mit 24 Feldern. Gerhard Lang brachte 1903 in München Im Lande des Christkinds heraus: Kinder schnitten täglich eines von 24 Bildern aus und klebten es auf einen Bogen mit 24 Feldern. Später erschienen auch Nikolaus-Kalender, Abreißkalender, Himmelsleitern und Kalender mit Fensterchen. Nach 1920 setzte sich das Öffnen von Fenstern durch; hinter der Papier- oder Pappschicht lag jeweils ein Bild. Die 1920er Jahre waren eine Hochphase gedruckter Kalender, zunehmend mit weltlichen statt religiösen Motiven.
Während des Nationalsozialismus sollte das Christliche im öffentlichen Weihnachtsbrauchtum zurückgedrängt werden. Kalender verwendeten unter anderem Begriffe wie Julmond und Julfest. Papierkontingentierung begrenzte ab 1940 Material und Herstellung; der letzte nachweisbare Kalender eines christlichen Verlages erschien 1940. Von 1941 bis 1944 erschien der Kalender Vorweihnachten aus NSDAP-Zusammenhang. Er enthielt Märchen, nationalsozialistische Weihnachtslieder, Bastel- und Backanleitungen sowie umgedeutete christliche Symbole. Er diente laut Artikel deutlich der Indoktrination der Jugend und erhielt ab 1942 zunehmend militärische Inhalte. Nach dem Krieg stand er in der Sowjetischen Besatzungszone auf dem Index; im Westen wurde er nach einer „Entnazifizierung“ der Inhalte 1968, 1973 und 1982 erneut aufgelegt.
Entwicklung seit 1945 und heutige Varianten
Bereits 1945 wurden in allen Besatzungszonen wieder Kalender hergestellt, oft mit älteren Motiven aus der Zeit um 1930. Zunächst waren Abreißkalender beliebt, um 1950 wurden sie weitgehend von Kalendern mit aufklappbaren Türen verdrängt. Nach 1945 setzte sich endgültig der Kalender vom 1. bis 24. Dezember mit 24 Türen durch. Daneben gab es religiöse Dreikönigs-Kalender bis zum 6. Januar; seit 1995 folgt Der Andere Advent wieder dem Kirchenjahr. Seit 2017 existiert Der Andere Advent für Kinder für Sieben- bis Elfjährige mit Geschichten, Experimenten, Comics und Spielen.
In Westdeutschland erhielt der Richard Sellmer Verlag im Dezember 1945 eine frühe Druckgenehmigung über 50.000 Kalender. Der Verlag richtete sich früh international aus und produzierte zwischen 1946 und 1998 mehr als 230 verschiedene Kalender; um 2010 bot er jährlich etwa 100 Motive an. Ab den 1950er Jahren wurde der Adventskalender als preisgünstiger Massenartikel flächendeckend beliebt. Häufig zeigten die Motive verschneite Städte, während sich hinter dem größeren Türchen des 24. Dezember meist eine Krippenszene verbarg.
Der erste mit Schokolade gefüllte Kalender kam 1958 in den Handel. Heute enthalten gekaufte Kalender oft Schokolade oder Spielzeug, außerdem gibt es beispielsweise vegane, kosmetische sowie Tee-, Kaffee- oder Alkoholkalender. 2012 fand die Stiftung Warentest Mineralöle und verwandte Substanzen in der Schokolade verschiedener Kalender; das Bundesinstitut für Risikobewertung bezeichnete Mineralöle in Lebensmitteln als unerwünscht, bewertete die Aufnahme durch ein Stück pro Tag jedoch als sehr gering. Selbstgebastelte Kalender können kleine Geschenke enthalten, etwa in an einer Leine aufgehängten Jute-Säckchen. Der weltgrößte freistehende Adventskalender steht mit 857 m² im Leipziger Böttchergässchen; seine Türen sind drei mal zwei Meter groß.
Digitale, öffentliche und soziale Formen
Virtuelle und Online-Adventskalender verbinden das tägliche Zählen mit digitalen Inhalten. Dazu gehören Hörbücher mit 24 Geschichten, Lieder, Rätsel in Radiosendungen, Internetseiten, soziale Medien, Apps oder per E-Mail versandte Kalender. Häufig dienen sie auch Marketingaktionen und Gewinnspielen. In skandinavischen Ländern ist ein 24-teiliger Fernseh-Adventskalender Tradition: Eine fortlaufende Weihnachtsgeschichte wird täglich in einem Abschnitt ausgestrahlt. Schneewelt – eine Weihnachtsgeschichte (Snøfall) wurde für KiKA synchronisiert und 2018 gesendet.
Auch Gebäude können als Kalender gestaltet werden, besonders Rathausfassaden. In Gengenbach befindet sich 2023 laut Artikel das weltgrößte Adventskalenderhaus. Beim lebendigen oder begehbaren Adventskalender treffen sich Menschen täglich an einem anderen dekorierten Fenster; dort werden Lieder gesungen, Geschichten erzählt und teils Speisen angeboten. Solche Begegnungen entstehen vielfach ökumenisch, also gemeinsam durch katholische und evangelische Gemeinden. In der Schweiz heißen sie oft Adventskalender im Quartier oder Adventsfenster.
Beim umgekehrten Adventskalender wird seit Mitte der 2010er Jahre täglich eine Sachspende wie haltbare Lebensmittel, Hygieneartikel oder Kleidung in eine Box gelegt und am 24. Dezember oder danach gespendet. Der Urheber der Idee ist vermutlich nicht eindeutig feststellbar. Als Adaptionen gibt es seit Ende der 2010er Jahre einen Ramadankalender mit mehr Türen sowie Osterkalender. Bei Osterkalendern verhindert das zwischen dem 22. März und dem 25. April schwankende Osterdatum ein einheitliches standardisiertes Layout.