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Wissenschaftsjournalismus

Wissenschaftsjournalisten vermitteln zwischen den Wissenschaften und den Massenmedien bzw. der Öffentlichkeit. Sie erklären wissenschaftliche Erkenntnisse, …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Aufgabe
  2. 2. Themen und Formen der Berichterstattung
  3. 3. Berufsbild und Selbstverständnis
  4. 4. Entwicklung in Deutschland
  5. 5. Medienkanäle und Beispiele
  6. 6. Kritik, Förderung und Preise

Grundidee und Aufgabe

Wissenschaftsjournalismus, auch Wissensjournalismus oder englisch Science Journalism, ist ein journalistischer Teilbereich wie Sport- oder Wirtschaftsjournalismus. Er beschäftigt sich mit Themen und Ereignissen in der Wissenschaft sowie mit gesellschaftlichen Bereichen, die einen Bezug zur Wissenschaft haben. Dazu gehören Berichte über wissenschaftliche Erkenntnisse und Diskussionen, Entwicklungen in wissenschaftlichen Institutionen sowie Randgebiete wie Wissenschaftsethik, Forschungs- und Wissenschaftspolitik.

Wissenschaftsjournalisten vermitteln zwischen Wissenschaft, Massenmedien und Öffentlichkeit. Ihre Aufgabe ist es, wissenschaftliche Erkenntnisse zu erklären, einzuordnen und ihre Bedeutung verständlich zu machen. Gleichzeitig sollen sie Wissenschaft nicht nur weitergeben, sondern auch kritisch betrachten. Sie unterscheiden sich damit von Wissenschafts-PR: Wissenschafts-PR stammt etwa von Forschungsinstituten, Universitäten oder Fachverbänden und zielt neben Information auch auf Einfluss, Aufmerksamkeit und Ansehen. Wissenschaftsjournalismus soll dagegen als kritisches Korrektiv wirken.

Bis in die 1990er-Jahre wurde Wissenschaftsjournalismus oft als „Sprachrohr der Wissenschaft“ verstanden: Fachsprache sollte für eine Laienöffentlichkeit übersetzt und Akzeptanz geschaffen werden. Heute bleibt die Vermittlerrolle wichtig, aber Wissenschaftsjournalismus beansprucht auch kritische Distanz zu wissenschaftlichen Institutionen. Er berichtet über Fortschritte, analysiert sie und wendet journalistische Kriterien auf Wissenschaft an.

Themen und Formen der Berichterstattung

Für die Themen des Wissenschaftsjournalismus gibt es in der Forschung keine einheitliche Definition. Im Zentrum stehen meist Naturwissenschaften, Technik sowie empirische Geschichts- und Sozialwissenschaft. Geisteswissenschaftliche Themen erscheinen oft im Kulturjournalismus, werden aber teilweise ebenfalls als Teil des Wissenschaftsjournalismus verstanden.

In der Forschungsliteratur werden unter anderem drei Themenarten genannt: gesellschaftlich relevante Themen, Themen menschlicher Neugier und kleinteiliger wissenschaftlicher Fortschritt. Andere Unterscheidungen trennen wissenschaftsorientierten Journalismus, etwa über aktuelle Fachtagungen und Forschung, von verbraucherorientiertem Journalismus, etwa Zuschauerfragen, Unterhaltung und „Sciencetainment“. Eine weitere Einteilung nennt fünf Themenwelten: klassische Berichterstattung nach Nachrichtenwert, Publikumsinteresse und gesellschaftlichem Kontext; Themen der aktuellen Medienagenda; Wissensvermittlung als Spaß und Unterhaltung; Nutzwert, Rat und Orientierung; sowie zielgruppenorientierter Wissenschaftsjournalismus.

Ein wichtiges Problem ist der Umgang mit wissenschaftlicher Unsicherheit. Wissenschaftliche Aussagen stehen grundsätzlich unter Prüfung, und Studien haben oft Grenzen, etwa bei Methode oder Stichprobengröße. Solche Einschränkungen werden in der Berichterstattung häufig weggelassen. Cornelia Varwig zeigte 2020 am Thema Burn-out, wie schwierig Berichterstattung bei unklarer Faktenlage ist. Wenn Medien Wissenschaft oder Ergebnisse als unsicher darstellen, wird ihnen tendenziell weniger vertraut; das senkt jedoch nicht automatisch das Interesse an Wissenschaft oder das Vertrauen in Wissenschaftler.

