Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Wirtschaftsrechnung im Sozialismus
Socialist Calculation Debate) war eine wirtschaftswissenschaftliche Auseinandersetzung, die zuerst 1920 und 1922 durch Ludwig von Mises angestoßen wurde. Mises …
Inhalt4 Abschnitte
Kern der Debatte
Die Debatte über die Wirtschaftsrechnung im Sozialismus war eine wirtschaftswissenschaftliche Auseinandersetzung darüber, ob eine sozialistische Planwirtschaft Ressourcen rational verteilen kann. Ludwig von Mises stieß sie 1920 und 1922 an. Er behauptete, ein sozialistisches System könne wegen des fehlenden Marktmechanismus und der dadurch mangelhaften Informationen über Kosten und Preise nicht funktionieren.
Oskar Lange und Abba Lerner widersprachen ihm. Ihr Modell sollte den Marktmechanismus durch eine zentrale Planungsbehörde nachbilden. Mises’ Position wurde in veränderter Form unter anderem von Friedrich August von Hayek und Lionel Robbins vertreten; Abram Bergson nahm eine vermittelnde Position ein. Die Kontroverse betrifft damit vor allem die Frage, ob Marktpreise für rationale Wirtschaftsentscheidungen unverzichtbar sind oder durch zentrale Planung ersetzt werden können.
Mises’ Argument
Mises zufolge kann eine zentral gelenkte Wirtschaft, die den Markt und die freie Preisbildung ausschaltet, keine realistische Wirtschaftsrechnung durchführen. Wirtschaftsrechnung bedeutet hier, den Wert verschiedener Verwendungsmöglichkeiten zu vergleichen und Produktionsmittel dort einzusetzen, wo sie möglichst sinnvoll genutzt werden. Ohne Marktpreise hätten Kosten keine ausreichende Bedeutung, und der Wert der Produktionsfaktoren lasse sich nicht bestimmen. Ohne Geldrechnung gebe es daher „kein Mittel, zu erkennen, was rationell ist“.
Mises leitete daraus die objektive „Unmöglichkeit“ einer sozialistischen Wirtschaftsweise ab. Das Problem liege seiner Ansicht nach nicht in der Moral der Menschen, sondern in den Anforderungen an ihren Verstand: Eine sozialistische Gesellschaft könne die für eine rationale Planung notwendigen Berechnungen nicht leisten. In seinem Hauptwerk Human Action von 1949 hielt er an dieser Auffassung fest.
Hayek und Robbins schwächten die Unmöglichkeitsthese später ab. Sie sahen die realsozialistische Planung nicht als schlechthin unmöglich, sondern im Vergleich zum Marktpreis-Mechanismus als „unglaublich plump, primitiv und unzureichend“. Für sie ging es stärker um unterschiedliche Grade wirtschaftlicher Effizienz. Für Hayek wurde die Debatte außerdem zum Ausgangspunkt seiner späteren Überlegungen darüber, wie Wissen in einer Gesellschaft verteilt und genutzt wird.
Mises kritisierte auch, dass das Gegenmodell die Wirtschaft aus der statischen Sicht eines angestellten Managers betrachte. Ein Manager löse relativ einfache Optimierungsaufgaben innerhalb bestehender Vorgaben. Ein Unternehmer müsse dagegen unter Unsicherheit zukunftsgerichtete, risikobehaftete und spekulative Entscheidungen treffen: Er müsse etwa entscheiden, welche Branchen wachsen oder schrumpfen, welche Produktionsziele verändert und welche neuen Branchen gegründet werden sollen. Mises betonte deshalb: „Das kapitalistische System ist kein Management-System, sondern ein unternehmerisches System.“
Das Modell von Lange und Lerner
Die marxistischen Ökonomen Oskar Lange und Abba Lerner entwickelten als Antwort das Lange-Lerner-Theorem, das später zum Lange-Taylor-Dickenson-Modell erweitert wurde. Auf Grundlage der neoklassischen Theorie schlugen sie für eine Wirtschaft mit staatlichem Eigentum an den Produktionsmitteln und zentraler Planung einen Trial-and-Error-Prozess vor, also eine schrittweise Preisfindung durch Versuch und Korrektur.
