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Ökonomische Theoriengeschichte
Inhaltsverzeichnis ; 2.1 Zeit bis zum Absolutismus ; 2.2 Merkantilismus bis Klassik ; 2.3 Klassik bis Keynes ; 2.4 Keynes bis heute.
Inhalt6 Abschnitte
Grundidee und Bedeutung
Die ökonomische Theoriengeschichte, auch ökonomische Dogmengeschichte oder Geschichte des ökonomischen Denkens genannt, untersucht Wirtschaftstheorien in Vergangenheit und Gegenwart. Wirtschaftstheorie heißt auch Volkswirtschaftstheorie oder ökonomische Theorie. Sie ist der Teil der Volkswirtschaftslehre, der sich mit grundlegenden Abläufen und Zusammenhängen in einer Volkswirtschaft beschäftigt.
Für das Lernen ist die Theoriengeschichte wichtig, weil sie zeigt, wie Menschen zu verschiedenen Zeiten wirtschaftliche Probleme erklärt haben: etwa Handel, Preise, Arbeit, Geld, Krisen, Wachstum, staatliche Eingriffe und soziale Ungleichheit. Viele wirtschaftspolitische Debatten lassen sich besser verstehen, wenn man weiß, aus welchen Denkschulen sie stammen.
Wichtige Denkschulen im Überblick
Zu den wichtigen Wirtschaftstheorien gehören mehrere große Richtungen, die ungefähr seit dem 18. Jahrhundert nacheinander oder nebeneinander entstanden sind.
Die Physiokratie, verbunden mit François Quesnay, entstand um 1758. Sie gilt im Artikel als früher wissenschaftlicher Ansatz der Wirtschaftstheorie. Die Klassische Nationalökonomie begann ab etwa 1780; wichtige Namen sind Adam Smith, David Ricardo, John Stuart Mill, Thomas Robert Malthus und Jean-Baptiste Say.
Ab etwa 1850 entstanden die marxistische Wirtschaftstheorie mit Karl Marx, Friedrich Engels, Rosa Luxemburg und Nikolai Iwanowitsch Bucharin sowie die Historische Schule der Nationalökonomie mit Friedrich List und Gustav von Schmoller. Ab etwa 1870 folgte die Neoklassische Theorie, unter anderem mit Vilfredo Pareto, Léon Walras, Alfred Marshall und Irving Fisher als Vertretern verschiedener Grenznutzenschulen. Die Österreichische Schule begann ab etwa 1880 und ist mit Carl Menger, Eugen Böhm von Bawerk, Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek verbunden.
Weitere Richtungen sind die Institutionenökonomik ab etwa 1900, etwa mit Thorstein Bunde Veblen, John Rogers Commons und John Kenneth Galbraith, die Freiwirtschaft Silvio Gesells ab etwa 1920, der Keynesianismus ab etwa 1930 mit John Maynard Keynes, der Ordoliberalismus ab etwa 1940 mit Walter Eucken, der Postkeynesianismus ab etwa 1950 mit Joan Robinson, Nicholas Kaldor und Michal Kalecki sowie der Monetarismus ab etwa 1970 mit Milton Friedman.
Frühe Ansätze bis zur Klassik
In Antike und Mittelalter gab es bereits Gedanken zum wirtschaftlichen Handeln, aber meist noch keine Wirtschaftstheorie im heutigen Sinn. Solche Gedanken finden sich in Werken von Philosophen, Rechts- und Finanzgelehrten sowie Theologen. Genannt werden als antike Vorläufer Xenophon, Platon und Aristoteles; für Mittelalter und Aufklärung nennt der Artikel Thomas Morus, Thomas Hobbes, John Locke und Gottfried Wilhelm Leibniz. Wirtschaftspolitik wurde damals meist ohne ausgearbeitete theoretische Grundlage betrieben.
