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4. Sinfonie (Mahler)
Die 4. Sinfonie in G-Dur ist eine Sinfonie mit Sopransolo von Gustav Mahler. Der Text dazu basiert auf einem Gedicht aus Des Knaben Wunderhorn.
Inhalt5 Abschnitte
Überblick und Entstehung
Gustav Mahlers 4. Sinfonie in G-Dur ist eine Sinfonie für Orchester und Sopransolo. Ihr Finale vertont einen leicht veränderten Text aus Des Knaben Wunderhorn: das Gedicht „Der Himmel hängt voll Geigen“ beziehungsweise „Das himmlische Leben“. Die Sinfonie kreist damit um eine kindlich-naiv erscheinende Vision des Paradieses, stellt dieser aber wiederholt unheimliche, klagende oder bedrohliche Musik gegenüber.
Mahler komponierte die drei ersten Sätze in den Sommermonaten 1899 und 1900 und beendete die Reinschrift am 5. Januar 1901. Das Finale stand schon vorher fest: Das Lied „Das himmlische Leben“ hatte Mahler bereits 1892 während der Arbeit an seiner 2. Sinfonie komponiert. Zunächst war eine sechssätzige „sinfonische Humoreske“ vorgesehen, in der drei Wunderhorn-Lieder vorkommen sollten. Von diesem Satzplan von 1896 blieben in der vollendeten Sinfonie nur die Tonart G-Dur und der Finalsatz erhalten.
Form, Orchester und musikalische Stellung
Die Sinfonie hat die klassische viersätzige Form und ist deutlich kürzer sowie für ein kleineres Orchester geschrieben als Mahlers vorherige Wunderhorn-Sinfonien, die 2. und 3. Sinfonie. Sie ist die letzte dieser drei inhaltlich zusammenhängenden Sinfonien, die Gedichte aus Des Knaben Wunderhorn von Clemens Brentano und Achim von Arnim vertonen.
Die Besetzung umfasst Holzbläser, vier Hörner, drei Trompeten, Pauken, Schlagwerk, Harfe, Streicher und Sopransolo. Auffällig ist das vollständige Fehlen von Posaunen und Tuba, obwohl diese zum spätromantischen Standardorchester gehören und in Mahlers übrigen Sinfonien besetzt sind.
Das Werk wird häufig Mahlers „klassizistische Sinfonie“ genannt, weil es sich zu einer neuen Einfachheit bekennt. Der Ausdruck ist jedoch nur eingeschränkt passend, da diese Einfachheit nicht an Haydn oder Mozart angelehnt ist. Wichtig ist vielmehr die Abkehr von spätromantischem Pathos und großer Emphase. Die Sinfonie weist dadurch auf die Neue Musik und auf Mahlers Spätstil voraus. Besonders stark sind die vier Sätze thematisch miteinander verknüpft; das gesamte Geschehen ist auf das Finale ausgerichtet.
Erster und zweiter Satz
Der erste Satz folgt weitgehend der klassischen Sonatenhauptsatzform: Auf die Vorstellung der Themen folgt ihre Verarbeitung in der Durchführung, danach ihre Wiederkehr in der Reprise. Mahler bricht diese Form teilweise ironisch. Ein Flötenmotiv über dem pochenden Rhythmus der Schellen führt zum heiteren, tänzerischen Hauptthema der Streicher. In den Holzbläsern erscheint ein Motiv, das an das Kinderlied „Es tanzt ein Bi-Ba-Butzemann“ erinnert. Damit greift Mahler den kindlichen Charakter des Final-Lieds auf.
Ein zweites, weihevolles Thema der Streicher deutet auf den langsamen dritten Satz voraus. In der Durchführung werden Themen und neue Motivandeutungen zunehmend unübersichtlich und chaotisch. Das veränderte Hauptthema stellt die Ordnung wieder her und leitet zur für Mahler ungewöhnlich regelgerechten Reprise über. Der Satz endet nach einer verlangsamten Bearbeitung des Hauptthemas mit verhalten optimistischen Akkorden des gesamten Orchesters.
