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Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie
Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie (KSD) ist ein erstmals 1942 veröffentlichtes Werk von Joseph Schumpeter und ist unter seinen Publikationen die …
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Grundgedanke des Werks
„Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ ist ein 1942 erstmals veröffentlichtes Werk von Joseph A. Schumpeter und gilt als seine erfolgreichste Publikation. Die zentrale These lautet: Der Kapitalismus werde trotz seiner großen historischen Leistungen langfristig in einen Sozialismus übergehen. Schumpeter begründet dies nicht vor allem mit wirtschaftlichem Scheitern oder mit einer gewaltsamen Revolution, wie Karl Marx sie erwartete, sondern mit den Folgen des kapitalistischen Erfolgs selbst.
Ein Schlüsselbegriff ist die „schöpferische Zerstörung“. Damit meint Schumpeter den dauernden Prozess, in dem Innovationen neue Waren, Techniken, Versorgungsquellen und Organisationsformen hervorbringen und zugleich alte Strukturen verdrängen. Dieser Prozess macht den Kapitalismus dynamisch und erfolgreich, verändert aber auch die Gesellschaft: Die zentrale Rolle des Unternehmers wird geschwächt, Großunternehmen trennen Eigentum und Leitung, soziale Bindungen und traditionelle Werteordnungen lösen sich auf, und Intellektuelle entwickeln eine kapitalismuskritische Haltung. So schafft der Kapitalismus nach Schumpeter die Bedingungen, die ihn schließlich untergraben.
Das Buch besteht vollständig aus fünf Teilen: „Die marxsche Lehre“, „Kann der Kapitalismus weiterleben?“, „Kann der Sozialismus funktionieren?“, „Sozialismus und Demokratie“ und „Eine historische Skizze der sozialistischen Parteien“. In deutschen Ausgaben fehlte der fünfte Teil bis zur vervollständigten 10. Auflage von 2020.
Marx, Kapitalismus und schöpferische Zerstörung
Im ersten Teil untersucht Schumpeter Karl Marx in vier Rollen: „Marx der Prophet“, „Marx der Soziologe“, „Marx der Nationalökonom“ und „Marx der Lehrer“. Er erklärt den Erfolg des Marxismus teilweise damit, dass er wie eine Religion wirke. Zugleich würdigt er Marx als bedeutenden Soziologen und Nationalökonomen, kritisiert aber zentrale Elemente seiner Wirtschaftstheorie, besonders die Arbeitswerttheorie und die Erklärung des Mehrwerts. Die Arbeitswerttheorie besagt, dass der Wert einer Ware proportional zu der in ihr enthaltenen Arbeit sei. Schumpeter hält dem entgegen, dass Kapital und Boden als weitere „Reichtumsquellen“ berücksichtigt werden müssten. Außerdem betont er stärker die Rolle des innovativen Unternehmers.
Im zweiten Teil fragt Schumpeter: „Kann der Kapitalismus weiterleben?“ Seine Antwort lautet: „Nein, meines Erachtens nicht.“ Zunächst beschreibt er jedoch die historischen Leistungen des Kapitalismus. Er sieht in der Wachstumsrate der Gesamterzeugung einen wichtigen Prüfstein und hält den Kapitalismus hier für sehr erfolgreich. Wirtschaftskrisen, auch die Weltwirtschaftskrise, deutet er nicht als bloßes Versagen, sondern als Teil eines zyklischen Systems. Die besondere Schwere der Krise erklärt er damit, dass drei Wellentäler zusammenfielen: der lange „Kondratjew-Zyklus“, der mittlere „Juglar-Zyklus“ und der kurze „Kitchin-Zyklus“.
Schumpeter lehnt die Vorstellung ab, Kapitalismus funktioniere vor allem durch viele kleine Betriebe in einem Gleichgewicht. Zum entwickelten Kapitalismus gehörten auch oligopolistische und monopolistische Konkurrenz. Entscheidend sei nicht nur Preiskonkurrenz, sondern qualitative Konkurrenz durch Neues: „neue Ware“, „neue Technik“, „neue Versorgungsquelle“ und „neuer Organisationstyp“. Diese Konkurrenz wirke auch als ständige Drohung: Sie diszipliniere Unternehmen, bevor sie tatsächlich angreife.
