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Schreibprozess
Der Begriff Schreibprozess bezeichnet den Prozess des Schreibens, also die Gesamtheit von Vorgängen, die zum selbstständigen Produzieren eines Textes nötig …
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Grundlagen des Schreibprozesses
Der Schreibprozess bezeichnet die Gesamtheit der Vorgänge, die zum selbstständigen Produzieren eines Textes notwendig sind. Grundsätzlich lässt er sich in die Phasen Planen, Formulieren und Überarbeiten gliedern. Schreiben ist anspruchsvoll, weil es das Arbeitsgedächtnis stark beansprucht, langsamer als Sprechen erfolgt und Zeit zum Nachdenken und Formulieren benötigt.
Schreibforschung untersucht, welche individuellen und äußeren Faktoren das Gelingen der Textproduktion beeinflussen. Dazu gehören unter anderem Motivation, Arbeitsumgebung und Wissen über die Adressaten. Die Forschung ist für Schule, Hochschule und Beruf bedeutsam, weil sie dazu beitragen soll, Schreiben angenehmer und wirkungsvoller zu machen.
In der Forschung gibt es unterschiedliche Einteilungen der Phasen, etwa Planen, Formulieren und Überarbeiten oder Planen und Vorbereiten, Strukturieren des Materials, Entwerfen und Überarbeiten. Wichtig ist, dass Schreiben nicht nur aus dem Formulieren besteht: Vor dem eigentlichen Schreiben liegt die Planung, danach folgt die Überarbeitung. Wie diese Phasen gestaltet werden und wie viel Zeit sie beanspruchen, hängt stark von der jeweiligen Person ab.
Kognitive, soziale und affektive Einflüsse
Kognitive Faktoren betreffen die Verarbeitung von Informationen zur Erkenntnisgewinnung, beispielsweise die Kapazität des Arbeitsgedächtnisses. Affektive Faktoren beziehen sich auf Emotionen und Stimmungen, etwa Lust oder Unlust beim Schreiben. Beide Arten von Faktoren beeinflussen den Erfolg der Textproduktion.
Das Modell von John R. Hayes und Linda S. Flower aus dem Jahr 1980 unterscheidet drei große Komponenten:
- Die Aufgabenumgebung umfasst die Schreibaufgabe, das Thema, die Adressaten und den bisher produzierten Text.
- Die kognitiven Prozesse bestehen aus Planen, Formulieren und Überarbeiten. Sie werden durch den Monitor, eine Kontrollinstanz, überwacht.
- Das Langzeitgedächtnis liefert Wissen über das Thema, den Schreibplan und die Adressaten.
Hayes entwickelte das Modell aufgrund empirischer Studien weiter. Im Modell von 1996 unterscheidet er die beiden großen Bereiche Aufgabenumgebung und Individuum. Die Aufgabenumgebung besteht aus einer physischen und einer sozialen Umgebung. Zur physischen Umgebung gehören beispielsweise das Schreibmedium, etwa Stift oder Computertastatur, sowie der bisher geschriebene Text. Die soziale Umgebung umfasst soziale Konventionen, die Kulturzugehörigkeit, die Adressaten, soziale Erfahrungen und Texte anderer Autoren, die während des Schreibens gelesen werden. Dadurch wird Schreiben auch dann als soziale Tätigkeit verstanden, wenn eine Person allein schreibt.
Zum Individuum gehören Motivation und affektive Einflüsse. Schreibziele können etwa darin bestehen, einen Inhalt zu vermitteln oder einen bestimmten Eindruck bei den Adressaten zu erzeugen. Einstellungen und Überzeugungen über das Schreiben können positiv oder negativ sein und sich auch während des Schreibens verändern. Außerdem nutzt der Schreibende sein Langzeitgedächtnis für Wissen über Aufgabenschemata, Thema, Adressaten und Textsorte.
Neu hinzu kommt das Arbeitsgedächtnis. Nach Alan Baddeley besteht es aus einer zentralen Exekutive sowie der phonologischen Schleife, die akustische Informationen speichert, und dem visuell-räumlichen Notizblock, der visuelle Informationen aufnimmt. Zu den kognitiven Prozessen zählen Textinterpretation, Reflexion und Textproduktion. Textinterpretation erzeugt aus einem Input, etwa aus dem Lesen anderer Texte, innere Repräsentationen. Reflexion produziert neue Repräsentationen, und Textproduktion setzt diese im Kontext der Aufgabenumgebung in geschriebenen Output um. Die Komponenten beeinflussen sich gegenseitig und erklären unterschiedliche Schwierigkeiten und Erfolge beim Schreiben.
