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Wohlbefinden

Das Wohlbefinden ist heute der Schlüsselbegriff in den internationalen wie nationalen Diskussionen um Wohlstand und nachhaltige Entwicklung von Menschen und …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Bedeutung
  2. 2. Vom BIP zu Verwirklichungschancen
  3. 3. Subjektives Wohlbefinden und neue Messansätze
  4. 4. Beispiele für die Umsetzung
  5. 5. Philosophische Theorien und Welfarismus

Begriff und Bedeutung

Wohlbefinden, auch Wohlergehen genannt, bezeichnet im allgemeinen Sprachgebrauch ein gutes körperliches und/oder seelisches Befinden – einen Zustand, in dem es jemandem gut geht. Es hängt eng mit der Lebensqualität zusammen. Heute gilt Wohlbefinden als zentraler Begriff in Diskussionen über Wohlstand und nachhaltige Entwicklung. Das klassische, vor allem wirtschaftlich bestimmte Wohlstandsverständnis wird um Lebensqualität, Nachhaltigkeit, gesellschaftliche Teilhabe und verschiedene objektive sowie subjektive Dimensionen erweitert.

Unterschieden werden unter anderem körperliches, emotionales und wirtschaftliches Wohlbefinden. Diese Bereiche beeinflussen sich gegenseitig. Subjektives Wohlbefinden beschreibt, wie Menschen ihr Leben selbst erleben und bewerten; es wird meist durch Fragebögen erfasst. Objektives Wohlbefinden bezieht sich dagegen auf von außen feststellbare Lebensbedingungen.

Lust, Glück und Wohlbefinden werden im Alltag oft gleichgesetzt, in Philosophie und Psychologie jedoch unterschieden. Lust entsteht bei Erfahrungen, die sich gut anfühlen, und gilt meist als ein Bestandteil des Wohlbefindens. Weitere Bestandteile können Gesundheit, Bedürfnisbefriedigung, Wissen und Tugend sein. Glück wird etwa als „das Überwiegen von angenehmen gegenüber unangenehmen Erfahrungen“ oder als Zufriedenheit mit dem eigenen Leben beschrieben. Der Gegenbegriff zu Wohlergehen ist Unwohlsein beziehungsweise ill-being; fachsprachlich wird auch von negativem Wohlbefinden gesprochen.

In der positiven Psychologie untersucht man Faktoren, die zum Wohlbefinden beitragen. Nach einem Vorschlag von Martin Seligman gehören dazu positive Emotionen, aktives Leben, gute Beziehungen, Sinn im eigenen Leben sowie ein Gefühl des Erfolgs bei der Verfolgung eigener Ziele.

Vom BIP zu Verwirklichungschancen

Bis vor Kurzem wurde Wohlstand vor allem mit monetären und materiellen Indikatoren wie dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) gemessen. Dabei wurde angenommen, dass wirtschaftliches Wachstum auch den Wohlstand der Gesellschaft und ihrer Mitglieder steigert. Das BIP und auch das Bruttonationaleinkommen zeigen jedoch nicht, wie ein Zuwachs verteilt wird. Außerdem sagen sie wenig über Lebensqualität und Umweltbedingungen aus. Deshalb wuchs in den letzten zwei Jahrzehnten die Kritik an einem eindimensionalen, wirtschaftlich geprägten Wohlstandsverständnis.

Amartya Sen bereitete mit seinem Befähigungsansatz, der 1979 in Grundzügen vorgestellt und später weiterentwickelt wurde, den Weg zu ganzheitlicheren Maßstäben. Für seine Arbeiten zur Wohlfahrtsökonomie erhielt er 1998 unter anderem den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. Nach Sen soll gesellschaftliche Entwicklung vor allem die Verwirklichungschancen und Freiheiten der Menschen vergrößern. Einkommen und Güter allein reichen nicht aus, um menschliches Wohlergehen, Armut oder Ungleichheit angemessen zu erfassen.

Sen unterscheidet zwischen Funktionen und Verwirklichungschancen. Funktionen sind Dinge und Tätigkeiten, die eine Person wertschätzt und ausübt, etwa ausreichende Ernährung, die Freiheit von vermeidbaren Krankheiten oder die Teilnahme am öffentlichen Leben. Verwirklichungschancen (capabilities) sind dagegen die faktischen Freiheiten und Möglichkeiten, solche Funktionen zu erreichen. Sie bilden ein individuelles „Potenzial an realisierbaren Lebensentwürfen“, aus dem eine Person entsprechend ihren Lebensplänen und Präferenzen auswählt, beispielsweise eine Religion tatsächlich auszuüben oder nicht.

Die Verwirklichungschancen hängen einerseits von individuellen Potenzialen ab: Einkommen und Sachgütern, aber auch Fähigkeiten, Bedürfnissen, Alter, Geschlecht, Bildungs- und Gesundheitszustand oder Behinderung. Andererseits spielen instrumentelle Freiheiten und gesellschaftlich bedingte Chancen eine Rolle. Dazu gehören soziale Chancen wie Zugang zu Bildung, Gesundheitssystem und Wohnraum, ökonomische Chancen wie Zugang zum Arbeitsmarkt, Weiterbildung und gute Arbeitsbedingungen, sozialer Schutz, politische Rechte und Partizipation. Auch ökologische Sicherheit sowie klimatische und geografische Bedingungen werden berücksichtigt.

