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Witzenhausen

Der 1971 in Witzenhausen gegründete Fachbereich Landwirtschaft der Universität Kassel richtete 1981 die weltweit erste Professur für ökologischen Landbau ein.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Stadt, Lage und Besonderheiten
  2. 2. Historische Entwicklung
  3. 3. Ökolandbau, Kirschen und Wirtschaft
  4. 4. Bevölkerung und kommunale Politik
  5. 5. Bildung, Kultur und Sehenswürdigkeiten
  6. 6. Verkehr und regionale Anbindung

Stadt, Lage und Besonderheiten

Witzenhausen ist eine Kleinstadt im nordhessischen Werra-Meißner-Kreis in Hessen. Sie erhielt 1225 Stadtrechte, war bis 1974 Kreisstadt und hat 15.110 Einwohner (31. Dezember 2025) auf 126,78 km². Die Stadt liegt 147 m über NHN bei 51° 20′ N, 9° 51′ O. Zur Kernstadt und Bischhausen kommen 16 Stadtteile.

Witzenhausen liegt an der Nordostabdachung des Kaufunger Waldes, etwa 25 km östlich von Kassel. Im Stadtgebiet mündet die Gelster in die Werra; außerdem fließt der Wilhelmshäuser Bach in die Werra. Nachbarn liegen in Hessen, Niedersachsen und Thüringen.

Überregional ist die Stadt für den Kirschenanbau bekannt. Das Gebiet gilt als Europas größtes geschlossenes Kirschenanbaugebiet. Daneben prägen der Fachbereich Ökologische Agrarwissenschaften der Universität Kassel, das Deutsche Institut für tropische und subtropische Landwirtschaft (DITSL) und die DEULA für Umwelt und Technologie, Landwirtschaft sowie Gartenbau die Stadt.

Historische Entwicklung

Der Raum war bereits in der späten Bronzezeit besiedelt. In den Werraauen nördlich von Unterrieden wurden von der Urnenfelderzeit (1200–800 v. Chr.) bis zur Hallstattzeit (800–450 v. Chr.) Urnengräber angelegt. Im Frühmittelalter war die Werra ein wichtiger Handels- und Transportweg.

Im Mittelalter lag Witzenhausen an Fernhandelsstraßen. Die thüringischen Landgrafen verliehen 1225 das Marktrecht; 1232 wurde der Ort als oppidum, 1247 als civitas bezeichnet. Nach der vollständigen Zerstörung durch mainzische Söldner 1232 wurde die Stadt planmäßig wieder aufgebaut und mit einer doppelten Mauer befestigt. Nach dem Thüringisch-hessischen Erbfolgekrieg kam Witzenhausen 1264 an Landgraf Heinrich I. von Hessen. Handel, Handwerk, Gilden und Tuchproduktion bestimmten die Entwicklung. Ein Stadtbrand zerstörte 1479 etwa 225 Häuser einschließlich des Rathauses.

Die Reformation setzte sich 1527 durch. 1573 ist die erste belegbare Erwähnung der Kirsche in Witzenhausen überliefert. Im Dreißigjährigen Krieg wurde die Stadt mehrfach besetzt oder geplündert; Pest und Krieg führten zu schweren Verlusten. 1599 starben etwa 900 Menschen, nahezu die Hälfte der damaligen Bevölkerung. 1809 zerstörte ein weiterer Brand 241 Gebäude und machte über 1.000 Menschen obdachlos. Seit 1821 war Witzenhausen Kreisstadt des Landkreises Witzenhausen.

Im 19. Jahrhundert entstanden Papierfabriken und Tabakmanufakturen, 1872 erhielt die Stadt einen Bahnanschluss. Der Kirschenanbau verdrängte den Weinbau und wurde wichtig: Die Zahl der Kirschbäume stieg von 13.300 im Jahr 1882 auf etwa 150.000 im Jahr 1970. 1899 wurde die Deutsche Kolonialschule gegründet. Ihre koloniale Ausbildung beruhte auf völkischem Rassismus und Ausbeutung; Berichte von Schülern bezeugen Beteiligung am Völkermord an Herero und Nama 1904–1908.

