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Handbuch der deutschen Geschichte

Handbuch der deutschen Geschichte. Grundlagen- und Nachschlagewerk (Daten und Entwicklungen) zur deutschen Geschichte, erste Auflage 1891/1892 in zwei Bänden, …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung, Ziel und Entwicklung
  2. 2. Die achte und neunte Auflage
  3. 3. Konzeption und Aufbau der zehnten Auflage
  4. 4. Thematische Schwerpunkte der neuen Bände
  5. 5. Stärken, Grenzen und Kontroversen

Bedeutung, Ziel und Entwicklung

Das Handbuch der deutschen Geschichte, nach seinem Gründungsherausgeber Bruno Gebhardt auch „der Gebhardt“ genannt, ist eine umfassende wissenschaftliche Darstellung der deutschen Geschichte. Es dient besonders Studierenden zur ersten fachlichen Orientierung und soll zugleich historisch interessierte Laien erreichen, verlangt von ihnen jedoch teilweise erhebliches Vorwissen.

Bruno Gebhardt (1858–1905), ein Berliner Realschullehrer, begann das Werk 1891. Die erste, von elf Gymnasiallehrern, Bibliothekaren und Archivaren erarbeitete Auflage erschien 1891/92 in zwei Bänden. Sie sollte die wichtigsten Daten und Entwicklungen nach dem damaligen Forschungsstand zusammenfassen und historische Kenntnisse verbreiten.

Die 2. Auflage erschien 1901 unter Ferdinand Hirsch, Aloys Meister und Robert Holtzmann; dabei wurden zunehmend Universitätslehrer beteiligt. Weitere Auflagen folgten 1906, 1910 und 1913. Ab der dreibändigen 6. Auflage von 1922/23 verfassten Universitätsprofessoren die Beiträge. Neben die zuvor vorherrschende politische Geschichte trat nun verstärkt die Sozialgeschichte. Die 7. Auflage erschien 1930 in zwei Bänden.

Die achte und neunte Auflage

Der Mediävist Herbert Grundmann gestaltete das Handbuch grundlegend neu. Die 8. Auflage erschien von 1954 bis 1960 in vier Bänden. Sie behandelte die Frühzeit und das Mittelalter, die Zeit von der Reformation bis zum Ende des Absolutismus, die Epoche von der Französischen Revolution bis zum Ersten Weltkrieg sowie das Zeitalter der Weltkriege.

Die ebenfalls von Grundmann herausgegebene 9. Auflage erschien zwischen 1970 und 1976. Sie führte die Darstellung bis zu den Ereignissen von 1949/50 fort und bestand aus vier Bänden, wobei der vierte in zwei Teilbände gegliedert war. Eine 22-bändige Taschenbuchausgabe erschien von 1973 bis 1980 bei dtv; Nachdrucke folgten bis 1999.

Inhaltlich reichte die Taschenbuchausgabe von der Ur- und Frühgeschichte über Mittelalter, Reformation, Glaubenskämpfe, Absolutismus und Verfassungsgeschichte bis zur Industrialisierung, Reichsgründung und Geschichte der Weltkriege. Die letzten Bände behandelten die Weimarer Republik, den Nationalsozialismus, den Zweiten Weltkrieg, das Ende des Deutschen Reiches sowie die Entstehung Österreichs, der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik.

Die 9. Auflage ist vor allem ein ereignisgeschichtliches Kompendium, also eine konzentrierte Darstellung historischer Ereignisse. Darin liegt weiterhin ihr Wert; die 10. Auflage verfolgt dagegen einen stärker analytischen und thematisch breiteren Ansatz.

Konzeption und Aufbau der zehnten Auflage

Die bei Klett-Cotta veröffentlichte 10. Auflage ist eine völlige Neukonzeption mit neuen Autoren. Herausgeber sind Alfred Haverkamp für das Mittelalter, Wolfgang Reinhard für die Frühe Neuzeit, Jürgen Kocka für das 19. Jahrhundert und Wolfgang Benz für die Zeitgeschichte.

Die Darstellung ist in vier Epochen gegliedert:

  • Bände 1 bis 8: Spätantike bis zum Ende des Mittelalters.
  • Bände 9 bis 12: Frühe Neuzeit bis zum Ende des Alten Reiches, 1495–1806.
  • Bände 13 bis 17: 19. Jahrhundert, 1806–1918.
  • Bände 18 bis 24: 20. und 21. Jahrhundert, 1918–2021.

Die Auflage soll deutsche Geschichte in ihrer regionalen Vielfalt und ihren europäischen Zusammenhängen darstellen. Politik-, Sozial-, Kultur- und Wirtschaftsgeschichte werden grundsätzlich gleichgewichtig einbezogen. Statt nur Ereignisse chronologisch aufzuzählen, stellt das Werk ausdrücklich Fragen, bietet weiterführende Deutungen an und erläutert den Stand der Forschung. Es kennzeichnet außerdem Forschungslücken, umstrittene Deutungen und offene Probleme.