Der Ansatz führte zu einer stärkeren Orientierung an der gesamten Lebenslage. Teilhabechancen lassen sich demnach nicht allein durch materielle Ressourcen oder Einkommen sichern. Neben Chancengleichheit und Lebenszufriedenheit wird auch das subjektive Wohlbefinden in die Betrachtung einbezogen.

Subjektives Wohlbefinden und neue Messansätze

Das subjektive Wohlbefinden ist besonders aus der Glücksforschung bekannt und dient in den Sozialwissenschaften als mehrdimensionale Informationsquelle über Lebensqualität. Im Mittelpunkt stehen die allgemeine Einschätzung des eigenen Lebens und die Bewertung einzelner Lebensbereiche. Nach Ed Diener gehören dazu positive und negative Emotionen, die globale Lebenszufriedenheit sowie die Zufriedenheit mit Einkommen, Familie und Gesundheit. Lebenszufriedenheit wird eher als kognitiv reflektierte Antwort verstanden, während Fragen nach Glück stärker den emotionalen Zustand erfassen. Der häufigste Indikator ist die allgemeine Lebenszufriedenheit.

In Deutschland markiert der 1978 erstmals durchgeführte Wohlfahrtssurvey unter Leitung von Wolfgang Zapf eine wichtige Wende: Neben objektiven Lebensbedingungen wurde auch die subjektive Bewertung der Bürger erfasst. Seitdem wird subjektives Wohlbefinden unter anderem im Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) gemessen. Befragt werden Menschen beispielsweise zu Gesundheit, allgemeiner Lebenszufriedenheit, Arbeits- und Einkommenszufriedenheit sowie Sorgen über die allgemeine und eigene wirtschaftliche Entwicklung. Kritisiert wird, dass die deutsche Politik trotz dieser Daten weiterhin stark am materiellen Lebensstandard orientiert sei.

2008 setzte die französische Regierung unter Präsident Nicolas Sarkozy die Commission on the Measurement of Economic Performance and Social Progress ein. Die nach Joseph E. Stiglitz, Amartya Sen und Jean-Paul Fitoussi benannte Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission untersuchte die Grenzen des BIP und mögliche Alternativen. Ihr 2009 veröffentlichter Abschlussbericht fordert eine mehrdimensionale Erfassung des menschlichen Wohlbefindens. Berücksichtigt werden sollen:

  • materieller Lebensstandard einschließlich Einkommen, Vermögen und Konsum;
  • Gesundheit;
  • Bildung;
  • persönliche Tätigkeiten einschließlich Arbeit;
  • politische Stimme und Governance;
  • soziale Verbindungen und Beziehungen;
  • Umweltbedingungen der Gegenwart und Zukunft;
  • ökonomische und physische Unsicherheit.

Die Kommission betont außerdem, dass Lebensqualität von objektiven Bedingungen und Verwirklichungschancen abhängt und daher neben objektiven auch subjektive Daten nötig sind.

Im Dezember 2010 beziehungsweise Januar 2011 richtete der Deutsche Bundestag die Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ ein. Sie sollte einen ganzheitlichen Wohlstands- und Fortschrittsindikator entwickeln und Möglichkeiten sowie Grenzen der Entkopplung von Wachstum, Ressourcenverbrauch und technischem Fortschritt untersuchen. Neben materiellem Lebensstandard sollten unter anderem Arbeit, Verteilung von Wohlstand, soziale Inklusion und Kohäsion, Umwelt und natürliche Ressourcen, Bildung, Gesundheit und Lebenserwartung, öffentliche Daseinsvorsorge, soziale Sicherung, politische Teilhabe sowie subjektive Lebensqualität und Zufriedenheit berücksichtigt werden.

Beispiele für die Umsetzung

Der Human Development Index (HDI) der Vereinten Nationen wird seit 1990 jährlich veröffentlicht. Er ist ein mehrdimensionaler Wohlstandsindikator und soll den Entwicklungsstand eines Landes messen. Der HDI setzt die Idee um, dass Entwicklung nicht nur wirtschaftliches Wachstum, sondern vor allem die Erweiterung menschlicher Möglichkeiten und Freiheiten bedeutet. Sein Leitsatz lautet: „People are the real wealth of nations.“ Der Index umfasst drei Dimensionen: den Lebensstandard, gemessen am Pro-Kopf-Einkommen, die Gesundheit, gemessen an der Lebenserwartung bei der Geburt, und die Bildung, gemessen an der durchschnittlichen Anzahl der Schuljahre eines 25-jährigen Erwachsenen sowie der erwarteten Anzahl der Schuljahre von Kindern im schulfähigen Alter.