In der frühen Neuzeit war die Schule von Salamanca wichtig. Ihre Theologen und Juristen beschäftigten sich mit Wirtschaftsethik, also mit moralischen Fragen des Wirtschaftslebens. Dazu gehörten Tauschgerechtigkeit, Vertragskonsensismus, der gerechte Preis und staatliche Eingriffe, im Artikel als Staatsinterventionismus beziehungsweise Arbitrismus bezeichnet. Einzelne Vertreter entwickelten auch Positionen, die älteren christlichen Lehren widersprachen, etwa zur Bestätigung des Zinswuchers durch Martin de Azpilcueta und Lessius oder zur Verteidigung des Contractus trinus durch Lessius.
Während des Absolutismus entstand in Frankreich, Italien und England der Merkantilismus. Er war keine geschlossene Theorie, beruhte aber auf genaueren Vorstellungen über wirtschaftliche Zusammenhänge als frühere Ansätze. In Deutschland wurden merkantilistische Prinzipien im Kameralismus angewandt. Der Merkantilismus setzte auf starke staatliche Eingriffe in die Wirtschaft. In Frankreich trug diese Politik zwar zur Stellung als führende Wirtschaftsmacht Europas bei, führte aber auch zu einem Niedergang der Landwirtschaft.
Als Reaktion darauf veröffentlichte François Quesnay 1758 im Tableau Economique eine Theorie eines kreislaufbasierten Wirtschaftsmechanismus. Diese später Physiokratie genannte Richtung forderte eine Laissez-faire-Politik, also möglichst wenig staatliche Eingriffe. Sie gilt als erster wissenschaftlicher wirtschaftstheoretischer Ansatz. In England wurden physiokratische Gedanken zur Klassischen Nationalökonomie erweitert. Adam Smith, David Ricardo und John Stuart Mill gelten als wichtige Vertreter. Anders als die Physiokraten verlangten die Klassiker begrenzte Staatseingriffe, um Fehlentwicklungen zu vermeiden.
Von Industrialisierung bis Weltwirtschaftskrise
Mit der Industrialisierung verschärften sich soziale Gegensätze in den Städten. Dadurch wurden für Volkswirtschaftler Fragen der Gewinnverteilung wichtiger: Wer erhält welchen Anteil am wirtschaftlichen Ergebnis? In diesem Zusammenhang entstanden Sozialismus und Marxismus. Diese Denkschulen betonten Regulierung des Wirtschaftens und forderten die Kollektivierung der Produktionsmittel, also gemeinschaftliches oder gesellschaftliches Eigentum an den Mitteln zur Produktion. Als wichtige Vertreter nennt der Artikel Robert Owen, Charles Fourier und Karl Marx.
Parallel dazu entwickelte sich die Historische Schule. Sie war stärker vom entstehenden Nationalgefühl geprägt. Friedrich List und Gustav von Schmoller werden als wichtige Vertreter genannt. Diese Richtung forderte staatliche Eingriffe zum Schutz der einheimischen Wirtschaft und betonte die Erforschung der wirtschaftlichen Wirklichkeit statt vorschneller Verallgemeinerungen.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstand die Grenznutzenschule, beeinflusst von William Stanley Jevons, Carl Menger und Léon Walras. Grenznutzen meint den zusätzlichen Nutzen, den eine weitere Einheit eines Gutes bringt. Diese Richtung machte erstmals mikroökonomische Ansätze wichtig, also Erklärungen auf der Ebene einzelner Haushalte, Unternehmen oder Märkte. Dazu gehörten individuelle Nutzeneinschätzungen sowie Angebots- und Nachfragefunktionen. Seitdem wurden methodologische Probleme, also Fragen nach den wissenschaftlichen Methoden, neben Sachfragen und ordnungspolitischen Fragen zu einer wichtigen Säule der Volkswirtschaftslehre.