Weiterentwicklungen und Prozessmodelle
In den Jahren 2001 und 2012 modifizierte Hayes sein Modell erneut. Es besitzt nun drei Ebenen:
- Auf der Kontrollebene liegen Schreibziele, Schreibpläne und Motivation.
- Die Ebene der Schreibprozesse umfasst die Prozesse innerhalb des Schreibers und die Schreibumgebung.
- Die Ressourcenebene enthält Wissensbestände, Gedächtniselemente und das Lesen.
Hayes stellt die Planungs- und Überarbeitungsaktivitäten nicht mehr als einzelne zentrale Bestandteile dar, sondern beschreibt Komponenten, die bei verschiedenen Aktivitäten gemeinsam eingesetzt werden. Auch der Monitor erscheint in dieser Fassung nicht mehr.
Ronald T. Kellogg beschreibt den Schreibprozess als Zusammenspiel von Formulieren, Ausführen und Kontrollieren. Beim Formulieren wird zunächst geplant und übersetzt. Planung bedeutet, Ideen zu entwickeln, zu organisieren und Ziele aufzustellen. Bei der Übersetzung werden zunächst als Propositionen bezeichnete Bedeutungseinheiten in verständliche Sätze umgewandelt.
Beim Ausführen wird zuerst programmiert, wie die Übersetzung motorisch umgesetzt werden soll. Danach wird sie durch Handschrift, Tippen oder Diktieren ausgeführt. Beim Kontrollieren liest der Schreibende den Text, stellt Kohärenz her und entwickelt Diskursstrukturen. Bei der Überarbeitung prüft er, ob die Ziele des Textes erreicht wurden und ob Fehler oder Unstimmigkeiten vorliegen.
Nach Kellogg verläuft die Ausführung weitgehend automatisch. Die übrigen Prozesse beanspruchen das Arbeitsgedächtnis stark, besonders die Planung. Die zentrale Exekutive generiert Ideen, der visuell-räumliche Notizblock liefert bildliche Repräsentationen, und die phonologische Schleife ermöglicht inneres Sprechen, bei dem Wörter und später Sätze gedanklich formuliert werden.
Entwerfen, Überarbeiten und Schreibhandeln
David Galbraith und Mark Torrance untersuchten, wie Erstentwurf und Überarbeitung zusammenhängen. Sie unterscheiden planende und interaktive Schreibende. Planende Schreibende beginnen erst, wenn ihnen klar ist, was sie schreiben wollen, und entwerfen den Text stark voraus. Ihre Überarbeitung ist überwiegend reaktiv: Sie prüfen, ob das Geplante umgesetzt wurde. Interaktive Schreibende beginnen dagegen früh mit dem Entwurf und entwickeln Ideen und Textstruktur erst während des Schreibens.
Bei Grobentwürfen werden erste Ideen geordnet und in ganzen Sätzen aufgeschrieben; die spätere Überarbeitung bleibt eher reaktiv. Bei multiplen Entwürfen werden Gedanken zunächst spontan und ungeordnet notiert. Die Überarbeitung ist proaktiv, weil die Ideen beim Redigieren weiterentwickelt werden. Es konnte nicht eindeutig gezeigt werden, welche Strategie zu höherer Textqualität führt. Die Planungsstrategie erzielt häufig bessere Ergebnisse, dies scheint aber auch von der Disposition und dem Lerntyp abzuhängen.
Galbraiths dual-process-writing-model unterscheidet bewusstes, explizites Wissen und unbewusstes, implizites Wissen. In der Planungsphase wird vor allem explizites Wissen verwendet. Erst beim Schreiben erhält der Verfasser Zugang zu implizitem Wissen. Textproduktion bedeutet daher sowohl, vorhandene Ideen in Text umzuwandeln, als auch neues Wissen zu erzeugen, indem implizites Wissen explizit wird.
Schreibhandeln bezeichnet die individuelle Herangehensweise an die Textproduktion. Es wird durch Erfahrungen und Sozialisation geprägt und zeigt sich in persönlichen Schreibstrategien. Schreibkompetenz entwickelt sich praktisch, ist aber immer in bestimmte soziale und praktische Felder eingebettet.
Carl Bereiter und Marlene Scardamalia unterscheiden Knowledge-telling und Knowledge-transforming. Knowledge-telling bedeutet, mitzuteilen, was man weiß; Knowledge-transforming bedeutet, das eigene Wissen so umzuformen, dass bestimmte Adressaten es verstehen. Erfahrene Schreibende werden eher dem Knowledge-transforming zugerechnet, verwenden aber oft zunächst Knowledge-telling, um sich das eigene Wissen bewusst zu machen.
