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Wissenschaftliches Schreiben und Veröffentlichen

Es ist ein kompositorischer Vorgang, der bedeutet, Forschungsfragen zu formulieren, Hypothesen zu erarbeiten und zu plausibilisieren, die Forschungsresultate in …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Bedeutung
  2. 2. Historische Entwicklung und Wissenschaftssprache
  3. 3. Schreibprozess, Stil und Lehre
  4. 4. Textformen, Fachunterschiede und Werkzeuge
  5. 5. Formale Regeln und Publikationsweg
  6. 6. Open Access und neue Veröffentlichungsformen

Grundidee und Bedeutung

Wissenschaftliches Schreiben und Veröffentlichen gehört zum wissenschaftlichen Arbeiten und ist ein zentrales Lernziel an Hochschulen, weil wissenschaftliche Debatten überwiegend schriftlich geführt werden. Es ist ein kompositorischer Vorgang: Forschende formulieren Forschungsfragen, entwickeln und plausibilisieren Hypothesen, veröffentlichen Ergebnisse und machen deren Bedeutung möglichst auch für die allgemeine Öffentlichkeit verständlich.

Schreiben kann dabei sowohl bereits gewonnene Daten dokumentieren als auch selbst Teil des Erkenntnisprozesses sein. Die Geschichte dieser Tätigkeit reicht vom Alten China und Indien über die Antike bis zur Gegenwart. Ihre Formen spiegeln die theoretischen, fachlichen und ideologischen Bedingungen ihrer jeweiligen Zeit wider; auch heutige standardisierte Veröffentlichungsverfahren können Ausschlussfaktoren enthalten.

Informationstechnik, Internet und Offene Wissenschaft verändern das Verhältnis zwischen Schreiben und Publizieren. Forschung kann zunehmend selbst veröffentlicht werden, sodass Wissenschaftler weniger ausschließlich von traditionellen Wissenschaftsverlagen abhängig sind. Zugleich haben Schreibdidaktik, Karriereförderung und Wissenschaftskommunikation die praktische Beschäftigung mit wissenschaftlichem Schreiben verstärkt.

Historische Entwicklung und Wissenschaftssprache

Anfang des 19. Jahrhunderts entstand in Deutschland im Zuge der humboldtschen Universitätsreform eine Lehrmethode, die wissenschaftliches Schreiben als Ergänzung zu Vorlesung und Disputation einsetzte. Dafür wurden Seminare mit eigenen Bibliotheken eingerichtet, in denen Studierende Originalquellen für Studienarbeiten nutzen konnten.

1906 veröffentlichte die Universität von Chicago erstmals formale Richtlinien, das The Chicago Manual of Style; dessen 16. Ausgabe erschien 2010. Seit 1937 erscheint Kate L. Turabians darauf aufbauendes A Manual for Writers of Research Papers, Theses, and Dissertations. Nach einer Schätzung der University of Chicago Press wurden davon mehr als 8 Millionen Exemplare verkauft. Ab 1946 entwickelte sich an deutschsprachigen Hochschulen das Fach Rhetorik; 1963 erhielt Walter Jens an der Universität Tübingen den ersten Lehrstuhl für Allgemeine Rhetorik. Seit 1972 entwickelte Donald E. Knuth das nicht-proprietäre Satzprogramm LaTeX, das heute besonders in naturwissenschaftlich-technischen Fächern Standard ist.

2001 entstand die Budapest Open Access Initiative (BOAI), die freien Webzugang zu begutachteter wissenschaftlicher Literatur anstrebt. 2003 folgte die Berliner Erklärung über offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen. Seit 2011 erscheint das Journal of Academic Writing als Zeitschrift der European Association for the Teaching of Academic Writing (EATAW); der Verband unterstützt außerdem seit 2001 bestehende Konferenzen zur Schreibforschung.

Im frühen 19. Jahrhundert ersetzte Deutsch in wissenschaftlichen Zeitschriften zunehmend das Lateinische und wurde neben Französisch und Englisch international bedeutend. Heute ist es als internationale Wissenschaftssprache vor allem in der Germanistik, anderen Philologien sowie in Teilen der Philosophie, Religionswissenschaft und Sprachwissenschaft vertreten. Durch Verfolgung und Vertreibung deutschsprachiger Wissenschaftler während des Nationalsozialismus verlagerte sich die Wissensproduktion und internationale Kommunikation in englischsprachige Länder. Nach 1945 wurde Englisch immer wichtiger, was auch deutschsprachige Wissenschaftsverlage vor neue Herausforderungen stellte.

Schreibprozess, Stil und Lehre

Wissenschaftliches Schreiben erfolgt meist allein und muss für wirkungsvolle Ergebnisse möglichst kontinuierlich geübt werden. Wichtige Techniken sind das Zitieren, das Bibliografieren und kreative Verfahren zur Unterstützung des Schreibprozesses. Schreibseminare, Schreibwerkstätten und Schreibzentren helfen beim Erwerb dieser Fähigkeiten.

