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Wissenschaftskommunikation
Wissenschaftskommunikation umfasst alle Aspekte der Kommunikation wissenschaftlicher Arbeit und wissenschaftlicher Ergebnisse, sowohl innerhalb der …
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Begriff und Teilgebiete
Wissenschaftskommunikation umfasst alle Aspekte der Kommunikation wissenschaftlicher Arbeit und wissenschaftlicher Ergebnisse. Sie findet innerhalb der Wissenschaft sowie zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit statt. In der neueren Forschung wird der Begriff weit verstanden: Dazu gehören die Kommunikation von Forschenden untereinander, die Kommunikation mit der Öffentlichkeit, Wissenschaftsjournalismus und Wissenschafts-PR.
In einem engeren Verständnis wird Wissenschaftskommunikation mit Wissenschafts-PR gleichgesetzt. Wissenschafts-PR ist dann das Management der öffentlichen Kommunikation einer wissenschaftlichen Einrichtung und ein Teil des Wissenschaftsmanagements beziehungsweise Wissenschaftsmarketings. Im Bereich der angewandten Forschung bestehen außerdem Überschneidungen mit der Innovationskommunikation und dem Technologietransfer.
Interne Wissenschaftskommunikation, englisch scholarly communication, richtet sich ausschließlich an die wissenschaftliche Fachöffentlichkeit. Dazu gehören Fachartikel, wissenschaftliche Veröffentlichungen, Konferenzen und der direkte Austausch. Externe Wissenschaftskommunikation, englisch science communication, richtet sich an Zielgruppen außerhalb des Wissenschaftsbetriebs. Wissenschaftsjournalismus vermittelt wissenschaftliche Themen über verschiedene Massenmedien an die allgemeine Öffentlichkeit. Wissenstransfer soll wissenschaftliche Erkenntnisse in Institutionen außerhalb der Wissenschaft und in die Praxis übertragen.
Akteure und Kommunikationsziele
Zu den Akteuren gehören Wissenschaftler, wissenschaftliche Institutionen und ihre Pressestellen, Wissenschaftsjournalisten sowie Science Center, Planetarien und Wissenschaftsmuseen. Ihre Inhalte und Ziele unterscheiden sich je nach Ebene:
- Auf der Makroebene geht es um das Gesamtsystem wissenschaftlicher Funktionen und Leistungen für die Gesellschaft.
- Auf der Mesoebene kommunizieren wissenschaftliche Einrichtungen über ihre Aufgaben und Leistungen.
- Auf der Mikroebene informieren einzelne Wissenschaftler über Forschungsthemen, Projekte und Ergebnisse.
Auf allen drei Ebenen lassen sich drei Kommunikationsziele unterscheiden: „Kommunikation von Wissenschaft“ bedeutet die zielgruppenorientierte Vermittlung wissenschaftlicher Inhalte. „Kommunikation für Wissenschaft“ ist interessengeleitet und verfolgt über die reine Wissensvermittlung hinausgehende Interessen. „Kommunikation über Wissenschaft“ bezeichnet die kritische Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Themen unter Einbeziehung gesellschaftlicher Bereiche wie Politik oder Wirtschaft.
Wissenschaftsjournalisten bereiten aktuelle Forschung, gesellschaftlich relevante Themen, Ratgeberwissen, Unterhaltungsformate und Angebote für Special-Interest-Zielgruppen auf. Seit etwa den 1980er Jahren verstehen sie sich stärker als kritische Beobachter von außen und nicht nur als Übersetzer zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit.
Die Wissenschafts-PR wissenschaftlicher Institutionen verfolgt vor allem „Aufmerksamkeit, Legitimation, Anschlusskommunikation und vor allem (Anschluss-)Finanzierung“. Sie kommuniziert Forschungsergebnisse, bewilligte Forschungsgelder, Personalien und Auszeichnungen. Universitäten werben außerdem um neue Studierende und stellen Entwicklungen in der Lehre positiv dar. Wissenschaftler nutzen interne Kommunikation für ihre Karriere, etwa durch Fachartikel und Konferenzpräsentationen, wenden sich aber auch über Bücher, Blogs und soziale Medien direkt an die Öffentlichkeit. Diese öffentliche Kommunikation kann Reputation fördern, birgt wegen möglicher Reputationsverluste innerhalb und außerhalb der Wissenschaft jedoch Risiken.
