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1. Sinfonie (Brahms)
Die Sinfonie Nr. 1 c-Moll op. 68 von Johannes Brahms wurde im November 1876 uraufgeführt. Erste Skizzen stammen von 1862, ihre Entstehungszeit erstreckt …
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Werk, Entstehung und Besetzung
Johannes Brahms’ Sinfonie Nr. 1 c-Moll op. 68 ist eine viersätzige Sinfonie, die im November 1876 uraufgeführt wurde. Erste Skizzen stammen von 1862; mit Unterbrechungen erstreckte sich die Arbeit über mehr als 14 Jahre. Letzte Änderungen nahm Brahms 1877 vor. Die Aufführungsdauer beträgt etwa 40 bis 45 Minuten.
Die lange Entstehung hängt wahrscheinlich auch mit den hohen Erwartungen zusammen, die Robert Schumanns Aufsatz „Neue Bahnen“ von 1853 an Brahms als künftigen Sinfoniker geweckt hatte. Brahms empfand es selbst als schwierig, nach Ludwig van Beethoven Sinfonien zu schreiben. Frühere Vorhaben führten zunächst zu anderen Werken: Aus dem Plan von 1854 entstand der erste Satz des Klavierkonzerts op. 15, und eine geplante Sinfonie aus einer Serenade wurde zur fünfsätzigen Serenade Nr. 1 op. 11.
Im Jahr 1862 zeigte Brahms Freunden einen Sinfoniesatz, eine Frühfassung des späteren ersten Satzes ohne Einleitung. 1876 arbeitete er in Sassnitz auf Rügen und in Lichtenthal bei Baden-Baden an der Vollendung. Die Uraufführung fand am 4. November 1876 in Karlsruhe unter Felix Otto Dessoff statt; Brahms leitete am 7. November die Folgeaufführung in Mannheim. Die endgültige Fassung, deren zweiter Satz im Mai 1877 nochmals gekürzt wurde, erschien im Oktober 1877 als Partitur, Stimmen und Klavierbearbeitung zu vier Händen.
Die Orchesterbesetzung umfasst 2 Flöten, 2 Oboen, 2 Klarinetten, 2 Fagotte, Kontrafagott, 4 Hörner, 2 Trompeten, 3 Posaunen nur im letzten Satz, Pauken sowie die Streicher I. Violine, II. Violine, Viola, Violoncello und Kontrabass. Die Satztonarten stehen im Verhältnis großer Terzen: E-Dur liegt eine große Terz über, As-Dur eine große Terz unter C-Dur beziehungsweise c-Moll.
Dramatischer erster Satz
Der erste Satz beginnt mit Un poco sostenuto in c-Moll im 6/8-Takt (Takt 1–37), gefolgt von einem Allegro in c-Moll (Takt 38–511). Das ganze Orchester setzt im Forte ein. Chromatische Gegenbewegungen – also Bewegungen in Halbtonschritten in entgegengesetzte Richtungen – stehen über einem pochenden Orgelpunkt der Pauke, einem liegen bleibenden oder wiederholten Basston.
Die Einleitung enthält wichtige Motive: Motiv A ist eine chromatische Linie (Takt 1–4), Motiv B besteht aus drei aufsteigenden kurzen Noten, die in einen längeren Notenwert münden, und Motiv C ist eine aufsteigende Dreiklangswendung. Eine Piano-Passage mit Frage-Antwort-Wendungen zwischen Pizzicato und Legato sowie eine melancholische Melodielinie von Cello und Fagott schließen die Einleitung ab.
Das Allegro beginnt mit einem aus A und B gebildeten Motto- oder Leitthema. Direkt danach folgt ein komplexes Hauptthema aus Motiv C, einer fallenden Akkordfigur im Umfang einer Septime (Motiv D) und weiteren Varianten von A. Der Seitensatz steht in Es-Dur. Zunächst erscheint das Hauptthema dort in liedhaft-idyllischer Form; ab Takt 130 folgt ein neues kurzes Oboenthema, das durch Quarten geprägt ist (Motiv E). Die Schlussgruppe beginnt ab Takt 157 in es-Moll mit Motiv F: drei absteigende Staccato-Noten und einem Intervallsprung aufwärts.
In der Durchführung werden die Motive verarbeitet und miteinander verbunden, unter anderem in Engführung, also dicht überlappendem Einsatz derselben melodischen Gestalt. Ein choralartiger Abschnitt in Ges-Dur wechselt mit Motiv F. Der Beginn der Reprise ist absichtlich verschleiert: Er kann bei Takt 339 oder erst bei Takt 343 angesetzt werden. Die Coda ab Takt 495 trägt die Bezeichnung Meno allegro („weniger schnell“); sie greift Motiv A und den Pauken-Orgelpunkt wieder auf und beendet den Satz mit dem nach C-Dur aufgehellten Motiv C.
Langsamer Satz und Allegretto
Der zweite Satz, Andante sostenuto, steht in E-Dur, im 3/4-Takt und hat 128 Takte. Seine Grundform ist die dreiteilige Liedform A–B–A’; der A-Teil besitzt wiederum eine innere Dreiteilung. Das Hauptthema wird von Streichern und Fagott vorgestellt. Sein punktierter Rhythmus besteht aus kurzen Bausteinen und Pausen; dadurch entsteht zunächst kaum ein gleichmäßiger musikalischer Fluss. Die Chromatik erinnert an das Motto des ersten Satzes. Im b-Teil spielt die solistische Oboe eine weit gespannte Melodie. Auffällig sind die auskomponierten Überblendungen: Ein neuer Abschnitt kann schon beginnen, während die Melodie des vorherigen noch weiterläuft.
