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Freiwirtschaft
Hauptziel der Freiwirtschaft ist eine stabile, sozial gerechte Marktwirtschaft. In einem freiwirtschaftlich organisierten Wirtschaftssystem sollen …
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Grundidee der Freiwirtschaft
Die Freiwirtschaft ist ein von Silvio Gesell (1862–1930) im Wesentlichen zwischen 1891 und 1916 entwickeltes Wirtschaftsmodell. Ihr Hauptziel ist eine stabile, sozial gerechte Marktwirtschaft: Produktion und Konsum sollen über Märkte vermittelt werden, während Unternehmen weiterhin privat oder öffentlich sein, Risiken tragen und gewinnabhängige Renditen erzielen können.
Die Reformen werden oft mit „F.F.F.“ zusammengefasst: Freigeld, Freiland und Festwährung. Freigeld soll das Horten von Geld verhindern und das Zinsniveau senken; Freiland soll die Bodenrente der Allgemeinheit zuführen; Freihandel meint den Abbau nationaler Wirtschaftsgrenzen. Gesells Hauptwerk heißt Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld und erschien 1916.
Gesell verstand „Freiwirtschaft“ zunächst als Vorstufe seiner angestrebten Physiokratie, also „Naturherrschaft“. Seit den 1930er Jahren nennen sich Vertreter dieser Ideen unter anderem Freiwirtschaftler, Freiwirte oder Gesellianer; neuerdings kommen auch Humanwirtschaft und Fairconomy vor.
Freigeld und Geldreform
Freigeld ist in der freiwirtschaftlichen Theorie ein Zahlungsmittel, das wie Waren einem Wertverfall unterliegt. Es steht deshalb unter Umlaufzwang beziehungsweise ist „umlaufgesichert“. Wer den Wertverlust vermeiden will, soll das Geld gegen Waren tauschen, verleihen oder längerfristig auf einem Bankkonto anlegen. Dafür werden auch die Bezeichnungen „rostende Banknoten“, „Fließendes Geld“ und „Schwundgeld“ verwendet. Freigeld erfüllt damit nicht die Wertaufbewahrungsfunktion des Geldes.
Gesell forderte außerdem die Abschaffung des Goldstandards. Seine Begründung war, dass die Goldmenge begrenzt sei, während eine Wirtschaft beinahe unbegrenzt wachsen könne: Goldmangel könne Deflation, Goldüberschuss destabilisierende Inflation auslösen.
Nach Gesells Ansatz hat Geld gegenüber lagerbaren Waren, Dienstleistungen und Arbeitskraft einen Vorteil: Für deren Lagerung entstehen Kosten, für das Aufbewahren von Geld nicht. Dadurch erhalte die Geldseite gegenüber dem Angebot einen systemischen Vorteil. Den daraus folgenden zusätzlichen Wert nannte Gesell „Urzins“ und schätzte ihn auf jährlich 4–5 Prozent. Er nahm an, Investitionen würden bei einem allgemeinen Marktzins unter drei Prozent unterbleiben; Geld werde dann liquide gehalten oder für Spekulation verwendet. Umlaufsicherung soll als eine Art Steuer auf Liquidität wirken, die Umlaufgeschwindigkeit erhöhen und Investitionen fördern. Nach freiwirtschaftlicher Annahme könnten dadurch Vollbeschäftigung, steigende Löhne und real fallende Preise entstehen; das allgemeine Marktzinsniveau könne auf 0 % oder darunter sinken.
Freiland und Freihandel
Freiland bedeutet, Boden friedlich und gegen volle Entschädigung der bisherigen Eigentümer in öffentliches Eigentum zu überführen, etwa in Gemeindeeigentum. Der Boden soll aber privat oder genossenschaftlich genutzt werden. Nutzer zahlen dafür regelmäßig eine Nutzungsabgabe oder Pacht, deren Höhe ungefähr der Bodenrente entsprechen und sich nach Angebot und Nachfrage richten soll, etwa durch Versteigerungen von Nutzungsrechten.
Die Bodenrente ist nach freiwirtschaftlicher Auffassung ein leistungsloses Einkommen aus Bodeneigentum. Sie soll der Allgemeinheit zustehen, weil Boden ein Naturgut ist und sein Wert durch die Allgemeinheit entsteht. Nach der Entschädigung früherer Eigentümer fließen die Einnahmen daher an die Allgemeinheit. Gesell wollte sie als „Mutterrente“, eine Art hohes Kindergeld, an Mütter verteilen.
Gebäude und gewerbliche Anlagen sollen dagegen Privateigentum bleiben, weil sie durch menschliche Arbeit entstanden sind. Erforderlich wäre eine rechtliche Trennung von Boden und Bauten, ähnlich dem seit 1919 bestehenden deutschen Erbbaurecht. Bodenspekulation und Bodenhandel wären dann ausgeschlossen; Bauten könnten weiterhin gekauft und verkauft werden. Freiland gilt als Voraussetzung dafür, dass vermögende Personen nach einer Beschränkung von Zinserträgen nicht auf Bodenkäufe ausweichen.
Freihandel bezeichnet die Abschaffung nationaler Wirtschaftsgrenzen, insbesondere von Zoll- und Importbarrieren sowie Exportsubventionen. Intensive Handelsbeziehungen sollen nach dieser Auffassung langfristigen Frieden fördern.