Medien und klassische Formate
Wissenschaftskommunikation nutzt Wort, Text, statische Bilder, Bewegtbilder, Audioformate und Online-Medien. Zeitungen und Zeitschriften berichten in Wissenschaftsteilen oder Special-Interest-Magazinen über Forschung. Wissenschaftliche Institutionen verbreiten Pressemitteilungen über ihre Webseiten sowie über Plattformen wie den Informationsdienst Wissenschaft (idw), AlphaGalileo und EurekAlert. Weitere PR-Formate sind Flyer, Broschüren, Jahresberichte, Newsletter und institutionelle Forschungsmagazine.
Populärwissenschaftliche Bücher bereiten wissenschaftliche Inhalte allgemeinverständlich und möglichst informativ auf. Bildbände sowie Bilder- und Kinderbücher setzen Bilder stärker in den Mittelpunkt. In der internen Wissenschaftskommunikation sind Fachartikel das wichtigste Medium für eigene Ergebnisse und den Überblick über ein Fachgebiet. Reviews sind systematische Übersichtsarbeiten. Je nach Fachgebiet spielen Monographien und Fachbücher eine wichtige Rolle; Lehrbücher vermitteln Wissen im Ausbildungsbetrieb.
Auf Konferenzen präsentieren Forschende Ergebnisse auch in Postern, also großflächigen grafischen Darstellungen mit Text, Bildern und Diagrammen. In Poster-Sessions können Besucher die Poster ansehen und mit den Autoren sprechen. Beim Poster-Slam stellen Forschende ihre Poster zusätzlich vor einer größeren Zuhörerschaft vor.
Fotos, Diagramme und Infografiken veranschaulichen wissenschaftliche Zusammenhänge. Science Photowalks verbinden das Fotografieren in wissenschaftlichen Institutionen mit Ausstellungen oder Wettbewerben. Weitere Formate sind Wissenschaftscomics, Wissenschaftssendungen im Rundfunk, Wissenschafts-Hörbücher, Podcasts, Webvideos, Fernsehsendungen, Wissenschaftsfilme und 360-Grad-Videos. Moderne Planetarien können digitale Bilder und Filme als Ganzkuppelprojektion zeigen; dafür müssen die Inhalte passend verzerrt sein.
Digitale Wissenschaftskommunikation
Wissenschaftskommunikation 2.0 beziehungsweise digitale Wissenschaftskommunikation verlagert interne und externe Kommunikation in das Internet und nutzt allgemeine Web-Kommunikationsmittel. Sie umfasst klassische Inhalte in digitaler Form, aber auch internettypische Formate. Webseiten veröffentlichen Text-, Bild-, Film- und interaktive Inhalte. Beim Scrollytelling bewegt sich der Nutzer durch eine interaktive Geschichte, die Text, Bild, Ton, Video und weitere interaktive Elemente verbindet.
Wissenschaftsblogs ermöglichen regelmäßige, meist persönlichere und informellere Beiträge mit Kommentaren. Sie können als Forschungstagebuch dienen, Zwischen- oder negative Ergebnisse darstellen und Diskussionen anregen. Soziale Netzwerke vermitteln Informationen an Follower und ermöglichen den direkten Austausch. Twitter kann auch durch Twitterbots automatisierte wissenschaftliche Kurznachrichten verbreiten; Instagram eignet sich besonders für Bildmaterial. Nutzerkonten können von Einzelpersonen, Institutionen, wechselnden Autoren oder Gästen betrieben werden, etwa bei einem „Instatakeover“.