Während des Nationalsozialismus wurde die jüdische Gemeinde verfolgt, entrechtet und enteignet. Die Synagoge, die jüdische Schule und Geschäfte wurden am 8. und 9. November 1938 zerstört; die Synagoge wurde niedergebrannt. Im Dezember 1941 wurden viele jüdische Einwohner in Ghettos nach Osteuropa deportiert, weitere im September 1942 nach Theresienstadt. 76 in Witzenhausen geborene oder länger wohnhafte Juden wurden im Holocaust ermordet. Von Oktober 1944 bis April 1945 bestand ein kleines Zwangsarbeitslager in der Burgstraße 28. Am 7. April 1945 marschierten US-Truppen ein.

Nach dem Krieg war die Stadt durch Flüchtlinge, Wohnungsnot und Versorgungsmangel stark belastet. 1945 lebten 10.853 Menschen im Stadtgebiet, mehr als doppelt so viele wie vor dem Krieg. In der Zeit der deutschen Teilung war Witzenhausen ein Grenzübergang. Nach 1989 wurde dieser Übergang wieder geöffnet. Die Gebietsreform von 1971 bis 1974 gliederte die heutigen Ortsteile ein. Ein studentisches Pilotprojekt verteilte 1983 in über 500 Haushalten die ersten „Grünen Tonnen“; dies gilt als Geburtsstunde der Biotonne in Deutschland.

Ökolandbau, Kirschen und Wirtschaft

Witzenhausen ist seit 2017 offiziell „Biostadt“ in der Modellregion Ökolandbau Werra-Meißner-Kreis. Ziel sind ökologische Lebensräume, eine ökologische Warenwirtschaft und Bildung für nachhaltige Entwicklung. Über 60 Initiativen und Betriebe arbeiten in Stadt und Ortsteilen im Bereich nachhaltiger Land- und Lebensmittelwirtschaft.

Der Kirschbestand wird um 2020 ähnlich hoch wie 1970 eingeschätzt; der Anteil der Sauerkirschen sank auf etwa 20 %. Der Anbau ist heute stärker wirtschaftlich ausgerichtet. Traditionelle hochstämmige Bäume werden zunehmend durch kleinkronige, ertragreichere Züchtungen ersetzt. Anfang Juli findet die Kesperkirmes statt; „Kesper“ bedeutet Kirsche. Seit 1967 wird dabei eine Kirschenkönigin gewählt.

Wichtige Arbeitgeber sind die DS Smith Paper GmbH mit etwa 430 Beschäftigten, das Klinikum Werra-Meißner in Witzenhausen und das Gipswerk der VG-Orth GmbH & Co. KG in Hundelshausen. DS Smith stellt Wellpappenrohpapier sowie Hygienepapiere her. Bis 2016 produzierte Grimm & Triepel Kruse-Kautabak in Unterrieden; es war der letzte produzierende Kautabakhersteller Deutschlands. Außerdem gibt es ein Ersatzbrennstoffkraftwerk mit 140 m hohem Kamin.

Die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen, der Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt und Dreschflegel e. V. beziehungsweise Dreschflegel GbR haben ihren Sitz in Witzenhausen. Ein Gebrauchtwarenzentrum bereitet Möbel, Elektronik, Bücher und Glaswaren zur Wiederverwendung auf. Dohrenbach ist ein staatlich anerkannter Luftkurort.

Bevölkerung und kommunale Politik

Die Einwohnerzahlen hängen vom Gebietsstand ab. Die Kernstadt hatte 1890 3.216 Einwohner, 1939 5.404, 1950 8.395 und 2022 7.669. Im heutigen Gebietsstand lebten 1961 16.649 und 1970 16.950 Menschen. Die Zahl sank bis 2012 auf 14.840, wuchs danach wieder und betrug 2022 16.194 sowie 2025 15.110. Eine frühere Prognose sagte ab 2012 keinen solchen Anstieg voraus.

Bei der Kommunalwahl vom 15. März 2026 entfielen in der 37-köpfigen Stadtverordnetenversammlung 10 Sitze auf die SPD, 8 auf die CDU, 7 auf die Grünen, 5 auf Die Linke, 4 auf die FWG und 3 auf die FDP. Die Wahlbeteiligung lag bei 62,0 %.

