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4′33″
4′33″ wurde so zu einem Schlüsselwerk der Neuen Musik und regt dabei Zuhörer wie Komponisten und Interpreten gleichermaßen zum Nachdenken über Musik und Stille …
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Werk und Grundidee
4′33″ ist ein 1952 entstandenes „stilles“ Musikstück des amerikanischen Avantgarde-Komponisten John Cage. Es besteht aus drei Sätzen. Während der Aufführung werden keine absichtlich erzeugten Töne gespielt. Gerade dadurch wurde das Werk zu einem Schlüsselwerk der Neuen Musik: Es stellt die Frage, was als Musik gilt.
Die drei Sätze tragen keine Noten oder Pausenzeichen, sondern jeweils die Anweisung „TACET“. Das lateinische Wort bedeutet, dass ein Instrument oder eine Instrumentengruppe schweigt bzw. pausiert. Das Werk ist für jedes Instrument oder jede Instrumentengruppe möglich und nicht auf Klavier beschränkt.
Für Cage besteht das Stück nicht aus einer vollkommenen Stille, sondern aus den zufälligen Klängen der Umgebung: etwa Wind, Regen, Husten, Bewegungen oder Verkehrsgeräuschen. Er bezeichnete 4′33″ als „Akt des Hörens“. Stille definierte er als Abwesenheit beabsichtigter Geräusche oder als eine Veränderung der Aufmerksamkeit, nicht als völlige Klanglosigkeit.
Entstehung und kompositorische Idee
Cage konzipierte das Werk 1947 bis 1948. Seine Idee lautete, dass grundsätzlich „alle Klänge zu Musik werden können“. Die Beschäftigung mit dem japanischen Zen-Buddhismus seit den späten 1940er Jahren wird als wichtiger Einfluss genannt. Schon in früheren Werken verwendete Cage Stille als formbildendes Element.
1947 sprach Cage am Vassar College erstmals von dem Wunsch, ein Stück ununterbrochener Stille mit dem geplanten Titel Silent Prayer zu komponieren. Zunächst hielt er ein solches Werk im „Westlichen Kontext“ für unverständlich. 1951 besuchte er den schalltoten Raum der Harvard University. Obwohl er dort völlige Stille erwartete, hörte er nach eigener Darstellung einen hohen Klang seines Nervensystems und einen tiefen seines Blutkreislaufs. Daraus folgerte er: Es gebe keinen leeren Raum und keine leere Zeit; immer sei etwas zu hören.
Eine weitere Anregung waren Robert Rauschenbergs White Paintings von 1951. Die weißen, scheinbar leeren Bilder verändern sich mit Licht und Umgebung. Cage erklärte später ausdrücklich: „The white paintings came first; my silent piece came later.“ Aus solchen Einflüssen entstand 1952 die Partitur von 4′33″.
Dauer, Aufführung und Uraufführung
Die bekannte Dauer von 4′33″ geht auf die Uraufführung am 29. August 1952 um 20:15 Uhr in der Maverick Concert Hall in Woodstock, New York, zurück. Der Pianist David Tudor spielte das Werk in einem Rezital zeitgenössischer Klaviermusik. Er markierte Anfang und Ende jedes Satzes, indem er den Tastendeckel des Flügels schloss und wieder öffnete, und maß die Zeiten mit einer Stoppuhr. Diese sichtbare Handlung ist jedoch nicht zwingend Teil der Komposition, sondern ein Bericht über diese konkrete Aufführung.
Cages Kommentar von 1960 erklärt: Der Titel eines Werks sei grundsätzlich dessen gesamte Aufführungsdauer in Minuten und Sekunden; die Sätze könnten jede Länge haben. Bei Woodstock nennt Cage die Satzdauern 33 Sekunden, 2 Minuten 40 Sekunden und 1 Minute 20 Sekunden. Diese ergeben 4 Minuten 33 Sekunden und wurden laut Artikel durch aleatorische, also zufallsgeleitete, Berechnungen mit dem I Ging festgelegt.
Es gibt widersprüchliche Angaben: Das Programm der Premiere und das Kremen-Manuskript nennen 30 Sekunden, 2 Minuten 23 Sekunden und 1 Minute 40 Sekunden. Da das originale Woodstock-Manuskript verloren ist, lässt sich der Widerspruch nicht eindeutig klären. Die Uraufführung löste einen Skandal aus, weil das Publikum keine tonlose Aufführung erwartet hatte. Cage betrachtete Wind, Regen sowie Gespräche und Bewegungen der Zuhörer dennoch als Klänge des Stücks.