Weitere digitale Formate sind Blog-Carnivals, Hashtag-Aktionen, Tweetups, wissenschaftliche soziale Netzwerke wie Academia.edu, Mendeley und ResearchGate, Online-Foren, „Frag mich alles“ beziehungsweise Ask me anything (AMA), Wikipedia-Kollaboration und wissenschaftliches Crowdfunding. Beim Crowdfunding werden über spezialisierte Plattformen für begrenzte Zeit Einzelspenden bis zu einer Zielsumme gesucht. Content-Sharing kann Lerninhalte auf mehreren Webseiten zugänglich machen, aber bei schlecht indexierten Seiten die Auffindbarkeit in Suchmaschinen beeinträchtigen.
Die Vorteile von Wissenschaftskommunikation 2.0 liegen in Interaktion, großer Reichweite, Transparenz, der Einbindung externer Informationsquellen und möglichen Beiträgen von Bürgern oder Fachleuten aus anderen Bereichen, etwa durch Crowdsourcing. Zugleich können irrelevante Beiträge, Zeitverlust, fehlende Autoritätsprüfung, eiliges Veröffentlichen und fehlende Peer-Review die Qualitätssicherung erschweren. Bei Blogs und Content-Sharing fehlt häufig auch eine redaktionelle Kontrolle. Daher enthält das Internet Beiträge unterschiedlicher Qualitätsstufen, deren Seriosität oft schwer zu beurteilen ist.
Veranstaltungen, Orte und Bildung
Vorträge und Präsentationen vermitteln Wissen meist unidirektional, live oder als Audio- beziehungsweise Videoaufzeichnung. Neben klassischen Vorträgen gibt es Ringvorlesungen, Pecha Kucha mit 20 Folien, die jeweils 20 Sekunden sichtbar sind, TEDx-Events, Science-Slams und das internationale Wettbewerbsformat FameLab. Wissenschaftssongs, Wissenschaftstheater, Wissenschaftsperformances, Wissenschaftsshows, Wissenschaftscomedy, Wissenschaftskabarett und Wissenschafts-Puppentheater verbinden Wissenschaft mit Kunst, Schauspiel oder Unterhaltung. Ungewöhnliche Rahmen sind Pub Science, Lunch Lectures, Wissensbuffets und Soapbox Science.
Interaktive Formate fördern den Dialog. Dazu gehören Science Cafés, World Cafés, Schülerparlamente, Unterhausdebatten, Science-Speeddating, Fishbowl-Diskussionen und Bürgerkonferenzen. Bürgerwissenschaften (Citizen Science) ermöglichen es Laien, Daten zu erheben oder zu analysieren beziehungsweise Rechenleistung bereitzustellen, etwa bei SETI@home. Bei Hack Days arbeiten Wissenschaftler und interessierte Laien gemeinsam an einem festgelegten Problem. Wettbewerbe, Gesellschafts- und Computerspiele, Live Escape Rooms, Science Rallies und wissenschaftliche Pubquizze bieten weitere spielerische Zugänge. Barcamps und Unkonferenzen legen Themen und Ablauf erst am Veranstaltungstag gemeinsam fest.
Veranstaltungen können in Wissenschaftsjahren, Wissenschaftsfestivals, Langen Nächten der Wissenschaften, der European Researchers’ Night, dem „Türöffnertag“ oder dem Tag des offenen Denkmals stattfinden. Forschungsinstitutionen machen ihre Arbeit durch Führungen, Tage der offenen Tür, Besucherzentren und Infostände zugänglich. Science Center, Museen, Freilichtmuseen, digitale Museen, zoologische und botanische Gärten, Planetarien, Volkssternwarten, Häuser der Wissenschaft und Wissenschaftsläden sind dauerhafte Kommunikationsorte. Temporäre Ausstellungen können als Wanderausstellungen oder auf dem Ausstellungsschiff MS Wissenschaft stattfinden. Lehrpfade und Planetenwege vermitteln Informationen vor Ort; virtuelle Realität und Augmented Reality verbinden digitale beziehungsweise virtuelle Elemente mit Wissenschaftsorten.