Sylvie Molitor-Lübbert unterscheidet Top-down- und Bottom-up-Schreiben. Top-down-Schreibende erstellen zuerst eine Gliederung und schreiben danach den Text. Bei Bottom-up-Schreibenden entsteht die Struktur erst während des Schreibens. Häufig werden beide Vorgehensweisen kombiniert.
Schreibstrategien
Ortner geht davon aus, dass Schreibende ihre Strategien abhängig von der Schreibaufgabe und von bisherigen Erfolgserfahrungen auswählen. Er beschreibt zehn Strategien:
- Beim nicht-zerlegenden Schreiben wird ohne lange Planung und Zwischenkorrekturen aus dem Bauch heraus geschrieben.
- Beim Schreiben zu einer Idee entsteht ausgehend von einem Thema oder einer Figur ein Text.
- Beim Schreiben von Textversionen zu einer Idee werden zu einer Ausgangsidee mehrere Varianten verfasst.
- Bei der redaktionellen Arbeit an Vorfassungen wird zunächst eine Vorfassung erstellt und anschließend überarbeitet.
- Beim planenden Schreiben entsteht durch Plan und Gliederung ein Gerüst bis zur Endfassung.
- Der Niederschreiber oder Kopfarbeiter formuliert und redigiert den Text vollständig im Kopf und schreibt ihn dann weitgehend ohne Korrekturen nieder.
- Beim schrittweisen Vorgehen folgt die Produktion der Logik des Prozesses, etwa Sammeln, Konzipieren, Gliedern und Formulieren.
- Beim synkretistisch-schrittweisen Schreiben werden immer wieder neue Textteile begonnen, alte Teile liegen gelassen und später miteinander verbunden.
- Der Textteilschreiber arbeitet nicht linear, sondern beginnt beispielsweise mit dem Schluss oder Hauptteil.
- Beim Schreiben nach dem Puzzle-Prinzip wird ohne Überblick und vorherige Gliederung geschrieben; der Endpunkt ist unklar, sodass der Text häufig nicht beendet wird.
Schreibtechniken und Förderung
Schreibtechniken sind kleinschrittige Methoden, die den Einstieg in die Textproduktion erleichtern. Sie unterscheiden sich von Schreibstrategien und sind häufig assoziativ. Beim Brainstorming werden spontan einzelne Wörter zum Thema vertikal notiert, ohne Unterbrechung, Bewertung oder Rückblick auf bereits Geschriebenes.
Beim offenen Freewriting werden ganze Sätze oder Satzteile ohne Unterbrechung geschrieben. Formale Richtigkeit und Logik spielen zunächst keine Rolle. Beim fokussierten Freewriting bleibt der Schreibende stärker beim Thema; sobald er davon abweicht, beginnt er in einer neuen Zeile einen neuen Satz.
Beim Clustering steht das Thema in einem Kreis in der Blattmitte. Darum werden weitere Kreise mit Stichwörtern angeordnet und durch verwandte Wörter ergänzt. Beim Mind-Mapping werden ebenfalls Assoziationen verbunden, zugleich wird aber versucht, eine innere Ordnung, Schwerpunkte und Themengebiete zu erkennen und die Stichwörter entsprechend zu markieren oder zu sortieren.
Bei allen Techniken soll der Schreibfluss nicht unterbrochen werden. Wenn nichts einfällt, können Füllwörter wie „Was noch?“ geschrieben oder Linien nachgezogen werden. Für Brainstorming und Freewriting werden etwa drei Minuten, für Clustering und Mind-Mapping etwa sechs Minuten angesetzt. Die Techniken helfen, eigene Mitteilungsbedürfnisse sowie Themen und Strukturen vor der eigentlichen Textproduktion zu erkennen.
Schreibdidaktisch gelten motivierende Aufgaben als besonders wichtig. Der Text soll selbst als Lernmedium dienen, die Aufgabe soll Schreiben als geeignetes Mittel nahelegen und ein bedeutsames Ergebnis haben. Förderlich sind passende Schreibmedien, Schreibspiele, das Sammeln und Präsentieren von Texten, Kooperation, echte Probleme und echte Adressaten. Auch Rückmeldungen während des Schreibprozesses, Selbstverständigung, die Erfahrung von Lern- und Arbeitsstrategien, öffentliche Präsentation und die Reflexion des Schreibens wirken unterstützend.
Schreibzentren bieten Kurse und individuelle Beratung an, etwa bei Motivationsverlust, Zeitmangel, Schreibblockaden oder Konflikten. Schreibgruppen und Schreibwerkstätten fördern kooperatives Arbeiten und gegenseitiges Feedback. Neuere Förderansätze wollen das Schreiben durch Schreibstrategievermittlung entschleunigen oder durch Schreibflüssigkeitsförderung gezielt automatisieren. Weitere Ansätze sind Feedback und kooperatives Schreiben.