Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Wolgadeutsche

Transliteration Povolžskije nemcy / nemcy Povolž'ja) sind Nachkommen deutscher Einwanderer, die im Russischen Reich unter der Regierung Katharinas der Großen an …

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Wolgadeutsche: Herkunft und Bedeutung
  2. 2. Entstehung der Siedlungen und politische Entwicklung
  3. 3. Deportation, Sonderstatus und spätere Migration
  4. 4. Die wolgadeutsche Sprache

Wolgadeutsche: Herkunft und Bedeutung

Wolgadeutsche sind Nachkommen deutscher Einwanderer, die sich während der Regierungszeit Katharinas der Großen im Russischen Reich an der unteren Wolga ansiedelten. In der Gesamtzahl der Russlanddeutschen bilden sie etwa ein Viertel. Ihr politisches und kulturelles Zentrum war Pokrowsk, das seit 1931 Engels heißt. Von 1924 bis 1941 waren die Wolgadeutschen in der Sowjetunion in der Wolgadeutschen Republik organisiert.

Die Siedler kamen vor allem aus Bayern, Baden, Hessen, der Pfalz und dem Rheinland; weitere wichtige Herkunftsgebiete waren Württemberg und das niederdeutsche Sprachgebiet. Aus diesen unterschiedlichen Herkunftsgruppen entstand eine eigene regionale Gemeinschaft mit einer besonderen Geschichte, politischen Selbstverwaltung und sprachlichen Entwicklung.

Entstehung der Siedlungen und politische Entwicklung

Zwischen 1763 und 1767 folgten die deutschen Siedler der Einladung der deutschstämmigen Zarin Katharina II. Sie gründeten 104 Dörfer an der Wolga. Die Ansiedlung sollte die Steppengebiete landwirtschaftlich nutzbar machen und Überfälle von Reitervölkern aus benachbarten Gebieten eindämmen. Mit der Zeit entstand eine erfolgreiche Agrarwirtschaft, deren Erzeugnisse auch in andere Regionen Russlands exportiert wurden.

Im Russischen Reich besaßen die deutschen Siedler einen politischen Sonderstatus. Dazu gehörten das Recht, Deutsch als Verwaltungssprache beizubehalten, die Selbstverwaltung und die Befreiung vom Militärdienst. Diese Rechte wurden 1871 unter Zar Alexander II. eingeschränkt und 1874 vollständig aufgehoben. Daraufhin wanderten viele Deutsche in die USA, nach Kanada, Brasilien und Argentinien aus, unter anderem in die Provinz Entre Ríos sowie in das Zentrum und den Südwesten der Provinz Buenos Aires und in die Provinz La Pampa.

Am 19. Oktober 1918 entstand im heutigen Gebiet von Saratow und Wolgograd die Arbeitskommune der Wolgadeutschen. Sie gilt als erstes radikal sozialistisches deutschsprachiges Gemeinwesen. Nach der Oktoberrevolution hatte das Gebiet ab 1918 bereits Autonomie erhalten. 1924 wurde die Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen geschaffen. Sie bestand bis 1941 und hatte etwa 600.000 Einwohner; ungefähr zwei Drittel davon waren deutscher Abstammung.

Deportation, Sonderstatus und spätere Migration

Nach dem Angriff des Deutschen Reichs auf die Sowjetunion im Juni 1941 ließ Stalin am 28. August 1941 den Erlass „Über die Umsiedlung der im Wolgagebiet ansässigen Deutschen“ beschließen. Die etwa 400.000 verbliebenen Wolgadeutschen wurden pauschal der Kollaboration beschuldigt und nach Sibirien und Zentralasien deportiert. Dort mussten viele in Arbeitslagern der sogenannten Arbeitsarmee (Трудармия) arbeiten; Tausende starben. Die meisten Russlanddeutschen, Männer und Frauen, wurden zwischen Oktober 1942 und Dezember 1943 „einberufen“.

Nach der Deportation galten die Wolgadeutschen als Sondersiedler. Dieser Status brachte Reisebeschränkungen, Meldepflichten und den Ausschluss von privilegierten Tätigkeiten mit sich. Auch der Zugang zu weiterführender und besonders universitärer Bildung war stark eingeschränkt. Jugendliche, die in den 1930er-Jahren geboren wurden und in den 1950er-Jahren studierfähig waren, hatten faktisch kaum eine Möglichkeit, ein Hochschulstudium aufzunehmen.

Der Erlass vom 13. Dezember 1955 hob den Sonderstatus offiziell auf. Ein Rückkehrrecht in die früheren Siedlungsgebiete an der Wolga wurde jedoch weiterhin nicht gewährt. Ab Mitte der 1950er-Jahre verbesserte sich der Zugang zu höherer Bildung. Angehörige der in den 1940er-Jahren geborenen Jahrgänge konnten in den 1960er-Jahren unter den neuen Bedingungen meist wieder an Universitäten aufgenommen werden, allerdings weiterhin mit Diskriminierungen und geografischen Einschränkungen. Wolgadeutsche, die ab den 1950er- und 1960er-Jahren studierten, waren in der späten Sowjetunion besonders häufig in technischen, medizinischen und pädagogischen Berufen vertreten.

Erst 1964 wurden die Wolgadeutschen mit Einschränkungen offiziell vom Kollaborationsvorwurf freigestellt. Die seit 1972 bestehende Reisefreiheit erlaubte zwar eine Rückkehr an die Wolga, aber nicht ausdrücklich in die früher bewohnten Siedlungen. Dies wurde erst beim Zerfall des Sozialismus möglich. Seit den 1970er-Jahren ermöglichte die Bundesrepublik Deutschland Wolgadeutschen die Einreise und Einbürgerung nach dem Bundesvertriebenengesetz.