Im Bildungsbereich gehören regulärer Unterricht und Hochschullehre ebenso dazu wie Studium generale, Gasthörerangebote und MOOCs. Schulen können Wissenschaftler zu Vorträgen und Diskussionen einladen; Projekttage, Junior Science Cafés, Kinderuniversitäten, Girls’ Day und Boys’ Day fördern den frühen Kontakt. Probestudium, Schnupperstudium, Schülerstudium und Juniorstudium geben älteren Schülern Einblicke in Studium und Forschung. Schülerlabore ermöglichen Experimente, die über die Möglichkeiten der Schule hinausgehen. Lehrerfortbildungen, Schülerwettbewerbe wie Jugend forscht und Wissenschaftsolympiaden ergänzen diese Angebote.
Entwicklung und Forschung
Wissenschaftskommunikation entwickelte sich parallel zur Professionalisierung und öffentlichen Finanzierung der Wissenschaft im 19. Jahrhundert. Öffentliche Vorträge sind bis heute überliefert, etwa die Weihnachtsvorlesung der Royal Institution und Alexander von Humboldts Berliner Vorlesungsreihe „Über das Universum“ von 1827–1828. Die Humboldt-Akademie wurde 1878 von Max Hirsch gegründet. 1888 entstand die Berliner Urania mit Sternwarte, wissenschaftlich-technischer Ausstellung und Wissenschaftstheater.
Parallel verbreiteten sich populärwissenschaftliche Veröffentlichungen. Michael Faraday schrieb seine Weihnachtsvorlesung 1861 als „Naturgeschichte einer Kerze“ nieder. Naturkundliche Museen gingen aus höfischen und anderen Sammlungen hervor; die heutige Humboldt-Universität erhielt 1810 eine öffentlich zugängliche naturhistorische Sammlung, aus der schließlich das Museum für Naturkunde entstand. Das moderne Science Center begann 1969 mit Frank Oppenheimers Exploratorium in San Francisco. Als erstes deutsches Science Center wurde 1983 das Spectrum in Berlin gegründet.
1999 unterzeichneten deutsche Wissenschaftsorganisationen, Wissenschaftsrat und Stifterverband das PUSH-Memorandum (Public Understanding of Science and Humanities). Im selben Jahr entstand Wissenschaft im Dialog, die unter anderem Dialogveranstaltungen, Ausstellungen, Wettbewerbe, MS Wissenschaft, Jugend präsentiert, Fast Forward Science, Bürger schaffen Wissen, Sciencestarter und Schulprojekte organisiert. Die Intensivierung der Kommunikation ist zugleich gesellschaftlich relevant, weil Wissenschaft, Medien, Politik und Öffentlichkeit unterschiedliche Rollen und Interessen haben. In Krisenzeiten, besonders seit der COVID-19-Pandemie, wird Wissenschaftskommunikation verstärkt evaluiert, etwa durch Befragungen, Nutzerdatenanalysen, physiologische Messungen, Tests zum Verständnis und Feedback aus Citizen-Science-Projekten.
Wissenschaftskommunikation ist außerdem ein eigenes Forschungsfeld. Initiativen wie „Science of Science Communication“ und das Manifest für eine „Evidenzbasierte Wissenschaftskommunikation“ betonen, dass sie nicht nur aus praktischen Aktivitäten besteht. Forschungsjournale sind unter anderem Public Understanding of Science, Science Communication und Journal of Science Communication. In Deutschland gibt es seit dem Wintersemester 2012/13 am Karlsruher Institut für Technologie den Bachelor- und seit dem Wintersemester 2015/16 den gleichnamigen Masterstudiengang „Wissenschaft – Medien – Kommunikation“. Das englischsprachige Studium Science Communication & Bionics an der Hochschule Rhein-Waal wurde nach der letzten Einschreibung zum Wintersemester 2019/20 eingestellt. Das Nationale Institut für Wissenschaftskommunikation bietet seit 2012 Weiterbildungsseminare an; weitere Angebote setzen Schwerpunkte etwa auf Wissenschaftsjournalismus, Daten, Wissenschaftsgeschichte, Wissenschaftsmarketing, Technikkommunikation oder Technikjournalismus.