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Postkeynesianismus

Postkeynesianismus ist eine wirtschaftswissenschaftliche Richtung, die sich, neben anderen Schulen, in der Nachfolge von John Maynard Keynes sieht.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Abgrenzung
  2. 2. Unsicherheit, Verträge und Investitionen
  3. 3. Verteilung und Preisbildung
  4. 4. Geld, Say’sches Gesetz und Geldschöpfung
  5. 5. Hauptvertreter und Fachzeitschriften

Grundidee und Abgrenzung

Postkeynesianismus ist eine wirtschaftswissenschaftliche Richtung, die sich in der Nachfolge von John Maynard Keynes sieht. In einer weiten Definition gehören dazu alle Ökonomen, die Keynes’ Theorie nach seinem Tod 1946 weiterentwickelt haben, ohne sich der Neoklassischen Synthese zuzuwenden. Im engeren Sinn verbindet die Richtung mehrere Grundannahmen: Wirtschaftliche Entscheidungen werden unter echter Unsicherheit getroffen, die Einkommensverteilung muss in die Analyse einbezogen werden, Preise werden häufig über einen Aufschlag auf die Kosten gebildet, und es gibt keine automatische Tendenz zu einem Gleichgewicht bei Vollbeschäftigung.

Der Postkeynesianismus wendet sich gegen die Neoklassische Synthese, die Keynes’ Theorie nach dem Zweiten Weltkrieg zur dominanten „keynesianischen“ Theorie machte, sie aber neoklassisch umdeutete. Auch die New Keynesian Economics wird kritisch gesehen. Diese nimmt an, dass kurzfristig bei wenig flexiblen Preisen und Löhnen die keynesianische Theorie gilt, langfristig jedoch die Neoklassik. Postkeynesianer bestehen dagegen auf der auch langfristigen Gültigkeit der Keynes’schen Theorie. Deshalb lehnen sie die Allgemeine Gleichgewichtstheorie ab und verwenden beispielsweise Stock-Flow Consistent Models, die Bestände und Zahlungsströme miteinander vereinbar abbilden.

Unsicherheit, Verträge und Investitionen

Der zentrale Ausgangspunkt ist die Unterscheidung zwischen Unsicherheit und berechenbarem Risiko. Ein Risiko lässt sich mit bekannten Wahrscheinlichkeiten kalkulieren; die wirtschaftliche Zukunft ist aus postkeynesianischer Sicht dagegen grundsätzlich nicht vollständig berechenbar. Unternehmen müssen trotz dieser Unsicherheit Investitionsentscheidungen treffen. Deshalb ist es schwierig, die Folgen von Verhaltensänderungen oder wirtschaftspolitischen Eingriffen zuverlässig vorherzusagen.

Wirtschaftssubjekte versuchen, die Unsicherheit durch feste Verträge zu begrenzen. Solche Verträge bilden „Brücken“ in die unsichere Zukunft. Besonders wichtig sind Arbeitsverträge beziehungsweise die Festlegung des Lohnniveaus sowie Kreditverträge, in denen Kredithöhe, Laufzeit und Zinssatz festgelegt werden. Daraus entstehen Rigiditäten, also relativ unflexible Löhne, Zinssätze und Preise. Wegen dieser Rigiditäten kann ein Preismechanismus kurzfristige Marktungleichgewichte nicht vollständig beseitigen. Die Anpassung erfolgt stattdessen über die Mengen, etwa über Produktion und Beschäftigung. Marktungleichgewichte können deshalb dauerhaft bestehen bleiben.

Wie bei Keynes bestimmt nicht die geplante Ersparnis das Investitionsvolumen. Umgekehrt passt sich die Ersparnis im Wirtschaftskreislauf über Multiplikatorprozesse an die Investitionen an. Investitionsausgaben erzeugen Einkommen; ein Teil dieses Einkommens wird nicht konsumiert und erscheint dadurch als Ersparnis. Die Investitionen stehen somit am Anfang des Prozesses, während die Ersparnis sich im Kreislauf an sie anpasst.

Verteilung und Preisbildung

Die Einkommensverteilung ist für postkeynesianische Analysen ein eigenständiger Bestandteil der Wirtschaftstheorie. Michal Kalecki nutzte den Zusammenhang zwischen Ausgaben, Einkommen und Ersparnis, um die zentrale Rolle der Unternehmen für Investitionen, Beschäftigung, Wachstum und Verteilung herauszuarbeiten.