Entstehung, Bewegung und praktische Versuche
Ausgangspunkt war die Wirtschaftskrise in Argentinien um 1890. Gesell veröffentlichte 1891 in Buenos Aires Die Reformation im Münzwesen als Brücke zum sozialen Staat und im selben Jahr Nervus rerum. Er erklärte Wirtschaftskrisen vor allem durch ein fehlerhaftes Währungssystem, nicht durch das Privateigentum an Produktionsmitteln. Ab 1904 ergänzte er seine Geldreform durch eine Bodenreform. Seine Ideen stehen unter anderem in Beziehung zur Physiokratie François Quesnays, zu Pierre-Joseph Proudhon, Max Stirner sowie Bodenreformern wie Henry George und Michael Flürscheim.
Wichtige organisatorische Impulse kamen vor dem Ersten Weltkrieg von Georg Blumenthal und Paulus Klüpfel. Die Freiwirtschaftsbewegung kandidierte in der Weimarer Republik bei Reichstagswahlen; der Freiwirtschaftsbund F.F.F. erreichte 1924 knapp 40.000 Stimmen beziehungsweise 0,1 % und zog nicht ins Parlament ein. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand die Frei-Soziale Union (FSU); ihre Vorgängerin erreichte bei der Hamburger Bürgerschaftswahl 1949 2,0 % und einen Sitz. Die spätere Humanwirtschaftspartei spielt laut Artikel wegen geringer Mitgliederzahl gegenwärtig keine wesentliche Rolle.
Praktische Versuche umfassten Siedlungs- und Genossenschaftsprojekte wie Eden sowie Geldexperimente. Das Wära-Experiment begann 1926; das Schwanenkirchener Freigeldexperiment folgte nach 1929 und wurde mit wirtschaftlichem Aufschwung in Verbindung gebracht. Bekannt wurde auch das „Wunder von Wörgl“: Bürgermeister Michael Unterguggenberger gab während der Weltwirtschaftskrise 1929 umlaufgesichertes Freigeld als regionale Komplementärwährung aus. In den USA verbreitete sich Anfang der 1930er Jahre ein ähnliches Experiment unter dem Namen stamp scrip. Als Fortsetzung gelten Regional- oder Komplementärwährungen, auch Regiogeld genannt.
Seit Beginn des 21. Jahrhunderts erhielt die Lehre unter anderem durch Regionalwährungen, die Weltwirtschaftskrise ab 2007, die Eurokrise ab 2010 und die Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank neue Aufmerksamkeit.
Wissenschaftliche Einordnung und Kritik
John Maynard Keynes schrieb 1936 über Gesell: „Ich glaube, daß die Zukunft mehr vom Geiste Gesells als von jenem von Marx lernen wird.“ Irving Fisher befasste sich mit den Wörgler Erfahrungen und befürwortete stamp scrips in den USA. Maurice Allais verband 1947 in seinem Konzept unter anderem die Verstaatlichung des Bodens und die kontinuierliche Entwertung umlaufenden Geldes mit wirtschaftlicher Effizienz. Dennoch wurde Freiwirtschaft in gängigen wirtschaftswissenschaftlichen Lehrbüchern und Zeitschriften selten behandelt. Während der Krise ab 2007 verwiesen unter anderem Gregory Mankiw, Willem Buiter und Benoît Cœuré auf Gesell beziehungsweise negative Zinsen.
Ökonomische Kritik richtet sich gegen die Annahme, Umlaufsicherung dränge Geld automatisch auf Konsum- oder Kreditmärkte. Bürger könnten umlaufgesichertes Geld stattdessen durch Devisen oder Edelmetalle ersetzen, die keinem Wertverfall unterliegen. Nach dem Greshamschen Gesetz würde bei gesättigtem Markt das umlaufgesicherte, als „schlechtes“ betrachtete Geld ausgegeben, während anderes Geld gehortet oder außer Landes gebracht würde.
Die Quantitätsgleichung M·V = P·Y besagt: Eine höhere Umlaufgeschwindigkeit V wirkt grundsätzlich ähnlich wie eine höhere Geldmenge M. Der Artikel hält dagegen fest, dass in der Freiwirtschaft auch das Handelsvolumen Y wegen höherer Güternachfrage steigen könne. Umlaufsicherung soll außerdem verhindern, dass Geld aus den rasch zirkulierenden Mengen M₀ und M₁ in langsamer zirkulierende Mengen M₂ und M₃ verlagert wird; dabei gilt V₃ < V₂ < V₁ < V₀.
Marxisten wie Elmar Altvater kritisieren Freiwirtschaft als „sozialdarwinistisches Konzept“. Werner Onken entgegnet, Gesell habe keinen Kampf des Stärkeren gegen den Schwächeren vertreten, sondern eine gerechte wirtschaftliche Rahmenordnung angestrebt. Zur Nähe zum Nationalsozialismus nennt der Artikel sowohl die nicht bestreitbaren Kontakte mancher Anhänger als auch die baldige Ablehnung und Verfolgung der Bewegung: Nationalsozialisten lehnten Gesells Lehre ab; nach 1933 kam es laut Artikel zu Vernehmungen, Beschlagnahmen, Terrorakten und zur Einweisung von Anhängern in Konzentrationslager.