Partituren und Kompositionsprozess
Das originale Woodstock-Manuskript von August 1952 war David Tudor gewidmet, verwendete konventionelle Notation und ist verloren. Tudor fertigte später zwei Rekonstruktionsversuche an. Sie enthalten Notensysteme, Takt- und Tempoangaben sowie präzise Dauern, aber keine Noten- oder Pausenzeichen. Beide geben 33 Sekunden, 2 Minuten 40 Sekunden und 1 Minute 20 Sekunden an.
Das Kremen-Manuskript von 1953 ist eine von Cage für Irwin Kremen angefertigte Kopie. Es stellt den Zeitverlauf auf 12 Seiten proportional dar; dabei entspricht „1 PAGE = 7 INCHES = 56″“. Seine Satzdauern betragen 30 Sekunden, 2 Minuten 23 Sekunden und 1 Minute 40 Sekunden. Die Typed Tacet Edition von 1960 enthält auf einer maschinengeschriebenen Seite nur die drei Satznummern und „TACET“ sowie einen Kommentar. Die Calligraphic Tacet Edition von 1986 ist ähnlich, aber in Cages Handschrift gedruckt. Die 1993 veröffentlichte Original Version beruht auf dem Kremen-Manuskript.
Cage schilderte den Kompositionsprozess unterschiedlich. 1988 sagte er, er habe jeden Satz aus kurzen Stillen aufgebaut und nur mit Dauern gearbeitet. 1990 beschrieb er das Werk dagegen als „Note-für-Note“-Komposition, für die er selbst hergestellte Karten und Tarot verwendet habe. Tudor betonte, die Partitur enthalte zwar keine Noten, aber präzise Dauern und eine Metronomangabe Viertel = 60. Diese abweichenden Aussagen tragen bis heute zu Kontroversen über Aufführung und Deutung bei.
Deutung, Vorläufer und Fortsetzungen
4′33″ wirft grundlegende Fragen auf: Spielt ein Interpret, wenn er keine absichtlichen Klänge erzeugt? Gehören die Umgebungsgeräusche oder die Stille zum Werk? Was unterscheidet die drei Sätze von den Zwischenräumen? Auch die Rolle des Publikums und Fragen des Urheberrechts werden problematisiert. David Tudor hielt es für wichtig, die Partitur während der Aufführung tatsächlich zu lesen und Seiten umzublättern.
Das Werk gilt als Cages berühmteste und zugleich umstrittenste Komposition. Es lenkt Aufmerksamkeit auf die sozialen Regeln eines Konzerts: Ort, Ruf von Komponist und Interpret sowie die Erwartung, still zuzuhören, prägen die Wahrnehmung. Eine wichtige musiktheoretische Idee ist die Dauer als gemeinsamer Parameter von Klang und Stille. Musikalische Struktur kann demnach aus organisierten Zeitfenstern bestehen, die mit Klängen, Stille oder zufälligen Geräuschen gefüllt werden. Julian Dodd urteilte 2013, das Werk sei zwar witzige Konzeptkunst und fordere zum Nachdenken über Musik auf, erfülle aber nicht die Kriterien von Musik.
Vorläufer stiller Werke gab es bereits: Alphonse Allais’ Marche funèbre incohérente von 1883 enthält 24 leere Takte und war als Scherz gedacht. Erwin Schulhoffs In futurum von 1919 besteht ausschließlich aus Pausen. Yves Kleins Monotone-Silence Symphony verbindet einen ausgehaltenen D-Dur-Dreiklang mit „absoluter“ Stille und unterscheidet sich dadurch von Cages Konzentration auf Umgebungsgeräusche.
Cage führte die Idee fort: 0′00″ (4′33″ No. 2) von 1962 ist ein Solo, das jede Person auf jede Weise aufführen kann; verlangt wird eine „disziplinierte Aktion“ mit maximaler Verstärkung ohne Rückkopplung. One³ = 4′33″ (0′00″) + G clef von 1989 verstärkt den Klang des Konzertsaals und Publikums bis an die Grenze der Rückkopplung.