Seit 1997 wird ergänzend der Human Poverty Index (HPI) veröffentlicht, getrennt als HPI-I für Entwicklungsländer und HPI-II für OECD-Länder. Er betrachtet Langlebigkeit, Wissen und angemessenen Lebensstandard. Langlebigkeit wird beim HPI-I durch die Wahrscheinlichkeit gemessen, vor dem 40. Lebensjahr zu sterben, beim HPI-II vor dem 60. Lebensjahr. Wissen wird über den Anteil der Analphabeten an der erwachsenen Bevölkerung erfasst. Beim HPI-I wird der Lebensstandard aus dem ungewichteten Durchschnitt des Anteils der Bevölkerung ohne Zugang zu sauberem Wasser und des Anteils der für ihr Alter untergewichtigen Kinder bestimmt. Beim HPI-II wird er durch den Anteil der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze gemessen, die bei 50 % des Medians des verfügbaren Haushaltseinkommens liegt. Zusätzlich erfasst der HPI-II soziale Exklusion über den Anteil der Langzeitarbeitslosen. Beide Indizes berücksichtigen jedoch kein subjektives Wohlbefinden, vor allem weil international vergleichbare Daten fehlen.

Der seit 2001 regelmäßig erscheinende Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung „Lebenslagen in Deutschland“ stützt sich auf Sens Konzept der Verwirklichungschancen. Armut wird als Mangel an Verwirklichungschancen, Reichtum als sehr hohes Maß an Verwirklichungschancen beschrieben. Der dritte Bericht von 2008 nutzt unter anderem EU-SILC, die Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS), den Mikrozensus, das SOEP und weitere Studien. Für Sens Dimensionen wurden 15 Armutsindikatoren, 6 Reichtumsindikatoren und 7 Querschnittsindikatoren verwendet. Das subjektive Wohlbefinden blieb jedoch weitgehend unberücksichtigt.

Auch das Wohlbefinden von Kindern wird mehrdimensional untersucht. Die OECD-Studie „Doing better for children“ erschien 2009, der UNICEF-Bericht „Child Poverty in perspective: An overview of child well-being in rich countries“ 2007; darauf baute „Zur Lage der Kinder in Deutschland 2010“ auf. Betrachtet werden unter anderem Bildung, Gesundheit, Sicherheit, Risikoverhalten, materielles Wohlbefinden sowie Beziehungen zu Familie und Gleichaltrigen. UNICEF bezieht ausdrücklich die subjektive Perspektive der Kinder ein, während das OECD-Konzept dies zunächst nicht tat. Im SOEP wurden 2010 erstmals auch Kinder selbst befragt; jugendspezifische biografische Daten von 16- bis 17-Jährigen werden dort bereits seit 2000 erhoben.

Philosophische Theorien und Welfarismus

Nach der Encyclopedia of Philosophy ist das Wohlbefinden einer Person das, was für diese Person gut ist. Theorien des Wohlbefindens untersuchen, welche Zustände dazu beitragen. Häufig wird zwischen Theorien unterschieden, die ausschließlich subjektive Zustände berücksichtigen, und solchen, die auch objektive Faktoren einbeziehen.

Subjektive Theorien betonen Lust und Schmerz beziehungsweise Freude und Unlust. Nach Jeremy Bentham hängt der Wert von Erfahrungen ausschließlich von Lust und Schmerz ab. Dagegen wurde eingewandt, dass eine geringere Gesamtlust manchmal vorzuziehen sein könne und verschiedene lustvolle Erlebnisse nicht unbedingt denselben Wert hätten. Ein anderer Ansatz definiert Wohlbefinden über Bedürfnisbefriedigung: Je mehr Bedürfnisse erfüllt sind, desto größer ist demnach das Wohlbefinden. Problematisch ist jedoch, dass auch die Befriedigung eines schädlichen Suchtbedürfnisses nicht unbedingt gut ist.

Objektive Listentheorien nehmen objektive Güter oder Bedingungen als Bestandteile des Wohlbefindens auf, berücksichtigen aber ebenfalls subjektive Faktoren. Schwierige Fragen sind, welche Faktoren in die Liste gehören und warum ein objektiver Faktor wichtig sein soll, wenn er einer Person subjektiv gleichgültig ist. Die sehr unterschiedlichen vorgeschlagenen Kombinationen grundlegender Güter können zudem willkürlich wirken.

Der Welfarismus ist eine Werttheorie, nach der Wohlbefinden das Einzige ist, was intrinsischen Wert besitzt, also an sich gut ist und nicht nur als Mittel zu etwas anderem. Der Wert einer Situation hängt danach nur vom Wohlbefinden der betroffenen Personen oder anderer betroffener Entitäten ab. Andere Faktoren sind nur relevant, wenn sie das Wohlbefinden beeinflussen. Viele Vertreter meinen allerdings, dass nicht allein die Summe des Wohlbefindens zählt: Sinnliche Genüsse könnten weniger wertvoll sein als andere Formen des Wohlbefindens, eine gleichmäßigere Verteilung könne besser sein als eine große Kluft zwischen glücklichen und unglücklichen Menschen, und Menschen mit gutem Verhalten könnten einen höheren Grad an Wohlbefinden verdienen.

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