Eine zentrale Planungsbehörde sollte den Preismechanismus mithilfe strikter Regeln für die Preisbildung und das Verhalten der Manager nachbilden. Lange und Lerner folgerten, dass der Preismechanismus deshalb auch im Sozialismus funktionieren könne. Nach ihren Annahmen lasse sich sogar ein Pareto-effizienter Zustand erreichen. Pareto-effizient ist eine Verteilung, bei der niemand bessergestellt werden kann, ohne mindestens eine andere Person schlechterzustellen.
Lange und Lerner hielten den Sozialismus auf Grundlage neoklassischer Annahmen sogar für möglicherweise leistungsfähiger als den Kapitalismus. Nur im Sozialismus könne vollständiger Wettbewerb bestehen, während der Kapitalismus von Monopolen geprägt sei. Lange erkannte zugleich die Bedeutung von Mises’ Kritik an: In On the Economic Theory of Socialism von 1936 schrieb er ironisch, Sozialisten müssten Mises dankbar sein, weil dessen Kritik sie auf die Bedeutung eines angemessenen Systems der Wirtschaftsrechnung aufmerksam gemacht habe.
In Computer und Markt von 1965 vertrat Lange eine weitergehende Position. Technologische Neuerungen hätten den Marktmechanismus überholt, weil leistungsfähige Großrechner jede ökonomische Gleichung innerhalb von Sekunden lösen könnten. Der Markt sei für ihn nur eine „Rechenmaschine der vor-elektronischen Zeit“ gewesen.
Bewertung im Wandel
Unter zeitgenössischen Ökonomen der 1920er bis 1950er Jahre galt die Debatte überwiegend als zugunsten von Lange und Lerner entschieden. Mises’ Argumente wurden außerhalb der Österreichischen Schule meist abgelehnt oder nur als theoretisch interessant angesehen. Frank H. Knight von der Chicago School bezeichnete die Debatte als „Schall und Rauch“. Seiner Meinung nach würden einzelne Wirtschaftsteilnehmer im Sozialismus nicht grundsätzlich anders handeln als im Kapitalismus; Sozialismus sei vor allem eine politische Frage, zu der die Wirtschaftstheorie wenig beitragen könne.
Auch Joseph Schumpeter, der aus der Tradition der Österreichischen Schule kam, hielt die Ansichten von Mises und Hayek für falsch. In Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie von 1942 erklärte er, der Sozialismus könne selbstverständlich funktionieren, sofern die erforderliche industrielle Entwicklungsstufe erreicht sei und die Übergangsprobleme erfolgreich gelöst würden.
Nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme in Osteuropa wurde die Kontroverse neu bewertet. Der postkeynesianische polnische Ökonom Kazimierz Laski urteilte 1989, Lange und seinen Mitstreitern sei es letztlich nie gelungen, die Kritik der Österreichischen Schule zu beantworten.
Der Institutionenökonom Geoffrey Hodgson kam 1999 zu dem Ergebnis, Mises und Hayek hätten in zentralen Punkten recht behalten. Im Lange-Taylor-Dickenson-Modell ließen sich Grenzkosten – die Kosten einer zusätzlichen Produktionseinheit – nicht zuverlässig bestimmen, sodass rationale Entscheidungen erschwert würden. In einer dynamischen und unsicheren Wirtschaft hingen Investitionen zudem von Erwartungen und Ahnungen der Unternehmer und nicht allein von ausdrücklich berechneten Kosten ab. Das sei besonders für Lernen, Innovation und Wirtschaftswachstum wichtig.
Hodgson erklärte jedoch nicht, eine solche Planwirtschaft könne überhaupt nicht bestehen. Eine stagnierende und bürokratische Form des Modells sei praktisch möglich, wenn sie durch illegale, aber tatsächlich vorhandene Märkte und ideologische Vorgaben ergänzt werde. Das System des Ostblocks habe trotz seiner Schwerfälligkeit jahrzehntelang funktioniert. Nach seiner Bewertung zeigten Hayek und Mises jedoch, dass es gemessen an üblichen wirtschaftlichen Kriterien weder rational noch dynamisch noch effizient sein könne.