Unter dem Einfluss der Grenznutzenschule wurde die Klassik unter anderem von Alfred Marshall zur Neoklassischen Theorie weiterentwickelt. Dabei wurden subjektivistische Ansätze der Grenznutzenschule, also Erklärungen über individuelle Bewertungen, mit objektivistischen Theorien der Klassiker in der Gleichgewichtsanalyse verbunden. Gleichgewichtsanalyse untersucht, unter welchen Bedingungen sich Angebot und Nachfrage oder andere wirtschaftliche Größen ausgleichen.
Die bis dahin entwickelten Theorien konnten die globale Wirtschaftskrise der 1920er und 1930er Jahre mit Massenarbeitslosigkeit nicht ausreichend erklären und lieferten keine hilfreichen Handlungsansätze. Eine von Vertretern der Österreichischen Schule befürwortete Abkehr vom Staatsinterventionismus war politisch nicht durchsetzbar.
Keynesianismus und neuere Ansätze
John Maynard Keynes lieferte Beiträge zur Analyse der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage. Damit ist die gesamte Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen in einer Volkswirtschaft gemeint. Er begründete den Keynesianismus. Diese Theorie vertritt, dass wirtschaftliche Krisen durch aktive Wirtschaftspolitik des Staates überwunden werden können.
Demgegenüber entwickelte sich die monetaristische Geldtheorie, vor allem durch Irving Fisher und Milton Friedman von der Chicagoer Schule. Monetarismus betont die Bedeutung von Geldmenge und Geldpolitik für die wirtschaftliche Entwicklung.
Ein wichtiger Gegensatz besteht zwischen makroökonomischen Ungleichgewichts- und Gleichgewichtstheorien. Der Keynesianismus gilt im Artikel als makroökonomische Ungleichgewichtstheorie. Makroökonomie betrachtet die Gesamtwirtschaft; Ungleichgewicht bedeutet hier, dass Märkte für längere Zeit aus dem Gleichgewicht geraten können. Gleichgewichtsorientierte Makrotheorien wie Neoklassik oder Monetarismus gehen dagegen davon aus, dass Märkte nicht aus dem Gleichgewicht geraten können oder zumindest sehr schnell wieder zum Gleichgewicht finden.
Der Ordoliberalismus trug zur Wettbewerbspolitik und zur Prägung des Konzepts der Sozialen Marktwirtschaft bei. Wettbewerbspolitik soll faire Konkurrenz ermöglichen und Machtkonzentrationen begrenzen. Neuere Ansätze sind die Neue Institutionenökonomik, Experimentelle Ökonomik, Ökonometrie, Spieltheorie und Verhaltensökonomik. Institutionenökonomik untersucht die Bedeutung von Regeln und Einrichtungen, Experimentelle Ökonomik nutzt Experimente, Ökonometrie arbeitet mit statistischen Methoden, Spieltheorie analysiert strategische Entscheidungen, und Verhaltensökonomik bezieht tatsächliches menschliches Verhalten in wirtschaftliche Erklärungen ein.
Forschung und Fachmedien
Mit der Geschichte des ökonomischen Denkens befassen sich mehrere Fachorganisationen. Dazu gehören die European Society for the History of Economic Thought, kurz ESHET, gegründet 1995, die nordamerikanische History of Economics Society, HES, gegründet 1974, und die Japanese Society for The History of Economic Thought, JSHET, gegründet 1950. Weitere Organisationen sind die History of Economic Thought Society of Australia, HESTA, gegründet 1981, die italienische Associazione Italiana per la Storia del Pensiore Economico und die französische Association Charles Gide pour l'Étude de la pensée économique. In Deutschland hat der Verein für Socialpolitik einen 1980 konstituierten Ausschuss für die Geschichte der Wirtschaftswissenschaften.
Wichtige Fachzeitschriften sind die History of Political Economy, das Journal of the History of Economic Thought, kurz JHET, das seit 1979 zunächst als History of Economics Society Bulletin erschien und 1990 umbenannt wurde, sowie das European Journal of the History of Economic Thought, EJHET, das seit 1993 besteht. Außerdem nennt der Artikel Economies et Sociétés, History of Economic Ideas und das History of Economics Review.