Berufsbild und Selbstverständnis

Der Zugang zum Wissenschaftsjournalismus verlangt in der Regel ein Hochschulstudium und eine journalistische Ausbildung. Es gibt aber auch bekannte Beispiele, besonders in den USA und im Vereinigten Königreich, bei denen Personen zunächst eine wissenschaftliche Karriere anstrebten und dann in den Journalismus wechselten, etwa Carl Zimmer oder Ed Yong. Wissenschaftsjournalisten arbeiten freiberuflich oder festangestellt, in Presse, Radio, Fernsehen und Online-Journalismus. Manche schreiben auch populärwissenschaftliche Literatur. Zunehmend sind sie außerdem in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit wissenschaftlich-technisch ausgerichteter Unternehmen oder wissenschaftlicher Einrichtungen tätig.

Wissenschaftsjournalisten besitzen im Vergleich zu allgemein arbeitenden Journalisten meist stärkeres Spezialwissen. Dadurch können sie als Experten für bestimmte Gebiete auftreten. Ihr soziales Profil unterscheidet sich nur leicht von dem anderer Journalisten: Sie sind etwas älter, haben häufig höhere formale Bildungsabschlüsse, und Frauen sind in diesem Bereich etwas überdurchschnittlich vertreten. Als besondere Herausforderung sehen sie, wissenschaftliche Nachrichten, Ergebnisse und Fakten zu vermitteln, die dem Publikum oft fremd sind.

Bernd Blöbaum untersuchte 2008 in einer Sonderauswertung der Studie „Journalismus in Deutschland 2005“ das Rollenverständnis von Wissenschaftsjournalisten. Hohe Zustimmung erhielten vor allem neutral-präzise Informationsvermittlung mit 88 % und Erklärung sowie Vermittlung komplexer Sachverhalte mit 86 %. Aktualität und Schnelligkeit nannten 67 %, Trends aufzeigen und Ideen vermitteln 59 %, Kritik- und Kontrollfunktion 54 %, Ratgeberfunktion 55 %, ein möglichst breites Publikum erreichen 49 %, Unterhaltung und Entspannung 30 % und die Beeinflussung der politischen Tagesordnung 09 %.

Entwicklung in Deutschland

Der Artikel stellt vor allem die Situation in Deutschland dar. Schon in der Weimarer Republik berichtete die Zeitungspresse regelmäßig über Forschung, besonders über moderne Physik. Ein spezialisierter Wissenschaftsjournalismus entstand 1929 mit der Gründung der TELI, des weltweit ersten Verbandes von Wissenschafts- und Technikjournalisten. Anfangs war dieser Bereich stark technikorientiert.

Bis in die 1980er Jahre galt Wissenschaftsjournalismus in Deutschland gegenüber klassischen Ressorts als eher exotisch und hatte in vielen Redaktionen nur eine untergeordnete Sonderrolle. Er wird deshalb auch das „verspätete Ressort“ genannt. In großen Zeitungen, Zeitschriften und Rundfunkanstalten ist das Wissenschaftsressort meist für Naturwissenschaften, Technik und Medizin zuständig. Heute arbeiten Wissenschaftsjournalisten häufiger auch außerhalb des klassischen Ressorts in breiter gefassten Bereichen wie „Wissen“. Sie berichten auf eigenen Seiten oder in eigenen Sendungen, liefern bei aktuellen Anlässen aber auch Beiträge für andere Ressorts.

Seit den 1990er Jahren erscheinen wissenschaftsjournalistische Berichte zunehmend auch in Kulturjournalen und Feuilletons. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung gab wissenschaftlichen Themen im Feuilleton früh mehr Raum; die Neue Zürcher Zeitung hatte früh einen ausgebauten Wissenschaftsteil. Als Einfluss wird die These einer „Dritten Kultur“ von John Brockman genannt: Naturwissenschaften und Technik gewinnen demnach kulturelle Bedeutung und übernehmen teilweise Rollen, die früher Philosophie und literarischen Essayisten zugeschrieben wurden.

Die Anzahl der Wissenschaftsjournalisten in Deutschland ist schwer zu bestimmen. Zahlen aus dem Jahr 2006 gehen von etwa 3.000 hauptberuflichen Wissenschaftsjournalisten aus, schließen aber ressortübergreifende oder freie Tätigkeiten aus.