Warum der Kapitalismus nach Schumpeter scheitert
Schumpeter weist mehrere Argumente zurück, die den Fortgang des kapitalistischen Erfolgs aus rein ökonomischen Gründen bezweifeln. Großunternehmen sieht er nicht als bloße Erstarrung, sondern als „kräftigsten Motor“ des Fortschritts und der langfristigen Ausdehnung der Produktion. Auch Faktoren wie Staat, Gold, Bevölkerungswachstum, Neuland und technischer Fortschritt gelten ihm nicht als äußere Zufälle, sondern als dem Kapitalismus zugehörig.
Seine eigentliche Erklärung für das Ende des Kapitalismus liegt auf der Ebene eines „soziologisch-psychologischen Überbaus“. Der Kapitalismus verändert nicht nur Produktion und Märkte, sondern auch Denkweisen, Institutionen und Werte. Durch Rationalisierung und Bürokratisierung werde der Unternehmer seiner ursprünglichen Funktion beraubt. Die „bürokratisierte industrielle Rieseneinheit“ verdränge ihn. Gleichzeitig verschwänden gesellschaftliche Schichten, die früher schützend und stabilisierend wirkten.
Ein weiterer Punkt ist die Veränderung des Eigentums. In Großunternehmen treten bezahlte Manager und Aktionäre an die Stelle des persönlich verantwortlichen Eigentümer-Unternehmers. Dadurch schwinden Identifikation, Verantwortung und der institutionelle Rahmen der kapitalistischen Gesellschaft. Hinzu kommt nach Schumpeter eine wachsende Feindseligkeit gegenüber dem Kapitalismus. Besonders Intellektuelle, die durch den entwickelten Kapitalismus mehr Bildungschancen erhalten, aber in ihm keinen passenden Platz finden, richten ihre Unzufriedenheit gegen das System. Schließlich sieht Schumpeter auch Familie, bürgerliche Lebensform und „kapitalistische Ethik“ geschwächt. Diese Ethik meint die Orientierung, für die Zukunft zu arbeiten und zu sparen.
Sozialismus und Demokratie
Im dritten Teil fragt Schumpeter: „Kann der Sozialismus funktionieren?“ Seine Antwort lautet: „Selbstverständlich kann er es.“ Sozialismus definiert er als ein „institutionelles System“, in dem „die Kontrolle über die Produktionsmittel und über die Produktion selbst einer Zentralbehörde zusteht.“ Produktionsmittel sind Mittel zur Herstellung von Gütern, etwa Maschinen, Fabriken oder Rohstoffe. Schumpeter behandelt Sozialismus dabei hauptsächlich als wirtschaftliches System.
Er hält einen funktionierenden Sozialismus für möglich, weil auch dort Preise und Nachfrage zur Bewertung von Gütern und Produktionsmitteln genutzt werden könnten. Ein Übergang vom entwickelten Kapitalismus mit seinen Großunternehmen zum Sozialismus sei leichter als ein vorzeitiger Übergang, weil bereits Organisations- und Koordinationserfahrungen vorlägen. Schumpeter sieht Vorteile des Sozialismus bei Problemen wie Überschuss, Nichtauslastung und Arbeitslosigkeit. Zugleich betont er das „menschliche Element“: Motivation, Verantwortung und Leistung müssten durch Anreize, teilweise aber auch durch autoritäre Disziplin gesichert werden.
Im vierten Teil entwickelt Schumpeter seine Demokratietheorie. Demokratie versteht er nicht als Ziel oder Ideal, sondern als Methode: eine „Art institutioneller Ordnung, um zu politischen – legislativen und administrativen – Entscheidungen zu gelangen“. Die klassische Lehre der Demokratie kritisiert er, weil sie ein Gemeinwohl und einen einheitlichen Volkswillen voraussetze. Beides lehnt er ab.
Stattdessen definiert er Demokratie als Konkurrenz um politische Führung: „die demokratische Methode ist diejenige Ordnung der Institutionen zur Erreichung politischer Entscheidungen, bei welcher einzelne die Entscheidungsbefugnis vermittels eines Konkurrenzkampfs um die Stimmen des Volkes erwerben.“ Wählerinnen und Wähler entscheiden demnach zwischen konkurrierenden politischen Eliten. Daraus folgt seine knappe Formel: „Demokratie ist die Herrschaft des Politikers.“ Für eine sozialistische Demokratie sieht Schumpeter zugleich besondere Risiken, weil die sozialistische Organisation große Macht über die Bevölkerung ermögliche. Er warnt, praktische Notwendigkeiten könnten die sozialistische Demokratie am Ende als größeren Trug erscheinen lassen als die kapitalistische Demokratie.