Bürgermeister ist seit dem 1. April 2024 Lukas Sittel (SPD). In der Stichwahl am 29. Oktober 2023 gewann er gegen Amtsinhaber Daniel Herz mit 64,05 % der Stimmen bei 52,72 % Wahlbeteiligung. Nach der hessischen Kommunalverfassung wird der Bürgermeister direkt für sechs Jahre gewählt und leitet den Magistrat. Für die 16 eingegliederten Ortsteile bestehen Ortsbezirke mit gewählten Ortsbeiräten und Ortsvorstehern.

Partnerschaften bestehen mit Saint-Vallier in Frankreich seit 1975, Filton im Vereinigten Königreich seit 1978, Vignola in Italien seit 1995 und Kayunga in Uganda seit 2001. Seit 1979 bilden Filton, Saint-Vallier und Witzenhausen eine Dreierpartnerschaft.

Bildung, Kultur und Sehenswürdigkeiten

Witzenhausen ist ein kleiner Universitätsstandort. Am Fachbereich 11 Ökologische Agrarwissenschaften der Universität Kassel studieren über 1.000 Menschen, darunter viele internationale Studierende. Es ist der einzige Universitäts-Fachbereich Deutschlands, der sich auf Ökologische Landwirtschaft konzentriert. Angeboten werden der Bachelor „Ökologische Landwirtschaft“ sowie die Masterstudiengänge „Ökologische Landwirtschaft“, „Sustainable International Agriculture“, „International Food Business and Consumer Studies“ und „Sustainable Food Systems“.

Weitere Bildungseinrichtungen sind drei Grundschulen, die Johannisbergschule als Gesamtschule, Berufliche Schulen des Werra-Meißner-Kreises, DITSL, DEULA, Volkshochschule und weitere Einrichtungen. Das DITSL geht auf die Deutsche Kolonialschule für Landwirtschaft, Handel und Gewerbe zurück.

Der historische Stadtkern besitzt zahlreiche Fachwerkhäuser, das historische Rathaus, die Liebfrauenkirche und die Erlöserkirche. Erhalten sind Teile der Stadtmauer mit Eulenturm, Schalenturm und dem 1413 erbauten Diebesturm, der als Aussichtsturm bestiegen werden kann. Weitere bedeutende Orte sind das ehemalige Wilhelmitenkloster, Burg Ludwigstein mit dem Archiv der deutschen Jugendbewegung, Schloss Berlepsch und das Rittergut Werleshausen.

Das Völkerkundliche Museum zeigt etwa 1.200 von rund 2.000 ethnografischen Objekten auf 200 m². Viele Stücke stammen aus der Zeit der ehemaligen Kolonialschule; die Ausstellung behandelt das Verhältnis menschlicher Gesellschaften zur natürlichen Umwelt. Das Gewächshaus für tropische Nutzpflanzen wird für Forschung und Lehre genutzt und ist regelmäßig geöffnet. Zu den wiederkehrenden Veranstaltungen gehören Kesperkirmes, CherryMan, Bilstein-Marathon, Erntedank- und Heimatfest, Weihnachtsmarkt sowie „Keller-Treppen-Hinterhöfe“.

Verkehr und regionale Anbindung

Witzenhausen ist über die Bundesstraßen 27, 80 und 451 erreichbar. Bei Hedemünden liegt rund zehn Kilometer entfernt der Anschluss an die Autobahn 7; über die Autobahn 38 besteht eine Verbindung in Richtung Halle (Saale). Die Stadt liegt außerdem an der Deutschen Fachwerkstraße und der Deutschen Märchenstraße.

Die Bahnhöfe Witzenhausen Nord und Gertenbach liegen an der Strecke Eichenberg–Kassel. RE8 und RE9 verbinden Witzenhausen Nord im 120-Minuten-Takt mit Kassel-Wilhelmshöhe und Halle (Saale). Die RB83 fährt stündlich zwischen Göttingen und Kassel Hauptbahnhof und bedient beide Stationen. Der frühere Bahnhof Witzenhausen Süd an der Gelstertalbahn ist seit 1973 stillgelegt.

Innerhalb der Stadt fahren Stadtbusse der Stadtwerke Witzenhausen GmbH; Regionalbusse verbinden die Stadt mit Helsa und Eschwege. Etwa drei Kilometer nordwestlich liegt das Segelfluggelände Burgberg. Durch Witzenhausen führen der Werra-Burgen-Steig und der Fernwanderweg Werra-Burgen-Steig Hessen (X5H).

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