Nach Otto Kruse beruht wissenschaftliche Textproduktion auf umfassender Informationsgewinnung und ist Teil eines größeren Erkenntnisprozesses. Schreibende benötigen eine fachliche Wissensbasis, müssen sprachliche Konventionen kennen und den jeweiligen Kommunikationszusammenhang beachten. Wissenschaftliche Aussagen sollen sachlich begründet und Texte klar strukturiert sein. Hartmut von Hentig versteht Wissenschaft als Freigabe und „Ent-Eignung“ von Wissen: Erkenntnisse sollen nicht nur wiedergegeben, sondern erklärt und wirksam gemacht werden. Fremdwörter, komplizierte Gedankengänge und Autoritätszitate dürfen nicht dazu dienen, Belehrung oder Überredung zu tarnen. Gute wissenschaftliche Prosa sei „vor allem einfach und darum deutlich“.

Pierre Bourdieu zählt es zum wissenschaftlichen Stil, alternative Positionen darzustellen und sich von ihnen abzugrenzen. Ebenso kann ein Defizit im Forschungsstand benannt werden, das die eigene Arbeit beheben soll. Verständliche Texte lassen sich leichter durch Wissenschaftsjournalisten in Massenmedien vermitteln. Ihre Aufnahme setzt bei der Bevölkerung Scientific Literacy, also wissenschaftliche Grundbildung, voraus; diese wurde unter anderem in PISA-Studien international verglichen.

Die bekannten Schreibprozess-Modelle von Linda Flower und John R. Hayes beruhen auf Protokollen, in denen Versuchspersonen ihre Gedanken beim Schreiben laut aussprachen. Das daraus entwickelte Modell dient auch Überlegungen zur Überwindung von Schreibblockaden. Gert Ueding unterscheidet zu Übungszwecken das Finden von Inhalten, die inventio, vom sprachlichen Ausdruck, obwohl Erkenntnis und Schreiben zugleich stattfinden können. Ekkehart Krippendorff beschreibt Schreiben als Selbsterziehung zu intellektueller Redlichkeit: Beim Formulieren werden Unsicherheiten sichtbar, Gedanken entwickeln eine Eigenlogik und können zu unerwarteten Erkenntnissen führen. Die eingesetzten Arbeitsmittel beeinflussen Inhalt und Struktur.

Hochschulen vermitteln wissenschaftliches Schreiben durch didaktische Textformen wie Seminararbeit und Thesenpapier. Dabei sollen Studierende zugleich Fachwissen und Schreibfertigkeiten erwerben. Kommerzielle Schreibwerkstätten unterstützen unter anderem Seminar-, Diplom-, Bachelor- und Magisterarbeiten; manche übertragen Methoden des kreativen Schreibens auf wissenschaftliche Texte. 2013 bestanden im deutschsprachigen Raum an mindestens 30 Hochschulen Schreibzentren. Außerdem gab es sechs schreibdidaktische Tagungen, darunter die 2008 an der Viadrina-Universität in Frankfurt/Oder gestartete „Peer-Schreibtutor_innen-Konferenz“.

Textformen, Fachunterschiede und Werkzeuge

Wissenschaftliche Textformen unterscheiden sich vor allem nach ihrer Funktion. Eine Untersuchungs- oder Forschungsfrage fokussiert und begrenzt das Thema. Laborbuch, Versuchsprotokoll und Praktikumsbericht dokumentieren Arbeiten oder Beobachtungen. Ein Exposé stellt ein Vorhaben dar, ein Projektantrag wirbt um Unterstützung, ein Call for Papers fordert Beiträge an und ein Abstract fasst Inhalte knapp zusammen. Weitere Formen sind Thesenpapier, Paper, Editorial, Rezension, Review-Artikel beziehungsweise Literaturbericht, Forschungsbericht, Gutachten, wissenschaftliche Qualifikationsarbeit, Essay, Erstbeschreibung oder Taxonomie, Vorlesungsmitschrift und Editionsbericht. Zu den überwiegend multimedialen Formen zählen Referate mit Präsentation und als Kurzform die Postersession.

Je nach Fach und Genre haben dokumentierendes und argumentatives Schreiben unterschiedliches Gewicht. Beim dokumentierenden Aufschreiben werden beispielsweise Messdaten in einem Versuchsprotokoll festgehalten oder Fragebogendaten als Ergebnisse formuliert. Argumentatives Schreiben versucht, ein gedachtes Gegenüber mithilfe wissenschaftlicher Belege von einer These zu überzeugen. Beide Anteile treten in fast jeder wissenschaftlichen Arbeit auf, auch in Gutachten und im Peer-Review. Mathematische Beweise gehören ebenfalls zum argumentativen Schreiben; Formeln und Gleichungen folgen dabei denselben grammatischen Regeln wie Wörter.