Dabei wird von einer klassischen Sparfunktion ausgegangen: Die Arbeiter geben insgesamt ihr gesamtes Lohneinkommen für Konsum aus. Die Ausgaben der Unternehmen als Gruppe für Löhne sowie ihre eigenen Ausgaben für Konsum und Investitionen fließen dadurch wieder an diese Gruppe zurück. Der Zusammenhang wird in der Aussage zusammengefasst: „Die Arbeiter geben aus, was sie verdienen, die Kapitalisten bekommen, was sie ausgeben.“

Auch die Preisbildung wird anders erklärt als in der neoklassischen Theorie. Postkeynesianer halten es für unrealistisch, dass Unternehmen kurzfristig ihren Gewinn maximieren und den Preis so festlegen, dass Grenzerlös und Grenzkosten übereinstimmen. Die vollständige Konkurrenz, bei der der Grenzerlös dem vorgegebenen Marktpreis entspricht, gilt ihnen als besonders unrealistischer Spezialfall.

Stattdessen setzen Unternehmen nach dieser Sichtweise einen bestimmten „Mark-up“, also einen Aufschlag, auf die Lohnstückkosten oder auf die gesamten Stückkosten. Die Stückkosten geben die Kosten pro erzeugter Einheit an. Die Höhe des Aufschlags hängt von den Konkurrenzverhältnissen und den Kräfteverhältnissen zwischen den Marktteilnehmern ab. Unternehmen ändern diesen Mark-up nicht ständig.

Geld, Say’sches Gesetz und Geldschöpfung

Geld ist im Postkeynesianismus kein bloßer „Schleier“, der die reale Wirtschaft – etwa Produktion und Beschäftigung – letztlich unberührt lässt. Monetäre Größen beeinflussen Produktion und Beschäftigung auch langfristig. Damit lehnen Postkeynesianer die klassische Dichotomie, also die Trennung von Geld- und Realwirtschaft, sowie die Neutralität des Geldes ab.

Wie Keynes und die marxistische Ökonomie bestreiten sie außerdem die Gültigkeit des Say’schen Gesetzes. Wird Geld in einer unsicheren Welt gehortet und als Wertaufbewahrungsmittel nachgefragt, wird der Geldkreislauf unterbrochen. Dadurch kann ein allgemeines Überangebot an Waren entstehen. Nach postkeynesianischer Auffassung kann Geld nicht von Privaten als gesetzliches Zahlungsmittel produziert werden; es wird institutionell von Zentralbanken geschaffen. Dies unterscheidet ihre Kritik an Marx, dessen Geldtheorie von einer Geldware wie Gold ausgeht. Wenn Gold die Grundlage des Geldes bildet, könnten Private in unsicheren Zeiten zusätzliches Geld selbst produzieren. Auf dieser Grundlage lasse sich das Say’sche Gesetz nicht widerlegen. Daher müsse die marxistische Ökonomie als „monetäre Werttheorie“ verstanden werden, wie auch Michael Heinrich betont.

Die Geldmenge gilt als endogen, also nicht einfach als von der Zentralbank vorgegeben. Die Zentralbank legt den Zinssatz fest, den sie bei Refinanzierungsgeschäften von den Banken verlangt. Bei dieser Zinssteuerung steuert sie nicht selbst die Menge des emittierten Zentralbankgeldes. Deren Entwicklung wird durch die Nachfrage der Geschäftsbanken bestimmt. Deshalb ist ein Geldmengenmultiplikator beziehungsweise eine multiple Geldschöpfung im Sinne von Milton Friedman aus postkeynesianischer Sicht irrelevant.

Banken schlagen auf den Zentralbankzins bei der Kreditvergabe einen Mark-up auf. Die bei diesem Zinssatz entstehende Kreditnachfrage wird von Zentralbank und Banken befriedigt oder „akkommodiert“, sofern die Kreditnachfrager kreditwürdig sind. Nach der Sicht der Akkommodisten oder Horizontalisten ist das Kreditangebot bei einem von der Zentralbank gesetzten Zinssatz daher vollständig elastisch. Strukturalisten nehmen dagegen an, dass der von der Zentralbank geforderte Zinssatz bei steigender Kreditnachfrage schließlich doch steigt.

Hauptvertreter und Fachzeitschriften

Als Leitfiguren des Postkeynesianismus nennt der Artikel Joan Robinson, Michal Kalecki, Roy F. Harrod und Evsey D. Domar. Weitere wichtige Vertreter sind Victoria Chick, Nicholas Kaldor, Steve Keen, Jan Kregel, Marc Lavoie, Luigi Pasinetti und William Vickrey in Großbritannien sowie Sidney Weintraub, Paul Davidson, Richard M. Goodwin und Hyman Minsky in den USA. In Deutschland haben unter anderem Eckhard Hein und Arne Heise zur postkeynesianischen Theorie veröffentlicht. Im weiteren Sinne lässt sich auch Hartmut Elsenhans dieser Richtung zurechnen.

Wichtige Fachzeitschriften sind das Cambridge Journal of Economics (seit 1977), das Journal of Post Keynesian Economics (seit 1978), Metroeconomica, die Review of Keynesian Economics (seit 2012) und das European Journal of Economics and Economic Policies: Intervention.

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