Medienkanäle und Beispiele

Wissenschaftsjournalismus erscheint in unterschiedlichen Medien. Im Fernsehen hatten in den 1960er Jahren populärwissenschaftliche Astronomiesendungen mit Heinz Haber hohe Einschaltquoten. Weitere Beispiele sind Jean Pütz mit „Energie, die treibende Kraft“ 1970, die ZDF-Reihe „Querschnitt“ von Hoimar von Ditfurth von 1971 bis 1983 und in der DDR die Wissenschaftssendung „AHA“ von 1977 bis 1990. Für Kinder bereiten Sendungen wie „Löwenzahn“ Fachwissen entsprechend auf. Neuere deutschsprachige Formate sind unter anderem „Quarks & Co“, „Abenteuer Wissen“, „Nano“, „alpha-Centauri“ und „MaiThink X“.

Seit 2001 ist im Fernsehen das Format „Wissen“ stärker in den Vordergrund getreten. Solche Wissensmagazine orientieren sich oft am Alltag der Zuschauer, stellen praktischen Nutzen heraus und verpacken Themen unterhaltend oder emotional. Zugleich gibt es Formate, die stärker vom aktuellen Stand der Forschung ausgehen. Die Covid-19-Pandemie zeigte laut Artikel, wie wichtig ein von Forschung ausgehender Wissenschaftsjournalismus ist.

Im Radio findet Wissenschaftsjournalismus fast ausschließlich beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk statt. Beispiele sind „Aula“ in SWR2, WDR5 „Quarks“, „Forschung aktuell“ im Deutschlandfunk, „SWR2 Impuls“, „SWR2 Wissen“, „IQ – Wissenschaft und Forschung“ und „radioWissen“. Einige Sendungen erreichen als Podcasts heute ein größeres Publikum als im klassischen Radio. Während der Covid-19-Pandemie setzten sich auch themenspezifische Podcasts durch, etwa das „Coronavirus-Update“ des NDR mit Christian Drosten und Sandra Ciesek.

Online gibt es YouTube-Kanäle, die sich journalistisch mit Wissenschaftsthemen beschäftigen, darunter Angebote aus dem Content-Netzwerk funk wie Formate von Mai Thi Nguyen-Kim oder „kurzgesagt“. Zusätzlich existieren unabhängige Startups und weitere Formate wie Übermedien, Krautreporter, RiffReporter, medien-doktor.de und die Initiative Together for FACT NEWS.

Kritik, Förderung und Preise

Ein diskutiertes Thema ist die Boulevardisierung, also eine stärker publikums- und dienstleistungsorientierte Berichterstattung im Unterschied zu kritischem Informationsjournalismus. Helene Berg untersuchte Printartikel von FAZ, SZ, Frankfurter Rundschau und der ZEIT zwischen 1995 und 2014. Ihr Ergebnis: Boulevardisierungstendenzen lassen sich nicht verneinen, aber es gab keinen so grundlegenden Umwälzungsprozess, wie Kritiker befürchteten. Mit Blick auf die Inhalte der Wissenschaftsberichterstattung hätten sich solche Prozesse nicht vollzogen. Pia Nitz untersuchte audiovisuelle Informationssendungen und kam zu dem Ergebnis, dass unterhaltsame Filmgestaltung negative Auswirkungen auf die Wahrnehmung der Informationsqualität haben kann.

Herausragende wissenschaftsjournalistische Leistungen werden durch Preise und Anerkennungen gewürdigt. Beispiele sind der Georg-von-Holtzbrinck-Preis für Wissenschaftspublizistik, seit 1995 in den Bereichen Presse und elektronische Medien vergeben und mit jeweils 5.000 Euro dotiert; der Universitas-Preis für Wissenschaftsjournalismus, der alle zwei Jahre verliehen wird; und der ACHEMA-Medienpreis der DECHEMA, der alle drei Jahre vergeben wird und mit 10.000 Euro dotiert ist. Weitere Preise sind unter anderem der Österreichische Staatspreis für Wissenschaftspublizistik, der Robert-Mayer-Preis, der Wilhelm und Ingeborg Roloff-Preis, der Peter-Hans-Hofschneider-Recherchepreis mit 20.000 Schweizer Franken sowie der Journalistenpreis „Evidenzbasierte Medizin in den Medien“ mit 1.500 €.

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