Der erste Band erschien 2001. Im Oktober 2024 wurde die Auflage mit einem 566 Seiten umfassenden Gesamtregister abgeschlossen. Nach Angaben des Verlages erschien der „Gebhardt“ damit zum letzten Mal in klassischer Buchform.

Thematische Schwerpunkte der neuen Bände

Die Mittelalterbände behandeln die europäischen Grundlagen deutscher Geschichte vom 4. bis 8. Jahrhundert, das karolingische Großreich von 714 bis 887, die späten Karolinger und Ottonen von 888 bis 1024, die Salierzeit von 1024 bis 1125 sowie die Entwicklungen vom 12. Jahrhundert bis zur Reichsreform um 1495. Dabei treten neben Herrschaft und politischen Ereignissen auch Gesellschaft, Kultur, Kirche, Wirtschaft und Lebenswelten. Die ältere nationalstaatliche Vorstellung, die Herrscher des 10. Jahrhunderts hätten bereits als Könige oder Kaiser „der Deutschen“ gehandelt, wird zurückgewiesen; sie erstrebten vielmehr die römische Kaiserwürde.

Die Bände zur Frühen Neuzeit umfassen Reichsreform und Reformation, das konfessionelle Zeitalter, den Dreißigjährigen Krieg sowie die Entwicklung des Alten Reiches von 1648 bis 1806. Einen wichtigen Platz nehmen die Institutionen des Reiches, religiöse Konflikte, Reformen und sozialer Wandel ein. Einige Darstellungen konzentrieren sich allerdings weiterhin stark auf Politik und Konfession.

Die Bände zum 19. Jahrhundert behandeln Reformen, Restauration und Revolution von 1806 bis 1848/49, die Industrielle Revolution und Nationalstaatsgründung von 1849 bis 1870/71, das Kaiserreich von 1871 bis 1914 und den Ersten Weltkrieg. Besonders ausgeprägt ist die Verbindung von Wirtschafts-, Sozial- und Politikgeschichte. Der Erste Weltkrieg wird einschließlich seiner internationalen Voraussetzungen, der militärischen Entwicklung, der Kriegstechnik und der deutschen Gesellschaft untersucht. Als eine Erklärung wird die umstrittene Sozialimperialismus-These behandelt: Danach hätten Eliten im Krieg einen Ausweg gesucht, um gesellschaftliche und innenpolitische Reformen zu vermeiden.

Die zeitgeschichtlichen Bände reichen von der Weimarer Republik über Nationalsozialismus, Zweiten Weltkrieg, Besatzungszeit, DDR und Bundesrepublik bis zum wiedervereinigten Deutschland 1990–2021. Der Band über die nationalsozialistischen Verbrechen 1939–1945 führt Erkenntnisse zu rassistischer und politischer Verfolgung, Holocaust und Krankenmord zusammen. Der abschließende Darstellungsband behandelt unter anderem die Corona-Pandemie als „Zäsur“ und endet mit der Bildung der Ampel-Regierung; die Entwicklungen nach dem russischen Überfall auf die Ukraine bleiben unberücksichtigt.

Stärken, Grenzen und Kontroversen

Die fachliche und traditionelle Qualität des Handbuchs wird im Allgemeinen anerkannt. Als Stärken gelten die zuverlässige Zusammenfassung umfangreicher Forschung, die analytische Verbindung verschiedener historischer Teildisziplinen und die Kennzeichnung von Kontroversen. Zahlreiche Bände sind gut lesbar und bieten Studierenden fundierte Überblicke.

Die Umsetzung des Gesamtanspruchs fällt jedoch je nach Band unterschiedlich aus. Teilweise bleiben Politik- und Ereignisgeschichte dominant; andernorts stehen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte deutlich im Vordergrund. Kritisiert werden unter anderem die zu geringe Berücksichtigung von Frauen, Minderheiten, bäuerlicher Bevölkerung, Kunst, Kultur, europäischen Vergleichen oder internationalen Zusammenhängen. Manche Bände setzen erhebliches Vorwissen voraus und verwenden viele nicht erklärte Fachbegriffe. Die aufwendige Buchausstattung erhöht zudem den Preis, was besonders für Studierende problematisch ist.

Einzelne Aussagen und Zahlen sind umstritten, etwa Bewertungen des Zweiten Weltkriegs und Angaben zu polnischen oder französischen Opfern. Besonders schwer wiegt die Kritik am Band über Deutschland von 1990 bis 2021: Er beruht nach Angaben eines Kritikers zu rund neunzig Prozent auf Edgar Wolfrums Buch „Der Aufsteiger“, das der Verlag wegen zahlreicher Plagiate zurückgezogen hatte. Trotz nachträglich ergänzter Nachweise sollen auch im Handbuchband Plagiatsstellen verblieben sein.

Seit der 9. Auflage von 1970 sind zahlreiche konkurrierende Handbücher und Überblicksdarstellungen erschienen. Dadurch ist die Stellung der 10. Auflage weniger unangefochten. Der „Gebhardt“ bleibt dennoch eine bedeutende Gesamtdarstellung, die gesichertes Wissen, gültige Interpretationen und offene Forschungsfragen zur deutschen Geschichte zusammenführt.

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