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Zweikasusflexion
Die Zweikasusflexion ist eine Reduzierung des lateinischen Kasussystems während der Entstehungszeit der romanischen Sprachen. Von den ursprünglich sechs …
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Grundidee
Die Zweikasusflexion ist eine Vereinfachung des lateinischen Kasussystems in der Entstehungszeit der romanischen Sprachen. Das Lateinische hatte ursprünglich sechs Kasus. In dieser reduzierten Form blieben nur zwei Kasus erhalten: der Nominativ als Rektus und der Akkusativ als Obliquus.
Der Rektus bezeichnet dabei die Form, die aus dem Nominativ hervorgeht. Der Obliquus fasst mehrere andere Kasusfunktionen zusammen, vor allem solche, die früher durch Akkusativ, Dativ oder Ablativ ausgedrückt wurden. Die Zweikasusflexion gilt als ein Zwischenstadium in der Entwicklung der indogermanischen Kasus: Sie steht zwischen einem reicheren Kasussystem und dem vollständigen Verlust der Kategorie Kasus.
Vorkommen
Beispiele für Zweikasusflexion finden sich im Altfranzösischen, Altokzitanischen, Altfriaulischen und Altsurselvischen. Inschriften deuten darauf hin, dass ein solches System in deutlich mehr altromanischen Sprachen und Dialekten existiert haben könnte. Unterschiedliche Rektus- und Obliquusformen sind zum Beispiel auch im Altkatalanischen und Altvenezischen belegt.
Außerhalb der romanischen Sprachen besitzen auch Kurmandschi und Zaza ein entsprechendes Kasussystem.
Formen am Beispiel murus
Das Beispiel lateinisch murus zeigt, wie die lateinischen Kasus in zwei Formen zusammenfallen konnten.
Im Singular wurde der lateinische Nominativ murus zu murs und bildete den Rektus. Die Formen Dativ muro, Akkusativ murum und Ablativ muro wurden zu mur und bildeten den Obliquus. Der Genitiv Singular muri blieb in diesem System nicht als eigene Form erhalten.
Im Plural wurde der lateinische Nominativ muri zu mur und bildete den Rektus. Dativ muris, Akkusativ muros und Ablativ muris wurden zu murs und bildeten den Obliquus. Der Genitiv Plural murorum blieb ebenfalls nicht als eigene Kasusform erhalten.
Genitiv und Syntax
Die lateinischen Genitivformen im Singular und Plural wurden schon früh durch präpositionale Umschreibungen mit der Präposition de ersetzt. Deshalb waren sie nicht mehr von der späteren lautlichen Reduzierung betroffen, weil sie in der Sprache nicht mehr verwendet wurden. Die lateinische Form murorum hätte zum Beispiel etwa eine altfranzösische Form *muror oder *mureur ergeben müssen; eine solche Form ist aber nirgends belegt.
Wo die Zweikasusflexion erhalten war, ermöglichte sie im Unterschied zu altromanischen Sprachen ohne dieses System eine freiere Syntax. Die Kasusformen halfen also dabei, Satzfunktionen zu erkennen, sodass die Wortstellung weniger streng sein musste.
Rumänisch
Auch das Rumänische, eine romanische Sprache, besitzt eine Zweikasusflexion, wenn man den Vokativ ausklammert, weil er für die Satzsyntax unbedeutend ist. Die Opposition ist dort jedoch anders als in den genannten altromanischen Beispielen: Im Rumänischen sind Nominativ und Akkusativ gleich, ebenso Genitiv und Dativ.
Ein Beispiel ist rumänisch casă im Nominativ/Akkusativ Singular mit der Bedeutung „das Haus“ und case im Genitiv/Dativ Singular mit der Bedeutung „des Hauses, dem Hause“. Innerhalb der Romanistik ist umstritten, ob diese rumänische Zweikasusflexion eine Neubildung ist oder eine Fortführung vulgärlateinischer Verhältnisse.