Der kontrastierende B-Teil bringt Molltrübungen und zunächst die 1. Violine in der Stimmführung. Eine Oboenmelodie ab Takt 38, später von der Klarinette übernommen, weist auf das Hauptthema des dritten Satzes voraus. Im abschließenden A’-Teil kehren die Teile des Anfangs erweitert und verändert wieder; die solistische Führung wechselt unter anderem zwischen Oboe, Horn und Violine. Bei den ersten Aufführungen hatte der Satz eine andere, als fünfteilige Rondoform mit Coda rekonstruierte Gestalt. Brahms verwarf sie im Mai 1877 und formte das Andante zur vorliegenden Fassung um.
Der dritte Satz, Un poco Allegretto e grazioso, steht in As-Dur, im 2/4-Takt und umfasst 164 Takte. Auch er folgt der Liedform A–B–A’, wirkt aber durch die durchgehende Achtelbewegung fließender; seine Abschnitte sind deutlicher voneinander getrennt. Das zehntaktige Klarinetten-Hauptthema besteht aus zwei fünftaktigen Hälften, von denen die zweite die Umkehrung der ersten ist. Es ist aus der Oboenmelodie des zweiten Satzes abgeleitet. Ein punktiertes, fallendes Motiv und ein chromatisches Motiv werden daraus entwickelt.
Im B-Teil (Takt 71–114) wechselt Brahms nahtlos nach H-Dur und in den 6/8-Takt. Das Thema verbindet Tonwiederholungen der Oberstimmen mit Antworten der Unterstimmen und einer wiegenden Terzbewegung der Holzbläser. Im A’-Teil fehlt der b-Teil; das Hauptthema erscheint verlängert. Eine Coda im Più tranquillo lässt den Satz mit den triolischen Terzketten des B-Teils ausklingen. Brahms ergänzte nachträglich die Takte 125–143, möglicherweise als Reaktion auf Clara Schumanns Kritik, der frühere Schluss sei zu kurz.
Finale: Wendung nach C-Dur
Der vierte Satz ist in seiner Form innerhalb der Sinfonik und auch innerhalb von Brahms’ Schaffen einzigartig. Seine Einleitung knüpft mit c-Moll, Chromatik und Ausdruck an den Beginn der Sinfonie an. Im Adagio (Takt 1–29, 4/4-Takt) wechseln schleppende chromatische Legato-Figuren und Pizzicato-Passagen der Streicher. Eine Steigerung bis zum Forte führt über einen solistischen Paukenwirbel zum Più Andante.
Dieses steht ab Takt 30 in C-Dur. Über tremolierenden Streichern erklingt im Horn das Alphornthema; ab Takt 38 übernimmt es die Flöte. Brahms hatte diese Melodie schon 1868 Clara Schumann als Geburtstagsgruß geschickt, mit den Worten: „Hoch auf’m Berg, tief im Tal grüß ich dich viel tausend mal!“. Danach folgt ein „imaginärer Choral“ (Takt 47–50), in dem Posaunen, Fagott und Kontrafagott führen. Das Alphornthema, der Choral und der spätere Hymnus markieren die große Wendung der gesamten Sinfonie von c-Moll nach C-Dur.
Im Allegro non troppo, ma con brio (Takt 62–390) wird das einprägsame, hymnusartige Hauptthema zunächst von Streichern und Hörnern gespielt und dann von Holzbläsern wiederholt. Der Seitensatz steht in G-Dur und verwendet einen als Ostinato – einer beharrlich wiederholten Figur – gestalteten Quartgang im Bass. Darüber erklingen zurückhaltende chromatische Themen in der 1. Violine und später in der Oboe. Der Schlusssatz der Exposition verbindet synkopische Bewegung mit marschartigen Triolenketten und endet in Takt 185 in e-Moll.
Die anschließende „durchführungsartige Reprise“ greift Hauptsatz, Alphornthema, Seitensatz und Schlussgruppe in veränderter Weise auf. Der Eintritt des Alphornthemas in Takt 285 kann auch als Reprisenbeginn verstanden werden. In der Coda, Più Allegro, C-Dur, im 2/2-Takt (Takt 391–457), führt eine Steigerung zum Choral (Takt 407–416); danach erscheinen Motivbruchstücke des Schlusssatzes und Erinnerungen an chromatische Wendungen des ersten Satzes. So endet die Sinfonie in hellem C-Dur.
Bezug zu Beethoven
Die Sinfonie wird oft in Beziehung zu Ludwig van Beethoven gesetzt. Beide Werke verwenden weitgehend ähnliche Instrumentierung; Brahms’ Grundtonart c-Moll entspricht der von Beethovens 5. Sinfonie. Im ersten Satz übernimmt eine rhythmische Figur eine zentrale Aufgabe: drei diatonisch geführte kurze Notenwerte münden in einen längeren. Dies erinnert an das Zentralmotiv aus Beethovens 5. Sinfonie, Satz 1.
Auch der dramaturgische Weg „per aspera ad astra“ – „durch Nacht zum Licht“ – ähnelt Beethovens 5. Sinfonie. Die Einbeziehung von Alphornweise und Choral wird mit Beethovens 6. Sinfonie verglichen. Besonders deutlich ist die Ähnlichkeit zwischen Brahms’ Hauptthema des Finales und dem Hauptthema des Finales von Beethovens 9. Sinfonie. Brahms soll auf diesen Vergleich geantwortet haben: „Jawohl, und noch merkwürdiger ist, daß das jeder Esel gleich hört.“