Der zweite Satz ist ein spukhaftes Scherzo. Seine Solovioline ist um einen Ton höher gestimmt und verkörpert den gespenstischen leibhaftigen Tod mit schreiendem, rohem Klang. Auf ein Horn-Begleitmotiv entfaltet sie eine verzerrte Melodie. Das Scherzo verbindet grotesken, an Jean Paul angelehnten Humor mit Unheimlichem und setzt dies gegen die kindliche Heiterkeit des Finales.
Das erste Trio, ein kurzer Ländler, wird durch unruhige Begleitung gestört. Ein zweites Trio entwickelt einen sehr verhaltenen Walzer, den bedrohliche Bassklänge unterbrechen. Ein Harfenakkord verlängert die Idylle kurz, bevor die Solovioline zurückkehrt. Am Ende bleibt eine ungewisse Stimmung. Schönes und Verstörendes stehen unmittelbar nebeneinander.
Adagio und Finale
Der dritte Satz, ein Adagio, ist eine Folge von Doppelvariationen. Bei dieser Form werden zwei Themen jeweils verändert wiederholt. Der Satz verbindet weihevolle, ergreifende Musik mit bedrohlichen Abgründen; manche Spannungen bleiben ungelöst. Mehrfach scheint ein völliger Zusammenbruch bevorzustehen, wird jedoch durch einen explosionsartigen Durchbruch abgewehrt, der einem Blick auf den Himmel gleicht.
Das gesangliche Hauptthema der Streicher beginnt über Pizzicati der Kontrabässe. Ein klagendes Oboenmotiv und ein abfallendes Blechbläsermotiv führen zu abgründiger Dramatik und einem Höhepunkt. Danach entsteht aus den Pizzicati eine heitere, bewegtere Variation des Hauptthemas. Bedrohliche Tuttischläge und ein düsteres Cellomotiv führen erneut in eine Untergangsstimmung. Nach einem Wechsel zwischen Dur und Moll kann sich der optimistische Gesang wieder behaupten. Unerwartet erscheint ein Orchestertutti in E-Dur: Trompeten und Hörner zitieren darin das Hauptthema des ersten Satzes. Anschließend kehrt die Musik nach G-Dur zurück und verklingt leise.
Das Finale vertont vier Strophen und eine Coda von „Das himmlische Leben“. Ein kindlich-naives Orchester-Vorspiel eröffnet den Satz. Zwischen den Strophen wird das Anfangsmotiv des ersten Satzes zitiert, nun aber stürmisch und aufpeitschend und damit den sakralen Strophenenden entgegengesetzt. In der zweiten Strophe steigert sich auch die Orchesterbegleitung, passend zu den Worten: „Johannes das Lämmlein auslasset, der Metzger Herodes drauf passet“.
Vor der letzten Strophe steht ein längeres pastorales Zwischenspiel. Die letzte Strophe soll „sehr zart und geheimnisvoll bis zum Schluss“ vorgetragen werden. Die Auferstehung der Toten erscheint als Geheimnis, nicht als machtvolle Aussage. Die wiederholten letzten Worte „Keine Musik ist ja nicht auf Erden“ und der erstickende, verdämmernde Schluss lassen die Paradiesvision verblassen.
Uraufführung, Rezeption und Bearbeitungen
Die Uraufführung fand am 25. November 1901 in München statt. Es spielten das Kaim-Orchester und die Sopranistin Margarete Michalik; Mahler dirigierte selbst. Das Werk fiel zunächst durch und befremdete viele Zuhörer. Sie erwarteten nach den beiden vorherigen Wunderhorn-Sinfonien einen größeren, pompöseren Klang und reagierten auf die Abkehr vom romantischen Pathos irritiert.
Der Kritiker Theodor Kroyer sprach der Sinfonie „kein originelles Fühlen“ zu und bezeichnete sie als „Technik, Berechnung und innere Verlogenheit“. Die Allgemeine musikalische Zeitung sprach von einem „wenig erquicklichen Eindruck“. Ernst Otto Nodnagel dagegen nannte die Uraufführung das „erste wirkliches musikalisches Ereignis im 20. Jahrhundert“. Theodor W. Adorno schrieb später, die Vierte sei „ein Als-Ob von der ersten bis zur letzten Note“.
Heute gehört die 4. Sinfonie zu Mahlers beliebtesten und häufig aufgeführten Werken; Mahler selbst hielt sie für eines seiner besten Werke. Bearbeitungen für Kammerensemble schufen Erwin Stein und Klaus Simon.