Sozialistische Parteien und Zweiter Weltkrieg
Der fünfte Teil bietet eine historische Skizze sozialistischer Parteien. Schumpeter unterscheidet dabei stark zwischen marxistischen Positionen und sozialistischen Parteien, die praktische Reformpolitik betreiben. Frühe Sozialisten wertet er nicht einfach als „utopisch“, sondern sieht in ihnen auch realistische Elemente, etwa „Bausteine und Werkzeuge“ für Verbesserungen. Sozialdemokratische Kräfte, die Realpolitik betreiben, erscheinen bei ihm oft als die eigentlichen oder „echten“ sozialistischen Parteien.
Für die Zeit von 1875 bis 1914 beschreibt Schumpeter die Entstehung sozialistischer Parteien in mehreren Ländern, darunter Deutschland, Schweden, Russland, die Vereinigten Staaten, Frankreich und Österreich, sowie die II. Internationale. Für Deutschland nennt er die Gründung der Sozialistischen Arbeiterpartei 1875 aus SDAP und ADAV; daraus wurde 15 Jahre später die SPD. Nach dem Ersten Weltkrieg beschreibt er sozialdemokratische Regierungsbeteiligungen als eine Art Verwaltung des Kapitalismus. Zur russischen Entwicklung sieht er ab 1927 mit dem Ausschluss Leo Trotzkis den „Aufstieg Stalins zur absoluten Macht“.
Das Kapitel „Die Folgen des Zweiten Weltkrieges“ wurde 1949 verfasst und ab der zweiten amerikanischen Auflage veröffentlicht. Schumpeter sieht seine frühere Prognose bestätigt, dass der Krieg einen weiteren Schritt in Richtung sozialistische Ordnung gebracht habe. Für England beurteilt er die Reformpolitik der Labour Party ab 1945 als besonders bedeutsam für die „politische Methode der Demokratie“. Für die Vereinigten Staaten erkennt er zwar das weltweit größte ökonomische Potenzial, kritisiert aber die Politik des New Deal als Einschränkung dieser Möglichkeiten. Das stalinistische Russland bezeichnet er als „militärische Autokratie“ und lehnt dessen Selbstbezeichnung als „demokratischer Sozialismus“ ab.
Publikation und Bedeutung
„Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ wurde bis 1990 in 16 Sprachen übersetzt. In der Politikwissenschaft gilt es als Schlüsselwerk, weil es zu den Wegbereitern der ökonomischen Theorie der Demokratie gezählt wird. Karl Schiller bezeichnete es als eines der „großen Werke der Ökonomie und der Sozialwissenschaften“.
Der Erfolg des Buches hängt auch mit seinem Zeitpunkt zusammen: 1942 stellte Schumpeter die Frage nach der Zukunft des Kapitalismus, die nach 1945 politisch besonders drängend wurde. Zugleich wurde das Werk von Anfang an widersprüchlich aufgenommen. Joan Robinson stimmte etwa der These zu, Monopole seien im Kapitalismus nicht nur ein Makel, sondern ein Entwicklungsfaktor. Waldemar Gurian kritisierte dagegen Einseitigkeiten und Auslassungen, besonders die geringe Behandlung des Faschismus.
Die deutsche Publikationsgeschichte war besonders wichtig: Von der ersten deutschen Ausgabe 1946 bis zur neunten Ausgabe 2018 fehlte der fünfte Teil über sozialistische Parteien. Erst 2020 erschien die 10., vervollständigte deutsche Ausgabe. Dadurch war die deutschsprachige Rezeption lange unvollständig. Besonders einflussreich blieb Schumpeters Demokratietheorie: Seine Idee der Konkurrenzdemokratie wurde nach 1945 in elitistischen Demokratietheorien wichtig, später aber unter anderem zugunsten deliberativer Demokratietheorien, etwa bei Jürgen Habermas oder John Rawls, kritisiert.