Grundkenntnisse des Zitatrechts, des Urheber- und Verwertungsrechts sowie Offener Lizenzen sind in allen Fächern notwendig, etwa bei fremden Textauszügen und Abbildungen. Besondere Regeln gelten für Laborjournale, die für die Anerkennung einer Entdeckung oder eines Patents entscheidend sein können, sowie für vertraglich geheim gehaltene Forschung, beispielsweise in der Rüstungsforschung oder bei industriell bestimmten Drittmittelprojekten.

LaTeX ist ein freies Satzprogramm für umfangreiche, komplexe und typografisch anspruchsvolle Texte. Formatierungen, Überschriften, Literaturverzeichnisse, Fußnoten und mathematische Formeln werden durch Textbefehle markiert; daraus erzeugt das Programm das Publikationslayout. Eine weitere technische Entwicklung ist die automatische Textgenerierung aus Datenbanken oder Wissensrepräsentationen. In stark standardisierten, beschreibenden Genres, etwa in der Medizin, können dadurch sogar Rohfassungen entstehen.

Seit Oktober 2014 wird am Beispiel der bei PLOS vertretenen Fächer das Format „rich citation“ entwickelt. Es soll zusätzliche Angaben über zitierende und zitierte Einheiten enthalten, etwa die Lizenz einer Quelle, Position, Menge und Art der Zitate sowie Informationen über ihre Verbindung. Dadurch sollen Kooperationen transparenter und Selbstzitationen leichter erkennbar werden.

Formale Regeln und Publikationsweg

Wer Forschungsergebnisse veröffentlicht, vermittelt neues Wissen an die Fachöffentlichkeit oder die allgemeine Öffentlichkeit. Häufig werden Ergebnisse zunächst in einer Projektgruppe oder auf Tagungen diskutiert und danach veröffentlicht oder zur Begutachtung eingereicht. Das wissenschaftliche Schreiben für Begutachtungen wird meist nicht gesondert bezahlt, weil es als Teil einer anderen, gut bezahlten Tätigkeit gilt; Verlagsanfragen dürfen abgelehnt werden.

Für Einreichungen gelten formale Richtlinien. Neben dem The Chicago Manual of Style und Turabians Handbuch standardisiert DIN 1505-2 Formate für Literaturzusammenstellungen, Literaturverzeichnisse und Fußnoten. Verlage legen jedoch häufig eigene Regeln für Textform, Zitierweise und Abbildungen fest, abhängig von Fach, Genre und Sprache. Die Open-Research-Bewegung fordert die Anerkennung international üblicher Standards, damit Wissensproduzenten bei Einreichungen keinen unnötigen Zusatzaufwand haben.

Beim Peer-Review, also der fachlichen Begutachtung durch andere Wissenschaftler, bleibt ein Gutachten teilweise anonym. Fälschungen werden dabei nicht immer erkannt; häufig erhalten Autoren jedoch wichtige Hinweise zur Überarbeitung. Publikationen können auch durch Betreuer oder externe Gutachter verhindert werden, etwa wegen unerwünschter Ergebnisse. Begutachtungen werden mitunter absichtlich verzögert, bis ein eigenes Werk zum Thema erschienen ist und damit der Anspruch auf die erste Veröffentlichung einer Erkenntnis erhoben werden kann.

Open Access und neue Veröffentlichungsformen

Online-Plattformen ergänzen traditionelle wissenschaftliche Zeitschriften und treten teilweise mit ihnen in Konkurrenz. Wenn solche Plattformen genügend akademische Nutzer gewinnen, können aus deren Beiträgen wissenschaftliche Standardformate entstehen, etwa das Paper in den Naturwissenschaften. Michael Nielsen vertrat diese Einschätzung 2012 in Reinventing discovery. The new era of networked science.

Die in den vorausgegangenen 20 Jahren entstandene Open-Access-Bewegung will begutachtete wissenschaftliche Dokumente allen Menschen mit Webzugang kostenlos zugänglich machen. Sie sollen die Texte lesen, herunterladen, speichern, verlinken und ausdrucken können. Zu den nationalen und internationalen Bündnissen gehören die Scholarly Publishing and Academic Resources Coalition (SPARC) und das Aktionsbündnis Urheberrecht für Bildung und Wissenschaft. Der Budapest Open Access Initiative vom Dezember 2001 folgte am 22. Oktober 2003 die Berliner Erklärung über offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen. Damit wachsen wissenschaftliches Schreiben und Veröffentlichen im Rahmen der Offenen Wissenschaft zunehmend zusammen.

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