Im Jahr 2002 lebten in Sibirien noch etwa 600.000 ethnische Deutsche, von denen viele Sibiriendeutsch als Muttersprache angaben. Nach dem allrussischen Zensus von 2010 lebten in Russland etwa 400.000 ethnische Deutsche, 34 Prozent weniger als 2002; zu ihnen zählten auch Russlandmennoniten.

Die wolgadeutsche Sprache

Wolgadeutsch ist keine einheitliche Mundart, sondern ein Dialektbund. Ein Dialektbund ist eine Gruppe verwandter Dialekte, die sich aus mehreren Herkunftsgebieten entwickelt haben. Die wolgadeutschen Dialekte besitzen einen rheinfränkisch-hessischen Kern und enthalten außerdem pfälzische, schwäbische und niederdeutsche Elemente. Deshalb wird auch von Varianten wie Wolgahessisch und Wolgapfälzisch gesprochen.

Im 19. Jahrhundert bildeten sich eigene Siedlungsdialekte heraus. Sie blieben relativ stabil, weil die Dörfer stark abgeschottet waren und Ehen überwiegend innerhalb der Kolonien geschlossen wurden. Der Kontakt mit dem Russischen war zunächst begrenzt. Im späten 19. Jahrhundert verstärkten Russifizierungspolitiken jedoch den Einfluss der russischen Sprache.

In der Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen von 1918 bis 1941 war Deutsch Amtssprache. Schulen, Zeitungen, Theater und sogar Hochschulen arbeiteten auf Deutsch. Teilweise wurde eine vereinheitlichte Schriftsprache verwendet, die sich am Standardhochdeutschen orientierte.

Die Deportation von 1941 beendete diese Entwicklung abrupt. In Sibirien und Kasachstan mussten viele Wolgadeutsche ihre Dialekte im Alltag weitgehend aufgeben; Kinder lernten Russisch als Schulsprache. Dadurch kam es zu einer starken Russifizierung. Seit den 1960er-Jahren galt Deutsch in der Sowjetunion offiziell als „Sprache der faschistischen Besatzer“, was den Druck zur sprachlichen Anpassung weiter erhöhte.

Mit der Aussiedlung nach Deutschland in den 1980er- und 1990er-Jahren entwickelten sich die Dialekte unterschiedlich. Ältere Generationen pflegten ihre Varianten teilweise weiter, während jüngere Generationen häufig zum Standarddeutschen wechselten oder bereits russisch sozialisiert waren. Dokumentiert wurden die Dialekte unter anderem im „Wörterbuch der deutschen Mundarten in Russland“ von Wiktor Schirmunski und seinen Nachfolgern.

Heute wird Wolgadeutsch nur noch in kleinen Gemeinschaften gesprochen, vor allem von älteren Menschen in Deutschland, Kasachstan, Kanada und den USA. In der Linguistik gelten die Dialekte als Kontakt- und Inselmundarten: Durch ihre lange Absonderung blieben sie teilweise konservativ, nahmen aber zugleich russische und später auch englische Lehnwörter auf.

Lernvideos zu Wolgadeutsche

Weiterlesen

Russisches Kaiserreich Geschichte · Zar Peter I. als Kaiser (seit 1721) · Das Zeitalter der Kaiserinnen · Die entwickelte Autokratie (1796 bis 1855) · Kaiser Alexander II. „der Befreier“ … Kurfürstentum Bayern Kurfürstentum Bayern bezeichnet das Herzogtum Bayern seit der Erlangung der Kurwürde für die Herzöge von Bayern im Jahr 1623 bis zum Erlöschen der … Pfalz (Region) Die Pfalz ist eine Region im Süden des Landes Rheinland-Pfalz in Südwestdeutschland. Sie hat seit der Abtrennung der Saarpfalz 1919 eine Fläche von 5451,13 … Kanada Kanada (englisch und französisch Canada) ist ein föderaler Staat in Nordamerika, der zwischen dem Atlantik im Osten und dem Pazifik im Westen liegt und … Wladimir Iljitsch Lenin 1905 brach eine Russische Revolution aus, während das Land sich im Krieg mit Japan befand. Für Lenin stand nicht der innenpolitische Kampf gegen die … Oktoberrevolution November 1917 war die gewaltsame Machtübernahme durch die kommunistischen Bolschewiki unter Führung Wladimir Iljitsch Lenins in Russland. Sie beseitigte die aus … Deutsch-Sowjetischer Krieg Dieser Artikel behandelt den Deutsch-Sowjetischen Krieg. Den Kriegsplan selbst behandelt Unternehmen Barbarossa. Bedeutende Militäroperationen während des … Zweiter Weltkrieg Als Zweiter Weltkrieg (1. September 1939 – 2. September 1945) wird der zweite global geführte Krieg sämtlicher Großmächte im 20. Jahrhundert bezeichnet. Deutschland Deutschland (; Vollform des Staatsnamens: Bundesrepublik Deutschland) ist ein Bundesstaat in Mitteleuropa. Es besteht aus 16 Ländern und ist als … Kasachstan Auf Englisch erscheinen The Kazakhstan Monitor und The Almaty Herald, auf Deutsch erscheint die Deutsche Allgemeine Zeitung. Im Jahr 2023 nutzten 92,9 …